Heines Werke in zehn Bänden
Unter Mitwirkung von Jonas Fränkel,
Walther Gensei, Albert Leitzmann und
Julius Petersen herausgegeben
von Oskar Walzel
Heinrich Heines Sämtliche «/.
^X^rke /Neunter Band
Im Insel = Verlag / Leipzig 1910
L u t e z i a
Berichte über Politik,
Kunst und Volksleben
Erster Teil
Zueignungsbrief.
An seine Durchlaucht, den Fürsten Pückler-Muskau.
Die Reisenden, welche irgendeinen durch Kunst
oder historische Erinnerung denkwürdigen Ort
besuchen, pflegen hier an Mauern und Wänden
ihre respektiven Namen zu inskribieren, mehr oder
minder leserlich, je nachdem das Schreibmaterial war,
das ihnen zu Gebote stand. Sentimentale Seelen
sudeln hinzu auch einige pathetische Zeilen gereimter
oder ungereimter Gefühle. In diesem Wust von In*
Schriften wird unsre Aufmerksamkeit plötzlich in An*
spruch genommen von zwei Namen, die nebenein*
ander eingegraben sind; Jahrzahl und Monatstag steht
darunter und um Namen und Datum schlängelt sich
ein ovaler Kreis, der einen Kranz von Eichen* oder
Lorbeerblättern vorstellen soll. Sind den spätem
Besuchern des Ortes die Personen bekannt, denen
jene zwei Namen angehören, so rufen sie ein hei*
teres: »Sieh da!« und sie machen dabei die tief*
sinnige Bemerkung, daß jene beiden also einander
nicht fremd gewesen, daß sie wenigstens einmal auf
derselben Stelle einander nahe gestanden, daß sie
sich im Raum wie in der Zeit zusammengefunden,
sie, die so gut zusammen paßten. — Und nun wer*
den über beide Glossen gemacht, die wir leicht er-
raten, aber hier nicht mitteilen wollen.
Indem ich, mein hochgefeierter und wähl verwandter
Zeitgenosse, durch die Widmung dieses Buches gleich-
sam auf die Fassade desselben unsre beiden Namen
inskribiere, folge ich nur einer heiter gaukelnden Laune
des Gemütes, und wenn meinem Sinne irgendein be-
stimmter Beweggrund vorschwebt, so ist es allenfalls
± Lutezia
der oberwähnte Brauch der Reisenden. — Ja, Reisende
waren wir beide auf diesem Erdball, das war unsre
irdische Spezialität, und diejenigen, welche nach uns
kommen, und in diesem Buche den Kranz sehen,
womit ich unsre beiden Namen umschlungen, ge-
winnen wenigstens ein authentisches Datum unsres
zeitlichen Zusammentreffens, und sie mögen nach Be-
lieben darüber glossieren, inwieweit der Verfasser
der »Briefe eines Verstorbenen« und der Bericht«
erstatter der »Lutezia« zusammen paßten. —
Der Meister, dem ich dieses Buch zueigne, ver-
steht das Handwerk, und kennt die ungünstigen Um-
stände, unter welchen der Autor schrieb. Er kennt
das Bett, in welchem meine Geisteskinder das Licht
erblickten, das Augsburgische Prokrustesbett, wo
man ihnen manchmal die allzulangen Beine und nicht
selten sogar den Kopf abschnitt. Um unbildlich zu
sprechen, das vorliegende Buch besteht zum größten
Teil aus Tagesberichten, welche ich vor geraumer
Zeit in der »Augsburgischen Allgemeinen Zeitung«
drucken ließ. Von vielen hatte ich Brouillons zu-
zückbehaften, wonach ich jetzt, bei dem neuen Ab-
druck, die unterdrückten oder veränderten Stellen
restaurierte. Leider erlaubt mir nicht der Zustand
meiner Augen, mich mit vielen solcher Restaura-
tionen zu befassen; ich konnte mich aus dem ver-
witterten Papierwust nicht mehr herausfinden. Hier
nun, sowie auch bei Berichten, die ich ohne vor-
läufigen Entwurf abgeschickt hatte, ersetzte ich die
Lakunen und verbesserte ich die Alterationen so viel
als möglich aus dem Gedächtnisse, und bei Stellen,
wo mir der Stil fremdartig und der Sinn noch fremd-
artiger vorkam, suchte ich wenigstens die artistische
Ehre, die schöne Form, zu retten, indem ich jene
Zueignungsbrief 5
verdächtigen Stellen gänzlich vertilgte. Aber dieses
Ausmerzen an Orten, wo der wahnwitzige Rotstift
allzusehr gerast zu haben schien, traf nur UnwesenU
liches, keineswegs die Urteile über Dinge und Men^
sehen, die oft irrig sein mochten, aber immer treu
wiedergegeben werden mußten, damit die Ursprünge
liehe Zeitfarbe nicht verloren ging. Indem ich eine
gute Anzahl von ungedruckt gebliebenen Berichten,
die keine Zensur passiert hatten, ohne die geringste
Veränderung hinzufügte, lieferte ich durch eine
künstlerische Zusammenstellung aller dieser Mono-
graphien ein Ganzes, welches das getreue Gemälde
einer Periode bildet, die ebenso wichtig wie inter-
essant war.
Ich spreche von jener Periode, welche man zur
Zeit der Regierung Ludwig Philipps die »parlamen-
tarische« nannte, ein Name, der sehr bezeichnend
war und dessen Bedeutsamkeit mir gleich im Beginn
auffiel. Wie im ersten Teil dieses Buches zu lesen,
schrieb ich am 9. April 1840 folgende Worte: »Es
ist sehr charakteristisch, daß seit einiger Zeit die
französische Staatsregierung nicht mehr ein konsti-
tutionelles, sondern ein parlamentarisches Gouverne-
ment genannt wird. Das Ministerium vom ersten
März erhielt gleich in der Taufe diesen Namen.«
— Das Parlament, nämlich die Kammer, hatte da-
mals schon die bedeutendsten Prärogative der Krone
an sich gerissen, und die ganze Staatsmacht fiel all-
mählich in seine Hände. Seinerseits war der König,
es ist nicht zu leugnen, ebenfalls von usurpatorischen
Begierden gestachelt, er wollte selbst regieren, un-
abhängig von Kammer- und Ministerlaune, und in
diesem Streben nach unbeschränkter Souveränetät
suchte er immer die legale Form zu bewahren.
f5 Lutczia
Ludwig Philipp kann daher mit Fug behaupten, daß
er nie die Legalität verletzt, und vor den Assisen
der Geschichte wird man ihn gewiß von jedem Vor-
wurf, eine ungesetzliche Handlung begangen zu
haben, ganz freisprechen, und ihn allenfalls nur der
allzu großen Schlauheit schuldig erklären können.
Die Kammer, welche ihre Eingriffe in die könig-
lichen Vorrechte weniger klug durch legale Form
bemäntelte, träfe gewiß ein weit herberes Verdikt,
wenn nicht etwa als Milderungsgrund angeführt
werden dürfte, daß sie provoziert worden sei durch
die absoluten Gewaltsgelüste des Königs; sie kann
sagen, sie habe denselben befehdet, um ihn zu ent-
waffnen und selber die Diktatur zu übernehmen, die
in seinen Händen Staats- und freiheitsverderblich
werden konnte. Der Zweikampf zwischen dem
König und der Kammer bildet den Inhalt der parla-
mentarischen Periode und beide Parteien hatten sich
zu Ende derselben so sehr abgemüdet und geschwächt,
daß sie kraftlos zu Boden sanken, als ein neuer Prä»
tendent auf dem Schauplatz erschien. Am 24. Fe-
bruar 1848 fielen sie fast gleichzeitig zu Boden, das
Königtum in den Tuilerien und einige Stunden später
das Parlament in dem nachbarlichen Palais Bourbon.
Die Sieger, das glorreiche Lumpengesindel jener
Februartage, brauchten wahrhaftig keinen Aufwand
von Heldenmut zu machen, und sie können sich
kaum rühmen, ihrer Feinde ansichtig geworden zu
sein. Sie haben das alte Regiment nicht getötet,
sondern sie haben nur seinem Scheinleben ein Ende
gemacht: König und Kammer starben, weil sie längst
tot waren. Diese beiden Kämpen der parlamentari-
schen Periode mahnen mich an ein Bildwerk, das
ich einst zu Münster in dem großen Saale des Rat-
hauses sa
Zueignungsbrief
hauses sah, wo der Westfälische Frieden geschlossen
worden. Dort stehen nämlich längs den Wänden,
wie Chorstühle, eine Reihe hölzerner Sitze, auf deren
Lehne allerlei humoristische Skulpturen zu schauen
sind. Auf einem dieser Holzstühle sind zwei Fi-
guren dargestellt, welche in einem Zweikampf be^
griffen; sie sind ritterlich geharnischt, und haben
eben ihre ungeheuer großen Schwerter erhoben, um
aufeinander einzuhauen — doch sonderbar! jedem
von ihnen fehlt die Hauptsache, nämlich der Kopf,
und es scheint, daß sie sich in der Hitze des Kampfes
einander die Köpfe abgeschlagen haben und jetzt,
ohne ihre beiderseitige Kopflosigkeit zu bemerken,
weiter fechten. —
Die Blütezeit der parlamentarischen Periode waren
das Ministerium vom 1. März 1840 und die ersten
Jahre des Ministeriums vom 29. November 1840. Er»
steres mag für den Deutschen noch ein besonderes
Interesse bewahren, weil damals Thiers unser Vater-
land in die große Bewegung hineintrommelte, welche
das politische Leben Deutschlands weckte; Thiers
brachte uns wieder als Volk auf die Beine, und
dieses Verdienst wird ihm die deutsche Geschichte
hoch anrechnen. Auch der Erisapfel der orienta-
lischen Frage kommt unter jenem Ministerium be-
reits zum Vorschein, und wir sehen im grellsten
Lichte den Egoismus jener britischen Oligarchie, die
uns damals gegen die Franzosen verhetzte. Daß
das aufrichtige und großmütige, bis zur Fanfaronade
großmütige Frankreich unser natürlicher und wahr-
haft sicherster Alliierter ist, war die Überzeugung
meines ganzen Lebens, und das patriotische Bedürf-
nis, meine verblendeten Landsleute über den treu-
losen Blödsinn der Franzosenfresser und Rheinlied-
S Lutezia
barden aufzuklären, hat vielleicht meinen Berichten
über das Ministerium Thiers manchmal, namentlich
in bezug auf die Engländer, ein allzu leidenschaft-
liches Kolorit erteilt; aber die Zeit war eine
höchst gefährliche, und Schweigen war ein halber
Verrat.
Bis zur Katastrophe vom 24. Februar gehen nicht
meine Pariser Berichte, aber man sieht schon auf
jeder Seite ihre Notwendigkeit, und sie wird bestän-
dig vorausgesagt mit jenem prophetischen Schmerz,
den wir in dem alten Heldenliede finden, wo Trojas
Brand nicht den Schluß bildet, aber in jedem Verse
geheimnisvoll knistert. Ich habe nicht das Gewitter,
sondern die Wetterwolken beschrieben, die es in
ihrem Schöße trugen und schauerlich düster heran-
zogen. Ich berichtete oft und bestimmt über die
Dämonen, welche in den untern Schichten der Ge-
sellschaft lauerten, und aus ihrer Dunkelheit herauf-
brechen würden, wenn der rechte Tag gekommen.
Diese Ungetüme, denen die Zukunft gehört, be-
trachtete man damals nur durch ein Verkleinerungs-
glas, und da sahen sie wirklich aus wie wahnsinnige
Flöhe — aber ich zeigte sie in ihrer wahren Lebens-
größe, und da glichen sie vielmehr den furchtbarsten
Krokodilen, welche jemals aus dem Schlamm ge-
stiegen. —
Um die betrübsamen Berichterstattungen zu er-
heitern, verwob ich sie mit Schilderungen aus dem
Gebiete der Kunst und der Wissenschaft, aus den
Tanzsälen der guten und der schlechten Sozietät,
und wenn ich unter solchen Arabesken manche allzu
närrische Virtuosenfratze gezeichnet, so geschah
es nicht, um irgendeinem längst verschollenen Bie-
dermann des Pianoforte oder der Maultrommel ein
Zueignungsbrief g
Herzeleid zuzufügen, sondern um das Bild der Zeit
selbst in seinen kleinsten Nuancen zu liefern. Ein
ehrliches Daguerreotyp muß eine Fliege ebensogut
wie das stolzeste Pferd treu wiedergeben, und meine
Berichte sind ein daguerreotypisches Geschichtsbuch,
worin jeder Tag sich selber abkonterfeite, und durch
die Zusammenstellung solcher Bilder hat der ord-
nende Geist des Künstlers ein Werk geliefert, worin
das Dargestellte seine Treue authentisch durch sich
selbst dokumentiert. Mein Buch ist daher zugleich
ein Produkt der Natur und der Kunst, und während
es jetzt vielleicht den populären Bedürfnissen der
Leserwelt genügt, kann es auf jeden Fall dem spä-
teren Historiographen als eine Geschichtsquelle die-
nen, die, wie gesagt, die Bürgschaft ihrer Tages-
wahrheit in sich trägt. Man hat in solcher Beziehung
bereits meinen »Französischen Zuständen«, welche
denselben Charakter tragen, die größte Anerkennung
gezollt, und die französische Übersetzung wurde von
historienschreibenden Franzosen vielfach benutzt.
Ich erwähne dieses alles, damit ich für mein Werk
ein solides Verdienst vindiziere, und der Leser um so
nachsichtiger sein möge, wenn er darin wieder jenen
frivolen Esprit bemerkt, den unsre kerndeutschen,
ich möchte sagen eicheldeutschen Landsleute auch
dem Verfasser der »Briefe eines Verstorbenen« vor-
geworfen haben. Indem ich demselben mein Buch
zueigne, kann ich wohl, in bezug auf den darin ent-
haltenen Esprit, heute von mir sagen, daß ich Eulen
nach Athen bringe.
Aber wo befindet sich in diesem Augenblick
der vielverehrte und vielteure Verstorbene? Wohin
adressiere ich mein Buch? Wo ist er? Wo weilt er,
oder vielmehr wo gallopiert er, wo trottiert er? er,
lO Lutezia
der romantische Anacharsis, der fashionabelstc aller
Sonderlinge, Diogenes zu Pferde, dem ein eleganter
Groom die Laterne vorträgt, womit er einen Men*
sehen sucht. — Sucht er ihn in Sandomir, oder in
Sandomich, wo ihm der große Wind, der durch das
Brandenburger Tor weht, die Laterne ausbläst? Oder
trabt er jetzt auf dem höckerichten Rücken eines
Kamels durch die arabische Sandwüste, wo der lang*
beinigte Hut^Hut, den die deutschen Dragomanen
den Legationssekretär von Wiedehopf nennen, an ihm
vorüberläuft, um seiner Gebieterin, der Königin von
Saba, die Ankunft des hohen Gastes zu verkünden
— denn die alte fabelhafte Person erwartet den
weltberühmten Touristen auf einer schönen Oase in
Äthiopien, wo sie mit ihm unter wehenden Fächer-
palmen und plätschernden Springbrunnen frühstücken
und kokettieren will, wie einst auch die verstorbene
Lady Esther Stanhope getan, die ebenfalls viele kluge
Rätselsprüche wußte — Apropos: aus den Me-
moiren, welche ein Engländer nach dem Tode dieser
berühmten Sultanin der Wüste herausgegeben, habe
ich nicht ohne Verwunderung gelesen, daß die hohe
Dame, als Ew. Durchlaucht sie auf dem Libanon
besuchten, auch von mir sprach, und der Meinung
gewesen, ich sei der Stifter einer neuen Religion.
Du lieber Himmel! da sehe ich, wie schlecht man
in Asien über mich unterrichtet ist! —
Ja, wo ist jetzt der wandersüchtige Überall und
Nirgends? Korrespondenten einer mongolischen Zei-
tung behaupten, er sei auf dem Wege nach China,
um die Chinesen zu sehen, ehe es zu spät ist und
dieses Volk von Porzellan in den plumpen Händen
der rothaarigten Barbaren ganz zerbricht — ach!
seinem armen wackelköpfigen Porzellan-Kaiser ist
Eueignungsbrief 11
schon vor Gram das Herz gebrochen! — Der >Cal=
cutta advertiser« scheint der oben erwähnten mon-
golischen Zeitungsnachricht keinen Glauben zu
schenken und behauptet vielmehr, daß Engländer,
welche jüngst den Himalaja bestiegen, den Fürsten
Piukler^Miuskau auf den Flügeln eines Greifen durch
die Lüfte fliegen sahen. Jenes Journal bemerkt, daß
der erlauchte Reisende sich wahrscheinlich nach dem
Berge Kaf begab, um dem Vogel Simurgh, der dort
haust, seinen Besuch abzustatten und mit ihm über
antediluvianische Politik zu plaudern. — Aber der
alte Simurgh, der Dekan der Diplomaten, der Ex-
Wesir so vieler präadamitischen Sultane, die alle
weiße Röcke und rote Hosen getragen, residiert er
nicht während den Sommermonaten auf seinem
Schloß Johannisberg am Rhein? Ich habe den
Wein, der dort wächst, immer für den besten ge-
halten, und für einen gar klugen Vogel hielt ich
immer den Herrn des Johannisbergs; aber mein Re-
spekt hat sich noch vermehrt, seitdem ich weiß, in
welchem hohen Grade er meine Gedichte liebt, und
daß er einst Ew. Durchlaucht erzählte, wie er bei
der Lektüre derselben zuweilen Tränen vergossen
habe. Ich wollte, er läse auch einmal zur Ab-
wechslung die Gedichte meiner Parnaßgenossen, der
heutigen Gesinnungspoeten; er wird freilich bei
dieser Lektüre nicht weinen, aber desto herzlicher
lachen. —
Jedoch noch immer weiß ich nicht ganz bestimmt
den Aufenthaltsort des Verstorbenen, des lebendig-
sten aller Verstorbenen, der so viel Titularlebendige
überlebt hat. — Wo ist er jetzt? Im Abendland
oder im Morgenland? In China oder in England?
In I losen von Nanking oder von Manchester? In
12
Lutezia
Vorderasien oder in Hinterpommern? Muß ich mein
Buch nach Kyritz adressieren oder nach Tombuktu,
poste-restante? — Gleichviel wo er auch sei, über*
all verfolgen ihn die heiter treuherzigsten und weh-
mütig tollsten Grüße seines ergebenen
Heinrich Heine.
Paris, den 23. August 1854.
Erster Teil 13
Paris, 25. Februar 1840,
Je näher man der Person des Königs steht und mit
eigenen Augen das Treiben desselben beobachtet,
desto leichter wird man getäuscht über die Motive
seiner Handlungen, über seine geheimen Absichten,
über sein Wollen und Streben. In der Schule der
Revolutionsmänner hat er jene moderne Schlauheit
erlernt, jenen politischen Jesuitismus, worin die Jako-
biner manchmal die Jünger Loyolas übertrafen. Zu
diesen Errungenschaften kommt noch ein Schatz
angeerbter Verstellungskunst, die Tradition seiner
Vorfahren, der französischen Könige, jener ältesten
Söhne der Kirche, die immer weit mehr als andere
Fürsten durch das heilige öl von Reims geschmei-
digt worden, immer mehr Fuchs als Löwe waren,
und einen mehr oder minder priesterlichen Charakter
offenbarten. Zu der angelernten und überlieferten
simulatio und dissimulatio gesellt sich noch eine
natürliche Anlage bei Ludwig Philipp, so daß es fast
unmöglich ist, durch die wohlwollende dicke Hülle,
durch das lächelnde Fleisch, die geheimen Gedanken
zu erspähen. Aber gelänge es auch, bis in die Tiefe
des königlichen Herzens einen Blick zu werfen, so
sind wir dadurch noch nicht weit gefördert, denn
am Ende ist eine Antipathie oder Sympathie in be»
zug auf Personen nie der bestimmende Grund der
Handlungen Ludwig Philipps, er gehorcht nur der
Macht der Dinge <la force des choses), der Not-
wendigkeit. Alle subjektive Anregung weist er fast
grausam zurück, er ist hart gegen sich selbst, und
ist er auch kein Selbstherrscher, so ist er doch ein
i^ Lutezia
Beherrscher seiner selbst; er ist ein sehr objek=
tiver König. Es hat daher wenig politische Be-
deutung, ob er etwa den Guizot mehr liebt oder
weniger als den Thiers; er wird sich des einen oder
des andern bedienen; je nachdem er den einen oder
andern nötig hat, nicht früher, nicht später. Ich
kann daher wirklich nicht mit Gewißheit sagen, wer
von diesen zwei Männern dem König am ange-
nehmsten oder am unangenehmsten sei. Ich glaube,
ihm mißfallen sie alle beide, und zwar aus Metier*
neid, weil er ebenfalls Minister ist, in ihnen seine
beständigen Nebenbuhler sieht, und am Ende fürchtet,
man könnte ihnen eine größere politische Kapazität
zutrauen als ihm selber. Man sagt, Guizot sage
ihm mehr zu, als Thiers, weil jener eine gewisse
Unpopularität genießt, die dem Könige gefällt. Aber
der puritanische Zuschnitt, der lauernde Hochmut,
der doktrinäre Belehrungston, das eckig-calvinistische
Wesen Guizots kann nicht anziehend auf den König
wirken. Bei Thiers stößt er auf die entgegenge-
setzten Eigenschaften, auf einen ungezügelten Leicht-
sinn, auf eine kecke Laune, auf eine Freimütigkeit,
die mit seinem eigenen versteckten, krummlinigten,
eingeschachtelten Charakter fast beleidigend kon-
trastiert und ihm also ebenfalls wenig behagen kann.
Hierzu kommt, daß der König gern spricht, ja so-
gar sich gern in ein unendliches Schwatzen verliert,
was sehr merkwürdig, da verstellungssüchtige Naturen
gewöhnlich wortkarg sind. Gar bedeutend muß ihm
deshalb ein Guizot mißfallen, der nie diskuriert, son-
dern immer doziert und endlich, wenn er seine The*
sis bewiesen hat, die Gegenrede des Königs mit
Strenge anhört, und wohl gar dem Könige Beifall
nickt, als habe er einen Schulknaben vor sich, der
Erster Teil
»5
seine Lektion gut hersagt. Bei Thiers gehts dem
Könige noch schlimmer, der läßt ihn gar nicht zu
Worten kommen, verloren in die Strömung seiner
eigenen Rede. Das rieselt unaufhörlich, wie ein
Faß, dessen Hahn ohne Zapfen, aber immer kost-
barer Wein. Kein anderer kommt da zu Worte,
und nur während er sich rasiert, ist man imstande,
bei Herrn Thiers ruhiges Gehör zu finden. Nur so-
lange ihm das Messer an der Kehle ist, schweigt er
und schenkt fremder Rede Gehör.
Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß der König
sich endlich entschließt, den Begehrnissen der Kam*
mer nachgebend, Herrn Thiers mit der Bildung eines
neuen Ministeriums zu beauftragen und ihm als Prä-
sidenten des Konseils auch das Portefeuille der äußern
Angelegenheiten anzuvertrauen. Das ist leicht vor-
auszusehen. Man dürfte aber mit großer Gewißheit
prophezeien, daß das neue Ministerium nicht von
langer Dauer sein wird, und daß Herr Thiers selber
eines frühen Morgens dem Könige eine gute Ge-
legenheit gibt, ihn wieder zu entfernen und Herrn
Guizot an seine Stelle zu berufen. Herr Thiers, bei
seiner Behendigkeit und Geschmeidigkeit, zeigt immer
ein großes Talent, wenn es gilt den mät de Cocagne
der Herrschaft zu erklettern, hinaufzurutschen, aber
er bekundet ein noch größeres Talent des Wieder-
heruntergleitens, und wenn wir ihn ganz sicher auf
dem Gipfel seiner Macht glauben, glitscht er un-
versehens wieder herab, so geschickt, so artig, so
lächelnd, so genial, daß wir diesem neuen Kunst-
stück schier applaudieren möchten. Herr Guizot ist
nicht so geschickt im Erklimmen des glatten Mastes.
Mit schwerfälliger Mühe zottelt er sich hinauf, aber
wenn er oben einmal angelangt, klammert er sich
i6 Lutezia
fest mit der gewaltigen Tatze; er wird auf der Höhe
der Gewalt immer länger verweilen, als sein ge-
lenkiger Nebenbuhler, ja wir möchten sagen, daß er
aus Unbeholfenheit nicht mehr herunterkommen kann
und ein starkes Schütteln nötig sein wird, ihm das
Herabpurzeln zu erleichtern. In diesem Augenblick
sind vielleicht schon die Depeschen unterwegs, worin
Ludwig Philipp den auswärtigen Kabinetten ausein-
andersetzt, wie er, durch die Gewalt der Dinge ge-
zwungen, den ihm fatalen Thicrs zum Minister neh=
men muß, anstatt des Guizot, der ihm viel ange-
nehmer gewesen wäre.
Der König wird jetzt seine große Not haben, die
Antipathie, welche die fremden Mächte gegen Thiers
hegen, zu beschwichtigen. Dieses Buhlen nach dem
Beifall der letztern ist eine törichte Idiosynkrasie.
Er meint, daß von dem äußern Frieden auch die
Ruhe seines Inlands abhänge, und er schenkt diesem
nur geringe Aufmerksamkeit. Er, vor dessen Augen-
zwinkern alle Trajane, Titusse, Mark-Aurele und
Antonine dieser Erde, den Großmogul mit einge-
rechnet, zittern müßten, Er demütigt sich vor ihnen
wie ein Schulbub und jammert: »Schonet meiner!
verzeiht mir, daß ich sozusagen den französischen
Thron bestiegen, daß das tapferste und intelligenteste
Volk, ich will sagen 36 Millionen Unruhestifter und
Gottesleugner mich zu ihrem König gewählt haben.
— Verzeiht mir, daß ich mich verleiten ließ, aus den
verruchten Händen der Rebellen die Krone und die
dazu gehörigen Kronjuwelen in Empfang zu nehmen
— ich war ein unerfahrenes Gemüt, ich hatte eine
schlechte Erziehung genossen von Kind an, wo
Frau von Genlis mich die Menschenrechte buch-
stabieren ließ — bei den Jakobinern, die mir den
Erster Teil 17
Ehrenposten eines Türstehers anvertrauten, habe ich
auch nicht viel Gutes lernen können — ich wurde
durch schlechte Gesellschaft verführt, besonders
durch den Marquis de Lafayette, der aus mir die
beste Republik machen wollte — ich habe mich
aber seitdem gebessert, ich bereue meine Jugend*
liehen Verirrungen, und ich bitte Euch, verzeiht mir
aus christlicher Barmherzigkeit — und schenket mir
den Frieden!« Nein, so hat sich Ludwig Philipp
nicht ausgedrückt, denn er ist stolz und edel und
klug, aber das war doch immer der kurze Sinn seiner
langen Reden und noch längern Briefe, deren Schrift*
züge, als ich sie jüngst sah, mir höchst originell er-
schienen. Wie man gewisse Schriftzüge »Fliegen»
pfötchen« <pattes de mouche) nennt, so könnte man
die Handschrift Ludwig Philipps »Spinnenbeine« be-
namsen; sie ähneln nämlich den hagerdünnen und
schattenartig langen Beinen der sogenannten Schneider-
spinnen, und die hochgestreckten und zugleich äußerst
magern Buchstaben machen einen fabelhaft drolligen
Eindruck.
Selbst in der nächsten Umgebung des Königs wird
seine Nachgiebigkeit gegen das Ausland getadelt; aber
niemand wagt, irgendeine Rüge laut werden zu lassen.
Dieser milde, gutmütige und hausväterliche Ludwig
Philipp fordert im Kreise der Seinen einen ebenso
blinden Gehorsam, wie ihn der wütendste Tyrann
jemals durch die größten Grausamkeiten erlangen
mochte. Ehrfurcht und Liebe fesselt die Zunge seiner
Familie und Freunde; das ist ein Mißgeschick, und
es könnten wohl Fälle eintreten, wo dem königlichen
hinzclwillen irgendein Einspruch und sogar offener
Widerspruch heilsam sein dürfte. Selbst der Kron-
prinz, der verständige Herzog von Orleans, beugt
IX, 1
18 Lutezia
schweigend das Haupt vor dem Vater, obgleich er
seine Fehler einsieht und traurige Konflikte, ja eine
entsetzliche Katastrophe zu ahnen scheint. Er soll
einst zu einem Vertrauten gesagt haben, er sehne
sich nach einem Kriege, weil er lieber in den Wogen
des Rheines als in einer schmutzigen Gosse von
Paris sein Leben verlieren wolle. Der edle ritter«
liehe Held hat melancholische Augenblicke, und er-
zählt dann, wie seine Muhme, Madame d'Angou-
lerne, die unguillotinierte Tochter Ludwigs des XVI.,
mit ihrer heiseren Rabenstimme ihm ein frühes Ver-
derben prophezeit, als sie auf ihrer letzten Flucht
während den Julitagen dem heimkehrenden Prinzen
in der Nähe von Paris begegnete. Sonderbar ist
es, daß der Prinz einige Stunden später in Gefahr
geriet, von den Republikanern, die ihn gefangen nah-
men, füsiliert zu werden, und nur wie durch ein
Wunder solchem Schicksal entging. Der Erbprinz
ist allgemein geliebt, er hat alle Herzen gewonnen,
und sein Verlust wäre der jetzigen Dynastie mehr
als verderblich. Seine Popularität ist vielleicht ihre
einzige Garantie. Aber er ist auch eine der edelsten
und kostbarsten Blüten, die dem Boden Frankreichs,
diesem »schönen Menschengarten«, entsprossen sind.
II.
Paris, den i. März 1840.
Thiers steht heute im vollen Lichte seines Tages.
Ich sage heute, ich verbürge mich nicht für morgen. —
Daß Thiers jetzt Minister ist, alleiniger, wahrhaftiger
Gewaltminister, unterliegt keinem Zweifel, obgleich
viele Personen, mehr aus Schelmerei denn aus Über-
Erster Teil
19
zeugung, daran nicht glauben wollen, ehe sie die
Ordonnanzen unterzeichnet sähen, schwarz auf weiß
im »Moniteur«. Sie sagen, bei der zögernden Weise
des Fabius Cunctator des Königtums sei alles mög-
lieh; vorigen Mai habe sich der Handel zerschlagen,
als Thiers bereits zur Unterzeichnung die Feder in
die Hand genommen. Aber diesmal, bin ich über-
zeugt, ist Thiers Minister — »schwören will ich
darauf, aber nicht wetten«, sagte einst Fox bei einer
ähnlichen Gelegenheit. Ich bin nun neugierig, in wie-
viel Zeit seine Popularität wieder demoliert sein wird.
Die Republikaner sehen jetzt in ihm ein neues Boll-
werk des Königtums, und sie werden ihn gewiß nicht
schonen. Großmut ist nicht ihre Art, und die re-
publikanische Tugend verschmäht nicht die Allianz
mit der Lüge. Morgen schon werden die alten Ver-
leumdungen aus den modrigsten Schlupfwinkeln ihre
Schlangenköpfchen hervorrecken und freundlich zün-
geln. Die armen Kollegen werden ebenfalls stark
herhalten. »Ein Karnevalsministerium«, rief man
schon gestern abend, als der Name des Ministers
des Unterrichts genannt wurde. Das Wort hat den-
noch eine gewisse Wahrheit. Ohne die Besorgnis
vor den drei Karnevalstagen hätte man sich mit der
Bildung des Ministeriums vielleicht nicht so sehr ge-
eilt. Aber heute ist schon Faschingsonntag, in die-
sem Augenblick wälzt sich bereits der Zug des
beeuf gras durch die Straßen von Paris, und morgen
und übermorgen sind die gefährlichsten Tage für
die öffentliche Ruhe. Das Volk überläßt sich dann
einer wahnsinnigen, fast verzweiflungsvollen Lust,
alle Tollheit ist grauenhaft entzügelt, und der Frei-
heitsrausch trinkt dann leicht Brüderschaft mit der
Trunkenheit des gewöhnlichen Weins. — Mummerei
20
Lut<
gegen Mummerei, und das neue Ministerium ist viel-
leicht eine Maske des Königs für den Karneval.
III.
Paris, den 9. April 1840.
Nachdem die Leidenschaften sich etwas abgekühlt
und denkende Besonnenheit sich allmählich geltend
macht, gesteht jeder, daß die Ruhe Frankreichs aufs
gefährlichste bedroht war, wenn es den sogenannten
Konservativen gelang, das jetzige Ministerium zu
Sturzen. Die Glieder desselben sind gewiß in diesem
Augenblick die geeignetsten Lenker des Staatswagens.
Der König und Thiers, der eine im Innern des Wa*
gens, der andere auf dem Bocke, sie müssen jetzt
einig bleiben, denn trotz der verschiedenen Situation
sind sie denselben Gefahren des Umsturzes ausge-
setzt. Der König und Thiers hegen durchaus keinen
geheimen Hader, wie man allgemein glaubt. Per-
sönlich hatten sich beide schon vor geraumer Zeit
ausgesöhnt. Die Differenz bleibt nur eine politische.
Bei aller jetzigen Einigkeit, bei dem besten Willen
des Königs für die Erhaltung des Ministeriums, kann
doch in seinem Geiste jene politische Differenz nie
ganz schwinden; denn der König ist ja der Reprä-
sentant der Krone, deren Interessen und Rechte in
beständigem Konflikt mit den usurpierten Gelüsten
der Kammer. In der Tat, wir müssen der Wahr-
heit gemäß das ganze Streben der Kammer mit dem
Ausdruck Usurpationslust bezeichnen; sie war auch
immer der angreifende Teil, sie suchte bei jeder Ver-
anlassung die Rechte der Krone zu schmälern, die
Interessen derselben zu untergraben, und der König
Erster Teil 21
übte nur eine natürliche Notwehr. Z. B. die Charte
verlieh dem König das Recht, seine Minister zu
wählen, und jetzt ist dieses Prärogativ nur ein leerer
Schein, eine ironische, das Königtum verhöhnende
Formel, denn in der Wirklichkeit ist es die Kammer,
welche die Minister wählt und verabschiedet. Auch
ist es sehr charakteristisch, daß seit einiger Zeit die
französische Staatsregierung nicht mehr ein konsti-
tutionelles, sondern ein parlamentarisches Gouver-
nement genannt wird. Das Ministerium vom 1. März
erhielt gleich in der Taufe diesen Namen, und durch
die Tat wie durch das Wort ward eine Rechtsbe*
raubung der Krone zugunsten der Kammer öffent-
lieh proklamiert und sanktioniert.
Thiers ist der Repräsentant der Kammer, er ist
ihr gewählter Minister, und in dieser Beziehung kann
er dem König nie ganz behagen. Die allerhöchste
Mißhuld trifft also, wie gesagt, nicht die Person des
Ministers, sondern das Prinzip, das sich durch seine
Wahl geltend gemacht hat. — Wir glauben, daß
die Kammer den Sieg jenes Prinzips nicht weiter
verfolgen wird; denn es ist im Grunde dasselbe
Elektionsprinzip, als dessen letzte Konsequenz die
Republik sich darbietet. Wohin sie führen, diese
gewonnenen Kammerschlachten, merken die dyna-
stischen Oppositionshelden jetzt ebensogut wie jene
Konservativen, die aus persönlicher Leidenschaft,
bei Gelegenheit der Dotationsfrage, sich die lächer-
lichsten Mißgriffe zuschulden kommen ließen.
Das Verwerfen der Dotation, und gar der schwei-
gende Hohn, womit man sie verwarf, war nicht bloß
eine Beleidigung des Königtums, sondern auch eine
ungerechte Torheit; — denn indem man der Krone
alle wirkliche Macht allmählich abkämpfte, mußte
22 Lutezia
man sie wenigstens entschädigen durch äußern Glanz,
und ihr moralisches Ansehen in den Augen des
Volks vielmehr erhöhen als herabwürdigen. Welche
Inkonsequenz! Ihr wollt einen Monarchen haben,
und knickert bei den Kosten für Hermelin und Gold»
prunk! Ihr schreckt zurück vor der Republik und
insultiert Euren König öffentlich, wie Ihr getan bei
der Abstimmung der Dotationsfrage! Und sie wollen
wahrlich keine Republik, diese edlen Geldritter, diese
Barone der Industrie, diese Auserwählten des Eigen»
tums, diese Enthusiasten des ruhigen Besitzes, welche
die Majorität in der französischen Kammer bilden.
Sie hegen vor der Republik ein noch weit entsetz»
licheres Grauen als der König selbst, sie zittern
davor noch weit mehr als Ludwig Philipp, welcher
sich in seiner Jugend schon daran gewöhnt hat.
Wird sich das Ministerium Thiers lange halten?
Das ist jetzt die Frage. Dieser Mann spielt eine
schauerliche Rolle. Er verfügt nicht bloß über alle
Streitkräfte des mächtigsten Reiches, sondern auch
über alle Heeresmacht der Revolution, über alles
Feuer und allen Wahnsinn der Zeit. Reizt ihn nicht
aus seiner weisen Jovialität hinaus in die fatalistischen
Irrgänge der Leidenschaft, legt ihm nichts in den
Weg, weder goldene Apfel noch rohe Klötze! . . .
Die ganze Partei der Krone sollte sich Glück wün»
sehen, daß die Kammer eben den Thiers gewählt,
den Staatsmann, der in den jüngsten Debatten seine
ganze politische Größe offenbart hat. Ja, während
die andern nur Redner sind, oder Administratoren,
oder Gelehrte, oder Diplomaten, oder Tugendhelden,
so ist Thiers alles dieses zusammen, sogar letzteres,
nur daß sich bei ihm diese Fähigkeiten nicht als
schroffe Spezialitäten hervorstellen, sondern von sei»
Erster Teil
23
nem staatsmännischen Genie überragt und absorbiert
werden. Thiers ist Staatsmann,- er ist einer von
jenen Geistern, denen das Talent des Regierens an*
geboren ist. Die Natur schafft Staatsmänner wie
sie Dichter schafft, zwei sehr heterogene Arten von
Geschöpfen, die aber von gleicher Unentbehrlich*
keit; denn die Menschheit muß begeistert werden
und regiert. Die Männer, denen die Poesie oder
die Staatskunst angeboren ist, werden auch von der
Natur getrieben, ihr Talent geltend zu machen, und
wir dürfen diesen Trieb keineswegs mit jener kleinen
Eitelkeit verwechseln, welche die Minderbegabten
anstachelt, die Welt mit ihren elegischen Reimereien
oder mit ihren prosaischen Deklamationen zu lang-
weilen.
Ich habe angedeutet, daß Thiers eben durch seine
letzte Rede seine staatsmännische Größe bekundete.
Berryer hat vielleicht mit seinen sonoren Phrasen auf
die Ohren der großen Menge eine pomphaftere Wir-
kung ausgeübt; aber dieser Orator verhält sich zu
jenem Staatsmann wie Cicero zu Demosthenes. Wenn
Cicero auf dem Forum plädierte, dann sagten die
Zuhörer, daß niemand schöner zu reden verstehe als
der Marcus Tullius; sprach aber Demosthenes, so
riefen die Athener: »Krieg gegen Philipp!« Statt
aller Lobsprüche, nachdem Thiers geredet hatte, öff-
neten die Deputierten ihren Säckel und gaben ihm
das verlangte Geld.
Kulminierend in jener Rede des Thiers war das
Wort »Transaktion« — ein Wort, das unsere Tages-
politiker sehr wenig begriffen, das aber nach meiner
Ansicht die tiefsinnigste Bedeutung enthält. War
denn von jeher die Aufgabe der großen Staatmänner
etwas anderes als eine Transaktion, eine Vermitt-
2± Lutezia
lung zwischen Prinzipien und Parteien? Wenn man
regieren soll, und sich zwischen zwei Fraktionen,
die sich befehden, befindet, so muß man eine Trans-
aktion versuchen. Wie könnte die Welt fortschreiten,
wie könnte sie nur ruhig stehen bleiben, wenn nicht
nach wilden Umwälzungen die gebietenden Männer
kämen, die unter den ermüdeten und leidenden Kamp*
fern den Gottesfrieden wiederherstellten, im Reiche
des Gedankens wie im Reiche der Erscheinung? Ja,
auch im Reiche des Gedankens sind Transaktionen
notwendig. Was war es anders als Transaktion
zwischen der römisch-katholischen Überlieferung und
der menschlich-göttlichen Vernunft, was vor drei
Jahrhunderten in Deutschland als Reformation und
protestantische Kirche ins Leben trat? Was war es
anders als Transaktion, was Napoleon in Frankreich
versuchte, als er die Menschen und die Interessen
des alten Regimes mit den neuen Menschen und
neuen Interessen der Revolution zu versöhnen suchte?
Er gab dieser Transaktion den Namen »Fusion« —
ebenfalls ein sehr bedeutungsvolles Wort, welches ein
ganzes System offenbart. — Zwei Jahrtausende vor
Napoleon hatte ein anderer großer Staatsmann, Alex-
ander von Mazedonien, ein ähnliches Fusionssystem
ersonnen, als er den Okzident mit dem Orient ver-
mitteln wollte, durch Wechselheiraten zwischen Sie-
gern und Besiegten, Sittentausch, Gedankenverschmel-
zung. >— Nein, zu solcher Höhe des Fusionssystems
konnte sich Napoleon nicht erheben, nur die Per-
sonen und die Interessen wußte er zu vermitteln,
nicht die Ideen, und das war sein großer Fehler und
auch der Grund seines Sturzes. Wird Herr Thiers
denselben Mißgriff begehen? Wir fürchten es fast.
Herr Thiers kann sprechen vom Morgen bis Mitter-
Erster Teil
25
nacht, unermüdet, immer neue glänzende Gedanken,
immer neue Geistesblitze hervorsprühend, den Zu^
hörer ergötzend, belehrend, blendend, man möchte
sagen, ein gesprochenes Feuerwerk. Und dennoch
begreift er mehr die materiellen als die idealen Be~
dürfnisse der Menschheit,- er kennt den letzten Ring
nicht, womit die irdischen Erscheinungen an den
Himmel gekettet sind: er hat keinen Sinn für große
soziale Institutionen.
IV.
Paris, den 30. April 1840.
»Erzähle mir, was du heute gesäet hast, und ich
will dir voraussagen, was du morgen ernten wirst!«
An dieses Sprichwort des kernichten Sancho dachte
ich dieser Tage, als ich im Faubourg Saint-Marceau
einige Ateliers besuchte und dort entdeckte, welche
Lektüre unter den Ouvriers, dem kräftigsten Teile
der untern Klasse, verbreitet wird. Dort fand ich
nämlich mehre neue Ausgaben von den Reden des
alten Robespierre, auch von Marats Pamphleten, in
Lieferungen zu zwei Sous, die Revolutionsgeschichte
des Cabet, Cormenins giftige Libelle, Baboeufs Lehre
und Verschwörung von Buonarotti, Schriften, die wie
nach Blut rochen; *- und Lieder hörte ich singen, die
in der Hölle gedichtet zu sein schienen, und deren
Refrains von der wildesten Aufregung zeugten. Nein,
von den dämonischen Tönen, die in jenen Liedern
walten, kann man sich in unsrer zarten Sphäre gar
keinen Begriff machen; man muß dergleichen mit
eigenen Ohren angehört haben, z. B. in jenen Unge-
heuern Werkstätten, wo Metalle verarbeitet werden,
26 Lutezia
und die halbnackten trotzigen Gestalten während des
Singens mit dem großen eisernen Hammer den Takt
schlagen auf dem dröhnenden Amboß. Solches Ak-
kompagnement ist vom größten Effekt, sowie auch
die Beleuchtung, wenn die zornigen Funken aus der
Esse hervorsprühen. Nichts als Leidenschaft und
Flamme!
Eine Frucht dieser Saat, droht aus Frankreichs
Boden früh oder spät die Republik hervorzubrechen.
Wir müssen, in der Tat, solcher Befürchtung Raum
geben; aber wir sind zugleich überzeugt, daß jenes
republikanische Regiment nimmermehr von langer
Dauer sein kann in der Heimat der Koketterie und
der Eitelkeit. Und gesetzt auch, der Nationalcha-
rakter der Franzosen wäre mit dem Republikanismus
ganz vereinbar, so könnte doch die Republik, wie
unsere Radikalen sie träumen, sich nicht lange halten.
In dem Lebensprinzip einer solchen Republik liegt
schon der Keim ihres frühen Todes; in ihrer Blüte
muß sie sterben. Gleichviel von welcher Verfassung
ein Staat sei, er erhält sich nicht bloß und allein
durch den Gemeinsinn und den Patriotismus der
Volksmasse, wie man gewöhnlich glaubt, sondern er
erhält sich durch die Geistesmacht der großen In»
dividualitäten, die ihn lenken. Nun aber wissen wir,
daß in einer Republik der angedeuteten Art ein eifer-
süchtiger Gleichheitssinn herrscht, der alle ausgezeich-
neten Individualitäten immer zurückstößt, ja unmög-
lieh macht, und daß also in Zeiten der Not nur
Gevatter Gerber und Wursthändler sich an die Spitze
des Gemeinwesens stellen werden. Durch dieses
Grundübel ihrer Natur müssen jene Republiken not-
wendigerweise zugrunde gehen, sobald sie mit ener-
gischen und von großen Individualitäten vertretenen
Erster Teil 27
Oligarchien und Autokratien in einen entscheidenden
Kampf geraten. Daß dieses aber stattfinden muß,
sobald in Frankreich die Republik proklamiert würde,
unterliegt keinem Zweifel.
Während die Friedenszeit, die wir jetzt genießen,
sehr günstig ist für die Verbreitung der republika-
nischen Lehren, löst sie unter den Republikanern
selbst alle Bande der Einigkeit; der argwöhnische
Geist dieser Leute muß durch die Tat beschäftigt
werden, sonst gerät er in spitzfindige Diskussionen
und Zwistreden, die in bittere Feindschaften aus*
arten. Sie haben wenig Liebe für ihre Freunde und
sehr viel Haß für diejenigen, die durch Gewalt des
fortschreitenden Nachdenkens sich einer entgegen-
gesetzten Ansicht zuneigen. Mit einer Beschuldigung
des Ehrgeizes, wo nicht gar der Bestechlichkeit sind
sie alsdann sehr freigebig. In ihrer Beschränktheit
pflegen sie nie zu begreifen, daß ihre früheren Bundes-
genossen manchmal durch Meinungsverschiedenheit
gezwungen werden, sich von ihnen zu entfernen. Un-
fähig, die rationellen Gründe solcher Entfernung zu
ahnen, schreien sie gleich über pekuniäre Motive.
Dieses Geschrei ist charakteristisch. Die Republi-
kaner haben sich nun einmal mit dem Gelde aufs
feindlichste überworfen, alles was ihnen Schlimmes
begegnet, wird dem Einfluß des Geldes zugeschrieben;
und in der Tat, das Geld dient ihren Gegnern als'
Barrikade, als Schutz und Wehr, ja das Geld ist
vielleicht ihr eigentlicher Gegner, der heutige Pitt,
der heutige Koburg, und sie schimpfen darauf in
altsansculottischer Weise. Im Grunde leitet sie ein
richtiger Instinkt. Von jener neuen Doktrin, die alle
sozialen Fragen von einem höheren Gesichtspunkt be-
trachtet, und von dem banalen Republikanismus sich
J
28 Lutezia
ebenso glänzend unterscheidet, wie ein kaiserliches
Purpurgewand von einem grauen Gleichheitskittel, da-
von haben unsere Republikaner wenig zu furchten;
denn wie sie selber ist auch die große Menge noch
entfernt von jener Doktrin. Die große Menge, der
hohe und niedere Plebs, der edle Bürgerstand, der
bürgerliche Adel, sämtliche Honoratioren der lieben
Mittelmäßigkeit, begreifen ganz gut den Republikanis*
mus — eine Lehre, wozu nicht viel Vorkenntnisse
gehören, die zugleich allen ihren Kleingefuhlen und
Verflachungsgedanken zusagt, und die sie auch öffent-
lieh bekennen würden, gerieten sie nicht dadurch in
einen Konflikt — mit dem Gelde. Jeder Taler ist ein
tapferer Bekämpfer des Republikanismus, und jeder
Dukaten ein Achilles. Ein Republikaner haßt daher
das Geld mit großem Recht, und wird er dieses Feindes
habhaft, ach! so ist der Sieg noch schlimmer als eine
Niederlage: der Republikaner, der sich des Geldes
bemächtigte, hat aufgehört, ein Republikaner zu sein !
Wie die Sympathie, die der Republikanismus er-
regt, dennoch durch die Geldinteressen beständig
niedergehalten wird, bemerkte ich dieser Tage im
Gespräche mit einem sehr aufgeklärten Bankier, der
im größten Eifer zu mir sagte: »Wer bestreitet denn
die Vorzüge der republikanischen Verfassung? Ich
selber bin manchmal ganz Republikaner. Sehen Sie,
stecke ich die Hand in die rechte Hosentasche, wo-
rin mein Geld ist, so macht die Berührung mit dem
kalten Metall mich zittern, ich fürchte für mein Eigen-
tum, und ich fühle mich monarchisch gesinnt; stecke
ich hingegen die Hand in die linke Hosentasche,
welche leer ist, dann schwindet gleich alle Furcht, und
ich pfeife lustig die Marseillaise und ich stimme für
die Republik !c ~
Erster Teil 29
Wie die Republikaner sind auch die Legitimisten
beschäftigt, die jetzige Friedenszeit zur Aussaat zu
benutzen, und besonders in den stillen Boden der
Provinz streuen sie den Samen, woraus ihr Heil er^
blühen soll. Das meiste erwarten sie von der Pro-
paganda, die, durch Erziehungsanstalten und Be^
arbeitung des Landvolks, die Autorität der Kirche
wiederherzustellen trachtet. Mit dem Glauben der
Väter sollen auch die Rechte der Väter wieder zu
Ansehen kommen. Man sieht daher Frauen von
der adeligsten Geburt, die, gleichsam als Ladies pa=
tronesses der Religion, ihre devoten Gesinnungen
zur Schau tragen, überall Seelen für den Himmel
anwerben, und durch ihr elegantes Beispiel die ganze
vornehme Welt in die Kirchen locken. Auch waren
die Kirchen nie voller als letzte Ostern. Beson-
ders nach Saint-Roch und Notre-Dame-de-Lorette
drängte sich die geputzte Andacht; hier glänzten die
schwärmerisch schönsten Toiletten, hier reichte der
fromme Dandy das Weihwasser mit weißen Glace-
handschuhen, hier beteten die Grazien. Wird dies
lange währen? Wird diese Religiosität, wenn sie
die Vogue der Mode gewinnt, nicht auch dem
schnellen Wechsel der Mode unterworfen sein? Ist
diese Röte ein Zeichen der Gesundheit? . . . »Der
liebe Gott hat heute viel Besuche«, sagte ich vori-
gen Sonntag zu einem Freunde, als ich den Zudrang
nach den Kirchen bemerkte. »Es sind Abschieds-
visiten« — erwiderte der Ungläubige.
Die Drachenzähne, welche von Republikanern und
Legitimisten gesäet werden, kennen wir jetzt, und es
wird uns nicht überraschen, wenn sie einst als ge-
harnischte Kämpen aus dem Boden hervorstürmen
und sich untereinander würgen, oder auch mit ein-
3<>
Lutezia
ander fraternisieren. Ja, letzteres ist möglich, gibt es
doch hier einen entsetzlichen Priester, der, durch
seine blutdürstigen Glaubensworte, die Männer des
Scheiterhaufens mit den Männern der Guillotine
zu verbinden hofft.
Unterdessen sind alle Augen auf das Schauspiel
gerichtet, das auf Frankreichs Oberfläche, durch
mehr oder minder oberflächliche Akteure, tragiert
wird. Ich spreche von der Kammer und dem Mi-
nisterium. Die Stimmung der ersteren, sowie die
Erhaltung des letzteren, ist gewiß von der größten
Wichtigkeit, denn der Hader in der Kammer könnte
eine Katastrophe beschleunigen, die bald näher, bald
ferner zu treten scheint. Einem solchen Ausbruch
so lange als möglich vorzubeugen, ist die Aufgabe
unserer jetzigen Staatslenker. Daß sie nichts anders
wollen, nichts anders hoffen, daß sie die endliche
»Götterdämmerung« voraussehen, verrät sich in allen
ihren Handlungen, in allen ihren Worten. Mit fast
naiver Ehrlichkeit gestand Thiers in einer seiner
letzten Reden, wie wenig er der nächsten Zukunft
traue und wie man von Tag zu Tag sich hin*
fristen müsse; er hat ein feines Ohr, und hört
schon das Geheul des Wolfes Fenris, der das Reich
der Heia verkündigt. Wird ihn die Verzweiflung
über das Unabwendbare nicht mal plötzlich zu einer
allzu heftigen Handlung hinreißen?
V.
Paris, den 30. April 1840.
Gestern abend, nach langem Erwarten von Tag
zu Tag, nach einem fast zweimonatlichen Hinzögern,
Erster Teil
3'
wodurch die Neugier, aber auch die Geduld des
Publikums überreizt wurde — endlich gestern abend
ward »Cosima«, das Drama von George Sand, im
Theätre francais aufgeführt. Man hat keinen Begriff
davon, wie seit einigen Wochen alle Notabilitäten
der Hauptstadt, alles was hier hervorragt durch
Rang, Geburt, Talent, Laster, Reichtum, kurz durch
Auszeichnung jeder Art, sich Mühe gab, dieser
Vorstellung beiwohnen zu können. Der Ruhm des
Autors ist so groß, daß die Schaulust aufs höchste
gespannt war; aber nicht bloß die Schaulust, son-
dern noch ganz andere Interessen und Leidenschaften
kamen ins Spiel. Man kannte im voraus die Ka«
balen, die Intrigen, die Böswilligkeiten, die sich gegen
das Stück verschworen und mit dem niedrigsten
Metierneid gemeinschaftliche Sache machten. Der
kühne Autor, der durch seine Romane bei der Ari»
stokratie und bei dem Bürgerstand gleich großes
Mißfallen erregte, sollte für seine »irreligiösen und
immoralischen Grundsätze« bei Gelegenheit eines
dramatischen Debüts öffentlich büßen; denn, wie ich
Ihnen dieser Tage schrieb, die französische Noblesse
betrachtet die Religion als eine Abwehr gegen die
herandrohenden Schrecknisse des Republikanismus
und protegiert sie, um ihr Ansehen zu befördern und
ihre Köpfe zu schützen, während die Bourgeoisie
durch die antimatrimonialen Doktrinen eines George
Sand ebenfalls ihre Köpfe bedroht sieht, nämlich
bedroht durch einen gewissen Hornschmuck, den ein
verheirateter Bürgergardist ebenso gern entbehrt, wie
er gern mit dem Kreuze der Ehrenlegion geziert zu
werden wünscht.
Der Autor hatte sehr gut seine mißliche Stellung
begriffen, und in seinem Stück alles vermieden, was
32
Lutezta
die adeligen Ritter der Religion und die bürgerlichen
Schildknappen der Moral, die Legitimisten der Po-
litik und der Ehe, in Harnisch bringen konnte; und
der Vorfechter der sozialen Revolution, der in seinen
Schriften das Wildeste wagte, hatte sich auf der
Bühne die zahmsten Schranken gesetzt, und sein
nächster Zweck war, nicht auf dem Theater seine
Prinzipien zu proklamieren, sondern vom Theater
Besitz zu nehmen. Daß ihm dies gelingen könne,
v erregte aber eine große Furcht unter gewissen klei-
nen Leuten, denen die angedeuteten religiösen, po-
litischen und moralischen Differenzen ganz fremd
sind, und die nur den gemeinsten Handwerksinter-
essen huldigen. Das sind die sogenannten Bühnen-
dichter, die in Frankreich ebenso wie bei uns in
Deutschland eine ganz abgesonderte Klasse bilden,
und wie mit der eigentlichen Literatur selbst, so auch
mit den auzgezeichneten Schriftstellern, deren die
Nation sich rühmt, nichts gemein haben. Letztere,
mit wenigen Ausnahmen, stehen dem Theater ganz
fern, nur daß bei uns die großen Schriftsteller mit
" vornehmer Geringschätzung sich eigenwillig von der
Bretterwelt abwenden, während sie in Frankreich
sich herzlich gern darauf produzieren möchten, aber
durch die Machinationen der erwähnten Bühnen-
dichter von diesem Terrain zurückgetrieben werden.
Und im Grunde kann man es den kleinen Leuten
nicht verdenken, daß sie sich gegen die Invasion der
Großen so viel als möglich wehren. »Was wollt ihr
bei uns,« rufen sie, »bleibt in eurer Literatur und
drängt euch nicht zu unsern Suppentöpfen! Für euch
der Ruhm, für uns das Geld! Für euch die langen
Artikel der Bewunderung, die Anerkenntnis der
Geister, die höhere Kritik, die uns arme Schelme
Erster Teil
n
ganz ignoriert! Für euch der Lorbeer, für uns der
Braten! Für euch der Rausch der Poesie, für uns
der Schaum des Champagners, den wir vergnüglich
schlürfen in Gesellschaft des Chefs der Claqueure
und der anständigsten Damen. Wir essen, trinken,
werden applaudiert, ausgepfiffen und vergessen, wäh-
rend ihr in den Revuen »beider Welten« gefeiert
werdet und der erhabensten Unsterblichkeit entgegen-
hungert!«
In der Tat, das Theater gewährt jenen Bühnen*
dichtem den glänzendsten Wohlstand; die meisten
von ihnen werden reich, leben in Hülle und Fülle,
statt daß die größten Schriftsteller Frankreichs, rui-
niert durch den belgischen Nachdruck und den
bankerotten Zustand des Buchhandels, in trostloser
Armut dahindarben. Was ist natürlicher, als daß
sie manchmal nach den goldenen Früchten schmach-
ten, die hinter den Lampen der Bretterwelt reifen,
und die Hand darnach ausstrecken, wie jüngst Balzac
tat, dem solches Gelüst so schlecht bekam ! Herrscht
schon in Deutschland ein geheimes Schutz- und
Trutzbündnis zwischen den Mittelmäßigkeiten, die
das Theater ausbeuten, so ist das in weit schnöderer
Weise der Fall zu Paris, wo all diese Misere zen-
tralisiert ist. Und dabei sind hier die kleinen Leute
so aktiv, so geschickt, so unermüdlich in ihrem
Kampf gegen die Großen und ganz besonders in
ihrem Kampf gegen das Genie, das immer isoliert
steht, auch etwas ungeschickt ist und, im Vertrauen
gesagt, auch gar zu träumerisch träge ist.
Welche Aufnahme fand nun das Drama von
George Sand, des größten Schriftstellers, den das
neue Frankreich hervorgebracht, des unheimlich ein-
samen Genius, der auch bei uns in Deutschland
ix, 3
34
Lutezia
gewürdigt worden? War die Aufnahme eine ent-
schieden schlechte oder eine zweifelhaft gute? Ehr*
lieh gestanden, ich kann diese Frage nicht beant-
worten. Die Achtung vor dem großen Namen
lähmte vielleicht manches böse Vorhaben. Ich er-
wartete das Schlimmste. Alle Antagonisten des
Autors hatten sich ein Rendezvous gegeben in dem
ungeheuren Saale des Theätre francais, der über
zweitausend Personen faßt. Etwa einhundertvierzig
Billette hatte die Administration zur Verfügung des
Autors gestellt, um sie an die Freunde zu verteilen;
ich glaube aber, verzettelt durch weibliche Laune,
sind davon nur wenige in die rechten, applaudieren-
den Hände geraten. Von einer organisierten CIaque
war gar nicht die Rede ; der gewöhnliche Chef der-
selben hatte seine Dienste angeboten, fand aber kein
Gehör bei dem stolzen Verfasser der »Lelia«. Die
sogenannten Römer, die in der Mitte des Parterres
unter dem großen Leuchter so tapfer zu applaudieren
pflegen, wenn ein Stück von Scribe oder Ancelot
aufgeführt wird, waren gestern im Theätre francais
nicht sichtbar.
Über die Darstellung des bestrittenen Dramas
kann ich leider nur das Schlimmste berichten. Außer
der berühmten Dorval, die gestern nicht schlechter,
aber auch nicht besser als gewöhnlich spielte, tru-
gen alle Akteure ihre monotone Mittelmäßigkeit zur
Schau. Der Hauptheld des Stücks, ein Monsieur
Beauvallet, spielte, um biblisch zu reden, »wie ein
Schwein mit einem goldenen Nasenring«. George
Sand scheint vorausgesehn zu haben, wie wenig
sein Drama, trotz aller Zugeständnisse, die er den
Kapricen der Schauspieler machte, von den mimi-
schen Leistungen derselben zu erwarten hatte, und
Erster Teil
35
im Gespräch mit einem deutschen Freunde sagte er
scherzhaft: »Sehen Sie, die Franzosen sind alle ge-
borne Komödianten, und jeder spielt in der Welt
mehr oder minder brillant seine Rolle; diejenigen
aber unter meinen Landsleuten, die am wenigsten
Talent für die edle Schauspielkunst besitzen, widmen
sich dem Theater und werden Akteure.«
Ich habe selbst früher bemerkt, daß das öffentliche
Leben in Frankreich, das Repräsentativsystem und
das politische Treiben, die besten schauspielerischen
Talente der Franzosen absorbiert, und deshalb auf
dem eigentlichen Theater nur die Mediokritäten zu
finden sind. Dieses gilt aber nur von den Männern,
nicht von den Weibern; die französische Bühne ist
reich an Schauspielerinnen vom höchsten Wert, und
die jetzige Generation überflügelt vielleicht die frühere.
Große, außerordentliche Talente bewundern wir, die
sich hier um so zahlreicher entfalten konnten, da
die Frauen durch eine ungerechte Gesetzgebung,
durch die Usurpation der Männer, von allen politi-
schen Ämtern und Würden ausgeschlossen sind und
ihre Fähigkeiten nicht auf den Brettern des Palais
Bourbon und des Luxembourg geltend machen
können. Ihrem Drang nach Öffentlichkeit stehen nur
die öffentlichen Häuser der Kunst und der Galan«
terie offen, und sie werden entweder Aktricen oder
Loretten, oder auch beides zugleich, denn hier in
Frankreich sind diese zwei Gewerbe nicht so streng
geschieden, wie bei uns in Deutschland, wo die
Komödianten oft zu den reputierlichsten Personen
gehören und nicht selten sich durch bürgerlich gute
Aufführung auszeichnen: sie sind bei uns nicht durch
die öffentliche Meinung wie Parias ausgestoßen aus
<ln Gesellschaft, und sie finden vielmehr in den
36 L u t e z i a
Häusern des Adels, in den Soireen toleranter jüdi-
scher Bankiers und sogar in einigen honetten bürger-
lichen Familien eine zuvorkommende Aufnahme.
Hier in Frankreich im Gegenteil, wo so viele Vor-
urteile ausgerottet sind, ist das Anathema der Kirche
noch immer wirksam in bezug auf die Schauspieler;
sie werden noch immer als Verworfene betrachtet,
und da die Menschen immer schlecht werden, wenn
man sie schlecht behandelt, so bleiben mit wenigen
Ausnahmen die Schauspieler hier im verjährten Zu-
stande des glänzend schmutzigen Zigeunertums.
Thalia und die Tugend schlafen hier selten in dem-
selben Bette, und sogar unsere berühmteste Mel-
pomene steigt manchmal von ihrem Kothurn her-
unter, um ihn mit den liederlichen Pantöffelchen
einer Philine zu vertauschen.
Alle schöne Schauspielerinnen haben hier ihren be-
stimmten Preis, und die, welche um keinen bestimmten
Preis zu haben, sind gewiß die teuersten. Die meisten
jungen Schauspielerinnen werden von Verschwendern
oder reichen Parvenüs unterhalten. Die eigentlichen
unterhaltenen Frauen, die sogenannten femmes entre-
tenues, empfinden dagegen die gewaltigste Sucht,
sich auf dem Theater zu zeigen, eine Sucht, worin
Eitelkeit und Kalkül sich vereinigen, da sie dort am
besten ihre Körperlichkeit zur Schau stellen, sich
den vornehmen Lüstlingen bemerkbar machen und
zugleich auch vom größern Publikum bewundern
lassen können. Diese Personen, die man besonders
auf den kleinen Theatern spielen sieht, erhalten ge-
wöhnlich gar keine Gage, im Gegenteil, sie bezahlen
noch monatlich den Direktoren eine bestimmte Summe
für die Vergünstigung, daß sie auf ihrer Bühne sich
produzieren können. Man weiß daher selten hier,
Erster Teil yt
wo die Aktrice und die Kurtisane ihre Rolle wech-
seln, wo die Komödie aufhört und die liebe Natur
wieder anfängt, wo der fünffüßige Jambus in die
vierfüßige Unzucht übergeht. Diese Amphibien von
Kunst und Laster, diese Melusinen des Seinestrandes,
bilden gewiß den gefährlichsten Teil des galanten
Paris, worin so viele holdselige Monstra ihr Wesen
treiben. Wehe dem Unerfahrenen, der in ihre Netze
gerät! Wehe auch dem Erfahrenen, der wohl weiß,
daß das holde Ungetüm in einen häßlichen Fisch-
schwanz endet, und dennoch der Bezauberung nicht
zu widerstehen vermag, und vielleicht eben durch
die Wollust des innern Grauens, durch den fatalen
Reiz des lieblichen Verderbens, des süßen Abgrunds,
desto sicherer überwältigt wird.
Die Weiber, von welchen hier die Rede, sind
nicht böse oder falsch, sie sind sogar gewöhnlich
von außerordentlicher Herzensgüte, sie sind nicht
so betrüglich und so habsüchtig wie man glaubt,
sie sind mitunter vielmehr die treuherzigsten und
großmütigsten Kreaturen; alle ihre unreinen Hand-
lungen entstehen durch das momentane Bedürfnis,
die Not und die Eitelkeit; sie sind überhaupt nicht
schlechter als andere Töchter Evas, die von Kind-
heit auf durch Wohlhabenheit und überwachende
Sippschaft oder durch die Gunst des Schicksals vor
dem Fallen und dem noch tiefer Fallen geschützt
werden. — Das Charakteristische bei ihnen ist eine
gewisse Zerstörungssucht, von welcher sie besessen
sind, nicht bloß zum Schaden eines Galans, sondern
auch zum Schaden desjenigen Mannes, den sie wirk-
lich lieben, und zumeist zum Schaden ihrer eigenen
Person. Diese Zerstörungssucht ist tief verwebt mit
einer Sucht, einer Wut, einem Wahnsinn nach Ge-
*g Lutezia
nuß, dem augenblicklichsten Genuß, der keinen Tag
Frist gestattet, an keinen Morgen denkt, und aller
Bedenklichkeiten überhaupt spottet. Sie erpressen
dem Geliebten seinen letzten Sou, bringen ihn da-
hin, auch seine Zukunft zu verpfänden, um nur der
Freude der Stunde zu genügen; sie treiben ihn da-
hin, selbst jene Ressourcen zu vergeuden, die ihnen
selber zugute kommen dürften, sie sind manchmal
sogar schuld, daß er seine Ehre eskomptiert — kurz
sie ruinieren den Geliebten in der grauenhaftesten
Eile und mit einer schauerlichen Gründlichkeit.
Montesquieu hat irgendwo in seinem »Esprit des lois«
das Wesen des Despotismus dadurch zu charakteri-
sieren gesucht, daß er die Despoten mit jenen Wilden
verglich, die, wenn sie die Früchte eines Baumes
genießen wollen, sogleich zur Axt greifen und den
Baum selbst niederfällen, und sich dann gemächlich
neben dem Stamm niedersetzen und in genäschiger
Hast die Früchte aufspeisen. Ich möchte diese Ver-
gleichung auf die erwähnten Damen anwenden.
Nach Shakspeare, der uns in der Kleopatra, die
ich einst eine »reine entretenue« genannt habe, ein
tiefsinniges Beispiel solcher Frauengestalten auf-
gezeichnet hat, ist gewiß unser Freund Honore de
Balzac derjenige, der sie mit der größten Treue ge-
schildert. Er beschreibt sie, wie ein Naturforscher
irgendeine Tierart oder ein Pathologe eine Krankheit
beschreibt, ohne moralisierenden Zweck, ohne Vor-
liebe noch Abscheu. Es ist ihm gewiß nie ein-
gefallen, solche Phänomena zu verschönern oder gar
zu rehabilitieren, was die Kunst ebensosehr verböte
als die Sittlichkeit.
Erster Teil 7g
Spätere Notiz.
Berichterstattungen über die erste Vorstellung
eines Dramas, wo schon der gefeierte Name des
Autors die Neugier reizt, müssen mit großer Eil-
fertigkeit abgefaßt und abgeschickt werden, damit
nicht böswillige Mißurteile oder verunglimpfender
Klatsch einen bedenklichen Vorsprung gewinnen.
In den vorstehenden Blättern fehlt daher jede nähere
Besprechung des Dichters oder vielmehr der Dich-
terin, die hier ihren ersten Bühnenversuch wagte;
ein Versuch, der gänzlich mißglückte, so daß die
Stirn, die an Lorbeerkränze gewöhnt, diesmal mit
sehr fatalen Dornen gekrönt worden. Für die an-
gedeutete Entbehrnis in obigem Berichte bieten wir
heute einen notdürftigen Ersatz, indem wir aus
einer vor etlichen Jahren geschriebenen Monographie
etwelche Bemerkungffi über die Person oder viel-
mehr die persönliche Erscheinung George Sands
hier mitteilen. Sie lauten wie folgt:
»Wie männiglich bekannt, ist George Sand ein
Pseudonym, der nom de guerre einer schönen Ama-
zone. Bei der Wahl dieses Namens leitete sie
keineswegs die Erinnerung an den unglückseligen
Sand, den Meuchelmörder Kotzebues, des einzigen
Lustspieldichters der Deutschen. Unsere Heldin
wählte jenen Namen, weil er die erste Silbe von
Sandeau; so hieß nämlich ihr Liebhaber, der dfl
achtungswerter Schriftsteller, aber dennoch mit seinem
ganzen Namen nicht so berühmt werden konnte,
wie seine Geliebte mit der Hälfte desselben, die sie
lachend mitnahm, als sie ihn verließ. Der wirkliche
Name von George Sand ist Aurora Dudevant, wie
ihr legitimer Gatte geheißen, der kein Mythos ist,
aq Lutezia
wie man glauben sollte, sondern ein leiblicher Edel-
mann aus der Provinz Berry, und den ich selbst
einmal das Vergnügen hatte, mit eigenen Augen zu
sehen. Ich sah ihn sogar bei seiner, damals schon
de facto geschiedenen Gattin, in ihrer kleinen Woh-
nung auf dem Quai Voltaire, und daß ich ihn eben
dort sah, war an und für sich eine Merkwürdigkeit,
ob welcher, wie Chamisso sagen würde, ich selbst
mich für Geld sehen lassen könnte. Er trug ein
nichtssagendes Philistergesicht und schien weder
böse noch roh zu sein, doch begriff ich sehr leicht,
daß diese feuchtkühle Tagtäglichkeit, dieser porzellan-
hafte Blick, diese monotonen, chinesischen Pagoden-
bewegungen für ein banales Weibzimmer sehr amü-
sant sein konnten, jedoch einem tieferen Frauen-
gemüte auf die Lange sehr unheimlich werden und
dasselbe endlich mit Schauder und Entsetzen, bis
zum Davonlaufen, erfüllen mußten.
Der Familienname der Sand ist Dupin. Sie ist
die Tochter eines Mannes von geringem Stande,
dessen Mutter die berühmte, aber jetzt vergessene
Tänzerin Dupin gewesen. Diese Dupin soll eine
natürliche Tochter des Marschalls Moritz von Sachsen
gewesen sein, welcher selber zu den vielen hundert
Hurenkindern gehörte, die der Kurfürst August der
Starke hinterließ. Die Mutter des Moritz von
Sachsen war Aurora von Königsmark, und Aurora
Dudevant, welche nach ihrer Ahnin genannt wurde,
gab ihrem Sohne ebenfalls den Namen Moritz. Dieser
und ihre Tochter, Solange geheißen und an den
Bildhauer Clesinger vermählt, sind die zwei einzigen
Kinder von George Sand. Sie war immer eine vor-
treffliche Mutter, und ich habe oft stundenlang dem
französischen Sprachunterricht beigewohnt, den sie
Erster Teil
41
ihren Kindern erteilte, und es ist schade, daß die
sämtliche Academie francaise diesen Lektionen nicht
beiwohnte, da sie gewiß davon viel profitieren konnte.
George Sand, die größte Schriftstellerin, ist zu* "
gleich eine schöne Frau. Sie ist sogar eine aus*
gezeichnete Schönheit. Wie der Genius, der sich in
ihren Werken ausspricht, ist ihr Gesicht eher schön
als interessant zu nennen; das Interessante ist immer
eine graziöse oder geistreiche Abweichung vom
Typus des Schönen, und die Züge von George ^
Sand tragen eben das Gepräge einer griechischen
Regelmäßigkeit. Der Schnitt derselben ist jedoch
nicht schroff und wird gemildert durch die Sentimen-
talität, die darüber wie ein schmerzlicher Schleier
ausgegossen. Die Stirn ist nicht hoch, und ge-
scheitelt fällt bis zur Schulter das köstliche kastanien-
braune Lockenhaar. Ihre* Augen sind etwas matt,
wenigstens sind s\e nicht glänzend, und ihr Feuer
mag wohl durch viele Tränen erloschen oder in
ihre Werke übergegangen sein, die ihre Flammen-
brände über die ganze Welt verbreitet, manchen
trostlosen Kerker erleuchtet, vielleicht aber auch
manchen stillen Unschuldstempel verderblich ent-
zündet haben. Der Autor von »Lelia« hat stille
sanfte Augen, die weder an Sodom noch an Go-
morra erinnern. Sie hat weder eine emanzipierte
Adlernase, noch ein witziges Stumpfnäschen; es ist
eben eine ordinäre gerade Nase. Ihren Mund um-
spielt gewöhnlich ein gutmütiges Lächeln, es ist aber
nicht sehr anziehend; die etwas hängende Unterlippe
verrät ermüdete Sinnlichkeit. Das Kinn ist voll-
fleischig, aber doch schön gemessen. Auch ihre
Schultern sind schön, ja prächtig. Ebenfalls die
Arme und die Hände, die sehr klein, wie ihre Füße.
42
Lutezia
Die Reize des Busens mögen andere Zeitgenossen
beschreiben; ich gestehe meine Inkompetenz. Ihr
übriger Körperbau scheint etwas zu dick, wenigstens
zu kurz zu sein. Nur der Kopf trägt den Stempel
der Idealität, erinnert an die edelsten Überbleibsel
der griechischen Kunst, und in dieser Beziehung
konnte immerhin einer unserer Freunde die schöne
Frau mit der Marmorstatue der Venus von Milo
vergleichen, die in den unteren Sälen des Louvres
aufgestellt. Ja, George Sand ist schön wie die
Venus von Milo; sie übertrifft diese sogar durch
manche Eigenschaften: sie ist z. B. sehr viel jünger.
Die Physiognomen welche behaupten, daß die
Stimme des Menschen seinen Charakter am untrüg-
lichsten ausspreche, würden sehr verlegen sein, wenn
sie die außerordentliche Innigkeit einer George Sand
aus ihrer Stimme herauslauschen sollten. Letztere
ist matt und welk, ohne Metall, jedoch sanft und
^ angenehm. Die Natürlichkeit ihres Sprechens ver-
leiht ihr einigen Reiz. Von Gesangsbegabnis ist bei
ihr keine Spur; George Sand singt höchstens mit
der Bravour einer schönen Grisette, die noch nicht
gefrühstückt hat oder sonst nicht eben bei Stimme
ist. Das Organ von George Sand ist ebensowenig
glänzend wie das was sie sagt. Sie hat durchaus
nichts von dem sprudelnden Esprit ihrer Lands-
männinnen, aber auch nichts von ihrer Geschwätzig-
keit. Dieser Schweigsamkeit liegt aber weder Be-
scheidenheit noch sympathetisches Versenken in die
Rede eines andern zum Grunde. Sie ist einsilbig
vielmehr aus Hochmut, weil sie dich nicht wert
hält, ihren Geist an dir zu vergeuden, oder gar aus
Selbstsucht, weil sie das Beste deiner Rede in sich
aufzunehmen trachtet, um es später in ihren Büchern
Erster Tci!
43
zu verarbeiten. Daß George Sand aus Geiz im
Gespräche nichts zu geben und immer etwas zu
nehmen versteht, ist ein Zug, worauf mich Alfred
de Musset einst aufmerksam machte. »Sie hat da-
durch einen großen Vorteil vor uns andern«, sagte
Musset, der in seiner Stellung als langjähriger Ca*
valiere servente jener Dame die beste Gelegenheit
hatte, sie gründlich kennen zu lernen.
Nie sagte George Sand etwas Witziges, wie sie
überhaupt eine der unwitzigsten Französinnen ist,
die ich kenne. Mit einem liebenswürdigen, oft
sonderbaren Lächeln hört sie zu, wenn andere reden,
und die fremden Gedanken, die sie in sich auf-
genommen und verarbeitet hat, gehen aus dem
Alambik ihres Geistes weit kostbarer hervor. Sie
ist eine sehr feine Horcherin. Sie hört auch gerne
auf den Rat ihrer Freunde. Bei ihrer unkanonischen
Geistesrichtung hat sie, wie begreiflich, keinen
Beichtvater, doch da die Weiber, selbst die eman-
zipationssüchtigsten, immer eines männlichen Lenkers,
einer männlichen Autorität bedürfen, so hat George
Sand gleichsam einen literarischen directeur de
conscience, den philosophischen Kapuziner Pierre
Leroux. Dieser wirkt leider sehr verderblich auf
ihr Talent, denn er verleitet sie, sich in unklare
Faseleien und halbausgebrütete Ideen einzulassen,
statt sich der heitern Lust farbenreicher und be-
stimmter Gestaltungen hinzugeben, die Kunst der
Kunst wegen übend. Mit weit weltlichem Funk-
tionen hatte George Sand unsern vielgeliebten Fre-
deric Chopin betraut. Dieser große Musiker und
Pianist war während langer Zeit ihr Cavaliere ser-
vente; vor seinem Tode entließ sie ihn; sein Amt war
freilich in der letzten Zeit eine Sinekure geworden.
44
Lutezia
Ich weiß nicht, wie mein Freund Heinrich Laube
einst in der »Allgemeinen Zeitung« mir eine Äuße-
rung in den Mund legen konnte, die dahin lautete,
als sei der damalige Liebhaber von George Sand
der geniale Franz Liszt gewesen. Laubes Irrtum
entstand gewiß durch Ideenassoziationen, indem er
die Namen zweier gleichberühmten Pianisten ver-
wechselte. Ich benutze diese Gelegenheit, dem
guten oder vielmehr dem ästhetischen Leumund der
Dame einen wirklichen Dienst zu erweisen, indem
ich meinen deutschen Landsleuten zu Wien und
Prag die Versicherung erteile, daß es eine der mise-
rabelsten Verleumdungen ist, wenn dort einer der
miserabelsten Liederkompositeurs vom mundfaulsten
Dialekte, ein namenloses, kriechendes Insekt, sich
rühmt, mit George Sand in intimem Umgange ge-
standen zu haben. Die Weiber haben allerlei Idio-
synkrasien, und es gibt deren sogar, welche Spinnen
verspeisen; aber ich bin noch keiner Frau begegnet,
welche Wanzen verschluckt hätte. Nein, an dieser
prahlerischen Wanze hat Lelia nie Geschmack ge-
funden, und sie tolerierte dieselbe nur manchmal in
ihrer Nähe, weil sie gar zu zudringlich war.
Lange Zeit, wie ich oben bemerkt, war Alfred
de Musset der Herzensfreund von George Sand.
Sonderbarer Zufall, daß einst der größte Dichter in
Prosa, den die Franzosen besitzen, und der größte
ihrer jetzt lebenden Dichter in Versen (jedenfalls
der größte nach Beranger), lange Zeit in leidenschaft-
licher Liebe füreinander entbrannt, ein lorbeer-
gekröntes Paar bildeten. George Sand in Prosa und
Alfred de Musset in Versen überragen in der Tat
den so gepriesenen Victor Hugo, der mit seiner
grauenhaft hartnäckigen, fast blödsinnigen Beharrlich-
Erster Teil
45
keit den Franzosen und endlich sich selber weis*
machte, daß er der größte Dichter Frankreichs sei. ^
Ist dieses wirklich seine eigene fixe Idee? Jedenfalls
ist es nicht die unsrige. Sonderbar! die Eigenschaft,^
die ihm so viel fehlt, ist eben diejenige, die bei den
Franzosen am meisten gilt; und zu ihren schönsten
Eigentümlichkeiten gehört. Es ist dieses der Ge*
schmack. Da sie den Geschmack bei allen fran-
zösischen Schriftstellern antrafen, mochte der ganz*
liehe Mangel desselben bei Victor Hugo ihnen viel*
leicht eben als eine Originalität erscheinen. Was
wir bei ihm am unleidlichsten vermissen, ist das,
was wir Deutsche Natur nennen: er ist gemacht,
verlogen, und oft im selben Verse sucht die eine
Hälfte die andere zu belügen; er ist durch und
durch kalt, wie nach Aussagen der Hexen der
Teufel ist, eiskalt sogar in seinen leidenschaftlichsten
Ergüssen; seine Begeisterung ist nur eine Phantas*
magorie, ein Kalkül ohne Liebe, oder vielmehr, er y'
liebt nur sich; er ist ein Egoist, und damit ich noch
Schlimmeres sage, er ist ein Hugoist. Wir sehen
hier mehr Härte als Kraft, eine freche eiserne Stirn
und, bei allem Reichtum der Phantasie und des
Witzes, dennoch die Unbeholfenheit eines Parvenüs
oder eines Wilden, der sich durch Überladung und
unpassende Anwendung von Gold und Edelsteinen
lächerlich macht: kurz, barocke Barbarei, gellende
Dissonanz und die schauderhafteste Difformität! Es
sagte jemand von dem Genius des Victor Hugo: ^
»Cest un beau bossu«. Das Wort ist tiefsinniger,
als diejenigen ahnen, welche Hugos Vortrefflichkeit
rühmen.
Ich will hier nicht bloß darauf hindeuten, daß
in seinen Romanen und Dramen die Haupthelden
4.6 Lutezia
mit einem Höcker belastet sind, sondern daß er selbst
im Geiste höckericht ist. Nach unserer modernen
Identitätslehre ist es ein Naturgesetz, daß der inneren,
der geistigen Signatur eines Menschen auch seine
äußere, die körperliche Signatur entspricht — diese
Idee trug ich noch im Kopfe, als ich nach Frank-
reich kam, und ich gestand einst meinem Buch-
händler Eugene Renduel, welcher auch der Verleger
Hugos war, daß ich, nach der Vorstellung, die ich
mir von letzterem gemacht hatte, nicht wenig ver-
wundert gewesen sei, in Herrn Hugo einen Mann
zu finden, der nicht mit einem Höcker behaftet sei.
>Ja, man kann ihm seine Difformität nicht ansehen«,
bemerkte Renduel zerstreut. »Wie«, rief ich, »er ist
also nicht ganz frei davon?« »Nicht so ganz und
gar«, war die verlegene Antwort, und nach vielem
Drängen gestand mir Freund Renduel, er habe eines
Morgens Herrn Hugo in dem Momente überrascht,
wo er das Hemd wechselte, und da habe er bemerkt,
daß eine seiner Hüften, ich glaube die rechte, so
mißwüchsig hervortretend sei, wie man es bei Leuten
findet, von denen das Volk zu sagen pflegt, sie hätten
einen Buckel, nur wisse man nicht, wo er sitze.
Das Volk in seiner scharfsinnigen Naivetät nennt
solche Leute auch verfehlte Bucklichte, falsche
Buckelmenschen, so wie es die Albinos weiße Mohren
nennt. Es ist bedeutsam, daß es eben der Verleger
des Dichters war, dem jene Difformität nicht ver-
borgen blieb. »Niemand ist ein Held vor seinem
Kammerdiener«, sagt das Sprichwort, und vor seinem
Verleger, dem lauernden Kammerdiener seines Geistes,
wird auch der größte Schriftsteller nicht immer als
ein Heros erscheinen; sie sehen uns zu oft in unserm
menschlichen Neglige. Jedenfalls ergötzte ich mich
Erster Teil
47
sehr an der Entdeckung Renduels, denn sie rettet
die Idee meiner deutschen Philosophie, daß nämlich^
der Leib der sichtbare Geist ist und die geistigen
Gebresten auch in der Körperlichkeit sich offen-
baren. Ich muß mich ausdrücklich gegen die irrige
Annahme verwahren, als ob auch das Umgekehrte
der Fall sein müsse, als ob der Leib eines Menschen
ebenfalls immer sein sichtbarer Geist wäre, und die
äußerliche Mißgestalt auch auf eine innere schließen
lasse. Nein, wir haben in verkrüppelten Hüllen
sehr oft die geradgewachsen schönsten Seelen ge-
funden, was um so erklärlicher, da die körperlichen
Difformitäten gewöhnlich durch irgendein physisches
Ereignis entstanden sind, und nicht selten auch eine
Folge von Vernachlässigung oder Krankheit nach
der Geburt. Die Difformität der Seele hingegen
wird mit zur Welt gebracht, und so hat der fran-
zösische Poet, an welchem alles falsch ist, auch
einen falschen Buckel.
Wir erleichtern uns die Beurteilung der Werke
George Sands, indem wir sagen, daß sie den be- ^
stimmtesten Gegensatz zu denen des Victor Hugo
bilden. Jener Autor hat alles, was diesem fehlt:"'
George Sand hat Wahrheit, Natur, Geschmack,
Schönheit und Begeisterung, und alle diese Eigen-
schaften verbindet die strengste Harmonie. George
Sands Genius hat die wohlgeründet schönsten Hüften,
und alles was sie fühlt und denkt, haucht Tiefsinn
und Anmut. Ihr Stil ist eine Offenbarung von
Wohllaut und Reinheit der Form. Was aber den
Stoff ihrer Darstellungen betrifft, ihre Sujets, die
nicht selten schlechte Sujets genannt werden dürften,
so enthalte ich mich hier jeder Bemerkung, und ich
überlasse dieses Thema ihren Feinden — — «
4.8 Lutezia
VL
Paris, 7. Mai 1840.
Die heutigen Pariser Blätter bringen einen Bericht
des k. k. österreichischen Konsuls zu Damaskus an
den k. k. österreichischen Generalkonsul in Alexan-
dria, in bezug der Damaszener Juden, deren Martyr-
tum an die dunkelsten Zeiten des Mittelalters erinnert.
Während wir in Europa die Märchen desselben als
poetischen Stoff bearbeiten und uns an jenen schauer*
lieh naiven Sagen ergötzen, womit unsere Vorfahren
sich nicht wenig ängstigten; während bei uns nur
noch in Gedichten und Romanen von jenen Hexen,
Werwölfen und Juden die Rede ist, die zu ihrem
Satansdienst das Blut frommer Christenkinder nötig
haben; während wir lachen und vergessen, fängt
man an im Morgenlande sich sehr betrübsam des
alten Aberglaubens zu erinnern und gar ernsthafte
Gesichter zu schneiden, Gesichter des düstersten
Grimms und der verzweifelnden Todesqual! Unter*
dessen foltert der Henker, und auf der Marterbank
gesteht der Jude, daß er bei dem herannahenden
Paschafeste etwas Christenblut brauchte zum Ein-
tunken für seine trockenen Osterbröde, und daß er
zu diesem Behufe einen alten Kapuziner abgeschlachtet
habe! Der Türke ist dumm und schnöde, und stellt
gern seine Bastonnaden- und Torturapparate zur
Verfügung der Christen gegen die angeklagten Juden ;
^denn beide Sekten sind ihm verhaßt, er betrachtet
sie beide wie Hunde, er nennt sie auch mit diesem
Ehrennamen, und er freut sich gewiß, wenn der
christliche Giaur ihm Gelegenheit gibt, mit einigem
Anschein von Recht den jüdischen Giaur zu miß-
handeln. Wartet nur, wenn es mal des Paschas
Erster Teil
49
Vorteil sein wird und er nicht mehr den bewaffneten
Einfluß der Europäer zu furchten braucht, wird er
auch dem beschnittenen Hunde Gehör schenken,
und dieser wird unsere christlichen Brüder anklagen,
Gott weiß wessen! Heute Amboß, morgen Hammer! —
Aber für den Freund der Menschheit wird der*«-'
gleichen immer ein Herzeleid sein. Erscheinungen
dieser Art sind ein Unglück, dessen Folgen unbe-
rechenbar. Der Fanatismus ist ein ansteckendes
Übel, das sich unter den verschiedensten Formen
verbreitet, und am Ende gegen uns alle wütet. Der
französische Konsul in Damaskus, der Graf Ratti-
Menton, hat sich Dinge zuschulden kommen lassen,
die hier einen allgemeinen Schrei des Entsetzens er-
regten. Er ist es, welcher den okzidentalischen
Aberglauben dem Orient einimpfte, und unter dem
Pöbel von Damaskus eine Schrift austeilte, worin die
Juden des Christenmords bezüchtigt werden. Diese
haßschnaufende Schrift, die der Graf Menton von
seinen geistlichen Freunden zum Behufe der Ver»
breitung empfangen hatte, ist ursprünglich der »Biblio-
theca prompta a Lucio Ferrario« entlehnt, und es
wird darin ganz bestimmt behauptet, daß die Juden
zur Feier ihres Paschafestes des Blutes der Christen
bedürften. Der edle Graf hütete sich, die damit
verbundene Sage des Mittelalters zu wiederholen,
daß nämlich die Juden zu demselben Zwecke auch
konsakrierte Hostien stehlen und mit Nadeln so lange
stechen, bis das Blut herausfließe — eine Untat, die
im Mittelalter nicht bloß durch beeidigte Zeugen-
aussagen, sondern auch dadurch ans Tageslicht ge-
kommen, daß über dem Judenhause, worin eine jener
gestohlenen Hostien gekreuzigt worden, sich ein
lichter Schein verbreitete. Nein, die Ungläubigen,
ix, 4
50
Lute z ia.
die Muhamedaner, hätten dergleichen nimmermehr
geglaubt, und der Graf Menton mußte, im Interesse
seiner Sendung, zu weniger mirakuiösen Historien
seine Zuflucht nehmen. Ich sage im Interesse seiner
Sendung, und überlasse diese Worte dem weitesten
Nachdenken. Der Herr Graf ist erst seit kurzer
Zeit in Damaskus; vor sechs Monaten sah man ihn
hier in Paris, der Werkstätte aller progressiven, aber
auch aller retrograden Verbrüderungen. — Der hie*
sige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Herr
Thiers, der sich jüngst nicht bloß als Mann der
Humanität, sondern sogar als Sohn der Revolution
geltend zu machen suchte, offenbart bei Gelegenheit
der Damaszener Vorgänge eine befremdliche Lau-
heit. Nach dem heutigen »Moniteur« soll bereits ein
Vizekonsul nach Damaskus abgegangen sein, um
das Betragen des dortigen französischen Konsuls zu
untersuchen. Ein Vizekonsul! Gewiß eine unter-
geordnete Person aus einer nachbarlichen Landschaft,
ohne Namen und ohne Bürgschaft parteiloser Un-
abhängigkeit!
VII.
Paris, 14. Mai 1840.
Die offizielle Ankündigung in betreff der sterb-
lichen Reste Napoleons hat hier eine Wirkung her-
vorgebracht, die alle Erwartungen des Ministeriums
übertraf. Das Nationalgefühl ist aufgeregt bis in
seine abgründlichsten Tiefen, und der große Akt der
Gerechtigkeit, die Genugtuung, die dem Riesen un-
seres Jahrhunderts widerfährt und alle edlen Herzen
dieses Erdballs erfreuen muß, erscheint den Franzosen
Erster Teil. ci
als der Anfang einer Rehabilitation ihrer gekränkten
Volksehre. Napoleon ist ihr Poinud'honneur.
Während aber der kluge Präsident des Konseils ^
die Nationaleitelkeit unserer lieben Kechenäer, der
Maulaufsperrer an der Seine, mit Erfolg zu kitzeln
und auszubeuten weiß, zeigt er sich sehr indifferent,
ja mehr als indifferent in einer Sache, wo nicht die
Interessen eines Landes oder eines Volks, sondern
die Interessen der Menschheit selbst in Betracht kom-
men. Ist es Mangel an liberalem Gefühl oder an
Scharfsinn, was ihn verleitete, für den französischen
Konsul, dem in der Tragödie zu Damaskus die
schändlichste Rolle zugeschrieben wird, offenbar Par-
tei zu nehmen? Nein, Herr Thiers ist ein Mann
von großer Einsicht und Humanität, aber er ist auch
Staatsmann, er bedarf nicht bloß der revolutionären
Sympathien, er hat Helfer nötig von jeder Sorte, er
muß transigieren, er braucht eine Majorität in der
Pairskammer, er kann den Klerus als ein gouverne-
mentales Mittel benützen, nämlich jenen Teil des Kle-
rus, der, von der altern Bourbonischen Linie nichts
mehr erwartend, sich der jetzigen Regierung ange-
schlossen hat. Zu diesem Teil des Klerus, welchen
man den clerge rallie" nennt, gehören sehr viele Ultra-
montanen, deren Organ ein Journal, namens »Uni-
vers«; letztere erwarten das Heil der Kirche von
Herrn Thiers, und dieser sucht wieder in jenen seine
Stütze. Graf Montalembert, das rührigste Mitglied
der frommen Gesellschaft und seit dem ersten März
auch Seide des Herrn Thiers, ist der sichtbare Ver-
mittler zwischen dem Sohn der Revolution und den
Vätern des Glaubens, zwischen dem ehemaligen
Redakteur des »National« und den jetzigen Redak-
toren des »Univers«, die in ihren Kolonnen alles
?2 Luteiia
mögliche aufbieten, um der Welt glauben zu machen,
die Juden fräßen alte Kapuziner und der Graf Ratti-
Menton sei ein ehrlicher Mann. Graf Ratti-Men-
ton, ein Freund, vielleicht nur ein Werkzeug der
Freunde des Grafen Montalembert, war früher fran-
zösischer Konsul in Sizilien, wo er zweimal Banke-
rott machte und fortgeschafft ward. Später war er
Konsul in Tiflis, wo er ebenfalls das Feld räumen
mußte, und zwar wegen Dingen, die nicht sonder-
lich ehrender Art sind; nur so viel will ich be-
merken, daß damals der russische Botschafter zu
Paris, Graf Pahlen, dem hiesigen Minister der aus-
wärtigen Angelegenheiten, Grafen Mole, die be-
stimmte Anzeige machte: im Fall man den Herrn
Ratti-Menton nicht von Tiflis abberufe, werde die
kaiserlich russische Regierung denselben schimpflich
zu entfernen wissen. Man hätte das Holz, wodurch
man Flammen schüren will, nicht von so faulem
Baume nehmen sollen!
VIII.
Paris, 20. Mai 1840.
Herr Thiers hat, durch die überzeugende Klarheit,
womit er in der Kammer die trockensten und ver-
worrensten Gegenstände abhandelte, wieder neue
Lorbeern errungen. Die Bankverhältnisse wurden
uns durch seine Rede ganz veranschaulicht, sowie
auch die Algierschen Angelegenheiten und die Zucker-
frage. Der Mann versteht alles; es ist schade, daß
er sich nicht auf deutsche Philosophie gelegt hat;
er würde auch diese zu verdeutlichen wissen. Aber
wer weiß! wenn die Ereignisse ihn antreiben und
Erster Tei
53
er sich auch mit Deutschland beschäftigen muß, wird
er über Hegel und Schelling ebenso belehrend spre^
chen, wie über Zuckerrohr und Runkelrübe.
Wichtiger aber für die Interessen Europas, als die
kommerziellen, finanziellen und Kolonialgegenstände,
die in der Kammer zur Sprache kamen, ist die feier-
liehe Rückkehr der irdischen Reste Napoleons. Diese
Angelegenheit beschäftigt hier noch immer alle Geister,
die höchsten wie die niedrigsten. Während unten im
Volke alles jubelt, jauchzt, glüht und aufflammt, grü*
belt man oben, in den kältern Regionen der Gesell*
schaff, über die Gefahren, die jetzt von Sankt Helena
aus täglich näher ziehen und Paris mit einer sehr
bedenklichen Totenfeier bedrohen. Ja, könnte man
schon den nächsten Morgen die Asche des Kaisers
unter der Kuppel des Invalidenpalastes beisetzen, so
dürfte man dem jetzigen Ministerium Kraft genug
zutrauen, bei diesem Leichenbegängnisse jeden un*
gefügen Ausbruch der Leidenschaften zu verhüten.
Aber wird es diese Kraft noch nach sechs Monaten
besitzen, zur Zeit, wenn der triumphierende Sarg in
die Seine hereinschwimmt? In Frankreich, dem rau-
schenden Lande der Bewegung, können sich binnen
sechs Monaten die sonderbarsten Dinge ereignen:
Thiers ist unterdessen vielleicht wieder Privatmann
geworden (was wir sehr wünschten), oder er ist
unterdessen als Minister sehr depopularisiert (was
wir sehr befürchten), oder Frankreich ward unter-
dessen in einen Krieg verwickelt — und alsdann
könnten aus der Asche Napoleons einige Funken
hervorsprühen, ganz in der Nähe des Stuhls, der
mit rotem Zunder bedeckt ist!
Schuf Herr Thiers jene Gefahr, um sich unent-
behrlich zu machen, da man ihm auch die Kunst
-, Lutezia
zutraut, alle selbstgeschaffcnen Gefahren glücklich
zu überwinden, oder sucht er im Bonapartismus eine
glänzende Zuflucht für den Fall, daß er einmal mit
dem Orleanismus ganz brechen müßte? Herr Thiers
weiß sehr gut, daß, wenn er, in die Opposition zu*
rücksinkend, den jetzigen Thron umstürzen hülfe, die
Republikaner ans Ruder kämen und ihm für den
besten Dienst den schlechtesten Dank widmen wür-
den; im günstigsten Falle schöben sie ihn sacht bei»
seite. Stolpernd über jene rohen Tugendklötze könnte
er leicht den Hals brechen und noch obendrein ver*
höhnt werden. Dergleichen hätte er aber nicht vom
Bonapartismus zu befürchten, wenn er dessen Wieder*
einsetzung förderte. Und leichter wäre es in Frank*
reich ein Bonapartisten*Regiment als eine Republik
wieder zu begründen.
Die Franzosen, aller republikanischen Eigenschaften
bar, sind ihrer Natur nach ganz bonapartistisch. Ihnen
fehlt die Einfalt, die Selbstgenügsamkeit, die innere
und die äußere Ruhe; sie lieben den Krieg des Krie*
ges wegen; selbst im Frieden ist ihr Leben eitel
Kampf und Lärm; die Alten wie die Jungen er-
götzen sich gern am Trommelschlag und Pulver*
dampf, an Knalleffekten jeder Art.
Dadurch, daß Herr Thiers ihrem angebornen Bona*
partismus schmeichelte, hat er unter den Franzosen
die außerordentlichste Popularität gewonnen. Oder
ward er populär, weil er selber ein kleiner Napoleon
ist, wie ihn jüngst ein deutscher Korrespondent
nannte? Ein kleiner Napoleon! Ein kleiner goti*
scher Dom! Ein gotischer Dom erregt eben da*
durch unser Erstaunen, weil er so kolossal, so groß
ist. Im verjüngten Maßstabe verlöre er alle Bedeu»
tung. Herr Thiers ist gewiß mehr als so ein win*
Erster Teil
55
ziges Dömchen. Sein Geist überragt alle IntellU f
genzen rund um ihn her, obgleich manche darunter
sind, die von bedeutender Statur. Keiner kann sich
mit ihm messen, und in einem Kampfe mit ihm muß
die Schlauheit selbst den kürzern ziehen. Er ist der
klügste Kopf Frankreichs, obgleich er, wie man be^
hauptet, es selbst gesteht. In seiner schnellzüngigen
Weise soll er nämlich voriges Jahr, während der
Ministerkrisis, zum König gesagt haben: »Ew. Maje-
stät glauben, Sie seien der klügste Mann in diesem
Lande, aber ich kenne hier jemand, der noch weit
klüger ist, und das bin Ich!« Der schlaue Philipp
soll hierauf geantwortet haben: »Sie irren sich, Herr
Thiers; wenn Sie es wären, würden Sie es nicht
sagen.« — Dem sei aber wie ihm wolle, Herr Thiers -
wandelt zu dieser Stunde durch die Gemächer der
Tuilerien mit dem Selbstbewußtsein seiner Größe,
als ein Maire du Palais der Orleanischen Dynastie.
Wird er lange diese Allmacht behaupten? Ist er
nicht jetzt schon heimlich gebrochen, infolge unge-
heurer Anstrengungen? Sein Haupt ist vor der Zeit
gebleicht, man findet darauf gewiß kein einziges
schwarzes Haar mehr; und je länger er herrscht,
desto mehr schwindet die kecke Gesundheit seines
Naturells. Die Leichtigkeit, womit er sich bewegt,
hat jetzt sogar etwas Unheimliches. Aber außer-
ordentlich und bewunderungswürdig ist sie noch
immer, diese Leichtigkeit, und wie leicht und be-
weglich auch die andern Franzosen sind, in Ver-
gleichung mit Thiers erscheinen sie wie lauter plumpe
Deutsche.
r(f Lutezia
IX.
Paris, 27. Mai 1840.
Über die Blutfrage von Damaskus haben nord=
deutsche Blätter mehre Mitteilungen geliefert, welche
teils von Paris, teils von Leipzig datiert, aber wohl
aus derselben Feder geflossen sind, und, im Interesse
einer gewissen Clique, das Urteil des deutschen
Publikums irre leiten sollen. Wir lassen die Per*
sönlichkeit und die Motive jenes Berichterstatters
unbeleuchtet, enthalten uns auch aller Untersuchung
s/ der Damaszener Vorgänge; nur über das, was in
Beziehung derselben von den hiesigen Juden und der
hiesigen Presse gesagt wurde, erlauben wir uns einige
berichtigende Bemerkungen. Aber auch bei dieser
Aufgabe leitet uns mehr das Interesse der Wahrheit
als der Personen; und was gar die hiesigen Juden
betrifft, so ist es möglich, daß unser Zeugnis eher
gegen sie als für sie spräche. — Wahrlich, wir wür*
den die Juden von Paris eher loben als tadeln, wenn
sie, wie die erwähnten norddeutschen Blätter melde*
ten, für ihre unglücklichen Glaubensbrüder in Da*
maskus einen so großen Eifer an den Tag legten
und zur Ehrenrettung ihrer verleumdeten Religion
keine Geldopfer scheuten. Aber es ist nicht der
Fall. Die Juden in Frankreich sind schon zu lange
emanzipiert, als daß die Stammesbande nicht sehr
gelockert wären, sie sind fast ganz untergegangen,
oder, besser gesagt, aufgegangen in der französischen
Nationalität; sie sind gerade ebensolche Franzosen
wie die andern, und haben also auch Anwandlungen
von Enthusiasmus, die vierundzwanzig Stunden, und,
wenn die Sonne heiß ist, sogar drei Tage dauern!
— und das gilt von den Bessern. Viele unter ihnen
Erster Teil 57
üben noch den jüdischen Zeremonialdienst, den äußer*
liehen Kultus, mechanisch, ohne zu wissen warum,
aus alter Gewohnheit; von innerm Glauben keine
Spur, denn in der Synagoge ebenso wie in der christ*
liehen Kirche hat die witzige Säure der Voltaire*
sehen Kritik zerstörend gewirkt. Bei den franzö- ^
sischen Juden, wie bei den übrigen Franzosen, ist
das Gold der Gott des Tages und die Industrie ist
die herrschende Religion. In dieser Beziehung dürfte
man die hiesigen Juden in zwei Sekten einteilen: in
die Sekte der rive droite und die Sekte der rive
gauche; diese Namen haben nämlich Bezug auf die
beiden Eisenbahnen, welche, die eine längs dem
rechten Seine-Ufer, die andere dem linken Ufer ent-
lang, nach Versailles führen, und von zwei berühm«
ten Finanzrabbinen geleitet werden, die miteinander
ebenso divergierend hadern, wie einst Rabbi Samai
und Rabbi Hillel in der altern Stadt Babylon.
Wir müssen dem Großrabbi der rive droite, dem
Baron Rothschild, die Gerechtigkeit widerfahren las-
sen, daß er für das Haus Israel eine edlere Sym-
pathie an den Tag legte, als sein schriftgelehrter
Antagonist, der Großrabbi der rive gauche, Herr
Benoit Fould, der, während in Syrien, auf Anrei-
zung eines französischen Konsuls, seine Glaubens-
brüder gefoltert und gewürgt wurden, mit der un-
erschütterlichen Seelenruhe eines Hillel, in der fran-
zösischen Deputiertenkammer einige schöne Reden
hielt über die Konversion der Renten und den Dis-
konto der Bank.
Das Interesse, welches die hiesigen Juden an der
Tragödie von Damaskus nahmen, reduziert sich auf
sehr geringfügige Manifestationen. Das israelitische
Konsistorium, in der lauen Weise aller Körperschaf-
j8 Luttria
ten, versammelte sich und deliberierte; das einzige
Resultat dieser Deliberationen war die Meinung, daß
man die Aktenstücke des Prozesses zur öffentlichen
Kunde bringen müsse. Herr Cremieux, der berühmte
Advokat, welcher nicht bloß den Juden, sondern den
Unterdrückten aller Konfessionen und aller Doktrinen,
zu jeder Zeit seine großmütige Beredsamkeit gewid-
met, unterzog sich der oben erwähnten Publikation,
und, mit Ausnahme einer schönen Frau und einiger
jungen Gelehrten, ist wohl Herr Cremieux der ein»
zige in Paris, der sich der Sache Israels tätig an-
nahm. Mit der größten Aufopferung seiner persön-
lichen Interessen, mit Verachtung jeder lauernden
Hinterlist, trat er den gehässigsten Insinuationen rück-
sichtslos entgegen, und erbot sich sogar nach Ägyp-
ten zu reisen, wenn dort der Prozeß der Damaszener
Juden vor das Tribunal des Pascha Mehemet Ali
gezogen werden sollte. Der ungetreue Berichter-
statter in den erwähnten norddeutschen Blättern, der
»Leipziger Allg. Ztg.«, insinuiert mit perfider Neben-
bemerkung, daß Herr Cremieux die Entgegnung, wo-
mit er die falschen Missionsberichte in den hiesigen
Zeitungen zu entkräften wußte, als Inserat druckte
und die übliche Gebühr dafür entrichtete. Wir wissen
aus sicherer Quelle, daß die Journaldirektionen sich
bereitwillig erklärten, jene Entgegnung ganz gebühr-
frei einzurücken, wenn man einige Tage warten wolle,
und nur auf Verlangen des schleunigsten Abdrucks
berechneten einige Redaktionen die Kosten eines
Supplementblattes, die wahrlich nicht von großem
Belange, wenn man die Geldkräfte des israelitischen
Konsistoriums bedenkt. Die Geldkräfte der Juden
sind in der Tat groß, aber die Erfahrung lehrt, daß
ihr Geiz noch weit größer ist. Eines der hochge-
Erster Teil
59
schätztesten Mitglieder des hiesigen Konsistoriums
— man schätzt ihn nämlich auf einige dreißig Million
nen Frs. — Herr W. de Romilly, gäbe vielleicht
keine hundert Frs., wenn man zu ihm käme mit
einer Kollekte für die Rettung seines ganzen Stam-
mes! Es ist eine alte, klägliche, aber noch immer
nicht abgenutzte Erfindung, daß man demjenigen,
der zur Verteidigung der Juden seine Stimme erhebt,
die unlautersten Geldmotive zuschreibt; ich bin über-
zeugt, nie hat Israel Geld gegeben, wenn man ihm
nicht gewaltsam die Zähne ausriß, wie zur Zeit der
Valois. Als ich unlängst die »Histoire des Juifs«
von Basnage durchblätterte, mußte ich herzlich lachen
über die Naivetät, womit der Autor, welchen seine
Gegner anklagten, als habe er Geld von den Juden
empfangen, sich gegen solche Beschuldigung ver-
teidigte; ich glaube ihm aufs Wort, wenn er weh«
mutig hinzusetzt: »Le peuple juif est le peuple le -
plus ingrat qu'il y ait au monde!« Hie und da frei«
lieh gibt es Beispiele, daß die Eitelkeit die verstock-
ten Taschen der Juden zu erschließen verstand, aber
dann war ihre Liberalität noch widerwärtiger als
ihre Knickerei. Ein ehemaliger preußischer Lieferant,
welcher, anspielend auf seinen hebräischen Namen
Moses (Moses heißt nämlich auf deutsch »aus dem
Wasser gezogen«, auf italienisch »del mare*>, den
dem letztem entsprechenden klangvolleren Namen
eines Baron Delmar angenommen hat, stiftete hier
vor einiger Zeit eine Erziehungsanstalt für verarmte
junge Adelige, wozu er über anderthalb Millionen
Francs aussetzte, eine noble Tat, die ihm im Fau-
bourg Saint-Germain so hoch angerechnet wurde,
daß dort selbst die stolzältesten Douairieren und die
schnippisch jüngsten Fräulein nicht mehr laut über
6o Lutczia
ihn spötteln. Hat dieser Edelmann aus dem Stamme
David auch nur einen Pfennig beigesteuert bei einer
Kollekte für die Interessen der Juden? Ich möchte
mich dafür verbürgen, daß ein anderer aus dem
Wasser gezogener Baron, der im edlen Faubourg
den Gentilhomme catholique und großen Schrift*
steller spielt, weder mit seinem Gelde noch mit sei-
ner Feder für die Stammesgenossen tätig war. Hier
muß ich eine Bemerkung aussprechen, die vielleicht
^/ die bitterste. Unter den getauften Juden sind viele,
die aus feiger Hypokrisie über Israel noch ärgere
Mißreden führen, als dessen geborne Feinde. In
derselben Weise pflegen gewisse Schriftsteller, um
nicht an ihren Ursprung zu erinnern, sich über die
Juden sehr schlecht oder gar nicht auszusprechen.
Das ist eine bekannte, betrübsam lächerliche Er-
scheinung. Aber es mag nützlich sein, das Publikum
jetzt besonders darauf aufmerksam zu machen, da
nicht bloß in den erwähnten norddeutschen Blättern,
sondern auch in einer weit bedeutenderen Zeitung,
die Insinuation zu lesen war, als flösse alles, was
zugunsten der Damaszener Juden geschrieben wor-
den, aus jüdischen Quellen, als sei der österreichische
Konsul zu Damaskus ein Jude, als seien die übrigen
Konsuln dort, mit Ausnahme des französischen, lau-
ter Juden. Wir kennen diese Taktik, wir erlebten
sie bereits bei Gelegenheit des jungen Deutschlands.
Nein, sämtliche Konsuln von Damaskus sind Chri-
sten, und daß der österreichische Konsul dort nicht
einmal jüdischen Ursprungs ist, dafür bürgt uns eben
die rücksichtslose, offene Weise, womit er die Juden
gegen den französischen Konsul in Schutz nahm; —
was der letztere ist, wird die Zeit lehren.
Erster Teil 6l
X.
Paris, 30. Mai 1840.
Toujours lui! Napoleon und wieder Napoleon!
Er ist das unaufhörliche Tagesgespräch, seit der Ver-
kündigung seiner posthumen Rückkehr, und gar be-
sonders seit die Kammer, in betreff der notwendigen
Kosten, einen so kläglichen Beschluß gefaßt. Letz-
teres war wieder eine Unbesonnenheit, die dem Ver-
werfen der Nemours'schen Dotation an die Seite ge-
setzt werden darf. Die Kammer ist durch jenen
Beschluß mit den Sympathien des französischen Volks
in eine bedenkliche Opposition geraten. Gott weiß,
es geschah aus Kleinmut mehr denn aus Böswillig-
keit. Die Majorität in der Kammer war im Anfang
für die Translation der Napoleonischen Asche ebenso
begeistert wie das übrige Volk; aber allmählich kam
sie zu einer entgegengesetzten Besinnung, als sie die
eventuellen Gefahren berechnete und als sie jenes
bedrohliche Jauchzen der Bonapartisten vernahm, das
in der Tat nicht sehr beruhigend klang. Jetzt lieh
man auch den Feinden des Kaisers ein geneigteres
Ohr, und sowohl die eigentlichen Legitimisten als
auch die Royalisten von der laxen Observanz be-
nutzten diese Mißstimmung, indem sie gegen Napo-
leon mit ihrer alten eingewurzelten Erbitterung mehr
oder minder geschickt hervortraten. So gab uns
namentlich die »Gazette de France« eine Blumen-
lese von Schmähungen gegen Napoleon, nämlich
Auszüge aus den Werken Chateaubriands, der Frau
von Stael, Benjamin Constants usw. Unsereiner,
der in Deutschland an derbere Kost gewöhnt, mußte
darüber lächeln. Es wäre ergötzlich, wenn man,
das Feine durch das Rohe parodierend, neben jenen
(f2 Lutczia
französischen Exzerpten ebenso viele Parallelstellen
setzte von deutschen Autoren aus der grobtümlichen
Periode. Der »Vater Jahn« führte eine Mistgabe!,
womit er auf den Korsen weit wütender zustach, als
so ein Chateaubriand mit seinem leichten und funkeln*
den Galanteriedegen. Chateaubriand und Vater Jahn!
Welche Kontraste und doch welche Ähnlichkeit!
War aber Chateaubriand sehr parteiisch in seiner
Beurteilung des Kaisers, so war es letzterer noch
viel mehr durch die wegwerfende Weise, womit er
sich auf Sankt Helena über den Pilgrim von Jeru*
salem aussprach. Er sagte nämlich: »C'est une
äme rampante qui a la manie d'e'crire des livres.«
Nein, Chateaubriand ist keine niedrige Seele, son-
dern er ist bloß ein Narr, und zwar ein trauriger
Narr, während die andern heiter und kurzweilig sind.
Er erinnert mich immer an den melancholischen
Lustigmacher von Ludwig XIII. Ich glaube er hieß
Angeli, trug eine Jacke von schwarzer Farbe, auch
eine schwarze Kappe mit schwarzen Schellen und
riß betrübte Spaße. Der Pathos des Chateaubriand
hat für mich immer etwas Komisches/ dazwischen
höre ich stets das Geklingel der schwarzen Glöck-
chen. Nur wird die erkünstelte Schwermut, die
affektierten Todesgedanken, auf die Länge ebenso
widerwärtig wie eintönig. Es heißt, er sei jetzt mit
einer Schrift über die Leichenfeier Napoleons be~
schäftigt. Das wäre in der Tat für ihn eine vor-
treffliche Gelegenheit, seine oratorischen Flore und
Immortellen, den ganzen Pomp seiner Begräbnis-
phantasie auszukramen; sein Pamphlet wird ein ge-
schriebener Katafalk werden, und an silbernen Tränen
und Trauerkerzen wird er es nicht fehlen lassen ,
denn er verehrt den Kaiser, seit er tot ist.
Erster Teil 63
Auch Frau von Stael würde jetzt den Napoleon
feiern, wenn sie noch in den Salons der Lebenden
wandelte. Schon bei der Rückkehr des Kaisers von
der Insel Elba, während der hundert Tage, war sie
nicht übel geneigt, das Lob des Tyrannen zu singen,
und stellte nur zur Bedingung, daß ihr vorher zwei
Millionen, die man vorgeblich ihrem seligen Vater
schuldete, ausgezahlt würden. Als ihr aber der
Kaiser dieses Geld nicht gab, fehlte ihr die nötige
Inspiration für die erbotenen Preisgesänge, und Co*
rinna improvisierte jene Tiraden, die dieser Tage von
der »Gazette de France« so wohlgefällig wiederholt
wurden. Point d'argent, point de Suisses! <■* Daß
diese Worte auch auf ihren Landsmann Benjamin
Constant anwendbar, ist uns leider nur gar zu sehr
bekannt. — Doch laßt uns nicht weiter die Personen
beleuchten, die den Kaiser geschmäht haben. Genug,
Madame de Stael ist tot, und B. Constant ist tot,
und Chateaubriand ist sozusagen auch tot: wenig-
stens wie er uns seit Jahren versichert, beschäftigt
er sich ausschließlich mit seiner Beerdigung, und
seine »Memoires d'outre-tombe«, die er stückweise
herausgibt, sind nichts anderes als ein Leichenbe-
gängnis, das er vor seinem definitiven Hinscheiden
selber veranstaltet, wie einst der Kaiser Karl V.
Genug, er ist als tot zu betrachten, und er hat in
seiner Schrift das Recht, den Napoleon wie seines*
gleichen zu behandeln.
Aber nicht bloß die erwähnten Exzerpte älterer
Autoren, sondern auch die Rede, die Herr v. La-
martine in der Deputiertenkammer über oder viel-
mehr gegen Napoleon hielt, hat mich widerwärtig
berührt, obgleich diese Rede lauter Wahrheit ent-
hält. Die Hintergedanken sind unehrlich, und der
6.1 Lutezia
Redner sagte die Wahrheit im Interesse der Lüge.
Es ist wahr, es ist tausendmal wahr, daß Napoleon
ein Feind der Freiheit war, ein Despot, gekrönte
Selbstsucht, und daß seine Verherrlichung ein böses,
gefährliches Beispiel. Es ist wahr, ihm fehlten die
Bürgertugenden eines Bailly, eines Lafayette, und er
trat die Gesetze mit Füßen und sogar die Gesetz-
geber, wovon noch jetzt einige lebende Zeugnisse
im Hospital des Luxembourg. Aber es ist nicht
dieser liberticide Napoleon, nicht der Held des 18. Bru-
maire, nicht der Donnergott des Ehrgeizes, dem ihr
die glänzendsten Leichenspiele und Denkmale widmen
sollt! Nein; es ist der Mann, der das junge Frank-
reich dem alten Europa gegenüber repräsentierte,
dessen Verherrlichung in Frage steht: in seiner Person
siegte das französische Volk, in seiner Person ward
es gedemütigt, in seiner Person ehrt und feiert es
sich selber — und das fühlt jeder Franzose, und
deshalb vergißt man alle Schattenseiten des Ver-
storbenen und huldigt ihm quand meine, und die
Kammer beging einen großen Fehler durch ihre un-
zeitige Knickerei. — Die Rede des Herrn v. La-
martine war ein Meisterstück, voll von perfiden Blu-
men, deren feines Gift manchen schwachen Kopf
betäubte; doch der Mangel an Ehrlichkeit wird spär-
lich bedeckt von den schönen Worten, und das
Ministerium darf sich eher freuen als betrüben, daß
seine Feinde ihre antinationalen Gefühle so unge-
schickt verraten haben.
Erster Teil 65
XI.
Paris, 3. Juni 1840.
Die Pariser Tagesblätter werden, wie überhaupt
in der ganzen Welt, auch jenseits des Rheines ge*
lesen, und man pflegt dort der heimatlichen Presse,
im Vergleich mit der französischen, den Wert der*
selben überschätzend, alles Verdienst abzusprechen.
Es ist wahr, die hiesigen Journale wimmeln von
Stellen, die bei uns in Deutschland selbst der nach-
sichtigste Zensor streichen würde; es ist wahr, die
Artikel sind in den französischen Blättern besser ge-
schrieben und logischer abgefaßt, als in den deut-
schen, wo der Verfasser seine politische Sprache erst
schaffen und durch die Urwälder seiner Ideen sich
mühsam durchkämpfen muß; es ist wahr, der Fran-
zose weiß seine Gedanken besser zu redigieren, und
er entkleidet dieselben, vor den Augen des Publi-
kums, bis zur deutlichsten Nacktheit, während der
deutsche Journalist, weit mehr aus innerer Blödigkeit
als aus Furcht vor dem tötlichen Rotstift, seine Ge-
danken mit allen möglichen Schleiern der Unmaß-
geblichkeit zu verhüllen sucht; und dennoch, wenn
man die französische Presse nicht nach ihrer äußern
Erscheinung beurteilt, sondern sie in ihrem Innern,
in ihren Bureaus, belauscht, muß man eingestehen,
daß sie an einer besonderen Art von Unfreiheit leidet,
die der deutschen Presse ganz fremd und vielleicht
verderblicher ist als unsere transrhenanische Zensur.
Alsdann muß man auch eingestehen, daß die Klar-
heit und Leichtigkeit, womit der Franzose seine Ge-
danken ordnet und abhandelt, aus einer dürren Ein-
seitigkeit und mechanischen Beschränkung hervorgeht,
'lie weit mißlicher ist, als die blühende Konfusion
ix, 5
66 Lutczia
und unbeholfene Überfülle des deutschen Journalisten !
Hierüber eine kurze Andeutung:
Die französische Tagespresse ist gewissermaßen
eine Oligarchie, keine Demokratie; denn die Begrün-
dung eines französischen Journals ist mit so vielen
Kosten und Schwierigkeiten verbunden, daß nur Per-
sonen, die imstande sind, die größten Summen aufs
Spiel zu setzen, ein Journal errichten können. Es
sind daher gewöhnlich Kapitalisten oder sonstige In-
dustrielle, die das Geld herschießen zur Stiftung eines
Journals; sie spekulieren dabei auf den Absatz, den
das Blatt finden werde, wenn es sich als Organ einer
bestimmten Partei geltend zu machen verstanden, oder
sie hegen gar den Hintergedanken, das Journal später-
hin, sobald es eine hinlängliche Anzahl Abonnenten
gewonnen, mit noch größerem Profit an die Regierung
zu verkaufen. Auf diese Weise, angewiesen auf die
Ausbeutung der vorhandenen Parteien oder des Mini-
steriums, geraten die Journale in eine beschränkende
Abhängigkeit, und was noch schlimmer ist, in eine
Exklusivität, eine Ausschließlichkeit bei allen Mittei-
lungen, wogegen die Hemmnisse der deutschen Zensur
nur wie heitere Rosenketten erscheinen dürften. Der
Redakteur en chef eines französischen Journals ist
ein Condottiere, der durch seine Kolonnen die In-
teressen und Passionen der Partei, die ihn durch Ab-
satz oder Subvention gedungen hat, verficht und ver-
teidigt. Seine Unterredakteure, seine Leutnants und
Soldaten, gehorchen mit militärischer Subordination,
und sie geben ihren Artikeln die verlangte Richtung
und Farbe, und das Journal erhält dadurch jene Ein-
heit und Präzision, die wir in der Ferne nicht genug
bewundern können. Hier herrscht die strengste Dis-
ziplin des Gedankens und sogar des Ausdrucks. Hat
Erster Teil 67
irgendein unachtsamer Mitarbeiter das Kommando
überhört, hat er nicht ganz so geschrieben wie die
Consigne lautete, so schneidet der Redakteur en chef
ins Fleisch seines Aufsatzes mit einer militärischen
Unbarmherzigkeit, wie sie bei keinem deutschen Zen-
sor zu finden wäre. Ein deutscher Zensor ist ja^
auch ein Deutscher, und bei seiner gemütlichen VieU
seitigkeit gibt er gern vernünftigen Gründen Gehör;
aber der Redakteur en chef eines französischen Jour-
nals ist ein praktisch einseitiger Franzose, hat seine
bestimmte Meinung, die er sich ein für allemal mit
bestimmten Worten formuliert hat, oder die ihm wohl-
formuliert von seinen Kommittenten überliefert worden.
Käme nun gar jemand zu ihm und brächte ihm einen
Aufsatz, der zu den erwähnten Zwecken seines Jour-
nals in keiner fördernden Beziehung stände, der etwa
ein Thema behandelte, das kein unmittelbares Inter-
esse hätte für das Publikum, dem das Blatt als Organ
dient, so wird der Aufsatz streng zurückgewiesen,
mit den sakramentalen Worten: «Cela n'entre pas
dans l'idee de notre Journal.» Da nun solchermaßen
von den hiesigen Journalen jedes seine besondre po-
litische Farbe und seinen bestimmten Ideenkreis hat, so
ist leicht begreiflich, daß jemand, der etwas zu sagen
hätte, was diesen Ideenkreis überschritte und auch keine
Parteifarbe trüge, durchaus kein Organ für seine Mit-
teilungen finden würde. Ja, sobald man sich entfernt
von der Diskussion der Tagesinteressen, den soge-
nannten Aktualitäten, sobald man Ideen zu entwickeln
hat, die den banalen Parteifragen fremd sind, sobald
man etwa nur die Sache der Menschheit besprechen
wollte, würden die Redakteure der hiesigen Journ.iK
einen solchen Artikel mit ironischer Höflichkeit zu-
rückweisen; und da man hier nur durch die Jour-
68 Lutezia
nale oder durch ihre annoncierende Vermittlung mit
dem Publikum reden kann, so ist die Charte, die
jedem Franzosen die Veröffentlichung seiner Ge-
danken durch den Druck erlaubt, eine bittere Ver-
höhnung für geniale Denker und Weltbürger, und
faktisch existiert für diese durchaus keine Preßfreiheit:
— »cela n'entre pas dans l'idee de notre Journal.«
Vorstehende Andeutungen befördern vielleicht das
Verständnis mancher unbegreiflichen Erscheinungen,
und ich überlasse es dem deutschen Leser, allerlei
nützliche Belehrung daraus zu schöpfen. Zunächst
aber mögen sie zur Aufklärung dienen, weshalb die
französische Presse in betreff der Juden von Damas-
kus nicht so unbedingt sich zugunsten derselben aus-
sprach, wie man gewiß in Deutschland erwartete. Ja,
der Berichterstatter der »Leipziger Zeitung« und der
kleineren norddeutschen Blätter hat sich keine direkte
Unwahrheit zu schulden kommen lassen, wenn er froh-
lockend referierte, daß die französische Presse bei dieser
Gelegenheit keine sonderliche Sympathie für Israel an
den Tag legte. Aber die ehrliche Seele hütete sich
wohlweislich, den Grund dieser Erscheinung aufzu-
decken, der ganz einfach darin besteht, daß der Präsi-
dent des Ministerkonseils, Herr Thiers, von Anfang an
für den Grafen Ratti-Menton, den französischen Kon-
sul von Damaskus, Partei genommen und den Redak-
teuren aller Blätter, die jetzt unter seiner Botmäßigkeit
stehen, in dieser Angelegenheit seine Ansicht kundge-
geben. Es sind gewiß viele honette und sehr honette
Leute unter diesen Journalisten, aber sie gehorchen
jetzt mit militärischer Disziplin dem Kommando jenes
Generalissimus der öffentlichen Meinung, in dessen
Vorkabinett sie sich jeden Morgen zum Empfang der
Ordre du jour zusammen befinden und gewiß ohne
Erster Teil 69
Lachen sich einander nicht ansehen können; franzö-
sische Haruspices können ihre Lachmuskeln nicht
so gut beherrschen, wie die römischen, von denen
Cicero spricht. In seinen Morgenaudienzen ver-
sichert Herr Thiers mit der Miene der höchsten Über*
zeugung, es sei eine ausgemachte Sache, daß die Juden
Christenblut am Paschafeste söffen, chacun ä son
goüt, alle Zeugenaussagen hätten bestätigt, daß der
Rabbiner von Damaskus den Pater Thomas abge-
schlachtet und sein Blut getrunken, *- das Fleisch
sei wahrscheinlich von geringern Synagogenbeamten
verschmaust worden; — da sähen wir einen trau-
rigen Aberglauben, einen religiösen Fanatismus, der
noch im Oriente herrschend sei, während die Juden
des Okzidentes viel humaner und aufgeklärter ge-
worden und mancher unter ihnen sich durch Vor-
urteilslosigkeit und einen gebildeten Geschmack aus-
zeichne, z. B. Herr von Rothschild, der zwar nicht
zur christlichen Kirche aber desto eifriger zur christ-
lichen Köche übergegangen und den größten Koch
der Christenheit, den Liebling Talleyrands, ehema-
ligen Bischofs von Autun, in Dienst genommen. —
So ungefähr konnte man den Sohn der Revolution
reden hören, zum größten Arger seiner Frau Mutter,
die manchmal rot vor Zorn wird, wenn sie dergleichen
von dem ungeratenen Sohne anhören muß, oder wenn
sie gar sieht, wie derselbe mit ihren ärgsten Feinden
verkehrt, z. B. mit dem Grafen Montalembert, einem
Jungjesuiten, der als das tätigste Werkzeug der ultra-
montanen Rotte bekannt ist. Dieser Anführer der so-
genannten Neokatholiken dirigiert die Zeloten-Zeitung
«L'Univers», ein Blatt, welches mit ebensoviel Geist
wie Perfidie geschrieben wird; auch der Graf besitzt
ist und Talent, ist jedoch ein seltsames Zwitter-
-ro Lutezia
wcsen von adeligem Hochmut und romantischer
Bigotterie, und diese Mischung offenbart sich am
naivsten in seiner Legende von der heiligen Elisa»
beth, einer ungarischen Prinzessin, die er en paren-
these für seine Cousine erklärt, und die von so
schrecklich christlicher Demut gewesen sein soll,
daß sie mit ihrer frommen Zunge den räudigsten
Bettlern die Schwären und den Grind leckte, ja daß
sie vor lauter Frömmigkeit sogar ihren eignen Urin
soff.
Nach diesen Andeutungen begreift man jetzt sehr
leicht die illiberale Sprache jener Oppositionsblätter,
die zu einer andern Zeit Mord und Zeter geschrien
hätten über den im Orient neu angefachten Fana-
tismus, und über den Elenden, der als französischer
Konsul dort den Namen Frankreichs schändet.
Vor einigen Tagen hat Herr Benoit Fould auch
in der Deputiertenkammer das Betragen des fran-
zösischen Konsuls von Damaskus zur Sprache ge-
bracht. Ich muß also zunächst den Tadel zurück-
nehmen, der mir in einem meiner jüngsten Berichte
gegen jenen Deputierten entschlüpfte. Ich zweifelte
nie an dem Geist, an den Verstandeskräften des
Herrn Fould; auch ich halte ihn für eine der größten
Kapazitäten der französischen Kammer; aber ich
zweifelte an seinem Gemüte. Wie gern lasse ich
mich beschämen, wenn ich den Leuten unrecht ge-
tan habe und sie durch die Tat meinen Beschuldi-
gungen widersprechen. Die Interpellation des Herrn
Fould zeugte von großer Klugheit und Würde. Nur
sehr wenige Blätter haben von seiner Rede Auszüge
gegeben; die ministeriellen Blätter haben auch diese
unterdrückt und die Thiersschen Entgegnungen desto
ausfuhrlicher mitgeteilt. Im «Moniteur» habe ich sie
Erster Teil
7*
ganz gelesen. Der Ausdruck: »La religion ä iaquelle
j'ai fhonneur d'appartenir« mußte einen Deutschen
sehr frappieren. Die Antwort des Herrn Thiers war
ein Meisterstück von Perfidie: durch Ausweichen,
durch Verschweigen dessen, was er wisse, durch
scheinbar ängstliche Zurückhaltung, wußte er seine
Gegner aufs köstlichste zu verdächtigen. Hörte man
ihn reden, so konnte man am Ende wirklich glauben,
das Leibgericht der Juden sei Kapuzinerfleisch. —
Aber nein, großer Geschichtschreiber und sehr kleiner
Theolog, im Morgenland ebensowenig wie im Abend«
land erlaubt das alte Testament seinen Bekennern
solche schmutzige Atzung, der Abscheu der Juden
vor jedem Blutgenuß ist ihnen ganz eigentümlich, er
spricht sich aus in den ersten Dogmen ihrer Religion,
in allen ihren Sanitätsgesetzen, in ihren Reinigungs-
Zeremonien, in ihrer Grundanschauung vom Reinen
und Unreinen, in dieser tiefsinnig kosmogonischen
Offenbarung über die materielle Reinheit in der Tier-
welt, welche gleichsam eine physische Ethik bildet
und von Paulus, der sie als eine Fabel verwarf, keines-
wegs begriffen worden. — Nein, die Nachkömmlinge
Israels, des reinen auserlesenen Priestervolks, sie essen
kein Schweinefleisch, auch keine alte Franziskaner,
sie trinken kein Blut, ebensowenig wie sie ihren eigenen
Urin trinken, gleich der heiligen Elisabeth, Urmuhme
des Grafen Montalembert.
Was sich bei jener Damaszener Blutfrage am be-
trübsamsten herausstellte, ist die Unkenntnis der
morgenländischen Zustände, die wir bei dem jetzigen
Präsidenten des Konseils bemerken, eine brillante
Unwissenheit, die ihn einst zu den bedenklichsten
Mißgriffen verleiten dürfte, wenn nicht mehr jene
kleine syrische Blutfrage, sondern die weit größere
72
Lutezia
Weltblutfrage , jene fatale, verhängnisvolle Frage,
welche wir die orientalische nennen, eine Losung
oder Anstalten zur Lösung erfordern möchte. Das
Urteil des Herrn Thiers ist gewöhnlich richtig, aber
seine Prämissen sind oft ganz falsch, ganz aus der
Luft gegriffen, Phantasmen, ausgeheckt im fanatischen
Sonnenbrand der Klöster des Libanons und ähnlicher
Spelunken des Aberglaubens. Die ultramontane
Partei liefert ihm seine Emissäre, und diese berichten
ihm Wunderdinge über die Macht der römisch*
katholischen Christen im Oriente, während doch eine
Schilderhebung jener miserablen Lateiner wahrhaftig
keinen türkischen Hund aus seinem fatalistischen
Ofenloch locken würde. Herr Thiers meint, daß
Frankreich, der traditionelle Glaubensvogt jener La*
teiner, einst durch sie die Oberhand im Orient ge*
winnen könne. Da sind die Engländer viel besser
unterrichtet, sie wissen, daß diese armseligen Nach*
zügler des Mittelalters, die in der Zivilisation mehre
Jahrhunderte zurückgeblieben, noch viel versunkener
sind, als ihre Herren, die Türken, und daß vielmehr
die Bekenner des griechischen Symbols beim Sturz
des osmanischen Reiches, und noch vorher, den
/ Ausschlag geben könnten. Das Oberhaupt dieser
griechischen Christen ist nicht der arme Schelm, der
den Titel Patriarch von Konstantinopel führt, und
dessen Vorgänger dort schmachvoll zwischen zwei
Hunden aufgehängt worden — nein, ihr Oberhaupt
ist der allmächtige Zar von Rußland, der Kaiser und
Papst aller Bekenner des allein heiligen, orthodoxen,
griechischen Glaubens; — er ist ihr geharnischter
Messias, der sie befreien soll vom Joch der Un*
gläubigen, der Kanonendonnergott, der einst sein
Siegesbanner aufpflanzen werde auf die Türme der
Erster Teil
73
großen Moschee von Byzanz — ja, das ist ihr po=
litischer, wie ihr religiöser Glaube, und sie träumen
eine russisch-griechisch-orthodoxe Weltherrschaft, die
von dem Bosporus aus über Europa, Asien und Afrika
ihre Arme ausbreiten werde. — Und was das Schreck-
lichste ist, dieser Traum ist keine Seifenblase, die ein
Windzug vernichtet, es lauert darin eine Möglichkeit,
die versteinernd uns angrinst, wie das Haupt der Medusa!
Die Worte Napoleons auf Sankt Helena, daß in
baldiger Zukunft die Welt eine amerikanische Re-
publik oder eine russische Universalmonarchie sein
werde, sind eine sehr entmutigende Prophezeiung.
Welche Aussicht! Günstigenfalls als Republikaner
vor monotoner Langeweile sterben ! Arme Enkel !
Ich habe oben erwähnt, wie die Engländer viel ^
besser als die Franzosen über alle orientalischen Zu-
stände unterrichtet sind. Mehr als je wimmelt es in
der Levante von britischen Agenten, die über jeden
Beduinen, ja über jedes Kamel, das durch die Wüste
zieht, Erkundigungen einziehen. Wieviel Zechinen
Mehemet Ali in der Tasche, wieviel Gedärme dieser
Vizekönig von Ägypten im Bauche hat, man weiß
es ganz genau in den Bureaus von Downingstreet.
Hier glaubt man nicht den Mirakelhistörchen frommer-'
Schwärmer; hier glaubt man nur an Tatsachen und
Zahlen. Aber nicht bloß im Orient, auch im Ok-v
zident hat England seine zuverlässigsten Agenten,
und hier begegnen wir nicht selten Leuten, die mit
ihrer geheimen Mission auch die Korrespondenz für
Londoner aristokratische oder ministerielle Blätter
verbinden; letztere sind darum nicht minder gut
unterrichtet. Bei der Schweigsamkeit der Briten
erfährt das Publikum selten das Gewerbe jener ge-
heimen Berichterstatter, die selbst den höchsten
•» Lutezia
Staatsbeamten Englands unbekannt bleiben; nur der
jedesmalige Minister der äußern Angelegenheiten
kennt sie, und überliefert diese Kenntnis seinem Nach»
folger. Der Bankier im Ausland, der einem englischen
Agenten irgendeine Auszahlung zu machen hat, er*
fährt nie seinen Namen, er erhält nur die Order,
den Betrag einer angegebenen Summe derjenigen
Person auszuzahlen, die sich durch Vorzeigen einer
Karte, worauf nur eine Nummer steht, legitimieren
werde.
Spätcrc Notiz.
<Mai 1854.)
Der vorstehende Bericht ist von der Redaktion
der »Allgemeinen Zeitung« nicht aufgenommen
worden, und wir drucken ihn hier nach alten
Brouillons, die der Zufall erhalten. Indem aus
diesem Berichte hervorgeht, wie unverdient die Rüge
war, welche ein früherer Artikel über den Depu*
tierten Benoit Fould aussprach, zeigen wir, wie wenig
es uns zu jener Zeit einfiel, in jenem Artikel eine
Ungerechtigkeit zu begehen. Es kam uns damals
ebenfalls nicht in den Sinn, die persönliche Erschei*
nung des erwähnten Deputierten zu verunglimpfen,
und zu diesem Behufe ein Spottwort des »Nationais«
zu zitieren. Schwärmerische Freunde des Herrn
Benoit Fould <und welcher reiche Mann besäße nicht
einen Schwärm von Freunden, die für ihn schwärmen!)
behaupteten zwar zu jener Zeit, am Schlüsse eines
Artikels in der »Allgemeinen Zeitung«, der meine
Chiffre trage und also meiner Autorschaft zuge*
schrieben werden müsse, hätten sie eine boshafte
Erster Teil
75
Zitation aus rJem »National« gelesen, welche den
Generaladvokaten Hebert und Herrn Benoit Fould be=
treffe und dahin laute, »daß letzterer der einzige gewesen,
der dem Generaladvokaten in der Kammer die Hand
gereicht habe, und daß er selber wie der Diskurs
eines accusateur public aussähe«! Wahrlich, einen
sehr schwächlichen Begriff von meinem Geiste und
meiner Vernunft hegen jene guten Leute, welche
glauben konnten, daß ich einen Angriff auf einen
Mann wie B. Fould wagen würde, wenn ich meine
Pfeile dem albernen Köcher des »Nationais« ent-
lehnen müßte! Eine solche Annahme war wirklich
beleidigend für den Verfasser der Reisebilder! Nein,
jene Zitation, jene Misere, floß nicht aus meiner
Feder, und gar in bezug auf Herrn Hebert hätte
ich mir keine Ungezogenheit damals erlaubt, aus
ganz begreiflichen Gründen. Ich wollte nie mit der
schrecklichen Person eines Generaladvokaten, dessen
diskretionäre Befugnisse selbst die des Ministers über-
trafen, etwas zu schaffen haben; es gibt Personen,
die man gar nicht erwähnen muß, wenn man nicht
speziell das Metier eines Demagogen treibt und nach
dem Ruhm des Eingesperrtwerden schmachtet. Ich
sage dieses jetzt, wo eine solche Erklärung von
meinen mutigen und kampflustigen Kommilitionen
nicht mißdeutet werden kann. Zur Zeit wo der
Artikel mit der läppischen Zitation aus dem »Natio-
nal« erschien, enthielt ich mich jeder Erläuterung;
ich durfte niemanden das Recht einräumen, mich
über einen Artikel zur Rede zu stellen, der anonym
erschienen und nur eine Chiffre an der Stirn trug,
womit nicht ich, sondern die Redaktion meine
Artikel zu bezeichnen pflegte, um administrativen
Bedürfnissen zu begegnen; um z. B. die Kompta-
J
76 Lutezia
bilität zu erleichtern, keineswegs aber um einem
verehrungswürdigen Publiko, wie eine leicht errat*
bare Scharade, den Namen des Verfassers sub rosa
zuzuflüstern. Da nur die Redaktion und nicht der
eigentliche Verfasser für jeden anonymen Artikel
verantwortlich bleibt; da die Redaktion gezwungen
ist, das Journal, sowohl der tausendköpfigen Leser*
weit, als auch manchen ganz kopflosen Behörden
gegenüber , zu vertreten ; da sie mit unzähligen
Hindernissen, materiellen und moralischen, täglich
zu kämpfen hat: so muß ihr wohl die Erlaubnis an*
heimgestellt werden, jeden Artikel, den sie aufnimmt,
ihren jedesmaligen Tagesbedürfnissen anzumodeln,
nach Gutdünken durch Ausmerzen, Ausscheiden,
Hinzufügen und Umänderungen jeder Art den
Artikel druckbar zu machen, und gehe auch dabei
die gute Gesinnung und der noch bessere Stil des
Verfassers sehr bedenklich in die Krümpe. Ein in
jeder Hinsicht politischer Schriftsteller muß der Sache
wegen, die er verficht, der rohen Notwendigkeit
manche bittere Zugeständnisse machen. Es gibt
obskure Winkelblätter genug, worin wir unser ganzes
Herz mit allen seinen Zornbränden ausschütten
könnten — aber sie haben nur ein sehr dürftiges
und einflußloses Publikum, und es wäre ebensogut,
als wenn wir in der Bierstube oder im Kaffeehause
vor den respektiven Stammgästen schwadronierten,
gleich andern großen Patrioten. Wir handeln weit
klüger, wenn wir unsre Glut mäßigen, und mit
nüchternen Worten, wo nicht gar unter einer Maske,
in einer Zeitung uns aussprechen, die mit Recht
eine Allgemeine Weltzeitung genannt wird, und
vielen hunderttausend Lesern in allen Landen belehr^
sam zu Händen kommt. Selbst in seiner trostlosen
Erster Teil
77
Verstümmlung kann hier das Wort gedeihlich wirken;
die notdürftigste Andeutung wird zuweilen zu er*
sprießlicher Saat in unbekanntem Boden. Beseelte
mich nicht dieser Gedanke, so hätte ich mir wahr*
lieh nie die Selbsttortur angetan, für die »Allgemeine
Zeitung« zu schreiben. Da ich von dem Treusinn
und der Redlichkeit jenes innigst geliebten Jugend*
freundes und Waffenbruders, der die Redaktion der
Zeitung leitet, zu jeder Zeit unbedingt überzeugt
war, so konnte ich mir auch wohl manche erschreck*
liehe Nachqual der Umarbeitung und Verballhornung
meiner Artikel gefallen lassen; — sah ich doch
immer die ehrlichen Augen des Freundes, welcher
dem Verwundeten zu sagen schien: liege ich denn
etwa auf Rosen ? Dieser wackere Kämpe der deutschen
Presse, der schon als Jüngling für seine liberalen
Überzeugungen Not und Kerker erduldet hat, er,
der für die Verbreitung von gemeinnützlichem
Wissen, dem besten Emanzipationsmittel, und über*
haupt für das politische Heil seiner Mitbürger so
viel getan, viel mehr getan, als Tausende von bramar-
basierenden Maulhelden — er ward von diesen als
servil verschrien, und die »Augsburger Hure« war
der Schmähname, womit der Pöbel der Radikalen
die »Allgemeine Zeitung« immer titulierte. —
Doch ich gerate hier in eine Strömung, die mich
zu weit führen könnte. Ich begnüge mich damit,
hier flüchtig angedeutet zu haben, von welcher Art
die Unfreiheit war, die ich höherer vaterländischer
Rücksichten wegen ertrug, wenn ich für die »All-
gemeine Zeitung« schrieb. In dieser Beziehung be-
gegnete ich mancher Mißdeutung, selbst in Sphären,
wo Intelligenz zu herrschen pflegte. Eine solche
w<ir z. B. die oben bezeichnete Zitation aus dem
y8 Lutezia
»National« , die man mir fälschlich zuschrieb. Da
ich nicht gern unschuldig leide, so geriet ich am
Ende auf den unseligen Gedanken, das Majestäts*
verbrechen, dessen man mich beschuldigte, einmal
wirklich zu begehen, und bei Gelegenheit der Wahlen
zu Tarbes mußte der Deputierte der Hautes*
Pyrenees meinen Unmut entgelten. Da ich jedes
Unrecht am Ende selbst eingestehe, so will ich zu
meiner eigenen Beschämung hier erwähnen, daß der
Mann, dem ich jede Kapazität absprach, sich bald
darauf als ein Staatsmann von höchster Bedeutung
auszeichnete. Ich freute mich darüber.
XII.
Paris, 12. Juni 1840.
^ Der Ritter Spontini bombardiert in diesem Augen*
blick die armen Pariser mit Briefen, um zu jedem
Preis das Publikum an seine verschollene Person zu
erinnern. Es liegt in diesem Augenblick ein Zirku*
lar vor mir, das er an alle Zeitungsredaktoren schickt,
und das keiner drucken will aus Pietät für den ge*
sunden Menschenverstand und Spontinis alten Na*
men. Das Lächerliche grenzt hier ans Sublime.
Diese peinliche Schwäche, die sich im barockesten
Stil ausspricht oder vielmehr ausärgert, ist ebenso
merkwürdig für den Arzt wie für den Sprachforscher.
Ersterer gewahrt hier das traurige Phänomen einer
Eitelkeit, die im Gemüt immer wütender auflodert,
je mehr die edlern Geisteskräfte darin erlöschen; der
andere aber, der Sprachforscher, sieht, welch ein
ergötzlicher Jargon entsteht, wenn ein starrer Italiener,
der in Frankreich notdürftig etwas Französisch
Erster Teil jg
gelernt hat, dieses sogenannte Italiener - Französisch
während eines fünfundzwanzigjährigen Aufenthalts in
Berlin ausbildete, so daß das alte Kauderwelsch mit
sarmatischen Barbarismen gar wunderlich gespickt
ward. Das Zirkular ist vom Februar datiert, ward
aber neuerdings wieder hergeschickt, weil Signor
Spontini hört, daß man hier sein berühmtes Werk
wieder aufführen wolle, welches nichts als eine Falle
sei — eine Falle, die er benutzen will, um hierher
berufen zu werden. Nachdem er nämlich gegen
seine Feinde pathetisch deklamiert hat, setzt er hinzu :
»Et voilä justement le nouveau piege que je crois
avoir devine, et ce qui me fait un inferieux devoir
de m'opposer, me trouvant absent, ä la remise en
scene de mes operas sur le theätre de l'academie
royale de musique, ä moins que je ne sois officielle-
ment engage moi*meme par l'administration, sous la
garantie du Ministere de l'Interieur, ä me rendre
ä Paris, pour aider de mes conseils createurs les ar-
tistes <la tradition de mes operas etant perdue), pour
assister aux repetitions et contribuer au succes de
la Vestale, puisque c'est d'elle qu'il s'agit.« Das ist
noch die einzige Stelle in diesen Spontinischen Sümpfen,
wo fester Boden ; die Pfiffigkeit streckt hier ihre läng*
lichten Ohren hervor. Der Mann will durchaus
Berlin verlassen, wo er es nicht mehr aushalten kann,
seitdem die Meyerbeerschen Opern dort gegeben
werden, und vor einem Jahr kam er auf einige Wochen
hierher und lief von Morgen bis Mitternacht zu allen
Personen von Einfluß, um seine Berufung nach Paris
zu betreiben. Da die meisten Leute hier ihn für
längst verstorben hielten, so erschraken sie nicht
wenig ob seiner plötzlichen geisterhaften Erscheinung.
Die ränkevolle Behendigkeit dieser toten Gebeine
J
80 Lutezia
hatte in der Tat etwas Unheimliches. Hr. Dupon-
chel, der Direktor der Großen Oper, ließ ihn gar
nicht vor sich und rief mit Entsetzen: »Diese intrU
gante Mumie mag mir vom Leibe bleiben ; ich habe
bereits genug von den Intrigen der Lebenden zu er-
dulden!« Und doch hatte Hr. Moritz Schlesinger,
Verleger der Meyerbeerschen Opern i— denn durch
diese gute, ehrliche Seele ließ der Ritter seinen Be=
such bei Hrn. Duponchel voraus ankündigen —
alle seine glaubwürdige Beredsamkeit aufgeboten, um
seinen Empfohlenen im besten Lichte darzustellen.
In der Wahl dieser empfehlenden Mittelsperson be=
kündete Herr Spontini seinen ganzen Scharfsinn.
Er zeigte ihn auch bei andern Gelegenheiten; z. B.
wenn er über jemand räsonierte, so geschah es ge-
wohnlich bei dessen intimsten Freunden. Den fran-
zösischen Schriftstellern erzählte er, daß er in Berlin
einen deutschen Schriftsteller festsetzen lassen, der
gegen ihn geschrieben. Bei den französischen Sän-
gerinnen beklagte er sich über deutsche Sängerinnen,
die sich nicht bei der Berliner Oper engagieren woll-
ten, wenn man ihnen nicht kontraktlich zugestand,
daß sie in keiner Spontinischen Oper zu singen
brauchten!
Aber er will durchaus hierher; er kann es nicht
mehr aushalten in Berlin, wohin er, wie er behaup-
tet, durch den Haß seiner Feinde verbannt worden,
und wo man ihm dennoch keine Ruhe lasse. Dieser
Tage schrieb er an die Redaktion der »France mu<
sicale« : seine Feinde begnügten sich nicht, daß sie
ihn über den Rhein getrieben, über die Weser, über
die Elbe; sie möchten ihn noch weiter verjagen,
über die Weichsel, über den Niemen ! Er findet große
Ähnlichkeit zwischen seinem Schicksal und dem Na-
Erster Teil 8l
poleonschen. Er dünkt sich ein Genie, wogegen
sich alle musikalischen Mächte verschworen. Berlin
ist sein Sankt Helena und Rellstab sein Hudson Lowe.
Jetzt aber müsse man seine Gebeine nach Paris
zurückkommen lassen und im Invalidenhause der
Tonkunst, in der Academie royale de Musique, feier-
lieh beisetzen. —
Das Alpha und Omega aller Spontinischen Be-
klagnisse ist Meyerbeer. Als mir hier in Paris der
Ritter die Ehre seines Besuches schenkte, war er
unerschöpflich an Geschichten, die geschwollen von
Gift und Galle. Er kann die Tatsache nicht ab»
leugnen, daß der König von Preußen unsern großen
Giacomo mit Ehrenbezeugungen überhäuft, und dar-
auf bedacht ist, denselben mit hohen Ämtern und
Würden zu betrauen, aber er weiß dieser königlichen
Huld die schnödesten Motive anzudichten. Am Ende
glaubt er selbst seine eignen Erfindungen, und mit
einer Miene der tiefsten Überzeugung versicherte
er mir : als er einst bei Sr. Majestät dem König ge-
speist, habe Allerhöchstderselbe nach der Tafel mit
heiterer Offenherzigkeit gestanden, daß er den Meyer-
beer um jeden Preis an Berlin fesseln wolle, damit
dieser Millionär sein Vermögen nicht im Auslande
verzehre. Da die Musik, die Sucht, als Opern-
komponist zu glänzen, eine bekannte Schwäche des
reichen Mannes sei, suche er, der König, diese
schwache Seite zu benutzen, um den Ehrgeizigen
durch Auszeichnungen zu ködern. — »Es ist trau-
rig«, soll der König hinzugesetzt haben, »daß ein
vaterländisches Talent, das ein so großes, fast geni-
ales Vermögen besitzt, in Italien und Paris seine
guten preußischen harten Taler vergeuden mußte,
um als Komponist gefeiert zu werden — was man
IX. 6
82 Lutezia
für Geld haben kann, ist auch bei uns in Berlin zu
haben, auch in unsern Treibhäusern wachsen Lor«
beerbäume für den Narren, der sie bezahlen will,
auch unsre Journalisten sind geistreich und lieben
ein gutes Frühstück oder gar ein gutes Mittagessen,
auch unsre Eckensteher und Saure «Gurkenhändler
haben zum Beifallklatschen ebenso derbe Hände wie
die Pariser Claque — ja wenn unsre Tagediebe,
statt in der Tabagie, ihre Abende im Opernhause
zubrächten, um die »Hugenotten« zu applaudieren,
würde auch ihre Ausbildung dadurch gewinnen —
die niedern Klassen müssen sittlich und ästhetisch
gehoben werden, und die Hauptsache ist, daß Geld
unter die Leute komme, zumal in der Hauptstadt.*
— Solcherweise, versicherte Spontini, habe sich
Se. Majestät geäußert, um sich gleichsam zu cnt=
schuldigen, daß er ihn, den Verfasser der »Vestalin«,
dem Meyerbeer sakriftziere. Als ich bemerkte, daß
es im Grunde sehr löblich sei, wenn ein Fürst ein
solches Opfer bringe, um den Wohlstand seiner
Hauptstadt zu fördern — da fiel mir Spontini in die
Rede: »O, Sie irren sich, der König von Preußen
protegiert die schlechte Musik nicht aus staatsöko*
nomischen Gründen, sondern vielmehr weil er die
Tonkunst haßt, und wohl weiß, daß sie zugrunde
gehen muß durch Beispiel und Leitung eines Mannes,
der ohne Sinn für Wahrheit und Adel nur der rohen
Menge schmeicheln will.*
Ich konnte nicht umhin, dem hämischen Italiener
offen zu gestehen, daß es nicht klug von ihm sei,
dem Nebenbuhler alles Verdienst abzusprechen. —
»Nebenbuhler!« rief der Wütende, und wechselte
zehnmal die Farbe, bis endlich die gelbe wieder die
Oberhand behielt — dann aber sich fassend, frug
Erster Teil 8?
er mit höhnischem Zähnefletschen : »Wissen Sie ganz
gewiß, daß Meyerbeer wirklich der Komponist der
Musik ist, die unter seinem Namen aufgeführt wird?«
Ich stutzte nicht wenig ob dieser Tollhausfrage, und
mit Erstaunen hörte ich, Meyerbeer habe in Italien
einigen armen Musikern ihre Kompositionen abge-
kauft, und daraus Opern verfertigt, die aber durchs
gefallen seien, weil der Quark, den man ihm geliefert,
gar zu miserabel war. Später habe er von einem
talentvollen Abbate zu Venedig etwas Besseres er-
standen, welches er dem »Crociato« einverleibte.
Er besitze auch Webers hinterlassene Manuskripte,
die er der Witwe abgeschwatzt, und woraus er ge-
wiß später schöpfen werde. »Robert le Diable« und
die »Hugenotten« seien größtenteils die Produktion
eines Franzosen, welcher Gouin heiße und herzlich
gern unter Meyerbeers Namen seine Opern zur Auf-
führung bringe, um nicht sein Amt eines Chef de
Bureau an der Post einzubüßen, da seine Vorgesetz-
ten gewiß seinem administrativen Eifer mißtrauen
würden, wenn sie wüßten, daß er ein träumerischer
Komponist; die Philister halten praktische Funktionen
für unvereinbar mit artistischer Begabnis, und der
Postbeamte Gouin ist klug genug, seine Autorschaft
zu verschweigen und allen Weltruhm seinem ehr-
geizigen Freund Meyerbeer zu überlassen. Daher
die innige Verbindung beider Männer, deren Inter-
essen sich ebenso innig ergänzen. Aber ein Vater
bleibt immer Vater, und dem Freund Gouin liegt
das Schicksal seiner Geisteskinder beständig am Her-
zen; die Details der Aufführung und des Erfolgs
von »Robert le Diable« und den »Hugenotten« neh-
men seine ganze Tätigkeit in Anspruch, er wohnt
jeder Probe bei, er unterhandelt beständig mit dem
84 Lutfzia
Operndirektor, mit den Sängern, den Tänzern, dem
Chef de Claque, den Journalisten; er läuft mit seinen
Transtiefeln ohne Lederstrippen von morgens bis
abends nach allen Zeitungsredaktionen, um irgendein
Reklam zugunsten der sogenannten Meyerbeerschen
Opern anzubringen, und seine Unermüdlichkeit soll
jeden in Erstaunen setzen.
Als mir Spontini diese Hypothese mitteilte, gestand
ich, daß sie nicht aller Wahrscheinlichkeit ermangle,
und daß, obgleich das vierschrötige Äußere, das
ziegelrote Gesicht, die kurze Stirn, das schmierig
schwarze Haar des erwähnten Herrn Gouin viel mehr
an einen Ochsenzüchter oder Viehmäster, als an
einen Tonkünstler erinnere, dennoch in seinem Be*
nehmen manches vorkomme, das ihn in den Ver-
dacht bringe, der Autor der Meyerbeerschen Opern
zu sein. Es passiert ihm manchmal, daß er »Robert
le Diable« oder die »Hugenotten« »unsere Oper«
nennt. Es entschlüpfen ihm Redensarten wie: »Wir
haben heute eine Repetition« — »Wir müssen eine
Arie abkürzen«. Auch ist es sonderbar, bei keiner
Vorstellung jener Opern fehlt Herr Gouin, und wird
eine Bravourarie applaudiert, vergißt er sich ganz,
und verbeugt sich nach allen Seiten, als wolle er
dem Pubfiko danken. Ich gestand dieses alles dem
grimmigen Italiener, »aber dennoch«, fügte ich hinzu,
»trotzdem daß ich mit eigenen Augen dergleichen
bemerkt, halte ich Herrn Gouin nicht für den Autor
der Meyerbeerschen Opern; ich kann nicht glauben,
daß Herr Gouin die ,Hugenotten' und ,Robert le
Diable' geschrieben habe; ist es aber doch der Fall,
so muß gewiß die Künstlereitelkeit am Ende die
Oberhand gewinnen, und Herr Gouin wird öffentlich
die Autorschaft jener Opern für sich vindizieren«.
Erster Teil 8c
»Nein«, erwiderte der Italiener mit einem unheim*
liehen Blick, der stechend wie ein blankes Stilett,
»dieser Gouin kennt zu gut seinen Meyerbeer, als
daß er nicht wüßte, welche Mittel seinem schreck*
liehen Freunde zu Gebote stehen, um jemand zu
beseitigen, der ihm gefährlich ist. Er wäre kapabel,
unter dem Verwände, sein armer Gouin sei verrückt
geworden, denselben auf ewig in Charenton ein*
sperren zu lassen, und der arme Schelm dürfte noch
froh sein, mit dem Leben davonzukommen. Alle, die
jenem Ehrgeizling hindernd im Wege stehen, müssen
weichen. Wo ist Weber? wo Bellini? Hum! Hum!«
Dieses hum! hum! war trotz aller unverschämten
Bosheit so drollig, daß ich nicht ohne Lachen die
Bemerkung machte: »Aber Sie, Maestro, Sie sind
noch nicht aus dem Wege geräumt, auch nicht Do*
nizetti, oder Mendelssohn, oder Rossini, oder Halevy.«
— »Hum! Hum!« war die Antwort, »Hum! Hum!
Halevy geniert seinen Konfrater nicht, und dieser
würde ihn sogar dafür bezahlen, daß er nur exi*
stiere, als ungefährlicher Scheinrival, und von Ros*
sini weiß er, durch seine Späher, daß derselbe keine
Note mehr komponiert — auch hat Rossinis Magen
schon genug gelitten, und er berührt kein Piano, um
nicht Meyerbeers Argwohn zu erregen. Hum ! Hum !
Aber gottlob ! nur unsere Leiber können getötet wer*
den, nicht unsere Geisteswerke; diese werden in
ewiger Frische fortblühen, während mit dem Tode
jenes Cartouche der Musik auch seine Unsterblich*
keit ein Ende nimmt, und seine Opern ihm folgen
ins stumme Reich der Vergessenheit!«
Nur mit Mühe zügelte ich meinen Unwillen, als
ich hörte, mit welcher frechen Geringschätzung der
welsche Neidhardt von dem großen hochgefeierten
(S6 Luteria
Meister sprach, welcher der Stolz Deutschlands und
die Wonne des Morgenlandes ist, und gewiß als der
wahre Schöpfer von »Robert le Diable« und den
* Hugenotten« betrachtet und bewundert werden muß!
Nein, so etwas Herrliches hat kein Gouin komponiert!
Bei aller Verehrung für den hohen Genius, wollen
freilich zuweilen bedenkliche Zweifel in mir auf-
steigen in betreff der Unsterblichkeit dieser Meister-
werke nach dem Ableben des Meisters, aber in
meiner Unterredung mit Spontini gab ich mir doch
die Miene, als sei ich überzeugt von ihrer Fortdauer
nach dem Tode, und um den boshaften Italiener zu
ärgern, machte ich ihm im Vertrauen eine Mitteilung,
woraus er ersehen konnte, wie weitsichtig Meyerbeer
für das Gedeihen seiner Geisteskinder bis über das
Grab hinaus gesorgt hat. »Diese Fürsorge«, sagte
ich, »ist ein psychologischer Beweis, daß nicht Herr
Gouin, sondern der große Giacomo der wirkliche
Vater sei. Derselbe hat nämlich in seinem Testa-
ment zugunsten seiner musikalischen Geisteskinder
gleichsam ein Fideikommiß gestiftet, indem er jedem
ein Kapital vermachte, dessen Zinsen dazu bestimmt
sind, die Zukunft der armen Waisen zu sichern, so
daß auch nach dem Hinscheiden des Herrn Vaters
die gehörigen Popularitätsausgaben, der eventuelle
Aufwand von Flitterstaat, Claque, Zeitungslob usw.,
bestritten werden können. Selbst für das noch un-
geborne Prophetchen soll der zärtliche Erzeuger die
Summe von 150000 Taler preuß. Cour, ausgesetzt
haben. Wahrlich, noch nie ist ein Prophet mit einem
so großen Vermögen zur Welt gekommen; der Zim-
mermannssohn von Bethlehem und der Kameltreiber
von Mekka waren nicht so begütert. ,Robert le
Diable' und die ,Hugenotten' sollen minder reichlich
Erster Teil 87
dotiert sein; sie können vielleicht auch einige Zeit
vom eigenen Fette zehren, solange für Dekorations-
pracht und üppige Ballettbeine gesorgt ist; später
werden sie Zulage bedürfen. Für den ,Crociato'
dürfte die Dotation nicht so glänzend ausfallen; mit
Recht zeigt sich hier der Vater ein bißchen knickerig,
und er klagt, der lockere Fant habe ihm einst in
Italien zuviel gekostet; er sei ein Verschwender.
Desto großmütiger bedenkt Meyerbeer seine unglück»
liehe, durchgefallene Tochter ,Emma de Rosburgo';
sie soll jährlich in der Presse wieder aufgeboten wer»
den, sie soll eine neue Ausstattung bekommen, und
erscheint in einer Prachtausgabe von Satin-Velin; für
verkrüppelte Wechselbälge schlägt immer am treuesten
das liebende Herz der Eltern. Solcherweise sind
alle Meyerbeerschen Geisteskinder gut versorgt, ihre
Zukunft ist verassekuriert für alle Zeiten.« —
Der Haß verblendet selbst die Klügsten, und es
ist kein Wunder, daß ein leidenschaftlicher Narr, wie
Spontini, meine Worte nicht ganz bezweifelte. — Er
rief aus: »O! er ist alles fähig! Unglückliche Zeit!
Unglückliche Welt!«
Ich schließe hier, da ich ohnehin heute sehr tragisch
gestimmt bin und trübe Todesgedanken über meinen
Geist ihre Schatten werfen. Heute hat man meinen
armen Sakoski begraben, den berühmten Lederkünstler
— denn die Benennung Schuster ist zu gering für
einen Sakoski. Alle marchands bottiers und fabri»
cants de chaussures von Paris folgten seiner Leiche.
Er ward achtundachtzig Jahre alt, und starb an einer
Indigestion. Er lebte weise und glücklich. Wenig
bekümmerte er sich um die Köpfe, aber desto mehr
um die Füße seiner Zeitgenossen. Möge die Erde
dich ebensowenig drücken, wie mich deine Stiefel!
88 Lutezia
XIII.
Paris, 3. Juli 1840.
Für einige Zeit haben wir Ruhe, wenigstens vor
den Deputierten und Fortepianospielern, den zwei
schrecklichen Landplagen, wovon wir den ganzen
Winter bis tief ins Frühjahr so viel erdulden müssen.
Das Palais Bourbon und die Salons der H. H. Erard
und Herz sind mit dreifachen Schlössern verriegelt.
Gottlob, die politischen und musikalischen Virtuosen
schweigen! Die paar Greise, die im Luxembourg
sitzen, murmeln immer leiser, oder nicken schlaf*
trunken ihre Einwilligung zu den Beschlüssen der
Jüngern Kammer. Ein paarmal vor einigen Wochen
machten die alten Herren eine verneinende Kopf-
bewegung, die man als bedrohlich für das Mini-
sterium auslegte; aber sie meinten es nicht so ernst-
haft. Herr Thiers hat nichts weniger als einen
bedeutenden Widerspruch von Seiten der Pairskammer
zu erwarten. Auf diese kann er noch sicherer zählen,
als auf seine Schildhalter in der Deputiertenkammer,
obgleich er auch letztere mit gar starken Banden und
Bändchen, mit rhetorischen Blumenketten und voll-
wichtigen Goldketten, an seine Person gefesselt hat!
Der große Kampf dürfte jedoch nächsten Winter
hervorbrechen, nämlich wenn Herr Guizot, der seinen
Gesandtschaftsposten aufgeben wird, von London
zurückkehrt und seine Opposition gegen Herrn Thiers
aufs neue eröffnet. Diese beiden Nebenbuhler haben
schon frühe begriffen, daß sie zwar einen kurzen
Waffenstillstand schließen, aber nimmermehr ihren
Zweikampf ganz aufgeben können. Mit dem Ende
desselben findet vielleicht auch das ganze parlamen-
tarische Gouvernement in Frankreich seinen Abschluß.
Erster Teil 89
Herr Guizot beging einen großen Fehler, als er
an der Koalition teilnahm. Er hat später selber
eingestanden, daß es ein Fehler gewesen, und ge-
wissermaßen um sich zu rehabilitieren, ging er nach
London: er wollte das Vertrauen der auswärtigen
Mächte, das er in seiner Stellung als Oppositions-
mann eingebüßt hatte, in seiner diplomatischen Lauf-
bahn wiedergewinnen; denn er rechnet darauf, daß
am Ende, bei der Wahl eines Konseilpräsidenten in
Frankreich, wieder der fremdländische Einfluß ob*
siegen werde. Vielleicht rechnet er zugleich auf
einige einheimische Sympathien, deren Herr Thiers
allmählich verlustig gehen würde, und die ihm, dem
geliebten Guizot, zuflössen. Böse Zungen versichern
mir, die Doktrinäre bildeten sich ein, man liebe sie
schon jetzt. So weit geht die Selbstverblendung
selbst bei den gescheitesten Leuten! Nein, Herr^
Guizot, wir sind noch nicht dahin gekommen, Sie
zu lieben; aber wir haben auch noch nicht aufgehört,
Sie zu verehren. Trotz all unsrer Liebhaberei für
den beweglich brillanten Nebenbuhler haben wir dem
schweren, trüben Guizot nie unsre Anerkenntnis
versagt; es ist etwas Sicheres, Haltbares, Gründliches *
in diesem Manne, und ich glaube, die Interessen der
Menschheit liegen ihm am Herzen.
Von Napoleon ist in diesem Augenblick keine
Rede .mehr; hier denkt niemand mehr an seine Asche,
und das ist eben sehr bedenklich. Denn die Be-
geisterung, die durch das beständige Getratsche am
Ende in eine sehr bescheidene Wärme übergegangen
war, wird nach fünf Monden, wenn der kaiserliche
Leichenzug anlangt, mit erneueten Bränden aufflam-
men. Werden alsdann die emporsprühenden Funken
großen Schaden anstiften? Es hängt alles von der
m Kuteria
Witterung ab. Vielleicht, wenn die Winterkälte frühe
eintritt und viel Schnee fällt, wird der Tote sehr
kühl begraben.
XIV.
Paris, den 25. Juli 1840.
Auf den hiesigen Boulevards -Theatern wird jetzt
die Geschichte Bürgers, des deutschen Poeten, tragiert;
da sehen wir, wie er, die »Leonore« dichtend, im
Mondschein sitzt und singt: »Hurrah! les morts
vont vite — mon amour, crains-tu les morts?«
Das ist wahrhaftig ein guter Refrain, und wir wollen
ihn unserm heutigen Berichte voranstellen, und zwar
in nächster Beziehung auf das französische Mini-
sterium. — Aus der Ferne schreitet die Leiche des
Riesen von Sankt Helena immer bedrohlich näher,
und in einigen Tagen öffnen sich auch die Gräber
hier in Paris und die unzufriedenen Gebeine der
Juliushelden steigen hervor und wandern nach dem
Bastillenplatz, der furchtbaren Stätte, wo die Ge-
spenster von Anno 89 noch immer spuken . . . »Les
morts vont vite — mon amour, crains-tu les morts?«
In der Tat, wir sind sehr beängstigt wegen der
bevorstehenden Juliustage, die dieses Jahr ganz be-
sonders pomphaft, aber, wie man glaubt, zum letzten-
mal gefeiert werden; nicht alle Jahr kann sich die
Regierung solche Schreckenslast aufbürden. Die
Aufregung wird dieser Tage größer sein, je wahl-
verwandter die Töne sind, die aus Spanien herüber-
klingen, und je greller die Details des Barceloner
Aufstandes, wo sogenannte Elende bis zur gröbsten
Beleidigung der Majestät sich vergaßen.
Erster Teil
9»
Während im Westen der Sukzessionskrieg beendigt
und der eigentliche Revolutionskrieg beginnt, ver-
wickeln sich die Angelegenheiten des Orients in
einen unauflöslichen Knäuel. Die Revolte in Syrien
setzt das französische Ministerium in die größte
Verlegenheit. Auf der einen Seite will es mit all
seinem Einfluß die Macht des Pascha von Ägypten
unterstützen, auf der andern Seite darf es die Maro-
niten, die Christen auf dem Berg Libanon, welche
die Fahne der Empörung aufpflanzten, nicht ganz
desavouieren; — denn diese Fahne ist ja die fran-
zösische Trikolore; die Rebellen wollen sich durch
letztere als Angehörige Frankreichs bekunden, und
sie glauben, daß dieses nur scheinbar den Mehemet
Ali unterstütze, im geheimen aber die syrischen
Christen gegen die ägyptische Herrschaft aufwiegle.
Inwieweit sind sie zu solcher Annahme berechtigt?
Haben wirklich, wie man behauptet, einige Lenker
der katholischen Partei, ohne Vorwissen der fran-
zösischen Regierung, ein Schilderheben der Maro»
niten gegen den Pascha angezettelt, in der Hoffnung,
bei der Schwäche der Türken ließe sich jetzt nach
Vertreibung der Agyptier in Syrien ein christliches
Reich begründen? Dieser ebenso unzeitige, wie fromme
Versuch wird dort viel Unglück stiften. Mehemet
Ali war über den Ausbruch der syrischen Revolte
so entrüstet, daß er wie ein wildes Tier raste und
nichts Geringeres im Sinne hatte, als die Ausrottung
aller Christen auf dem Berg Libanon. Nur die
Vorstellungen des österreichischen Generalkonsuls
konnten ihn von diesem unmenschlichen Vorhaben
abbringen, und diesem hochherzigen Manne verdanken
viele Tausende von Christen ihr Leben, während ihm
der Pascha noch mehr zu verdanken hat : er rettete
q2 Lutezia
nämlich seinen Namen vor ewiger Schande. Mehemet
Ali ist nicht unempfindlich für das Ansehen, das er
bei der zivilisierten Welt genießt, und Herr von
Laiirin entwaffnete seinen Zorn ganz besonders durch
eine Schilderung der Antipathien, die er, durch die
Ermordung der Maroniten, in ganz Europa auf sich
lüde, zum höchsten Schaden seiner Macht und seines
Ruhmes.
Das alte System der Völkervertilgung wird solcher*
maßen, durch europaischen Einfluß, im Orient all-
mählich verdrängt. Auch die Existenzrechte des
Individuums gelangen dort zu höherer Anerkennung,
und namentlich werden die Grausamkeiten der Tortur
einem mildern Kriminalverfahren weichen. Es ist
die Blutgeschichte von Damaskus, welche dieses
letztere Resultat hervorbringen wird, und in dieser
Beziehung dürfte die Reise des Herrn Cremieux nach
Alexandria als eine wichtige Begebenheit eingezeichnet
werden in die Annalen der Humanität. Dieser be-
rühmte Rechtsgelehrte, der zu den gefeiertsten Man*
nern Frankreichs gehört und den ich in diesen
Blättern bereits besprach, hat schon seine wahrhaft
fromme Wallfahrt angetreten, begleitet von seiner
Gattin, die alle Gefahren, womit man ihren Mann
bedrohte, teilen wollte. Mögen diese Gefahren, die
ihn vielleicht nur abschrecken sollten von seinem
edlen Beginnen, ebenso klein sein wie die Leute, die
j sie bereiten! In der Tat, dieser Advokat der Juden
plädiert zugleich die Sache der ganzen Menschheit.
Um nichts Geringeres handelt es sich, als auch im
Orient das europäische Verfahren beim Kriminal*
prozeß einzuführen. Der Prozeß gegen die Damas*
zener Juden begann mit der Folter; er kam nicht
zu Ende, weil ein österreichischer Untertan inkulpiert
Erster Teil q?
war und der österreichische Konsul gegen das Tor-
quieren desselben einschritt. Jetzt soll nun der Prozeß
aufs neue instruiert werden, und zwar ohne obligate
Folter, ohne jene Torturinstrumente, die den Beklagten
die unsinnigsten Aussagen abmarterten und die Zeugen
einschüchterten. Der französische Oberkonsul in
Alexandria setzt Himmel und Erde in Bewegung,
um diese erneuete Instruktion des Prozesses zu hinter*
treiben; denn das Betragen des französischen Konsuls
von Damaskus könnte bei dieser Gelegenheit sehr
stark beleuchtet werden, und die Schande seines
Repräsentanten dürfte das Ansehen Frankreichs in
Syrien erschüttern. Und Frankreich hat mit diesem
Lande weit ausgreifende Plane, die noch von den
Kreuzzügen datieren, die nicht einmal von der Re-
volution aufgegeben worden, die später Napoleon ins
Auge faßte, und woran selbst Herr Thiers denkt.
Die syrischen Christen erwarten ihre Befreiung von
den Franzosen, und diese, so freigeistig sie auch zu
Hause sein mögen, gelten dennoch gern als fromme
Schützer des katholischen Glaubens im Orient und
schmeicheln dort der Zelosis der Mönche. So er-
klären wir es uns, weshalb nicht bloß Herr Cochelet
in Alexandria, sondern sogar unser Konseilpräsident,
der Sohn der Revolution in Paris, den Konsul von
Damaskus in Schutz nehmen. — Es handelt sich^
jetzt wahrlich nicht um die hohe Tugend eines Ratti-
Menton oder um die Schlechtigkeit der Damaszener
Juden — es gibt vielleicht zwischen beiden keinen
großen Unterschied, und wie jener für unsern Haß,
so dürften letztere für unsre Vorliebe zu gering sein
— aber es handelt sich darum: die Abschaffung
der Tortur durch ein eklatantes Beispiel im Orient
zu sanktionieren. — Die Konsuln der europäischen
94
Lutezia
Großmächte, namentlich Österreichs und Englands,
haben daher auf eine erneuerte Instruktion des Pro-
zesses der Damaszener Juden ohne Zulassung der
Tortur beim Pascha von Ägypten angetragen, und
es mag ihnen vielleicht nebenher einige Schadenfreude
gewähren, daß eben Herr Cochelet, der französische
Konsul, der Repräsentant der Revolution und ihres
Sohnes, sich jener erneuten Instruktion widersetzt
und für die Tortur Partei nimmt.
XV.
Paris, 27. Juli 1840.
Hier überstürzen sich die Hiobsposten; aber die
letzte, die schlimmste, die Konvention zwischen Eng-
land, Rußland, Österreich und Preußen gegen den
Pascha von Ägypten, erregte weit mehr jauchzende
Kampflust als Bestürzung, sowohl bei der Regierung
als bei dem Volke. Der gestrige »Constitutione!«,
welcher ohne Umschweife gestand, daß Frankreich
ganz schnöde getäuscht und beleidigt sei, beleidigt
bis zur Voraussetzung einer feigen Unterwürfigkeit ~
diese ministerielle Anzeige des in London ausgebrü-
teten Verrats wirkte hier wie ein Trompetenstoß, man
glaubte den großen Zornschrei des Achilles zu verneh-
men, und die verletzten Nationaigefühle und National-
interessen bewirken jetzt einen Waffenstillstand der
hadernden Parteien. Mit Ausnahme der Legitimisten,
die ihr Heil nur vom Ausland erwarten, versammeln
sich alle Franzosen um die dreifarbige Fahne, und Krieg
mit dem »perfiden Albion« ist ihre gemeinsame Parole.
Wenn ich oben sagte, daß die Kampflust auch
bei der Regierung entloderte, so meine ich damit das
Erster Teil 95
hiesige Ministerium und zumal unsern kecken Kon-
seilpräsidenten, der das Leben Napoleons bereits bis
zum Ende des Konsulats beschrieben hat, und mit
südlich glühender Einbildungskraft seinem Helden auf
so vielen Siegesfahrten und Schlachtfeldern folgte.
Es ist vielleicht ein Unglück, daß er nicht auch den
russischen Feldzug und die große Retirade im Geiste
mitmachte. Wäre Hr. Thiers in seinem Buche bis
zu Waterloo gelangt, so hätte sich vielleicht sein
Kriegsmut etwas abgekühlt. Was aber weit wich-^
tiger und weit beachtenswerter als die kriegerischen
Gelüste des Premierministers, das ist das unbegrenzte
Vertrauen, das er in seine eigenen militärischen Ta-
lente setzt. Ja, es ist eine Tatsache, die ich aus
vieljähriger Beobachtung verbürgen kann: Hr. Thiers
glaubt steif und fest, daß nicht das parlamentarische
Scharmützeln, sondern der eigentliche Krieg, das
klirrende Waffenspiel, seine angeborne Vokation sei.
Wir haben es hier nicht mit der Untersuchung zu
tun, ob diese innere Stimme Wahrheit spricht oder
bloß der eiteln Selbsttäuschung schmeichelt. Nur
darauf wollen wir aufmerksam machen, wie dieser
eingebildete Feldherrnberuf wenigstens zur Folge hat,
daß Herr Thiers vor den Kanonen des neuen Fürsten»
konvents nicht sonderlich erschrecken wird, daß es
ihn heimlich freut, durch die äußerste Notwendigkeit
gezwungen zu sein, seine militärischen Talente der
überraschten Welt zu offenbaren, und daß gewiß schon
in diesem Augenblick die französischen Admirale
die bestimmteste Ordre erhalten haben, die ägyp-
tische Flotte gegen jeden Überfall zu schützen.
Ich zweifle nicht an dem Resultat dieses Schutzes,
wie furchtbar auch die Seemacht der Engländer.
Ich habe Toulon unlängst gesehen, und hege einen
g6 Lutezia
großen Respekt vor der französischen Marine. Letz-
tere ist bedeutender als man im übrigen Europa weiß ;
denn außer den Kriegsschiffen, die auf dem bekannten
Etat stehen, und die Frankreich gleichsam offiziell
besitzt, wurde seit 1814 eine fast doppelt so große
Anzahl im Arsenal von Toulon allmählich fertig ge-
baut, die in einer Frist von sechs Wochen ganz
bemannbar ausgerüstet werden kann. — Wird aber
durch ein bombardierendes Zusammentreffen der fran-
zösischen und englischen Flotten im Mittelländischen
Meere der Frieden von Europa gestört werden, und
der allgemeine Krieg zum Ausbruche kommen?
Keineswegs. Ich glaub es nicht. Die Mächte des
^ Kontinents werden sich noch lange besinnen, ehe
sie sich wieder mit Frankreich in ein Todesspiel ein-
lassen. Und was John Bull betrifft, so weiß dieser
dicke Mann sehr gut, was ein Krieg mit Frankreich,
selbst wenn letzteres ganz isoliert zu stehen käme,
seinem Säckel kosten würde; mit einem Wort: das eng-
tische Unterhaus wird auf keinen Fall die Kriegskosten
bewilligen; und das ist die Hauptsache. Entstünde
aber dennoch ein Krieg zwischen den beiden Völ-
kern, so wäre das, mythologisch zu reden, eine Malice
der alten Götter, die, um ihren jetzigen Kollegen,
den Napoleon, zu rächen, vielleicht die Absicht
haben, den Wellington wieder ins Feld zu schicken
und durch den Generalfeldmarschall Thiers besiegen
zu lassen!
XVI.
Paris, 29. Juli 1840.
J Herr Guizot hat bewiesen, daß er ein ehrlicher
Mann ist; er hat die geheime Verräterei der Eng-
Erster Teil 97
länder weder zu durchschauen, noch durch Gegen^
list zu vereiteln gewußt. Er kehrt als ehrlicher Mann
zurück, und den diesjährigen Tugendpreis, den prix
Monthyon, wird ihm niemand streitig machen. Be=
ruhige dich, puritanischer Stutzkopf, die treulosen
»Kavaliere« haben dich hinters Licht geführt und
zum Narren gehabt — aber dir bleiben deine stol-
zesten Selbstgefühle: das Bewußtsein, daß du noch
immer du selbst bist. Als Christ und Doktrinär wirst
du dein Mißgeschick geduldig ertragen, und seit wir
herzlich über dich lachen können, öffnet sich dir
auch unser Herz. Du bist wieder unser alter lieber
Schulmeister, und wir freuen uns, daß der weltliche
Glanz dir deine fromme, magisterliche Naivetät nicht
geraubt hat, daß du gefoppt und gedrillt worden,
aber ein ehrlicher Mann geblieben bist ! Wir fangen
an dich zu lieben. Nur den Gesandtschaftsposten
zu London möchten wir dir nicht mehr anvertrauen ;
dazu gehört ein Geierblick, der die Ränke des per-
fiden Albions zeitig genug auszuspionieren weiß, oder
ein ganz unwissenschaftlicher, derber Bursche, der
keine gelehrte Sympathie hegt für die großbritannische
Regierungsform, keine höflichen Speeches in eng-
lischer Sprache zu machen versteht, aber auf fran-
zösisch antwortet, wenn man ihn mit zweideutigen
Reden hinhalten will. Ich rate den Franzosen, den
ersten besten Grenadier der alten Garde als Ge-
sandten nach London zu schicken und ihm allenfalls
Vidocq als Wirklichen Geheimen Legationssekretär
mitzugeben.
Sind aber die Engländer in der Politik wirklich
so ausgezeichnete Köpfe? Worin besteht ihre Supe-
riorität in diesem Felde? Ich glaube, sie besteht
darin, daß sie erzprosaische Geschöpfe sind, daß
IX, 7
98
Lutezia
keine poetischen Illusionen sie irre leiten, daß keine
glühende Schwärmerei sie blendet, daß sie die Dinge
v/ immer in ihrem nüchternsten Lichte sehen, den nackten
Tatbestand fest ins Auge fassen, die Bedingnisse der
Zeit und des Ortes genau berechnen und in diesem
Kalkül weder durch das Pochen ihres Herzens, noch
durch den Flügelschlag großmütiger Gedanken ge-
| stört werden. Ja, ihre Superiorität besteht darin, daß
i sie keine Einbildungskraft besitzen. Dieser Mangel
ist die ganze Force der Engländer, und der letzte
Grund ihres Gelingens in der Politik, wie in allen
realistischen Unternehmungen, in der Industrie, im
Maschinenbau usw. Sie haben keine Phantasie; das
ist das ganze Geheimnis. Ihre Dichter sind nur
glänzende Ausnahmen; deshalb geraten sie auch in
Opposition mit ihrem Volke, dem kurznasigen, halb-
stirnigen und hinterkopflosen Volke, dem auser-
wählten Volke der Prosa, das in Indien und Italien
ebenso prosaisch, kühl und berechnend bleibt, wie
in Threadneedlestreet. Der Duft der Lotusblume
berauscht sie ebensowenig, wie die Flamme des Ve-
suvs sie erwärmt. Bis an den Rand des letztern
schleppen sie ihre Teekessel, und trinken dort Tee
gewürzt mit cant!
Wie ich höre, hat voriges Jahr die Taglioni in
London keinen Beifall gefunden; das ist wahrhaftig
ihr größter Ruhm. Hätte sie dort gefallen, so würde,
ich anfangen, an der Poesie ihrer Füße zu zweifeln.
Sie selber, die Söhne Albions, sind die schrecklich-
sten aller Tänzer, und Strauß versichert, es gebe
keinen einzigen unter ihnen, welcher Takt halten
könne. Auch ist er in der Grafschaft Middlesex zu
Tode erkrankt, als er Alt-England tanzen sah. Diese
J Menschen haben kein Ohr, weder für Takt noch
Efster Teil gg
für Musik überhaupt, und ihre unnatürliche Passion
für Klavierspielen und Singen ist um so widerwär*
tiger. Es gibt wahrlich auf Erden nichts so Schreck^
liches wie die englische Tonkunst, es sei denn die
englische Malerei. Sie haben weder Gehör noch
Farbensinn, und manchmal steigt in mir der Arg~
wohn auf, ob nicht ihr Geruchsinn ebenfalls stumpf
und verschnupft sei; es ist sehr leicht möglich, daß
sie Roßäpfel und Apfelsinen nicht durch den bloßen
Geruch voneinander unterscheiden können.
Aber haben sie Mut? Dies ist jetzt das Wichtigste.
Sind die Engländer so mutig, wie man sie auf dem
Kontinent beständig schilderte? Die vielgerühmte
Großmut der Mylords existiert nur noch auf unserm
Theater, und es ist leicht möglich, daß der Aber»
glaube von der kaltblütigen Kourage der Engländer
ebenfalls mit der Zeit verschwindet. Ein sonderbarer
Zweifel ergreift uns, wenn wir sehen, wie ein paar
Husaren hinreichend sind, ein tobendes Meeting von
100000 Engländern auseinanderzujagen. Und haben
auch die Engländer viel Mut als Individuen, so sind
doch die Massen erschlafft durch die Gewöhnungen
und Komforts eines mehr als hundertjährigen Frie-
dens; seit so langer Zeit blieben sie im Inlande vom
Krieg verschont, und was den Krieg betrifft, den
sie im Auslande zu bestehen hatten, so führten sie
ihn nicht eigenhändig, sondern durch angeworbene
Söldner, gedungene Raubritter und Mietvölker. Auf
sich schießen zu lassen, um Nationalinteressen zu
verteidigen, wird nimmermehr einem Bürger der City,
nicht einmal dem Lord-Mayor einfallen; dafür hat
man ja bezahlte Leute. Durch diesen allzu langen
Friedenszustand, durch zu großen Reichtum und zu
großes Elend, durch die politische Verderbnis, die
IOC Lutezia
eine Folge der Repräsentativverfassung, durch das
entnervende Fabrikwesen, durch den ausgebildeten
Handelsgeist, durch die religiöse Heuchelei, durch
den Pietismus, dieses schlimmste Opium, sind die
Engländer als Nation so unkriegerisch geworden, wie
die Chinesen, und ehe sie diese letztern überwinden,
sind vielleicht die Franzosen imstande, wenn ihnen
eine Landung gelänge, mit weniger als hunderttausend
Mann ganz England zu erobern. Zur Zeit Napo-
leons schwebten die Engländer beständig in einer
solchen Gefahr, und das Land ward nicht geschützt
durch seine Bewohner, sondern durch das Meer.
Hätte Frankreich damals eine Marine besessen, wie
es sie jetzt besitzt, oder hätte man die Erfindung
der Dampfschiffe schon so furchtbar auszubeuten
gewußt, wie heutzutage, so wäre Napoleon sicher
an der englischen Küste gelandet, wie einst Wilhelm
der Eroberer — und er würde keinen großen Wider*
stand gefunden haben: denn er hätte eben die Er-
oberungsrechte des normannischen Adels vernichtet,
das bürgerliche Eigentum geschützt und die englische
Freiheit mit der französischen Gleichheit vermählt!
Weit greller, als ich sie ausgesprochen, stiegen
die vorstehenden Gedanken gestern in mir auf beim
Anblick des Zuges, der dem Leichenwagen der Julius-
helden folgte. Es war eine ungeheure Volksmasse,
die ernst und stolz dieser Totenfeier beiwohnte. Ein
imposantes Schauspiel, und in diesem Augenblick sehr
bedeutungsvoll. Fürchten sich die Franzosen vor
den neuen Alliierten? Wenigstens in den drei Julius-
tagen spüren sie nie eine Anwandlung von Furcht,
und ich kann sogar versichern, daß etwa hundert-
undfünfzig Deputierte, die noch in Paris sind, sich
aufs bestimmteste für den Krieg ausgesprochen haben,
Erster Teil 101
im Fall die beleidigte Nationalehre dieses Opfer ver*
lange. Was aber das Wichtigste: Ludwig Philipp
scheint dem ruhigen Erdulden jeder Unbill Valet
gesagt und für den Fall der Not den durchgreifend^
sten Entschluß gefaßt zu haben. — Wenigstens sagt
er es, und Herr Thiers versichert, daß er den auf=
brausenden Unwillen des Königs manchmal nur mit
Mühe besänftige. Oder ist solche Kriegslust nur eine
Kriegslist des göttlichen Dulders Odysseus? ^
XVII.
Paris, 30. Juli 1840.
Es gab gestern keine Börse, ebensowenig wie vor*
gestern, und die Kurse hatten Muße, sich von der
großen Gemütsbewegung etwas zu erholen. Paris,
wie Sparta, hat seinen Tempel der Furcht, und das
ist die Börse, in deren Hallen man immer um so ^
ängstlicher zittert, je stürmischer der Mut ist, der
draußen tobt.
Ich habe mich gestern sehr bitter über die Eng*
länder ausgesprochen. Bei näherer Erkundigung er*
scheint ihre Schuld nicht so groß, wie ich anfangs
glaubte. Wenigstens das englische Volk desavouiert
seinen Mandatarius. Ein dicker Brite, der alle Jahr
am 29. Julius hieher kommt, um seinen Töchtern
das Feuerwerk auf dem Pont de la Concorde zu
zeigen, versichert mir, es herrsche in England der^/
größte Unwillen gegen den Coxcomb Palmerston, der
voraussehen konnte, daß die Konvention wegen
Ägypten die Franzosen aufs äußerste beleidigen
müsse. Es sei in der Tat, gestehen die Engländer,
eine Beleidigung von Seiten Englands, aber es sei
102
Lutezia
keine Verräterei: denn Frankreich habe seit langer
Zeit darum gewußt, daß man Mehemet Ali aus
Syrien mit Gewalt verjagen wolle; das französische
Ministerium sei hiermit ganz einverstanden gewesen;
es habe selber in betreff jener Provinz eine sehr
zweideutige Rolle gespielt; die geheimen Lenker der
syrischen Revolte seien Franzosen, deren katholischer
Fanatismus nicht in Downingstreet, sondern auf
dem Boulevard des Capucins allerlei aufmunternde
Sympathien finde; bereits in der Geschichte von den
gefolterten Juden zu Damaskus habe sich das fran-
zösische Ministerium zugunsten der katholischen
Partei sehr kompromittiert; schon bei dieser Ge-
legenheit habe Lord Palmerston seine Mißachtung
des französischen Premierministers hinlänglich be-
urkundet, indem er den Behauptungen desselben
öffentlich widersprach usw. — Wie dem auch sei,
Lord Palmerston hätte voraussehen können, daß die
Konvention nicht ausführbar ist, und daß also die
Franzosen unnützerweise in Harnisch gesetzt würden,
was immerhin seine gefährlichen Folgen haben kann.
Je länger wir darüber nachdenken, desto mehr wun-
dern wir uns über das ganze Ereignis. Es gibt hier
Motive, die uns bis jetzt noch verborgen sind, viel-
leicht sehr feine, staatskluge Motive — vielleicht
auch sehr einfältige.
Ich habe oben der Geschichte von Damaskus
erwähnt. Diese findet hier noch immer viel Be-
sprechung, namentlich bildet sie einen stehenden
Artikel im »Universc, dem Organ der ultramontanen
Priesterpartei. Eine geraume Zeit hindurch hat
dieses Journal alle Tage einen Brief aus dem Orient
mitgeteilt. Da nur alle acht Tage das Dampfboot
aus der Levante anlangt, so sind wir, hier um
Erster Teil
103
so mehr an ein Wunder zu glauben geneigt, als
wir ohnehin durch die Damaszener Vorgänge in die
Mirakelzeit des Mittelalters zurückversetzt sind. Ist
es doch schon ein Wunder, daß die aus der Luft
gegriffenen Nachrichten des »Univers« in Frank*
reich einigen Anklang finden! Ja, es ist nicht zu
leugnen, ein großer Teil der Franzosen ist nicht ab-
geneigt, dem blutigen Unglimpf Glauben zu schenken,
und die obskursten Erfindungen der Pfaffenlist stoßen
hier auf sehr lauen Widerspruch. Verwundert fragen
wir uns: ist das Frankreich, die Heimat der Auf*
klärung, das Land, wo Voltaire gelacht und Rousseau
geweint hat? Sind das die Franzosen, die einst der
Göttin der Vernunft in Notredame huldigten, allen
Priestertrug abgeschworen und sich als die National*
feinde des Fanatismus in der ganzen Welt prokla*
mierten? Wir wollen ihnen nicht unrecht tun: eben weil
ein blinder Zorn gegen allen Aberglauben sie noch be*
seelt, eben weil sie, alte Kinder des 18. Jahrhunderts,
allen Religionen die infamsten Untaten zutrauen, hielten
sie auch die Bekenner des Judentums fähig dergleichen
begangen zu haben und ihre leichtsinnigen Ansichten
über die Damaszener Vorgänge sind nicht aus Fa-
natismus gegen die Juden, sondern aus Haß gegen
den Fanatismus selbst hervorgegangen. — Daß über
jene Vorgänge keine so bornierten Meinungen In
Deutschland aufkommen konnten, zeugt nur von
unsrer größeren Gelahrtheit; geschichtliche Kennt-
nisse sind so sehr im deutschen Volke verbreitet,
daß selbst der grimmigste Groll nicht mehr zu den
alten Blutmärchen greifen darf.
Wie sonderbar die Leichtgläubigkeit bei dem ge-
meinen Volk in Frankreich mit der größten Skepsis
verbunden ist, bemerkte ich vor einigen Abenden
104 Luteria
auf der Place de (a Bourse, wo ein Kerl mit einem
großen Fernrohr sich postiert hatte und für zwei
Sous den Mond zeigte. Er erzählte dabei den um«
stehenden Gaffern, wie groß dieser Mond sei, so
viele tausend Quadratmeilen, wie es Berge darauf
gebe und Flüsse, wie er so viele tausend Meilen
von der Erde entfernt sei, und dergleichen merk«
würdige Dinge mehr, die einen alten Portier, der
mit seiner Gattin vorbeiging, unwiderstehlich an*
reizten, zwei Sous auszugeben, um den Mond zu
betrachten. Seine teure Ehehälfte jedoch wider-
setzte sich mit rationalistischem Eifer, und riet ihm,
seine zwei Sous lieber für Tabak auszugeben: das
sei alles Aberglaube, was man von dem Mond er-
zähle, von seinen Bergen und Flüssen und seiner
unmenschlichen Größe, das habe man erfunden, um
den Leuten das Geld aus der Tasche zu locken.
XVIII.
Granville (Departement de la Manche),
25. August 1840.
Seit drei Wochen durchstreife ich die Normandie
die Kreuz und die Quer, und über die Stimmung, die
sich hier bei Gelegenheit der letzten Ereignisse kund-
gab, kann ich Ihnen aus eigener Beobachtung be*
richten. Die Gemüter waren durch die kriegerischen
Trompetenstöße der französischen Presse schon ziem-
lich aufgeregt, als die Landung des Prinzen Ludwig
allen möglichen Befürchtungen Spielraum gab. Man
ängstigte sich durch die verzweiflungsvollsten Hypo-
thesen. Bis auf diese Stunde glauben die Leute
hierzulande, daß der Prinz auf eine ausgebreitete
Erster Teil 105
Verschwörung rechnete, und sein langes Verharren
bei der Säule von Boulogne von einem Rendezvous
zeugte, das durch Verrat oder Zufall vereitelt ward.
Zwei Drittel der zahlreichen englischen Familien, die
in Boulogne wohnen, nahmen Reißaus, ergriffen von
panischer Furcht, als sie in dem geruhsamen Städt-
chen einige gefährliche Flintenschüsse vernahmen,
und den Krieg vor ihrer eigenen Tür sahen. Diese
Flüchtlinge, um ihre Angst zu rechtfertigen, brachten
die entsetzlichsten Gerüchte nach der englischen
Küste, und Englands Kalkfelsen wurden noch blässer
vor Schrecken. Durch Wechselwirkung werden
jetzt die Engländer, die in der Normandie hausen,
von ihren heimischen Angehörigen zurückberufen
in das glückliche Eiland, das vor den Verheerungen
des Krieges noch lange geschützt sein wird — näm-
lich so lange bis einmal die Franzosen eine hinläng-
liche Anzahl Dampfschiffe ausgerüstet haben werden,
womit man eine Landung in England bewerkstelligen
kann.
In Boulogne wäre eine solche Dampfflotte bis zum
Tage der Ausfahrt von unzähligen kleinen Forts be-
schützt. Letztere, welche die ganze Küste der De-
partements du Nord und de la Manche umgeben,
sind auf Felsen gepflanzt, die, aus dem Meere her-
vorragend, wie vor Anker liegende steinerne Kriegs-
schiffe aussehen. Sie sind während der langen
Friedenszeit etwas baufällig geworden, jetzt aber
werden sie mit großem Eifer gerüstet. Von allen
Seiten sah ich zu diesem Behufe eine Menge blanke
Kanonen heranschleppen, die mich sehr freundlich
anlachten; denn diese klugen Geschöpfe teilen meine
Antipathie gegen die Engländer, und werden solche
gewiß weit donnernder und treffender aussprechen.
lort Lutezia
Beiläufig bemerke ich, daß die Kanonen der fran-
zösischen Küstenforts über ein Drittel weiter schießen,
als die englischen SchifFskanonen, welche zwar von
so großem Kaliber, aber nicht von derselben Lange
sein können.
Hier in der Normandie haben die Kriegsgerüchte
alle Nationalgefühle und Nationalerinnerungen auf-
geregt, und als ich im Wirtshaus zu Saint-Valery,
während des Tischgesprächs, den Plan einer Landung
in England diskutieren hörte, fand ich die Sache
durchaus nicht lächerlich: denn auf derselben Stelle
hatte sich einst Wilhelm der Eroberer eingeschifft,
und seine damaligen Kameraden waren ebensolche
Normannen, wie die guten Leute, die ich jetzt eine
ähnliche Unternehmung besprechen hörte. Möge
der stolze englische Adel nie vergessen, daß es
Bürger und Bauern in der Normandie gibt, die ihre
Blutsverwandtschaft mit den vornehmsten Häusern
Englands urkundlich beweisen können, und gar nicht
übel Lust hätten, ihren lieben Vettern und Basen
einen Besuch abzustatten.
Der englische Adel ist im Grunde der jüngste in
Europa, trotz der hochklingenden Namen, die selten
ein Zeichen der Abstammung, sondern gewöhnlich
nur ein übertragener Titel sind. Der übertriebene
Hochmut dieser Lordships und Ladyships ist viel-
leicht eine Nucke ihrer parvenierten Jugendlichkeit,
wie denn immer, je jünger der Stammbaum, desto
grünlich bitterer die Früchtchen. Jener Hochmut
trieb einst die englische Ritterschaft in den verderb-
lichen Kampf mit den demokratischen Richtungen
und Ansprüchen Frankreichs, und es ist leicht mög-
lich, daß ihre jüngsten Übermüte aus ähnlichen
Gründen entsprungen : denn zu unserer größten Ver-
Erster Teil 107
wunderung fanden wir, daß bei jener Gelegenheit
die Tories mit den Whigs übereinstimmten.
Woher aber kommt es, daß solche Erneute aller
aristokratischen Interessen immer im englischen Volke
so vielen Anklang fand? Der Grund liegt darin, *
daß erstens das ganze englische Volk, die Gentry
ebensogut wie die High nobility, und der Mob eben*
sogut wie jene, von sehr aristokratischer Gesinnung
sind, und zweitens weil immer im Herzen der Eng-
länder eine geheime Eifersucht, wie ein böses Ge-
schwür, juckt und eitert, sobald in Frankreich ein
behaglicher Wohlstand emporblüht, sobald die fran-
zösische Industrie durch den Frieden gedeiht, und
die französische Marine sich bedeutend ausbildet.
Namentlich in Beziehung auf die Marine wird
den Engländern die gehässigste Mißgunst zugeschrie-
ben, und in den französischen Häfen zeigt sich wirk-
lich eine Entwicklung von Kräften, die leicht den
Glauben erregt, die englische Seemacht in einiger
Zeit von der französischen überflügelt zu sehen.
Erstere ist seit zwanzig Jahren stationär geblieben,
statt daß letztere im tätigsten Fortschritt begriffen
ist. Ich habe in einem früheren Briefe bereits be-
merkt, wie im Arsenal zu Toulon der Bau der
Kriegsschiffe so eifrig betrieben worden, daß im
Falle eines Krieges binnen kurzer Frist fast doppelt
so viele Schiffe, wie Frankreich 1814 besitzen durfte,
in See stechen können. Ein Leipziger Tagesblatt
widersprach dieser Behauptung in einer ziemlich
herben Weise; ich kann nur die Achsel darüber
zucken, denn dergleichen Angaben schöpfe ich nicht
aus bloßem Hörensagen, sondern aus der unmittel-
barsten Anschauung. In Cherbourg, wo 'ich mich
vor acht Tagen befand <ein gut Stück französischer
108 Lutezia
Marine plätschert dort im Hafen), versicherte man
mir, daß zu Brest ebenfalls doppelt so viele Kriegs-
schiffe befindlich wie früher, nämlich über fünfzehn
Linienschiffe, Fregatten und Briggs, von der an-
ständigsten Kanonenzahl, teils ganz, teils bis auf
einige ',20 fertig gebaut und ausgerüstet. In vier
Wochen werde ich Gelegenheit haben, sie persön-
lich kennen zu lernen. Bis dahin begnüge ich mich
zu berichten, daß ebenso wie hier, in der Basse-
j Normandie, auch an der bretonischen Küste unter
dem Seevolke die kriegsmutigste Aufregung herrscht,
und die ernsthaftesten Vorbereitungen zum Kriege
gemacht werden. — —
Ach Gott! nur kein Krieg! Ich furchte, daß das
ganze französische Volk, wenn man es hart bedränge,
jene rote Mütze wieder hervorholt, die ihm noch weit
mehr als das dreieckige bonapartistische Wünschel-
hütchen das Haupt erhitzen dürfte! Ich möchte
hier gern die Frage aufwerfen, inwieweit die dämo-
nischen Zerstörungskräfte, die jenem alten Talisman
in Frankreich gehorchen, auch im Auslande sich
geltend machen könnten. Es wäre wichtig zu unter-
suchen, von welcher Bedeutung die Gewalten sind,
die einem Zaubermittel zugeschrieben werden, wo-
von die französische Presse in der jüngsten Zeit
unter dem Namen »Propaganda« so geheimnisvoll
und bedrohsam flüsterte und zischelte? Ich muß
mich aus leicht begreiflichen Gründen aller solchen
Untersuchungen enthalten, und in betreff der viel-
besprochenen Propaganda erlaube ich mir nur eine
parabolische Andeutung. Es ist Ihnen bekannt, daß
in Lappland noch viel Heidentum herrscht, und daß
die Lappen, welche zur See gehen wollen, sich vor-
her, um den notwendigen Fahrwind einzukaufen, zu
Erster Teil
109
einem Hexenmeister begeben. Dieser überliefert ihnen
ein Tuch, worin drei Knoten sind. Sobald man auf
dem Meere ist und den ersten Knoten öffnet, be^
wegt sich die Luft und es bläst ein guter Fahrwind,
öffnet man den zweiten Knoten, so entsteht schon
eine weit stärkere Lufterschütterung und es heult ein
wütendes Wetter, öffnet man aber gar den dritten
Knoten, so erhebt sich der wildeste Sturm und
peitscht das rasende Meer, und das Schiff kracht
und geht unter mit Mann und Maus. Wenn der
arme Lappe zu seinem Hexenmeister kommt, beteuert
er freilich, er habe genug an einem einzigen Knoten,
an gutem Fahrwind, er brauche keinen stärkeren
Wind und am allerwenigsten einen gefährlichen
Sturm; aber es hilft ihm nichts, man verkauft ihm
den Wind nur en gros, er muß für alle drei Sorten
zahlen, und wehe ihm, wenn er etwa späterhin auf
dem hohen Meere zuviel Branntwein trinkt und im
Rausche die bedenklicheren Knoten aufknüpft! ~
Die Franzosen sind nicht so läppisch wie die Lappen,
obgleich sie leichtsinnig genug wären, die Stürme zu *
entzügeln, wodurch sie selber zugrunde gehen müßten.
Bis jetzt sind sie noch weit genug davon entfernt. Wie
man mir mit Betrübnis versichert, hat sich das fran-
zösische Ministerium nicht sehr kauflustig gezeigt, als
ihm einige preußische und polnische Windmacher <die
aber keine Hexenmeister sind!) ihren Wind anboten.
XIX.
Paris, 21. September 1840.
Ohne sonderliche Ausbeute bin ich dieser Tage
von einem Streifzuge durch die Bretagne zurück-
HO Lutezia
gekehrt. Ein armselig ödes Land, und die Menschen
dumm und schmutzig. Von den schönen Volks*
liedern, die ich dort zu sammeln gedachte, vernahm
ich keinen Laut. Dergleichen existiert nur noch in
alten Sangbüchern, deren ich einige aufkaufte; da
sie jedoch in bretonischen Dialekten geschrieben
sind, muß ich sie mir erst ins Französische über«
setzen lassen, ehe ich etwas davon mitteilen kann.
Das einzige Lied, was ich auf meiner Reise singen
hörte, war ein deutsches; während ich mich in
Rennes barbieren ließ, meckerte jemand auf der
Straße den Jungfernkranz aus dem »Freischütz« in
deutscher Sprache. Den Sänger selbst hab ich nicht
gesehen, aber seine veilchenblaue Seide klang mir
tagelang noch im Gedächtnis. Es wimmelt jetzt in
Frankreich von deutschen Bettlern, die sich mit
Singen ernähren und den Ruhm der deutschen Ton-
kunst nicht sehr fördern.
J Über die politische Stimmung der Bretagne kann
ich nicht viel berichten, die Leute sprechen sich hier
nicht so leicht aus wie in der Normandie; die
Leidenschaften sind hier ebenso schweigsam wie
rief, und der Freund wie der Feind der Tages-
regierung brütet hier mit stummem Grimm. Wie
^/ im Beginn der Revolution gibt es auch jetzt noch
in der Bretagne die glühendsten Enthusiasten der
Revolution, und ihr Eifer wird durch die Schreck-
nisse, womit die Gegenpartei sie bedroht, bis zur
blutdürstigsten Wut gesteigert. Es ist ein Irrtum,
wenn man glaubt, daß die Bauern in der Bretagne
aus Liebe für die ehemalige Adelsherrschaft bei
jedem legitimistischen Aufruf zu den Waffen griffen.
Im Gegenteil, die Greuel des alten Regimes sind
noch im farbigsten Andenken, und die edlen Herren
Erster Teil lll
haben in der Bretagne entsetzlich genug gewirtschaftet.
Sie erinnern sich vielleicht der Stelle in den Briefen
der Frau von Sevigne, wo sie erzählt, wie die un-
zufriedenen Vilains und Roturiers dem General*
gouverneur die Fenster eingeschmissen und die
Schuldigen aufs grausamste hingerichtet wurden. Die
Zahl derjenigen, die durchs Rad starben, muß sehr
groß gewesen sein, denn da man später mit dem
Strange verfuhr, bemerkte Frau von Sevigne ganz
naiv: nach dem vielen Rädern sei das Hängen für
sie eine wahre Erfrischung. Die mangelnde Liebe
wird durch Versprechungen ersetzt, und ein armer
Bretone, der bei jedem legitimistischen Schilderheben
sich tätig gezeigt, und nichts als Wunden und Elend
dabei gewann, gestand mir, daß er diesmal seines
Lohnes gewiß sei, da Heinrich V. bei seiner Rück-
kehr jedem, der für seine Sache gefochten, eine
lebenslängliche Pension von fünfhundert Franken
bezahlen werde.
Hegt aber das Volk in der Bretagne nur sehr
laue und eigennützige Sympathien für die alte Noblesse,
so folgt es desto unbedingter allen Inspirationen der
Geistlichkeit, in deren geistiger und leiblicher Bot-
mäßigkeit es geboren wird, lebt und stirbt. Wie
dem Druiden in der alten Celtenzeit, gehorcht der
Bretone jetzt seinem Pfarrer, und nur durch dessen
Vermittelung dient er dem Edelmann. Georg
Cadudal war wahrlich kein serviler Lakai des Adels,
ebensowenig wie Charette, der sich über den letztern
mit der bittersten Geringschätzung aussprach, und
an Ludwig XVIII. unumwunden schrieb: »La lachcte
de vos gentilshommes a perdu votre cause«; aber
vor ihren tonsurten Oberhäuptern beugten diese
Leute demütig das Knie. Selbst die bretonischen
H2 Lutezia
Jakobiner konnten sich nie ganz von ihren kirchlichen
Velieitäten lossagen, und es blieb immer ein Zwie-
spalt in ihrem Gemüte, wenn die Freiheit in Kon-
flikt geriet mit ihrem Glauben. — —
Wird es aber zum Krieg kommen? Jetzt nicht:
doch der böse Dämon ist wieder entfesselt und spukt
in den Gemütern. Das französische Ministerium
handelte sehr unbesonnen, als es gleich mit vollen
Backen in die Kriegstrompete stieß und ganz Europa
auftrommelte. Wie der Fischer in dem arabischen
Märchen hat Thiers die Flasche geöffnet, woraus
der schreckliche Dämon emporstieg ... er erschrak
nicht wenig über dessen kolossale Gestalt und möchte
ihn jetzt zurückbannen mit schlauen Worten. »Bist
du wirklich aus einer so kleinen Bouteille hervor-
gestiegen?« sprach der Fischer zu dem Riesen, und
zum Beweise verlangte er, daß er wieder in dieselbe
Flasche hineinkrieche; und als der große Narr es
tat, verschloß der Fischer die Flasche mit einem
guten Stöpsel . . . Die Post geht ab, und wie die
Sultanin Scheherezade unterbrechen wir unsre Er-
zählung, vertröstend auf morgen, wo wir aber eben-
falls, wegen der vielen eingeschobenen Episoden,
keinen Schluß liefern.
XX.
Paris, den i. Oktober 1840.
»Haben Sie das Buch Baruch gelesen?« Mit dieser
Frage lief einst Lafontaine durch alle Straßen von
Paris, jeden seiner Bekannten anhaltend, um ihm die
große Neuigkeit mitzuteilen, daß das Buch Baruch
wunderschön sei, eine der besten Sachen die je ge-
Erster Teil
»3
schrieben worden. Die Leute sahen ihn verwundert
an, und lächelten vielleicht in derselben Weise,
wie ich Sie lächeln sehe, wenn ich Ihnen mit der
heutigen Post die wichtige Nachricht mitteile, daß
»Tausendundeine Nacht« eines der besten Bücher w'
ist, und gar besonders nützlich und beiehrsam in
jetziger Zeit . . . Denn aus jenem Buche lernt man
den Orient besser kennen, als aus den Berichten
Lamartines, Poujoulats und Konsorten; und wenn
auch diese Kenntnis nicht hinreicht, die orientalische
Frage zu lösen, so wird sie uns wenigstens ein
bißchen aufheitern in unserm okzidentalischen Elend!
Man fühlt sich so glücklich, während man dies Buch^
liest! Schon der Rahmen ist kostbarer als die besten
Gemälde des Abendlandes. Welch ein prächtiger
Kerl ist jener Sultan Schariar, der seine Gattinnen
des andern Morgens, nach der Brautnacht, unver*
züglich töten läßt! Welche Tiefe des Gemüts, welche
schauerliche Seelenkeuschheit, welche Zartheit des
ehelichen Bewußtseins offenbart sich in jener naiven
Liebestat, die man bisher als grausam, barbarisch,
despotisch verunglimpfte! Der Mann hatte einen
Abscheu gegen jede Verunreinigung seiner Gefühle,
und er glaubte sie schon verunreinigt durch den
bloßen Gedanken, daß die Gattin, die heut an seinem
hohen Herzen lag; vielleicht morgen in die Arme
eines andern, eines schmutzigen Lumps, hinabsinken
könne — und er tötete sie lieber gleich nach der
Brautnacht! Da man so viele verkannte Edle, die
das blödsinnige Publikum lange Zeit verlästerte und
schmähte, jetzt wieder zu Ehren bringt, so sollte
man auch den wackern Sultan Schariar in der öffent-
lichen Meinung zu rehabilitieren suchen. Ich selbst
kann mich in diesem Augenblick einem solchen ver-
»4
Lutezia
dienstlichen Werke nicht unterziehen, da ich schon
mit der Rehabilitation des seligen Königs Prokrustes
beschäftigt bin; ich werde nämlich beweisen, daß
dieser Prokrustes bisher so falsch beurteilt worden,
weil er seiner Zeit vorausgeschritten, und in einer
heroisch aristokratischen Periode die heutigsten
Plebejerideen zu verwirklichen suchte. Keiner hat
ihn verstanden, als er die Großen verkleinerte, und
die Kleinen so lange ausreckte, bis sie in sein
eisernes Gleichheitsbett paßten.
Der Republikanismus macht in Frankreich täglich
bedeutendere Fortschritte, und Robespierre und
Marat sind vollständig rehabilitiert. O, edler Schariar
und echt demokratischer Prokrustes! auch Ihr werdet
nicht lange mehr verkannt bleiben. Erst jetzt ver-
steht man Euch. Die Wahrheit siegt am Ende.
Madame Lafarge wird seit ihrer Verurteilung noch
leidenschaftlicher als früher besprochen. Die öffent-
liche Meinung ist ganz zu ihren Gunsten, seitdem
Hr. Raspail sein Gutachten in die Wagschale ge-
worfen. Bedenkt man einerseits, daß hier ein strenger
Republikaner gegen seine eigenen Parteiinteressen
auftritt und durch seine Behauptungen eins der volks-
tumlichsten Institute des neuen Frankreichs, die Jury,
unmittelbar kompromittiert; und bedenkt man andrer-
seits, daß der Mann, auf dessen Ausspruch die Jury
das Verdammungsurteil basierte, ein berüchtigter
Intrigant und Charlatan ist, eine Klette am Kleide
der Großen, ein Dorn im Fleische der Unterdrückten,
schmeichelnd nach oben, schmähsüchtig nach unten,
falsch im Reden wie im Singen: o Himmel! dann
zweifelt man nicht länger, daß Marie Capelle un-
schuldig ist, und an ihrer Statt der berühmte Toxo-
loge, welcher Dekan der medizinischen Fakultät von
Erster Teil HC
Paris, nämlich Herr Orfila, auf dem Marktplatz von
Tülle an den Pranger gestellt werden sollte! Wer
aus näherer Beobachtung die Umtriebe jenes eiteln
Selbstsüchtlings nur einigermaßen kennt, ist in tiefster
Seele überzeugt, daß ihm kein Mittel zu schlecht
ist, wo er eine Gelegenheit findet, sich in seiner
wissenschaftlichen Spezialität wichtig zu machen
und überhaupt den Glanz seiner Berühmtheit zu
fördern! In der Tat, dieser schlechte Sänger, der,
wenn er in den Soireen von Paris seine schlechten
Romanzen meckert, kein menschliches Ohr schont
und jeden töten möchte, der ihn auslacht: er würde
auch kein Bedenken tragen, ein Menschenleben zu
opfern, wo es gälte, das versammelte Publikum
glauben zu machen, niemand sei so geschickt wie
er, jedes verborgene Gift an den Tag zu bringen!
Die öffentliche Meinung geht dahin, daß im Leich-
nam des Lafarge kar kein Gift, desto mehr hingegen
im Herzen des Hrn. Orfila vorhanden war. Die-
jenigen, welche dem Urteil der Jury von Tülle bei-
stimmen, bilden eine sehr kleine Minorität und ge-
bärden sich nicht mehr mit der frühern Sicherheit.
Unter ihnen gibt es Leute, welche zwar an Vergif-
tung glauben, dieses Verbrechen aber als eine Art
Notwehr betrachten und gewissermaßen justifizieren.
Lafarge, sagen sie, sei einer größern Untat anklag-
bar: er habe, um sich durch ein Heiratsgut vom
Bankerotte zu retten, mit betrügerischen Vorspiege-
lungen das edle Weib gleichsam gestohlen und sie
nach seiner öden Diebeshöhle geschleppt, wo, um-
geben von der rohen Sippschaft, unter moralischen
Martern und tötlichen Entbehrungen, die arme ver-
zärtelte, an tausend geistige Bedürfnisse gewöhnte
Pariserin, wie ein Fisch außer dem Wasser, wie ein
u6 Lutezia
Vogel unter Fledermäusen, wie eine Blume unter
limosinischen Bestien, elendiglich dahinsterben und
vermodern mußte! »Ist das nicht ein Meuchelmord,
und war hier nicht Notwehr zu entschuldigen?« —
so sagen die Verteidiger, und sie setzen hinzu: »Als
das unglückliche Weib sah, daß sie gefangen war,
eingekerkert in der wüsten Kartause, welche Glandier
heißt, bewacht von der alten Diebesmutter, ohne ge-
setzliche Rettungshilfe, ja gefesselt durch die Gesetze
selbst — da verlor sie den Kopf, und zu den tollen
Befreiungsmitteln, die sie zuerst versuchte, gehört
jener famose Brief, worin sie dem rohen Gatten vor-
log, sie liebe einen andern, sie könne ihn nicht lieben,
er möge sie also loslassen, sie wolle nach Asien
fliehen und er möge ihr Heiratsgut behalten. Die
holde Närrin! In ihrem Wahnsinn glaubte sie, ein
Mann könne mit einem Weibe nicht leben, welches
ihn nicht liebe, daran stürbe er, das sei der Tod . . .
Da sie aber sah, daß der Mann auch ohne Liebe
leben konnte, daß ihn Lieblosigkeit nicht tötete, da
griff sie zu purem Arsenik . . . Rattengift für eine
Ratte!« — Die Männer der Jury von Tülle scheinen
Ahnliches gefühlt zu haben, denn sonst wäre es
nicht zu begreifen, weshalb sie in ihrem Verdikt von
Milderungsgründen sprachen. So viel ist aber gewiß,
daß der Prozeß der Dame von Glandier ein wich^
tiges Aktenstück ist, wenn man sich mit der großen
Frauenfrage beschäftigt, von deren Lösung das ganze
gesellschaftliche Leben Frankreichs abhängt. Die
außerordentliche Teilnahme, die jener Prozeß erregt,
entspringt aus dem Bewußtsein eignen Leids. Ihr
armen Frauen, ihr seid wahrhaftig übel dran. Die
Juden in ihren Gebeten danken täglich dem lieben
Gott, daß er sie nicht als Frauenzimmer zur Welt
Erster Teil ny
kommen ließ. Naives Gebet von Menschen, die
eben durch Geburt nicht glücklich sind, aber ein weib^
liches Geschöpf zu sein für das schrecklichste Un^
glück halten! Sie haben recht, selbst in Frankreich,
wo das weibliche Elend mit so vielen Rosen be^
deckt wird.
XXI.
Paris, 3. Oktober 1840.
Seit gestern abend herrscht hier eine Aufregung
die alle Begriffe übersteigt. Der Kanonendonner von
Beirut findet sein Echo in der Brust aller Franzosen.
Ich selber bin wie betäubt: schreckliche Befürchtun-
gen dringen in mein Gemüt. Der Krieg ist noch das
geringste der Übel, die ich füchte. In Paris können
Auftritte stattfinden, wogegen alle Szenen der vorigen
Revolution wie heitere Sommernachtsträume erschei-
nen möchten! Der vorigen Revolution? Nein, die
Revolution ist noch eine und dieselbe, wir haben erst
den Anfang gesehen, und viele von uns werden die
Mitte nicht überleben! Die Franzosen sind in einer
schlechten Lage, wenn hier die Bajonettenmehrzahl
entscheidet. Aber das Eisen tötet nicht, sondern die
Hand, und diese gehorcht der Seele. Es kommt nun
darauf an, wieviel Seele auf jeder Wagschale sein
wird. Vor den Bureaux de recrutements macht man
heute Queue, wie vor den Theatern, wenn ein gutes
Stück gegeben wird: eine unzählige Menge junger
Leute läßt sich als Freiwillige zum Militärdienst ein-
schreiben. Im Palais-Royal wimmelts von Ouvriers,
die sich die Zeitungen vorlesen und sehr ernsthaft
dabei aussehen. Der Ernst, der sich in diesem Augen-
^
n8 Lutezia
blick fast wortkarg äußert, ist unendlich beängstigen*
der als der geschwätzige Zorn vor zwei Monaten.
Er heißt, daß die Kammern berufen werden, was
vielleicht ein neues Unglück. Deliberierende Kor-
porationen lähmen jede handelnde Tatkraft der Re-
gierung, wenn sie nicht selbst alle Regierungsgewalt
in Händen haben, wie z. B. der Konvent von 1792.
In jenem Jahre waren die Franzosen in einer weit
schlimmem Lage als jetzt.
XXII.
Paris, 7. Oktober 1840.
Stündlich steigt die Aufregung der Gemüter. Bei
der hitzigen Ungeduld der Franzosen ist es kaum zu
begreifen, wie sie es aushalten können in diesem Zu-
stand der Ungewißheit. Entscheidung, Entscheidung
um jeden Preis! ruft das ganze Volk, das seine Ehre
gekränkt glaubt. Ob diese Kränkung eine wirkliche
oder nur eine eingebildete ist, vermag ich nicht zu ent-
scheiden; die Erklärung der Engländer und Russen,
daß es ihnen nur um die Sicherung des Friedens zu
tun sei, klingt jedenfalls sehr ironisch, wenn zu gleicher
Zeit zu Beirut der Kanonendonner das Gegenteil be-
hauptet. Daß man auf den dreifarbigen Pavillon des
französischen Konsuls zu Beirut mit besonderer Vor-
liebe gefeuert hat, erregt die meiste Entrüstung. Vor-
gestern abend verlangte das Parterre in der Großen
Oper, daß das Orchester die Marseillaise anstimme;
da ein Polizeikommissär diesem Verlangen widersprach,
sang man ohne Begleitung, aber mit so schnaubendem
Zorn, daß die Worte in den Kehlen stockten und ganz
unverständlich hervorgebrüllt wurden. Oder haben
Erster Teil
119
die Franzosen die Worte jenes schrecklichen Lieds ver-
gessen und erinnern sich nur noch der alten Melodie?
Der Polizeikommissär, welcher auf die Szene stieg,
um dem Publikum eine Gegenvorstellung zu machen,
stotterte unter vielen Verbeugungen: das Orchester
könne die Marseillaise nicht aufspielen, denn dieses
Musikstück stünde nicht auf dem Anschlagzettel.
Eine Stimme im Parterre erwiderte: »Mein Herr,
das ist kein Grund, denn Sie selbst stehen ja auch
nicht auf dem Anschlagzettel.« Für heute hat der
Polizeipräfekt allen Theatern die Erlaubnis erteilt,
die Marseiller Hymne zu spielen, und ich halte diesen
Umstand nicht für unwichtig. Ich sehe darin ein
Symptom, dem ich mehr Glauben schenke, als allen
kriegerischen Deklamationen der Ministerialblätter.
Letztere stoßen in der Tat seit einigen Tagen so
bedeutend in die Trompete Bellonas, daß man den
Krieg als etwas Unvermeidliches zu betrachten schien.
Die Friedfertigsten waren der Kriegsminister und der
Marineminister; der Kampflustigste war der Minister
des Unterrichts — ein wackerer Mann, der seit seiner
Amtsführung selbst die Achtung seiner Feinde er-
worben und jetzt ebensoviel Tatkraft wie Begeiste-
rung entfaltet, aber die Kriegskräfte Frankreichs ge-
wiß nicht so gut zu beurteilen weiß, wie der Marine-
minister und der Kriegsminister. Thiers hält allen die
Wage und ist wirklich der Mann der Nationalität.
Letztere ist ein großer Hebel in seinen Händen, und
er hat von Napoleon gelernt, daß man die Fran-
zosen damit noch weit gewaltiger bewegen kann, als
mit Ideen. Trotz seinem Nationalismus, bleibt aber ^
Frankreich der Repräsentant der Revolution, und die
Franzosen kämpfen nur für diese, wenn sie sich
selbst aus Eitelkeit, Eigennutz und Torheit schlagen.
i2o Lutczia
Thiers hat imperialistische Gelüste, und wie ich Ihnen
schon Ende Julius schrieb, der Krieg ist die Freude
seines Herzens. Jetzt ist der Fußboden seines Arbeits^
zimmers ganz mit Landkarten bedeckt, und da liegt
er auf dem Bauche und steckt schwarze und grüne
Nadeln ins Papier, ganz wie Napoleon. Daß er an
der Börse spekuliert habe, ist eine schnöde Verleum-
düng; ein Mensch kann nur einer einzigen Leiden-
schaft gehorchen, und der Ehrgeizige denkt selten
an Geld. Durch seine Familiarität mit gesinnungslosen
Glücksrittern hat sich Thiers all die boshaften Gerüchte,
die an seinem Leumund nagen, selber zugezogen.
Diese Leute, wenn er ihnen jetzt den Rücken kehrt,
schmähen ihn noch mehr als seine politischen Feinde.
Aber warum pflegte er Umgang mit solchem Gesindel?
Wer sich mit Hunden niederlegt, steht mit Flöhen auf.
v Ich bewundere den Mut des Königs; jede Stunde,
wo er zögert dem verletzten Nationalgefühl Genug-
tuung zu schaffen, wächst die Gefahr, die den Thron
noch entsetzlicher bedroht, als alle Kanonen der
Alliierten. Morgen, heißt es, sollen die Ordonnanzen
publiziert werden, welche die Kammern berufen und
Frankreich in Kriegszustand (etat de guerre) erklär
ren. Gestern abend, auf der Nachtbörse von Tor*
toni, hieß es, Lalande habe Befehl erhalten, nach der
Straße von Gibraltar zu eilen, und der russischen
Flotte, wenn sie sich mit der englischen vereinigen
wolle, den Durchgang ins Mittelländische Meer zu
wehren. Die Rente, welche am Tage schon zwei
Prozent gefallen war, purzelte noch zwei Prozent tiefer.
Herr v. Rothschild, wird behauptet, hatte gestern Zahn-
schmerz,-andre sagen Kolik. Was wird daraus werden ?
Das Gewitter zieht immer näher. In den Lüften
vernimmt man schon den Flügelschlag der Walküren.
Erster Teil 121
XXIII.
Paris, 29. Oktober 1840.
Thiers geht ab und Guizot tritt wieder auf. Es -'
ist aber dasselbe Stück und nur die Akteure wech-
sein. Dieser Rollenwechsel geschah auf Verlangen
sehr vieler hohen und allerhöchsten Personen, nicht
des gewöhnlichen Publikums, das mit dem Spiel sei-
nes ersten Helden sehr zufrieden war. Dieser buhlte
vielleicht etwas zu sehr um den Beifall des Par-
terres; sein Nachfolger hat mehr die höhern Regionen
im Auge, die Gesandtenlogen.
In diesem Augenblick versagen wir nicht unser
Mitleid dem Manne, der unter den jetzigen Um-
ständen in das Hotel des Capucins seinen Einzug
hält; er ist viel mehr zu bedauern, als derjenige, der^
dieses Marterhaus oder Drillhaus verläßt. Er ist
fast ebenso zu bedauern, wie der König selber; auf
diesen schießt man, den Minister verleumdet man.
Mit wieviel Kot bewarf man Thiers während seines
Ministeriums! Heute bezieht er wieder sein kleines
Haus auf der Place Saint-George, und ich rate ihm,
gleich ein Bad zu nehmen. Hier wird er sich wie-
der seinen Freunden in fleckenloser Größe zeigen,
und wie vor vier Jahren, als er in derselben plötz-
lichen Weise das Ministerium verließ, wird jeder
einsehen, daß seine Hände rein geblieben sind, und
sein Herz nicht eingeschrumpft. Er ist nur etwas
ernsthafter geworden, obgleich der wahre Ernst ihm
nie fehlte und sich, wie bei Cäsar, unter leichten
Lebensformen verbarg. Die Beschuldigung der For-
fanterie, die man in der letzten Zeit am öftesten
gegen ihn vorbrachte, widerlegt er eben durch seinen
Abgang vom Ministerium: eben weil er kein bloßer
./
122 Lutezia
j Maulheld war, weil er wirklich die größten Kriegs*
rüstungen vornahm, eben deshalb mußte er zurück-
treten. Jetzt sieht jeder ein, daß der Aufruf zu den
Waffen keine prahlerische Spiegelfechterei war. Über
vierhundert Millionen beläuft sich schon die Summe,
welche für die Armee, die Marine und die Befesti-
gungswerke verwendet worden, und in einigen Mo-
naten stehen sechsmalhunderttausend Soldaten auf
den Beinen. Noch stärkere Vorbereitungen zum
Kriege standen in Vorschlag, und das ist der Grund,
weshalb der König, noch vor dem Beginn der
Kammersitzungen, sich um jeden Preis des großen
Rüstmeisters entledigen mußte. Einige beschränkte
Deputiertenköpfe werden jetzt freilich über nutzlose
Ausgaben schreien und nicht bedenken, daß es eben
jene Kriegsrüstungen sind, die uns vielleicht den
Frieden erhielten. Ein Schwert hält das andere in
der Scheide. Die große Frage: ob Frankreich durch
die Londoner Traktatsvorgänge beleidigt war oder
nicht? wird jetzt in der Kammer debattiert werden.
Es ist eine verwickelte Frage, bei deren Beantwor-
tung man auf die Verschiedenheit der Nationalität
Rücksicht nehmen muß. Vorderhand aber haben
wir Frieden, und dem König Ludwig Philipp ge-
bührt das Lob, daß er zur Erhaltung des Friedens
ebensoviel Mut aufgewendet, als Napoleon dessen
„ im Kriege bekundete. Ja, lacht nicht, er ist der
Napoleon des Friedens!
Erster Teil 123
XXIV.
Paris, 4. November 1840.
Marschall Soult, der Mann des Schwertes, sorgt
für die innere Ruhe Frankreichs, und dieses ist seine
ausschließliche Aufgabe. Für die äußere Ruhe bürgt
unterdessen Ludwig Philipp, der König der Klugheit,
der mit geduldigen Händen, nicht mit dem Schwerte,
die Wirrnisse der Diplomatie, den gordischen Knäuel,
zu lösen sucht. Wirds ihm gelingen? Wir wün-
schen es, und zwar im Interesse der Fürsten wie der
Völker Europas. Letztere können durch einen Krieg
nur Tod und Elend gewinnen. Erstere, die Fürsten,
würden, selbst im günstigsten Falle, durch einen Sieg
über Frankreich die Gefahren verwirklichen, die viel-
leicht jetzt nur in der Imagination einiger Staatsleute
als besorgliche Gedanken existieren. Die große Um-
wälzung, welche seit fünfzig Jahren in Frankreich
stattfand, ist, wo nicht beendigt, doch gewiß ge-
hemmt, wenn nicht von außen das entsetzliche Rad
wieder in Bewegung gesetzt wird. Durch die Be-
drohnisse eines Krieges mit der neuen Koalition wird
nicht bloß der Thron des Königs, sondern auch die
Herrschaft jener Bourgeoisie gefährdet, die Ludwig
Philipp rechtmäßig, jedenfalls tatsächlich, repräsen-
tiert. Die Bourgeoisie, nicht das Volk, hat die
Revolution von 1789 begonnen und 1830 vollendet,
sie ist es, welche jetzt regiert, obgleich viele ihrer
Mandatarien von vornehmem Geblüte sind, und sie '
ist es, welche das andringende Volk, das nicht bloß
Gleichheit der Gesetze, sondern auch Gleichheit der
Genüsse verlangt, bis jetzt im Zaum hielt. Die
Bourgeoisie, welche ihr mühsames Werk, die neue
Staatsbegründung, gegen den Andrang des Volkes,
124
Lutezia
das eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft be-
gehrt, zu verteidigen hat, ist gewiß zu schwach,
wenn auch das Ausland sie mit vierfach stärkeren
Kräften anfiele, und noch ehe es zur Invasion käme,
würde die Bourgeoisie abdanken, die unteren Klassen
würden wieder an ihre Stelle treten, wie in den
schrecklichen neunziger Jahren, aber besser organi-
siert, mit klarerem Bewußtsein, mit neuen Doktrinen,
mit neuen Göttern, mit neuen Erd- und Himmels-
kräften; statt mit einer politischen, müßte das Aus-
land mit einer sozialen Revolution in den Kampf
treten. Die Klugheit dürfte daher den alliierten
Mächten raten, das jetzige Regiment in Frankreich
zu unterstützen, damit nicht weit gefährlichere und
kontagiösere Elemente entzügelt werden und sich
geltend machen. Die Gottheit selbst gibt ja ihren
Stellvertretern ein so belehrendes Beispiel: der jüngste
Mordversuch zeigt, wie die Vorsehung dem Haupte
Ludwig Philipps einen ganz besondern Schutz an-
gedeihen läßt ... sie schützt den großen Spritzen-
meister, der die Flamme dämpft und einen allge-
meinen Weltbrand verhütet.
Ich zweifle nicht, daß es dem Marschall Soult
gelingen wird, die innere Ruhe zu sichern. Durch
seine Kriegsrüstungen hat ihm Thiers genug Soldaten
hinterlassen, die freilich ob der veränderten Bestim-
mung sehr mißmutig sind. Wird er auf letztere
zählen können, wenn das Volk mit bewafFnetem
Ungestüm den Krieg begehrt? Werden die Soldaten
dem Kriegsgelüste des eigenen Herzens widerstehen
können und sich lieber mit ihren Brüdern als mit
den Fremden schlagen? Werden sie den Vorwurf der
Feigheit ruhig anhören können? Werden sie nicht ganz
den Kopf verlieren, wenn plötzlich der tote Feldherr
Erster Teil 125
von St. Helena anlangt? Ich wollte, der Mann läge
schon ruhig unter der Kuppel des Invalidendoms, und
wir hätten die Leichenfeier glücklich überstanden! —
Das Verhältnis Guizots zu den beiden obenge*
nannten Trägern des Staates werde ich späterhin
besprechen. Auch läßt sich noch nicht bestimmen,
inwieweit er beide durch die Ägide seines Wortes
zu schirmen denkt. Sein Rednertalent dürfte in einU
gen Wochen stark genug in Anspruch genommen
werden, und wenn die Kammer, wie es heißt, über
den casus belli ein Prinzip aufstellen wird, kann
der gelehrte Mann seine Kenntnisse aufs glänzendste
entwickeln. Die Kammer wird nämlich die Erklärung
der koalisierten Mächte, daß sie bei der Pazifikation
des Orients keine Territorialvergrößerungen und son-
stige Privatvorteile beabsichtigen, in besondere Er-
wägung ziehen und jeden faktischen Widerspruch mit
jener Erklärung als einen casus belli feststellen. Über
die Rolle, die Thiers bei dieser Gelegenheit spielen
wird, und ob er dem alten Nebenbuhler Guizot
wieder mit all seiner Sprachgewalt entgegenzutreten
gedenkt, kann ich Ihnen ebenfalls erst später berichten.
Guizot hat einen schweren Stand, und ich habe
Ihnen schon oft gesagt, daß ich großes Mitleid für
ihn empfinde. Er ist ein wackerer, festgesinnter
Mann, und Calamatta hat in einem vortrefflichen
Porträt sein edles Äußere sehr getreu abkonterfeit.
Ein starrer puritanischer Kopf, angelehnt an eine
steinerne Wand — bei einer hastigen Bewegung des
Kopfes nach hinten könnte er sich sehr beschädigen.
Das Porträt ist an den Fenstern von Goupil und
Rittner ausgestellt. Es wird viel betrachtet und
Guizot muß schon in effigie viel ausstehen von den
malitiösen Zungen.
J
126 Lutezia
XXV.
Paris, 6. November 1840.
Über die Juliusrevolution und den Anteil, den
Ludwig Philipp daran genommen, ist jetzt ein Buch
erschienen, welches die allgemeine Aufmerksamkeit
erregt und überall besprochen wird. Es ist dies der
erste Teil von Louis Blancs »Histoire de dix ans«.
Ich habe das Werk noch nicht zu Gesicht bekom-
men; sobald ich es gelesen, will ich versuchen, ein
selbständiges Urteil darüber zu fällen. Heute be*
richte ich Ihnen bloß, was ich von vornherein über
den Verfasser und seine Stellung sagen kann, damit
Sie den rechten Standpunkt gewinnen, von wo aus
Sie genau ermessen mögen, wieviel Anteil der Par-
teigeist an dem Buche hat, und wieviel Glauben Sie
seinem Inhalt schenken oder verweigern können.
Der Verfasser, Herr Louis Blanc, ist noch ein
junger Mann, höchstens einige dreißig Jahre alt, ob*
gleich er seinem Äußern nach wie ein kleiner Junge
von dreizehn Jahren aussieht. In der Tat, seine
überaus winzige Gestalt, sein rotbäckiges, bartloses
Gesichtchen und auch seine weichlich zarte, noch
nicht zum Durchbruch gekommene Stimme geben
ihm das Ansehen eines allerliebsten Bübchens, das
eben der dritten Schulklasse entsprungen und seinen
ersten schwarzen Frack trägt, und doch ist er eine
Notabilität der republikanischen Partei und in seinem
Räsonnement herrscht eine Mäßigung, wie man sie
nur bei Greisen findet. — Seine Physiognomie, na*
mentlich die muntern Äuglein, deuten auf südfran*
zösischen Ursprung. Louis Blanc ist geboren zu
Madrid, von französischen Eltern. Seine Mutter ist
Korsikanerin und zwar eine Pozzo di Borgo. Er
Erster Teil 127
ward erzogen in Rodez. Ich weiß nicht, wie lange
er schon in Paris verweilt, aber bereits vor sechs
Jahren traf ich ihn hier als Redakteur eines republi-
kanischen Journals, »Le Monde« geheißen, und seit*
dem stiftete er auch die »Revue du Progres«, das
bedeutendste Organ des Republikanismus. Sein Vetter
Pozzo di Borgo, der ehemalige russische Gesandte,
soll mit der Richtung des jungen Mannes nicht sehr
zufrieden gewesen sein, und darüber nicht selten
Klage geführt haben. <Von jenem berühmten Diplo-
maten sind, nebenbei gesagt, sehr betrübende Nach-
richten hier angelangt, und seine Geisteskrankheit
scheint unheilbar zu sein; er verfällt manchmal in
Raserei, und glaubt alsdann, der Kaiser Napoleon
wolle ihn erschießen lassen.) Louis Blancs Mutter
und seine ganze mütterliche Familie lebt noch in
Korsika. Doch das ist die leibliche Sippschaft, die
des Blutes. Dem Geiste nach ist Louis Blanc zu-"''
nächst verwandt mit Jean Jacques Rousseau, dessen
Schriften der Ausgangspunkt seiner ganzen Denk-
und Schreibweise. Seine warme, nette, Wahrheit-
liehe Prosa erinnert an jenen ersten Kirchenvater der
Revolution. »L'organisation du travail« ist eine
Schrift von Louis Blanc, die bereits vor einiger Zeit
die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Wenn auch w
nicht gründliches Wissen, doch eine glühende Sym-
pathie für die Leiden des Volks, zeigt sich in jeder
Zeile dieses kleinen Opus, und es bekundet sich
darin zu gleicher Zeit jene Vorliebe für unbeschränkte
Herrscherei, jene gründliche Abneigung gegen ge- "
nialen Personalismus, wodurch sich Louis Blanc von
einigen seiner republikanischen Genossen, z. B. von
dem geistreichen Pyat, auffallend unterscheidet. Diese
Abweichung hat vor einiger Zeit fast ein Zerwürf-
128 Lutezia
nis hervorgebracht, als Louis Blanc nicht die abso*
lute Preßfreiheit anerkennen wollte, die von jenen
Republikanern in Anspruch genommen wird. Hier
zeigte es sich ganz klar, daß diese letztern die Frei'
heit nur der Freiheit wegen lieben, Louis Blanc aber
dieselbe vielmehr als ein Mittel zur Beförderung phi*
lanthropischer Zwecke betrachtet, so daß ihm auf
diesem Standpunkte die gouvernementale Autorität,
ohne welche keine Regierung das Heil des Volks
fördern könne, weit mehr gilt, als alle Befugnisse
und Berechtigungen der individuellen Kraft und
Größe. Ja vielleicht schon wegen seiner Taille ist
ihm jede große Persönlichkeit zuwider, und er schielt
an sie hinauf mit jenem Mißtrauen, das er mit einem
andern Schüler Rousseaus, dem seligen Maximilian
Robespierre, gemein hat. Ich glaube, der Knirps
möchte jeden Kopf abschlagen lassen, der das vor*
geschriebene Rekrutenmaß überragt, versteht sich
im Interesse des öffentlichen Heils, der allgemeinen
Gleichheit, des sozialen Volksglücks. Er selbst ist
mäßig, scheint dem eignen kleinen Körper keine Ge*
nüsse zu gönnen, und er will daher im Staate all*
gemeine Küchengleichheit einführen, wo für uns alle
dieselbe spartanische schwarze Suppe gekocht wer*
den soll, und was noch schrecklicher, wo der Riese
auch dieselbe Portion bekäme, deren sich Bruder
Zwerg zu erfreuen hätte. Nein, dafür dank' ich,
neuer Lykurg! Es ist wahr, wir sind alle Brüder,
aber ich bin der große Bruder und Ihr seid die kleinen
Brüder, und mir gebührt eine bedeutendere Portion.
Louis Blanc ist ein spaßhaftes Kompositum von
Liliputaner und Spartaner. Jedenfalls traue ich ihm
„ eine große Zukunft zu, und er wird eine Rolle spielen,
wenn auch eine kurze. Er ist ganz dazu gemacht,
Erster Teil
129
der große Mann der Kleinen zu sein, die einen sol-
chen mit Leichtigkeit auf ihren Schultern zu tragen
vermögen, während Menschen von kolossalem Zu=
schnitt, ich möchte fast sagen Geister von starker
Korpulenz, ihnen eine zu schwere Last sein möchten.
Das neue Buch von Louis Blanc soll vortrefflich
geschrieben sein, und da es eine Menge unbekannter
und boshafter Anekdoten enthält, hat es schon ein
stoffartiges Interesse für die schadenfrohe große
Menge, Die Republikaner schwelgen darin mit •
Wonne; die Misere, die Kleinheit jener regierenden
Bourgeoisie, die sie stürzen wollen, ist hier sehr er»
götzlich aufgedeckt. Für die Legitimisten aber ist
das Buch wahrer Kaviar, denn der Verfasser, der
sie selbst verschont, verhöhnt ihre bürgerlichen Be-
sieger und wirft vergifteten Kot auf den Königsmantel
von Ludwig Philipp. Sind die Geschichten, die Louis
Blanc von ihm erzählt, falsch oder wahr? Ist letzteres
der Fall, so hätte die große Nation der Franzosen,
die so viel von ihrem Point-d'honneur spricht, sich
seit zehn Jahren von einem gewöhnlichen Gaukler,
von einem gekrönten Bosco regieren und repräsen-
tieren lassen. Es wird nämlich in jenem Buche fol-
gendes erzählt: Den 1. August, als Karl X. den Herzog
von Orleans zum Leutnant-General ernannt, habe
sich Dupin zu letzterm nach Neuilly begeben und
ihm vorgestellt, daß er, um dem gefährlichen Ver-
dacht der Zweideutigkeit zu entgehen, auf eine ent-
schiedene Weise mit Karl X. brechen und ihm einen
bestimmten Absagebrief schreiben müsse. Ludwig
Philipp habe dem Rate Dupins seinen ganzen Beifall
geschenkt und ihn selbst gebeten, einen solchen Brief
für ihn zu redigieren; dieses sei geschehen und zwar
in den derbsten Ausdrücken, und Ludwig Philipp, im
ix, 9
i3o
Lutezia
Begriff, den schon mit einem Adreßkuverte versehenen
Brief zu versiegeln, und das Siegellack bereits an die
Wachskerze haltend, habe sich plötzlich zu Dupin
gewandt mit den Worten: »In wichtigen Fällen kon-
sultiere ich immer meine Frau, ich will ihr erst den
Brief vorlesen, und findet er Beifall, so schicken wir
ihn gleich ab.« Hierauf habe er das Zimmer ver-
lassen, und nach einer Weile mit dem Briefe zurück-
kehrend habe er denselben schnell versiegelt und un-
verzüglich an Karl X. abgeschickt. Aber nur das
Adreßkuvert sei dasselbe gewesen, dem plump
Dupinschen Briefe jedoch habe der fingerfertige Künst-
ler ein ganz demütiges Schreiben substituiert, worin
er, seine Untertanentreue beteuernd, die Ernennung
als Leutnant-General annahm und den König be-
schwor, zugunsten seines Enkels zu abdizieren. Die
nächste Frage ist nun: wie ward dieser Betrug ent-
deckt? Hierauf hat Herr Louis Blanc einem Bekannten
von mir mündlich die Antwort erteilt: Herr Berryer,
als er nach Prag zu Karl X. reiste, habe demselben
ehrfurchtsvoll vorgestellt, daß Seine Majestät sich
einst mit der Abdikation etwas zu sehr übereilt, wo-
rauf ihm Se. Majestät, um sich zu justifizieren, den
Brief zeigte, den ihm zu jener Zeit der Herzog von
Orleans geschrieben ; den Rat desselben habe er um
so eifriger befolgt, da er in ihm den Leutnant-General
des Königreichs anerkannt hatte. Es ist also Herr
Berryer, welcher jenen Brief gesehen hat und auf
dessen Autorität die ganze Anekdote beruht. Für
die Legitimisten ist diese Autorität gewiß hinreichend,
und sie ist es auch für die Republikaner, die alles
glauben, was der legitime Haß gegen Ludwig Philipp
erfindet. Wir sahen dieses noch jüngst, als eine ver-
rufene Vettel die bekannten falschen Briefe schmiedete,
Erster Teil 131
bei welcher Gelegenheit Herr Berryer sich bereits als
Advokat der Fälschung in vollem Glänze zeigte. Wir,
die wir weder Legitimist noch Republikaner sind, wir
glauben nur an das Talent des Herrn Berryer, an
sein wohltönendes Organ, an seinen Sinn für Spiel
und Musik, und ganz besonders glauben wir an die
ungeheuren Summen, womit die legitimistische Partei
ihren großen Sachwalter honoriert.
Was Ludwig Philipp betrifft, so haben wir in die-
sen Blättern oft genug unsre Meinung über ihn aus-
gesprochen. Er ist ein großer König, obgleich ähn-
licher dem Odysseus als dem Ajax, dem wütenden
Autokraten, der im Zwist mit dem erfindungsreichen
Dulder gar kläglich unterliegen mußte. Er hat aber
die Krone Frankreichs nicht wie ein Schelm eskamo-
tiert, sondern die bitterste Notwendigkeit, ich möchte
sagen die Ungnade Gottes drückte ihm die Krone
aufs Haupt, in einer verhängnisvollen Schreckens-
stunde. Freilich, er hat bei dieser Gelegenheit ein
bißchen Komödie gespielt, er meinte es nicht ganz
ehrlich mit seinen Kommittenten, mit den Juliushelden;
die ihn aufs Schild erhoben — aber meinten es diese
so ganz ehrlich mit ihm, dem Orleans? Sie hielten
ihn für einen bloßen Hampelmann, sie setzten ihn
lustig auf den roten Sessel, im festen Glauben, ihn
mit leichter Mühe wieder herabwerfen zu können,
wenn er sich nicht gelenkig genug an den Drähten
regieren ließe, oder wenn es ihnen gar einfiele, die
Republik, das alte Stück, wieder aufzuführen. Aber
diesmal, wie ich bereits mal gesagt habe, war es das
Königtum selbst, welches die Rolle des Junius Brutus
spielte, um die Republikaner zu täuschen, und Lud-
wig Philipp war klug genug, die Maske der schaf-
mütigsten Einfalt vorzunehmen, mit dem großen sen-
-/
I« Lutezia
timentalen Parapluic unterm Arm wie Staberle durch
die Gassen von Paris zu schlendern, Bürger Krethi
und Bürger Plethi die ungewaschenen Hände zu
schütteln, und zu lächeln und sehr gerührt zu sein.
Er spielte wirklich damals eine kuriose Rolle, und
als ich kurz nach der Juliusrevolution hierherkam,
hatte ich noch oft Gelegenheit, darüber zu lachen.
Ich erinnere mich noch sehr gut, daß ich bei meiner
Ankunft gleich nach dem Palais Royal eilte, um
Ludwig Philipp zu sehen. Der Freund, der mich
führte, erzählte mir, daß der König jetzt nur zu be*
stimmten Stunden auf der Terrasse erscheine; früher
aber, noch vor wenigen Wochen, habe man ihn zu
jeder Zeit sehen können, und zwar für fünf Francs.
»Für fünf Francs !c — rief ich mit Verwunderung
~- »zeigt er sich denn für Geld?« »Nein, aber er
wird für Geld gezeigt, und es hat damit folgende
Bewandtnis: es gibt eine Sozietät von Claqueurs,
Marchands de Contremarques und sonstigem Lumpen«
gesindel, die jedem Fremden anbieten, ihm für fünf
Frs. den König zu zeigen; gäbe man ihnen zehn
Frs., so werde man ihn sehen, wie er die Augen
gen Himmel richtet und die Hand beteuernd aufs
Herz legt; gäbe man aber zwanzig Frs., so solle
er auch die Marseillaise singen.« Gab man nun
jenen Kerls ein Fünffrankenstück, so erhoben sie
ein jubelndes Vivatrufen untern den Fenstern des
Königs, und höchstderselbe erschien auf der Terrasse,
verbeugte sich und trat wieder ab. Hatte man jenen
Kerls zehn Frs: gegeben, so schrien sie noch viel
lauter und gebärdeten sich wie besessen während
der König erschien, welcher alsdann zum Zeichen
seiner stummen Rührung die Augen gen Himmel
richtete, und die Hand beteuernd aufs Herz legte.
Erster Teil
*33
Die Engländer aber ließen es sich manchmal zwanzig
Francs kosten, und dann ward der Enthusiasmus
aufs höchste gesteigert, und sobald der König auf
der Terrasse erschien, ward die Marseillaise an*
gestimmt und so fürchterlich gegrölt, bis Ludwig
Philipp, vielleicht nur um dem Gesang ein Ende zu
machen, sich verbeugte, die Augen gen Himmel
richtete, die Hand aufs Herz legte und die Marseil-
laise mitsang. Ob er auch mit dem Fuße den Takt
schlug, wie behauptet wird, weiß ich nicht. Ich
kann überhaupt die Wahrheit dieser Anekdote nicht
verbürgen. Der Freund, der sie mir erzählte, ist
seit sieben Jahren tot; seit sieben Jahren- hat er nicht
gelogen. Es ist also nicht Herr Berryer, auf dessen
Autorität ich mich berufe.
XXVI.
Paris, 7. November 1840.
Der König hat geweint. Er weinte öffentlich,
auf dem Throne, umgeben von allen Würdeträgern
des Reichs, angesichts seines ganzen Volks, dessen
erwählte Vertreter ihm gegenüberstanden, und Zeugen
dieses kummervollen Anblicks waren alle Fürsten
des Auslandes, repräsentiert in der Person ihrer Ge-
sandten und Abgeordneten. Der König weinte!
Dieses ist ein betrübendes Ereignis. Viele ver-
dächtigen diese Tränen des Königs, und vergleichen
sie mit denen des Reineke. Aber ist es nicht schon
hinlänglich tragisch, wenn ein König so sehr be-
drängt und geängstet worden, daß er zu dem feuchten
Hilfsmittel des Weinens seine Zuflucht genommen?
Nein, Ludwig Philipp, der königliche Dulder, braucht
»34
Lutezia
nicht eben seinen Tränendrüsen Gewalt anzutun,
wenn er an die Schrecknisse denkt, wovon er, sein
Volk und die ganze Welt bedroht ist. —
Über die Stimmung der Kammer läßt sich noch
nichts Bestimmtes vermelden. Und doch hängt alles
davon ab, die innere wie die äußere Ruhe Frank-
reichs und der ganzen Welt. Entsteht ein bedeuten-
der Zwiespalt zwischen den Bourgeois-Notabilitäten
der Kammer und der Krone, so zögern die Häupt-
linge des Radikalismus nicht länger mit einem Auf-
stand, der schon im geheimen organisiert wird, und
der nur auf die Stunde harrt, wo der König nicht
mehr auf den Beistand der Deputiertenkammer
rechnen kann. Solange beide Teile nur schmollen,
aber doch ihren Ehekontrakt nicht verletzen, kann
kein Umsturz der Regierung gelingen, und das wissen
die Rädelsführer der Bewegung sehr gut, deshalb ver-
schlucken sie für den Augenblick all ihren Grimm
und hüten sich vor jedem unzeitigen Schilderheben.
Die Geschichte Frankreichs zeigt, daß jede be-
deutende Phase der Revolution immer parlamen-
tarische Anfänge hatte, und die Männer des gesetz-
lichen Widerstandes immer mehr oder minder deutlich
dem Volk das furchtbare Signal gaben. Durch diese
Teilnahme, wir möchten fast sagen Komplicität eines
Parlaments, ist das Interregnum der rohen Fäuste
nie von langer Dauer, und die Franzosen sind vor
der Anarchie viel mehr geschützt als andere Völker,
die im revolutionären Zustand sind, z. B. die Spanier.
Das sahen wir in den Tagen des Julius, wo das
Parlament, die legislative Versammlung, sich in einen
exekutierenden Konvent verwandelte. Es ist wieder
eine solche Umwandlung, die man im schlimmsten
Fall erwartet.
Erster Teil pc
XXVII.
Paris, 12. November 1840.
Die Geburt des Herzogs von Chartres ist ein
Nachtrag zur Kronrede. »Mitleid, das nackte Kind*
lein« ** sagt Shakspeare. Und das Kindlein ist
obendrein ein Prinz von Geblüt, und also bestimmt,
die traurigsten Prüfungen zu erdulden, wo nicht gar
die königliche Dornenkrone von Frankreich auf dem
Haupte zu tragen! Gebt ihm eine deutsche Heb-
amme, damit er die Milch der Geduld sauge. Er
befindet sich frisch und gesund. Das kluge Kind
hat gleich seine Situation begriffen und gleich zu
weinen angefangen. Übrigens soll es dem Großvater
sehr ähnlich sehen. Letzterer jauchzt vor Freude.
Wir gönnen ihm von Herzen diesen Trost, diesen Bal-
sam ; hat er doch in der letzten Zeit so viel gelitten !
Ludwig Philipp ist der vortrefflichste Hausvater, und
eben die übertriebene Sorgfalt für das Glück seiner
Familie brachte ihn in so viele Kollisionen mit den
Nationalinteressen der Franzosen. Eben weil er Kin-
der hat und sie liebt, hegt er auch die entschiedenste
Zärtlichkeit für den Frieden. Kriegslustige Fürsten
sind gewöhnlich kinderlos. Dieser Sinn für Häuslich-
keit und häusliches Glück, wie dergleichen bei Ludwig
Philipp vorherrschend, ist gewiß ehrenwert und jeden-
falls ist das allerhöchste Muster von dem heilsamsten
Einfluß auf die Sitten. Der König ist tugendhaft im
bürgerlichsten Geschmack, sein Haus ist das honetteste
von ganz Frankreich, und die Bourgeoisie, die ihn
zu ihrem Statthalter gewählt, hat noch immer hin-
längliche Gründe, mit ihm zufrieden zu sein.
Solange die Bourgeoisie am Ruder steht, droht
der jetzigen Dynastie keine Gefahr. Wie soll es
n6 Lutezia
aber gehen, wenn Stürme aufsteigen, wo stärkere
Fäuste zum Ruder greifen, und die Hände der
Bourgeoisie, die mehr geeignet zum Geldzählen und
Buchführen, sich ängstlich zurückziehen? Die Bour-
geoisie wird noch weit weniger Widerstand leisten,
als die ehemalige Aristokratie; denn selbst in ihrer
kläglichsten Schwäche, in ihrer Erschlaffung durch
Sittenlosigkeit, in ihrer Entartung durch Kurtisanerie,
war die alte Noblesse doch noch beseelt von einem
gewissen Point d'honneur, das unsrer Bourgeoisie
fehlt, die durch den Geist der Industrie emporblüht,
aber auch untergehen wird. Man prophezeit ihr einen
10. August, aber ich zweifle, ob die bürgerlichen Ritter
des Juliusthrons sich so heldenmütig zeigen werden, wie
die gepuderten Marquis des alten Regimes, die, in seide-
nen Röcken und mit dünnen Galanteriedegen, sich dem
eindringenden Volke in den Tuilerien entgegensetzten.
j Die Nachrichten, die uns aus dem Osten zu-
kommen, sind für die Franzosen sehr betrübend. Die
Autorität Frankreichs ist im Orient unwiederbring-
lich verloren und wird die Beute von England und
Rußland. Die Engländer haben erlangt was sie
wollten, die tatsächliche Obmacht in Syrien, die
Sicherung ihrer Handelsstraße nach Indien: der
Euphrat, einer der vier Paradiesflüsse, wird ein eng-
lisches Gewässer, worauf man mit dem Dampfschiffe
fährt, wie nach Ramsgate und Margate usw. — auf
Towerstreet ist das Steamboat-office , wo man sich
einschreibt — zu Bagdad, dem alten Babylon, steigt
man aus und trinkt Porter oder Tee. ~- Die Eng-
länder schwören täglich in ihren Blättern, daß sie
keinen Krieg wollten, und daß der famose Pazifika-
tionstraktat nicht im mindesten die Interessen Frank-
reichs verletzen und die Fackel des Kriegs in die
Erster Teil 137
Welt schleudern sollte — und dennoch war es der
Fall; die Engländer haben die Franzosen aufs
bitterste beleidigt, und die ganze Welt einem all-
gemeinen Brande ausgesetzt, um für sich einige
Schachvorteile zu erzielen! Aber die Selbstsucht
sorgte nur für den Moment, und die Zukunft be-
reitet ihr die Strafe. Die Vorteile, die Rußland
durch den erwähnten Traktat erntete, sind zwar
nicht von so barer Münze, man kann sie nicht so
schnell berechnen und einkassieren, aber sie sind
von unschätzbarstem Werte für seine Zukunft. Zu*
nächst ward dadurch die Allianz zwischen Frank-
reich und England aufgelöst, was ein wichtiger Ge-
winn für Rußland, das früh oder spät mit einer
jener Mächte in die Schranken treten muß. Dann
ward die Macht jenes Agyptiers vernichtet, der,
wenn er sich an die Spitze der Moslemin stellte, im-
stande war, das türkische Reich zu schützen vor
den Russen, die es schon als ihr Eigentum be-
trachten. Und noch viele Vorteile der Art haben
die Russen erbeutet, und zwar ohne großen Auf-
wand von Gefahr, da, im Fall eines Kriegs, die
Franzosen nicht bis zu ihnen hinüberreichen könnten,
ebensowenig wie sie den Engländern beizukommen
vermöchten. Zwischen England und dem Zorn der
Franzosen liegt das Meer, zwischen den letztern
und den Russen liegt Deutschland; — und wir
armen Deutschen, durch den Zufall der örtlichkeit,
wir hätten uns schlagen müssen für Dinge, die uns
gar nichts angehen, für nichts und wieder nichts,
gleichsam für des Kaisers Bart. — Ach, wäre es
noch für den Bart eines Kaisers!
Ij8 Lutczia
XXVIII.
Paris, 6. Januar 1841.
Das junge Jahr begann wie das alte mit Musik
und Tanz. In der Großen Oper erklingen die Melo-
dien Donizettis, womit man die Zeit notdürftig aus-
füllt, bis der »Prophet« kommt, nämlich das Meyer-
beersche Opus dieses Namens. Vorgestern abend
debütierte Mademoiselle Heinefetter mit großem,
glänzenden Erfolg. Im Odeon, dem italienischen
Nachtigallennest, flöten schmelzender als je der
alternde Rubini und die ewig junge Grisi, die
singende Blume der Schönheit. Auch die Konzerte
haben schon begonnen in den rivalisierenden Sälen
von Herz und Erard, den beiden Holzkünstlern.
Wer in diesen öffentlichen Anstalten Polyhymnias
nicht genug Gelegenheit findet, sich zu langweilen,
der kann schon in den Privatsoireen sich nach
Herzenslust ausgähnen: eine Schar junger Dilettanten,
die zu den fürchterlichsten Hoffnungen berechtigen,
läßt sich hier hören in allen Tonarten und auf allen
möglichen Instrumenten; Hr. Orfila meckert wieder
seine unbarmherzigsten Romanzen, gesungenes Ratten-
gift. Nach der schlechten Musik wird lauwarmes
Zuckerwasser oder gesalzenes Eis herumgereicht,
und getanzt. Auch die Maskenbälle erheben sich
schon unter Pauken- und Trompetenschall, und wie
mit Verzweiflung stürzen sich die Pariser in den
tosenden Strudel des Vergnügens. Der Deutsche
trinkt, um sich von drückender Sorgenlast zu be-
freien; der Franzose tanzt, den berauschenden, be-
täubenden Galoppwalzer. Die Göttin des Leicht-
sinns möchte gern ihrem Lieblingsvolke allen
trüben Ernst aus der Seele hinausgaukeln, aber es
Erster Teil
*39
gelingt ihr nicht; in den Zwischenpausen der Qua-
drille flüstert Harlekin seinem Nachbar Pierrot ins
Ohr: »Glauben Sie, daß wir uns dieses Frühjahr
schlagen müssen?« Selbst der Champagner ist un-
mächtig und kann nur die Sinne benebeln, die
Herzen bleiben nüchtern, und manchmal, beim lustig*
sten Bankett, erbleichen die Gäste, der Witz stirbt
auf ihren Lippen, sie werfen sich erschrockene Blicke
zu — - an der Wand sehen sie die Worte: »Mene,
Tekel, Peres!«
Die Franzosen verhehlen sich nicht das Gefahr-'
volle ihrer Lage, aber der Mut ist ihre National-
tugend. Und am Ende wissen sie sehr gut, daß
die politischen Besitztümer, die ihre Väter mit kampf-
lustigster Tapferkeit erworben haben, nicht durch
duldende Nachgiebigkeit und müßige Demut bewahrt
werden können. Selbst Guizot, der so unwürdig
geschmähte Guizot, ist keineswegs gesonnen, den
Frieden um jeden Preis zu erhalten. Dieser Mann
behauptet zwar einen unerschrockenen Widerstand
gegen den anstürmenden Radikalismus, aber ich bin
überzeugt, daß er sich mit derselben Entschlossen-
heit dem Andrang absolutistischer und hierarchischer
Bestrebungen entgegenstemmen würde. Ich weiß nicht,
wie groß die Zahl der Nationalgardisten war, die
beim kaiserlichen Leichenbegängnisse: »ä bas Guizot!«
riefen; aber ich weiß, daß die Nationalgarde, ver-
stünde sie ihre eigenen Interessen, ebenso ver-
ständig wie dankbar handeln würde, wenn sie gegen
jene schnöden Rufe öffentlich protestierte. Denn die
Nationalgarde ist am Ende doch nichts anderes,
als die bewaffnete Bourgeoisie, und eben diese, ge-
fährdet zu gleicher Zeit durch die intrigierende
Partei des alten Regimes und die Prädikanten einer
i4o
Lutezia
y
Babocufschcn Republik, hat in Guizot ihren natür-
lichen Schutzvogt gefunden, der sie schützt nach
oben wie nach unten. Guizot hat nie etwas anderes
gewollt, als die Herrschaft der Mittelklassen, die er
durch Bildung und Besitz dazu geeignet glaubte, die
Staatsgeschäfte zu lenken und zu vertreten. Ich bin
überzeugt, hätte er in der französischen Aristokratie
noch ein Lebenselement gefunden, wodurch sie fähig
gewesen wäre, zum Heil des Volkes und der Mensch-
heit Frankreich zu regieren, Guizot wäre ihr Kämpe
geworden, mit ebenso großem Eifer und gewiß mit
größerer Uneigennützigkeit als Bertyer und ähnliche
Paladine der Vergangenheit; ich bin in gleicher Weise
überzeugt, daß er für die Proletarierherrschaft kämpfen
würde, und zwar mit strengerer Ehrlichkeit als
Lamennais und seine Kreuzbrüder, wenn er die
untern Klassen durch Bildung und Einsicht reif
glaubte, das Staatsruder zu führen, und wenn er
nicht einsähe, daß der unzeitige Triumph der Prole-
tarier nur von kurzer Dauer und ein Unglück für
die Menschheit wäre, indem sie, in ihrem blödsinnigen
Gleichheitstaumel, alles was schön und erhaben auf
dieser Erde ist, zerstören, und namentlich gegen
Kunst und Wissenschaft ihre bilderstürmende Wut
auslassen würden.
Guizot ist jedoch kein Mann des starren Still-
standes, sondern des geregelten und gezeitigten Fort-
schritts, und die Zukunft wird diesem Manne die
glorreichste Gerechtigkeit widerfahren lassen. Viel-
leicht wird dergleichen ihm schon in der nächsten
Gegenwart zuteil: er braucht nur das Hotel des
Capucins zu verlassen. Würde er in diesem Fall
wieder seinen Gesandtschaftsposten in London an-
treten? Würde er, trotz seiner Sympathie für Eng-
Erster Teil 141
land, jenes neue Ministerium unterstützen, das eine
Allianz mit Rußland träumt? — Es ist möglich, denn
im Fall man Frankreich zum Kriege zwänge, würde
Guizot, alle revolutionären Mittel verschmähend,
nur politischen Allianzen nachstreben. »Können '
wir, trotz aller Opfer und Mäßigung , den Frieden
nicht aufrecht erhalten, so werden wir den Krieg
als eine Macht fuhren <puissance>, und nicht als
ein lärmender Haufen <cohue>« — so äußerte sich
Guizot im vertrauten Salon. Hierin liegt aber der
Hauptgrund, weshalb ihm alle jene Leute gram sind,
die nur von einer Propaganda den Sieg erwarten
und sich dabei als notwendige Werkzeuge wichtig
machen wollen. Das sind namentlich die Journa-
listen, die ihrer Feder alle mögliche Hilfswirkung
zutrauen. »Das Beste in der Welt ist eine baum-
wollene Nachtmütze« — sagt der Bonnetier, und
die Journalisten sagen: »das Beste ist ein Zeitungs-
artikel!« Wie sehr sie sich irren, erfuhren wir in
jüngster Zeit, wo die propagandistischen Phrasen
des »National«, des »Courner francais« und des
»Constitutione!« so viel Mißmut in Deutschland
erregten. Da waren die Väter weit praktischer: als
sie die kosmopolitischen Ideen der Revolution in
Gefahr sahen, suchten sie Hülfe im Nationalgefühl.
Die Söhne, welche ihre Nationalität bedroht sehen,
nehmen ihre Zuflucht zu den kosmopolitischen Ideen/
— diese aber treiben nicht so mächtig zur Tat, wie
jene begeisternden Erddünste, die wir Vaterlands-
liebe nennen.
Ob im Fall eines Krieges die russische Allianz
für die Franzosen heilsamer sei als die Propaganda,
daran zweifle ich. Durch letztere wird nur ihre
zeitliche Gesellschaftsform bedroht, crstere aber
142 Lutezia
gefährdet das Wesen ihrer Gesellschaft selbst, ihr
innerstes Lebensprinzip, die Seele des französi-
schen Volks.
XXIX.
Paris, 11. Januar 1841.
Immer mehr verbreitet sich unter den Franzosen
die Meinung, daß Bellonas Drommeten dieses Früh-
jahr den Gesang der Nachtigallen überschmettern,
und die armen Veilchen, zertreten vom Pferdehuf,
ihren Duft im Pulverdampf verhauchen müssen. Ich
kann dieser Ansicht keineswegs beistimmen, und die
süßeste Friedenshoffnung nistet beharrlich in meiner
Brust. Es ist jedoch immer möglich, daß die Un»
glückspropheten recht haben, und der kecke Lenz
mit unvorsichtiger Lunte den geladenen Kanonen
nahe. Ist aber diese Gefahr überstanden, und ist
gar der heiße Sommer gewitterlos vorübergezogen,
dann glaube ich, ist Europa für lange Zeit vor den
Schrecknissen eines Kriegs geschützt, und wir dürfen
uns eines langen, dauernden Friedens versichert
halten. Die Wirrnisse, die von oben kamen, werden
alsdann auch dort oben ruhig gelöst worden sein,
und das niedrige Gezücht des Nationalhasses, das
sich in den untern Schichten der Gesellschaft ent-
wickelt hat, wird von der bessern Einsicht der
Völker wieder in seinen Schlamm zurückgetreten
werden. Das wissen aber auch die Dämonen des
Umsturzes diesseits und jenseits des Rheins, und
wie hier in Frankreich die radikale Partei, aus Angst
vor der definitiven Befestigung der Orleansschen
Dynastie und ihrer auf lange Zeit gesicherten Dauer,
Erster Teil
«43
die Wechselfälle des Kriegs herbeiwünscht, um nur
die Chance eines Regierungswechsels zu gewinnen:
so predigt jenseits des Rheins die radikale Partei
einen Kreuzzug gegen die Franzosen, in der Hoff«
nung, daß die entzügelten Leidenschaften einen
wilden Zustand herbeiführen, wo viel leichter als
in einer zahmen und gezähmten Periode die Ideen
der Bewegung verwirklicht werden können. Ja, die
Furcht vor der einschläfernden und fesselnden Macht
des Friedens brachte diese Leute zu dem ver*
zweiflungsvollen Entschluß, das französische Volk
<wie sie in ihrer Unschuld sich ausdrücken) auf*
zu opfern. Wir sagen es offen, weil uns dieser
Heroismus ebenso töricht wie undankbar erscheint,
und weil wir unsägliches Mitleid empfinden mit der
bärenhaften Unbeholfenheit, die sich einbildet klüger
zu sein, als alle Füchse der List! O Ihr Toren, ich
rate Euch, legt Euch nicht auf das gefährliche Fach
der politischen Pfiffigkeit, seid deutsch ehrlich und
menschlich dankbar, und bildet Euch nicht ein, Ihr
werdet auf eigenen Beinen stehen, wenn Frankreich
fällt, die einzige Stütze, die Ihr habt auf dieser Erde!
Werden aber nicht auch von oben die Funken
der Zwietracht geschürt? Ich glaube es nicht, und
es will mich bedünken, die diplomatischen Wirrnisse
seien mehr ein Resultat der Ungeschicklichkeit als
des bösen Willens. Wer will aber den Krieg? Eng-
land und Rußland könnten sich schon jetzt zufrieden
geben ; — sie haben bereits genug Vorteile im trüben
erfischt. Für Deutschland und Frankreich jedoch
ist der Krieg ebenso unnötig wie gefährlich; — die
Franzosen besäßen zwar gern die Rheingrenze, aber
nur weil sie sonst gegen etwaige Invasionen zu
wenig geschützt sind, und die Deutschen brauchten
144
Lutezia
nicht zu furchten, die Rheingrenze zu verlieren, so*
lange sie nicht selber den Frieden brechen. Weder
das deutsche Volk noch das französische Volk be-
gehrt nach Krieg. Ich brauche wohl nicht erst zu
beweisen, daß die Rodomontaden unsrer Deutsch-
tümler, die nach dem Besitz von Elsaß und Lothringen
schreien, nicht der Ausdruck des deutschen Bauers
und des deutschen Bürgers sind. Aber auch der
französische Bürger und der französische Bauer, der
Kern und die Masse des großen Volks, wünschen
keinen Krieg, da die Bourgeoisie nur nach indu-
striellen Ausbeutungen, nach Eroberungen des Frie-
dens trachtet, und der Landmann noch aus der
Kaiserperiode sehr gut weiß, wie teuer, wie blutteuer
er die Triumphe der Nationaleitelkeit bezahlen muß.
Die kriegerischen Gelüste, die bei den Franzosen
seit den Zeiten der Gallier so stürmisch loderten
und brodelten, sind nachgerade ziemlich erloschen,
und wie wenig die militärische »furor francese« jetzt
bei ihnen vorherrschend, zeigte sich bei der Leichen-
feier des Kaisers Napoleon Bonaparte. Ich kann
nicht mit den Berichterstattern übereinstimmen, die
J in dem Schauspiel jenes wunderbaren Begräbnisses
nur Pomp und Gepränge sahen. Sie hatten kein
Auge für die Gefühle, die das französische Volk
bis in seine Tiefen erschütterten. Diese Gefühle
waren aber nicht die des soldatischen Ehrgeizes und
Stolzes, den siegreichen Imperator begleitete nicht
jener Prätorianerjubel, jene lärmige Ruhm- und Raub-
sucht, deren man sich in Deutschland noch erinnert
aus den Tagen des Empire. Die alten Eroberer
haben seitdem das Zeitliche gesegnet, und es war
eine ganz neue Generation, die dem Leichenbegäng-
nisse zuschaute, und wenn nicht mit brennendem
Erster Teil \ac
Zorn, doch gewiß mit der Wehmut der Pietät sah
sie auf diesen goldenen Katafalk, worin gleichsam
alle Freuden, Leiden, glorreiche Irrtümer und ge-
brochene Hoffnungen ihrer Väter, die eigentliche
Seele ihrer Väter, eingesargt lag! Da gabs mehr \s
stumme Tränen als lautes Geschrei. Und dann war
die ganze Erscheinung so fabelhaft, so märchen-
artig, daß man kaum seinen Augen traute, daß man
zu träumen glaubte. Denn dieser Napoleon Bona*
parte, den man begraben sah, war für das heutige
Geschlecht schon längst dahingeschwunden in das
Reich der Sage, zu den Schatten Alexanders von
Mazedonien und Karls des Großen, und jetzt, siehe!
eines kalten Wintertags erscheint er mitten unter
uns Lebenden, auf einem goldenen Siegeswagen, der
geisterhaft dahinrollt in den weißen Morgennebeln.
Diese Nebel aber zerrannen wunderbar, sobald
der Leichenzug in den Champs-Elysees anlangte.
Hier brach die Sonne plötzlich aus dem trüben Ge-
wölk und küßte zum letztenmal ihren Liebling, und
streute rosige Lichter auf die imperialen Adler, die
ihm vorangetragen wurden, und wie mit sanftem
Mitleid bestrahlte sie die armen, spärlichen Über-
reste jener Legionen, die einst im Sturmschritt die
Welt erobert, und jetzt, mit verschollenen Uniformen,
matten Gliedern und veralteten Manieren, hinter
dem Leichenwagen als Leidtragende einherschwankten. .
Unter uns gesagt, diese Invaliden der großen Armee
sahen aus wie Karikaturen, wie eine Satire auf den
Ruhm, wie ein römisches Spottlied auf den toten
Triumphator!
Die Muse der Geschichte hat diesen Leichenzug
eingezeichnet in ihre Annalen als besondere Merk-
würdigkeit; aber für die Gegenwart ist jenes Ereig-
IX, 10
ia.6 Lutezia
nis minder wichtig, und liefert nur den Beweis, daß
der Geist der Soldateska bei den Franzosen nicht
so blühend vorwaltet, wie mancher Bramarbas dies-
seits des Rheins prahlt und mancher Schöps jenseits
ihm nachschwatzt. Der Kaiser ist tot. Mit ihm
starb der letzte Held nach altem Geschmack, und
die neue Philisterwelt atmet auf, wie erlöst von einem
glänzenden Alp. Über seinem Grabe erhebt sich
eine industrielle Bürgerzeit, die ganz andre Heroen
bewundert, etwa den tugendhaften Lafayette, oder
James Watt, den Baumwollespinner.
XXX.
Paris, 31. Januar 1841.
Zwischen Völkern, die eine freie Presse, unab-
hängige Parlamente und überhaupt die Institutionen
des öffentlichen Verfahrens besitzen, können die
Mißverständnisse, die durch die Intrigen von Hof*
Junkern und durch die Unholde der Parteisucht an-
gezettelt werden, nicht auf die Länge fortdauern.
Nur im Dunkeln kann die dunkle Saat zu einem un-
heilbaren Zerwürfnis emporwuchern. Wie diesseits,
so haben auch jenseits des Kanals sich die edelsten
Stimmen darüber ausgesprochen, daß nur frevelhafter
Unverstand, wo nicht liberticide Böswilligkeit, den
Frieden der Welt gestört; und während noch von
Seiten der englischen Regierung, durch die Schweig-
samkeit der Thronrede, das schlechte Verfahren gegen
Frankreich gleichsam offiziell fortgesetzt wird, prote-
stiert dagegen das englische Volk durch seine würdig-
sten Repräsentanten, und gewährt den Franzosen
die unumwundenste Genugtuung. Lord Broughams
Erster Teil
H7
Rede im eben eröffneten Parlamente hat hier eine
versöhnende Wirkung hervorgebracht, und er darf
sich mit Recht rühmen, daß er ganz Europa einen
großen Dienst erzeigt. Auch andre Lords, sogar
Wellington, haben lobenswerte Worte gesprochen,
und letzterer war diesmal das Organ der wahren
Wünsche und Gesinnungen seiner Nation. Die an»
gedrohte Allianz der Franzosen mit Rußland hat
Sr. Herrlichkeit die Augen geöffnet, und der edle
Lord ist nicht der einzige, dem solche Erleuchtung
widerfuhr. Auch in unsern deutschen Gauen er-
schwingen sich die gemäßigten Tones zu einer bessern
Erkenntnis der eigenen politischen Interessen, und
ihre Bullenbeißer, die altdeutschen Rüden, die schon
das freudigste Jagdgeheul erhoben, werden wieder
ruhig angekoppelt; unsre christlich germanischen Na*
tionalen erhalten die allerhöchste Weisung, nicht mehr
gegen Frankreich zu bellen. Was aber die schreck- ^
liehe Allianz betrifft, so steht sie gewiß noch in
weitem Feld, und der Unmut gegen die Engländer,
selbst gesteigert bis zum höchsten Hasse, dürfte in
Frankreich noch immer keine Liebe für die Russen
hervorrufen.
An eine baldige Lösung der orientalischen Wirren "~
glaube ich ebensowenig wie an die moskowitische
Allianz. Vielmehr verwickeln sich die Verhältnisse
in Syrien, und Mehemet Ali spielt dort seinen Fein-
den manchen gefährlichen Schabernack. Es zirku-
lieren wunderliche, meistens aber widersprechende
Gerüchte von den Listen, womit der Alte sein ver-
lorenes Ansehen wieder zu erobern sucht. Sein Un-
glück ist die Überschlauheit, die ihn verhinderte, die
Dinge in ihrem natürlichsten Lichte zu sehen. Er
verfängt sich in den Fäden der eignen Ränke. Z. B.,
l^S Lutezia
indem er die Presse zu ködern wußte und über seine
Macht allerlei trügerische Berichte in Europa aus*
posaunen ließ, gewann er zwar die Sympathie der
Franzosen, die den Wert seiner Allianz überschätzten,
aber er war zugleich selbst daran schuld, daß die
Franzosen ihm hinlängliche Kräfte zutrauten, ohne
ihre Beihilfe bis zum Frühjahr Widerstand zu leisten.
Hierdurch ging er zugrunde, nicht durch seine Ty-
rannei, wovon die »Allgemeine Zeitung« gewiß allzu
grelle Gemälde lieferte. Dem kranken Löwen gibt
jetzt jeder die kleinlichsten Eselstritte. Das Un-
geheuer ist vielleicht nicht so schlecht, wie es die
Leute, die er nicht bestochen hat oder nicht be-
stechen wollte, ärgerlich behaupten. Augenzeugen
seiner großmütigen Handlungen versichern, Mehemet
Ali sei persönlich huldreich und gütig, er liebe die
Zivilisation, und nur die äußerste Notwendigkeit,
der Kriegszustand seiner Lande, zwänge ihn zu jenem
Erpressungssystem, womit er seine Fellahs heim-
suche. Diese unglücklichen Nilbauern seien in der
Tat eine Herde von Jammergestalten, die, unter
Stockschlägen zur Arbeit getrieben, bis aufs Blut
ausgesaugt werden. Aber das sei, heißt es, alt-
ägyptische Methode, die unter allen Pharaonen die-
selbe war, und die man nicht nach modern europä-
ischem Maßstabe beurteilen dürfe. Die Anklage
der Philanthropen könnte der arme Pascha mit den-
selben Worten zurückweisen, womit unsre Köchin
sich entschuldigte, als sie die Krebse in allmählich
siedendem Wasser lebendig kochte. Sie wunderte
sich, daß wir dieses Verfahren eine unmenschliche
Grausamkeit nannten, und versicherte uns, die armen
Tierchen seien von jeher daran gewöhnt. — Als
Herr Cremieux mit Mehemet Ali von den Justiz-
Erster Teil 149
greueln sprach, die in Damaskus verübt worden,
fand er ihn zu den heilsamsten Reformen geneigt,
und wären nicht die politischen Ereignisse allzu-
stürmisch dazwischengetreten, so hätte es der be-
rühmte Advokat gewiß erreicht, den Pascha zur
Einführung des europäischen Kriminalverfahrens in
seinen Staaten zu bewegen.
Mit dem Sturze Mehemet Alis gehen auch die
stolzen Hoffnungen zu Grabe,, wohin mohameda-
nische Phantasie, zumal unter den Zelten der Wüste,
sich so schwärmerisch wiegte. Hier galt Ali für
den Helden, der bestimmt sei, dem schwachen Türken-
regimente zu Stambul ein barsches Ende zu machen,
und dort selber das Kalifat übernehmend, die Fahne
des Propheten zu schützen. Und wahrhaftig in seiner
starken Faust wäre sie besser aufgehoben, als in den
schwachen Händen des jetzigen Gonfaloniere des
mohamedanischen Glaubens, der früh oder spät
den Legionen und den noch gefährlichem Machina-
tionen des Zars aller Reußen erliegen muß. Dem
politischen und religiösen Fanatismus, worüber der
russische Kaiser, der zugleich das Oberhaupt der
griechischen Kirche ist, verfügen kann, hätte ein re-
generiertes Reich der Moslim unter Mehemet Ali
oder einem sonstigen neuen Dynasten mit ähnlicher
Gewalt widerstanden, da ein ebenso ungestüm fana-
tisches Element zu seiner Erhaltung in die Schranken
getreten wäre. Ich rede hier vom Genius der Araber,
der nie ganz erstorben, sondern nur im stillen Be-
duinenleben eingeschlafen, und oft wie träumend
nach dem Schwerte griff, wenn irgendein ausgezeich-
neter Löwe draußen sein kriegerisches Gebrüll ver-
nehmen ließ. — Diese Araber harren vielleicht nur
des rechten Rufs, um schlafgestärkt wieder aus ihren
<J
l^o Lutcria
schwulen Einöden hervorzustürmen, wie ehemals. —
Wir haben sie aber nicht mehr zu furchten, wie
ehemals, wo wir vor den Halbmondstandarten zitter-
ten, und es wäre vielmehr ein Glück für uns, wenn
Konstantinopel jetzt der Tummelplatz ihres Glaubens-
eifers würde. Dieser wäre das beste Bollwerk gegen
jenes moskowitische Gelüste, das nichts Geringeres
im Schilde führt, als an den Ufern des Bosporus die
Schlüssel der Weltherrschaft zu erkämpfen oder zu
erschleichen. Welch eine Macht besitzt bereits der
Kaiser von Rußland, den man wahrlich bescheiden
nennen muß, wenn man bedenkt, wie stolz andere
an seiner Stelle sich gebärden würden. Aber weit
gefährlicher als der Stolz des Herrn ist der Knecht-
schaftshochmut seines Volks, das nur in seinem
Willen lebt, und mit blindem Gehorsam in der heiligen
Machtvollkommenheit des Gebieters sich selber zu ver-
herrlichen glaubt. Die Begeisterung für das römisch-
katholische Dogma ist abgenutzt, die Ideen der Revo-
lution finden nur noch laue Enthusiasten, und wir
müssen uns wohl nach neuen frischen Fanatismen
umsehen, die wir dem slawisch-griechisch orthodoxen,
absoluten Kaiserglauben entgegensetzen könnten!
Ach! wie schrecklich ist diese orientalische Frage,
die bei jeder Wirrnis uns so höhnisch angrinst!
Wollen wir der Gefahr, die uns von dorther be-
droht, schon jetzt vorbeugen, so haben wir den
Krieg. Wollen wir hingegen geduldig dem Fortschritt
des Übels zusehen, so haben wir die sichere Knecht-
schaft. Das ist ein schlimmes Dilemma. Wie sie sich
auch betrage, die arme Jungfrau Europa ~ sie mag
mit Klugheit bei ihrer Lampe wachend bleiben, oder
als ein sehr unkluges Fräulein bei der erlöschenden
Lampe einschlafen — ihrer harret kein Freudentag.
Erster Teil 1^1
XXXI.
Paris, 13. Februar 1841.
Sie gehen jeder Frage direkt auf den Leib und
zerren daran so lange herum, bis sie entweder gelöst,
oder als unauflösbar beseitigt wird. Das ist der
Charakter der Franzosen, und ihre Geschichte ent-
wickelt sich daher wie ein gerichtlicher Prozeß.
Welche logische, systematische Aufeinanderfolge s£\
bieten alle Vorgänge der französischen Revolution!
In diesem Wahnsinn war wirklich Methode, und die
Historiographen, die, nach dem Vorbild von Mignet,
dem Zufall und den menschlichen Leidenschaften
wenig Spielraum gestattend, die tollsten Erscheinungen
seit 1789 als ein Resultat der strengsten Notwendig-
keit darstellen — diese sogenannte fatalistische Schule
ist in Frankreich ganz an ihrem Platz, und ihre
Bücher sind ebenso wahrhaft wie leichtfaßlich. Die
Anschauungs- und Darstellungsweise dieser Schrift-
steller, angewendet auf Deutschland, würde jedoch
sehr irrtumreiche und unbrauchbare Geschichtswerke
hervorbringen. Denn der Deutsche, aus Scheu vor u
aller Neuerung, deren Folgen nicht klar zu ermitteln
sind, geht jeder bedeutenden politischen Frage so
lange wie möglich aus dem Wege, oder sucht ihr
durch Umwege eine notdürftige Vermittlung abzu-
gewinnen, und die Fragen häufen und verwickeln
sich unterdessen bis zu jenem Knäuel, welcher am
Ende vielleicht, wie jener gordische, nur durch das
Schwert gelöst werden kann. Der Himmel behüte
mich, dem großen Volk der Deutschen hiermit einen
Vorwurf machen zu wollen! Weiß ich doch, daß
jener Mißstand aus einer Tugend hervorgeht, die ^-^
den Franzosen fehlt. Je unwissender ein Volk, desto
»5*
Lutezia
leichter stürzt es sich in die Strömung der Tat; je
wissenschaftsreicher und nachdenklicher ein Volk,
desto länger sondiert es die Flut, die es mit klugen
Schritten durchwatet, wenn es nicht gar zögernd
davor stehen bleibt, aus Furcht vor verborgenen Un-
tiefen oder vor der erkältenden Nässe, die einen
gefährlichen Nationalschnupfen verursachen könnte.
Am Ende ist auch wenig daran gelegen, daß wir
solchermaßen nur langsam fortschreiten oder durch
Stillstand einige hundert Jährchen verlieren, denn dem
deutschen Volk gehört die Zukunft, und zwar eine
sehr lange, bedeutende Zukunft. Die Franzosen han-
deln so schnell und handhaben die Gegenwart mit
solcher Eile, weil sie vielleicht ahnen, daß für sie
die Dämmerung heranbricht: hastig verrichten sie
ihr Tagwerk. Aber ihre Rolle ist noch immer ziem-
lich schön, und die übrigen Völker sind doch nur
das verehrungswürdige Publikum, das der französi-
schen Staats- und Volkskomödie zuschaut. Dieses
Publikum freilich wandelt zuweilen das Gelüste an,
ein bißchen laut seinen Beifall oder Tadel auszu-
sprechen, wo nicht gar auf die Szene zu steigen und
mitzuspielen; aber die Franzosen bleiben doch immer
die Hauptakteurs im großen Weltdrama, man mag
ihnen Lorbeerkränze oder faule Apfel an den Kopf
werfen. »Mit Frankreich ist es aus« — mit diesen
Worten läuft hier mancher deutsche Korrespondent
herum und prophezeit den Untergang des heutigen
Jerusalems; aber er selber fristet doch sein kümmer-
liches Leben durch Berichterstattung dessen, was
diese so gesunkenen Franzosen täglich scharfen und
tun, und seine respektiven Kommittenten, die deut-
schen Zeitungsredaktionen, würden ohne Berichte
aus Paris keine drei Wochen lang ihre Journalspalten
Erster Teil 153
füllen können. Nein, Frankreich hat noch nicht ge* ^
endet, aber <r* wie alle Völker, wie das Menschen*
geschlecht seihst — es ist nicht ewig, es hat vieU
leicht schon seine Glanzperiode überlebt, und es
geht jetzt mit ihm eine Umwandlung vor, die sich
nicht ableugnen läßt: auf seiner glatten Stirn lagern
sich diverse Runzeln, das leichtsinnige Haupt be*
kommt graue Haare, senkt sich sorgenvoll und be*
schäftigt sich nicht mehr ausschließlich mit dem heu*
tigen Tage — es denkt auch an morgen.
Der Kammerbeschluß über die Fortifikation von
Paris beurkundet eine solche Übergangsperiode des
französischen Volksgeistes. Die Franzosen haben
in der letzten Zeit sehr viel gelernt, sie verloren da«
durch alle Lust des blinden Hinausstürmens in die ge-
fährliche Fremde. Sie wollen jetzt sich selber zu Hause 1/
verschanzen gegen die eventuellen Angriffe der Nach-
barn. Auf dem Grabe des kaiserlichen Adlers ist
ihnen der Gedanke gekommen, daß der bürger-
königliche Hahn nicht unsterblich sei. Frankreich
lebt nicht mehr in dem kecken Rausche seiner un-
überwindlichen Obmacht: es ward ernüchtert durch
das aschermittwochliche Bewußtsein seiner Besieg-
barkeit, und ach, wer an den Tod denkt, ist schon
halb gestorben! Die Befestigungswerke von Paris
sind vielleicht der Riesensarg, den der Riese sich
selber dekretierte, in trüber Ahnung. Es mag jedoch
noch eine gute Weile dauern, ehe seine Sterbestunde
schlägt, und manchem Nichtriesen dürfte er zuvor
die tötlichsten Hiebe versetzen. Jedenfalls wird er s
einst durch die klirrende Wucht seines Hinsinkens
den Erdboden schüttern machen und, noch furcht-
barer als im Leben, wird er durch seine posthumen
Werke, als nachtwandelndes Gespenst, seine Feinde
15$. Lutezia
\- ängstigen. Ich bin überzeugt, im Fall man Paris zer-
störte, würden seine Bewohner, wie einst die Juden,
sich in die ganze Welt zerstreuen und dadurch noch
erfolgreicher die Saat der gesellschaftlichen Umwand-
lung verbreiten.
Die Befestigung von Paris ist das wichtigste Er-
eignis unserer Zeit, und die Männer, die in der De-
putiertenkammer dafür oder dagegen stimmten, haben
auf die Zukunft den größten Einfluß geübt. An
diese eneeinte continue, an diese forts detaches knüpft
sich jetzt das Schicksal des französischen Volks.
Werden diese Bauten vor dem Gewitter schützen, oder
werden sie die Blitze noch verderblicher anziehen?
Werden sie der Freiheit oder der Knechtschaft Vor-
schub leisten? Werden sie Paris vor Überfall retten,
oder dem Zerstörungsrechte des Kriegs unbarmherzig
bloßstellen? Ich weiß es nicht, denn ich habe weder
Sitz noch Stimme im Rate der Götter. Aber so
viel weiß ich, daß die Franzosen sich sehr gut
schlagen würden, wenn sie einst Paris verteidigen
müßten gegen eine dritte Invasion. Die zwei frühern
Invasionen würden nur dazu gedient haben, den
Grimm der Gegenwehr zu steigern. Ob Paris, wenn
es befestigt gewesen wäre, jene zwei ersten Male
widerstanden hätte, wie in der Kammer behauptet
ward, möchte ich aus guten Gründen bezweifeln.
Napoleon, geschwächt durch alle möglichen Siege
und Niederlagen, war nicht imstande, dem andrängen-
den Europa die Zaubermittel jener Idee, ^ welche
Heere aus dem Boden stampft«, entgegenzusetzen;
er hatte nicht mehr Kraft genug, die Fesseln zu
brechen, womit er selber jene Idee angekettet; die
Alliierten waren es, die bei der Einnahme von Paris
jene gebundene Idee in Freiheit setzten. Die fran-
Erster Teil
155
zösischen Liberalen und Ideologen handelten gar
nicht so dumm, gar nicht so närrisch, als sie dem
bedrängten Imperator zu seiner Verteidigung keinen
Beistand leisteten, denn dieser war ihnen weit ge-
fährlicher, als alle jene fremden Helden, die doch
am Ende mit Geld und guten Worten abziehen
mußten, und nur einen matten Statthalter hinterließen,
dessen man sich auch mit der Zeit entledigen konnte,
wie im Julius 1830 wirklich geschah, seit welcher Zeit
die Ideen der Revolution wieder in Paris installiert
wurden. Die Macht jener Ideen ist es, die einer
dritten Invasion die Stirne bieten würde, und die jetzt,
gewitzigt durch bittere Erfahrungen, auch die materi-
ellen Bollwerke der Verteidigung nicht verschmäht.
Hier stoßen wir auf die Spaltung, welche in diesem
Augenblick unter den Männern der radikalen Partei,
in betreff der Befestigung von Paris, herrscht und
die leidenschaftlichsten Debatten hervorruft. Bekannt»
lieh hat die Fraktion der Republikaner, die durch
den »National« repräsentiert wird, den Gesetzvor-
schlag der Befestigung am wirksamsten verfochten.
Eine andere Fraktion, die ich die Linke der Republi-
kaner nennen möchte, erhebt sich dagegen mit dem
wildesten Zorn, und da sie in der Presse nur wenige
Organe besitzt, so ist bis jetzt die »Revue du Pro-
gres« das einzige Journal, wo sie sich aussprechen
konnte. Die darauf bezüglichen Artikel flössen aus
der Feder Louis Blancs, und sind der höchsten Be-
achtung wert. Wie ich höre, beschäftigt sich auch
Arago mit einer Schrift über denselben Gegenstand.
Diese Republikaner sträuben sich gegen den Ge-
danken, daß die Revolution zu materiellen Bollwerken
ihre Zuflucht nehmen müsse, sie sehen darin eine
Schwächung der moralischen Wehrmittel, eine Er-
1^6 Lutezia
schlaffung der frühern dämonischen Energie, und sie
möchten lieber, wie einst der gewaltige Konvent, den
Sieg dekretieren, als Sicherheitsanstalten treffen gegen
die Niederlage. Es sind in der Tat die Traditionen
des Wohlfahrtsausschusses, welche diesen Leuten vor-
schweben, statt daß die Messieurs des »National«
vielmehr die Traditionen der Kaiserzeit im Sinne
tragen. Ich sagte eben »Messieurs«, denn dies ist
der Spottname, womit jene, die sich Citoyens nennen,
ihre Antagonisten titulieren. Terroristisch sind im
Grunde beide Fraktionen, nur daß die Messieurs des
»National« lieber durch Kanonen, die Citoyens hin-
gegen lieber durch die Guillotine agieren möchten.
Es ist leicht begreiflich, daß erstere eine große Sym-
pathie für einen Gesetzvorschlag empfinden mußten,
wodurch die Revolution, zur Zeit der Not, in einem
rein militärischen Gewände erscheinen könnte, und
die Kanonen imstande wären, die Guillotine im
Zaume zu halten! So, und nicht anders, erkläre
ich mir den Eifer, womit sich der »National« für
die Befestigung von Paris aussprach.
Sonderbar! diesmal begegneten sich der »National«,
der König und Thiers in dem heißesten Wunsche
für dieselbe Sache. Und doch ist dieses Begegnis
sehr natürlich. Laßt uns durch Zumutung arglistiger
Hintergedanken keinen von diesen dreien verleumden.
Wie sehr auch persönliche Neigungen im Spiele
sind, so handelten doch alle drei zunächst im Inter-
esse Frankreichs; Ludwig Philipp ebensogut wie
Thiers und die Herren des »National«. Jedoch wie
gesagt, persönliche Neigungen kamen ins Spiel. Lud-
wig Philipp, dieser abgesagte Feind des Krieges, des
Zerstörens, ist ein ebenso leidenschaftlicher Freund
des Bauens, er liebt alles, wobei Hammer und Kelle
Erster Teil
*57
in Bewegung gesetzt wird, und der Plan der BefestU
gung von Paris schmeichelte dieser angebornen Pas^
sion. Aber Ludwig Philipp ist auch der Repräsen^
tant der Revolution, er mag es wollen oder nicht,
und wo diese bedroht wird, steht seine eigene Exi-
stenz in Frage. Er muß sich in Paris halten, um
jeden Preis. Denn bemächtigen sich die fremden
Potentaten seiner Hauptstadt, so würde seine Legi«
timität ihn nicht so inviolabel schützen, wie jene
Könige von Gottes Gnaden, die überall, wo sie sind,
den Mittelpunkt ihres Reiches bilden. Fiele Paris
gar in die Hände der Republikaner, infolge einer
Revolte, so würden die fremden Mächte vielleicht
mit Heeresmacht heranziehen, aber schwerlich um
eine Restauration zu versuchen zugunsten Ludwig
Philipps, welcher im Julius 1830 König der Franzosen
ward, nicht parceque Bourbon, sondern quoique
Bourbon! Dies fühlt der kluge Herrscher, und er
verschanzt sich in seinem Malapartus. Daß die Be-
festigung von Paris, wie für ihn selber, so auch für
Frankreich heilsam und notwendig, ist sein fester
Glaube, und neben der Privatlaune und dem Selbst-
erhaltungstrieb leitete ihn hier eine echte und wahr-
hafte Vaterlandsliebe. Jeder König ist ja ein natürlicher
Patriot und liebt sein Land, in dessen Geschichte
sein Leben wurzelt und mit dessen Schicksalen es
verwachsen ist. Ludwig Philipp ist ein Patriot, und
zwar im bürgerlichen, familienväterlichen, neufränki-
schen Sinne, wie denn überhaupt in den Orleans
eine ganz andere Art des Patriotismus sich ent-
wickelte, als in den Bourbonen der altern Linie, die
mehr vom historischen Stammesstolze, vom mittel-
alterlichen Adeltum, beseelt waren, als von eigent-
licher Liebe für Frankreich.
ic8 Lutezia
Da diese Vaterlandsliebe von den Franzosen als
die höchste Tugend angesehen wird, so war es eine
sehr wirksame Büberei, daß die Feinde des Königs
seine patriotischen Gesinnungen durch verfälschte
Briefe verdächtigten. Ja, diese famosen Briefe sind
zum Teil verfälscht, zum Teil ganz falsch, und ich
begreife nicht, wie manche ehrliche Leute unter den
Republikanern nur einen Augenblick an ihre Echt-
heit glauben konnten. Aber diese Leute sind immer
die Düpes der Legitimisten, welche die Waffen
schmieden, womit jene das Leben oder den Leumund
des Königs zu meucheln suchen. Der Republikaner
ist immer bereit, sein Leben bei jeder gefährlichen
Untat aufs Spiel zu setzen; aber er ist doch nur ein
täppisches Werkzeug fremder Erfindsamkeit, die
für ihn denkt und rechnet: man kann im wahren
Sinne des Wortes von den Republikanern behaupten
daß sie das Pulver nicht erfunden haben, womit sie
auf den König schießen.
Ja, wer in Frankreich das Nationalgefühl besitzt
und begreift, übt den unwiderstehlichsten Zauber auf
die Masse, und kann sie nach Belieben lenken und
treiben, ihnen das Geld oder das Blut abzapfen, und
sie in alle möglichen Uniformen stecken, in die Ritter-
tracht des Ruhmes oder in die Livree der Knecht-
schaft. Das war das Geheimnis Napoleons, und
sein Geschichtschreiber Thiers hat es ihm abgelauscht,
abgelauscht mit dem Herzen, nicht mit dem bloßen
Verstände; denn nur das Gefühl versteht das Gefühl.
Thiers ist wahrhaft durchglüht vom französischen
Nationalgefühl, und wer dieses gemerkt hat, versteht
seine Macht und Unmacht, seine Irrtümer und Vor-
züge, seine Größe und Kleinheit und sein Anrecht
auf die Zukunft. Dieses Nationalgefühl erklärt alle
Erster Teil
159
Akte seines Ministeriums : hier sehen wir die Trans*
lation der kaiserlichen Asche, die glorreichste Feier
des Heldentums, neben der kläglichen Vertretung
jenes kläglichen Konsuls von Damaskus, welcher
mittelalterliche Justizgreuel unterstützte, aber ein Re=
Präsentant von Frankreich war; hier sehen wir das
leichtsinnigste Aufbrausen und Alarmschlagen, als
der Londoner Traktat divulgiert und Frankreich be-
leidigt ward, und daneben die besonnene Aktivität
der Bewaffnung und jenen kolossalen Entschluß der
Fortifikation von Paris. Ja, Thiers war es, welcher
letztere begann, und für dieses Beginnen auch nach-
träglich das Gesetz in der Kammer eroberte. Nie
sprach er mit größerer Beredsamkeit, nie hat er mit
feinerer Taktik einen parlamentarischen Sieg erfochten.
Es war eine Schlacht, und im letzten Augenblick
war die Entscheidung sehr zweifelhaft; aber das
Feldherrnauge des Thiers entdeckte schnell die Ge-
fahr, die dem Gesetz . drohte, und ein improvisiertes
Amendement gab den Ausschlag. Ihm gebührt die
Ehre des Tages.
Es fehlte nicht an Leuten, die den Eifer, den
Thiers für den Gesetzentwurf an den Tag legte, nur
egoistischen Motiven zuschrieben. Aber hier war
wirklich nur der Patriotismus vorwaltend, und ich
wiederhole es, Hr. Thiers ist durchdrungen von
diesem Gefühle. Er ist ganz der Mann der Natio-
nalität, nicht der Revolution, als deren Sohn er sich
gern darstellt. Mit dieser Kindschaft hat es freilich
seine Richtigkeit, die Revolution ist seine Mutter, aber )0^
man darf nicht überschwengliche Sympathien daraus
herleiten. Thiers liebt zunächst das Vaterland, und
ich glaube, er würde diesem Gefühle alle mütter-
lichen Interessen aufopfern. Sein Enthusiasmus ist
i6o Lutezfa
gewiß sehr abgekühlt für den ganzen Freiheits-
spektakel, der nur noch als ein verhallendes Echo
in seiner Seele nachklingt. Er hat ja als Geschicht-
schreiber alle Phasen desselben im Geiste mitgelebt,
als Staatsmann mußte er mit der fortgesetzten Be-
wegung tagtäglich kämpfen und ringen, und nicht
selten mag diesem Sohn der Revolution die Mutter
sehr lästig, sehr fatal geworden sein: denn er weiß
recht gut, daß die alte Frau kapabel wäre, ihm
selber den Kopf abschlagen zu lassen. — Sie ist
nämlich nicht von sanftem Naturell; ein Berliner
würde sagen : sie hat kein Gemüt. Wenn die Herren
Söhne sie zuweilen schlecht behandeln, so muß man
nicht vergessen, daß sie selber, die alte Frau, für
ihre Kinder niemals dauernde Zärtlichkeit bewiesen
und die besten immer ermordet hat.
XXXII.
Paris, 31. März 1841.
Die Debatten in der Deputiertenkammer über das
literarische Eigentum sind sehr unersprießlich. Es
ist aber jedenfalls ein bedeutendes Zeichen der Zeit,
daß die heutige Gesellschaft, die auf dem Eigen-
tumsrechte basiert ist, auch den Geistern eine ge-
wisse Teilnahme an solchem Besitzprivilegium ge-
statten möchte, aus Billigkeitsgefühl , oder vielleicht
auch als Bestechung! Kann der Gedanke Eigentum
werden? Ist das Licht das Eigentum der Flamme,
wo nicht gar des Kerzendochts? Ich enthalte mich
jedes Urteils über solche Frage, und freue mich nur
darüber, daß Ihr dem armen Dochte, der sich
brennend verzehrt, eine kleine Vergütung verwilligen
Erster Teil 161
wollt für sein großes, gemeinnütziges Beleuchtungs-
verdienst !
Das Schicksal des Mehemet Ali wird hier weniger
besprochen, als man glauben sollte,« doch will es
mich bedünken, als herrsche in den Gemütern ein
um so tieferes Mitleid für den Mann, der dem
Sterne Frankreichs zu viel vertraut hat. Das An«
sehen der Franzosen im Orient geht verloren, und
dieser Verlust wirkt auch mißlich auf ihre okziden-
talischen Verhältnisse; Sterne, an die man nicht
mehr glauben kann, erbleichen. — Als die amerika-
nischen Händel sich so bedenklich gestalteten, ward
von englischer Seite die Ausgleichung der ägyptischen
Erblichkeitsfrage aufs emsigste betrieben. Frankreich
hatte da leichtes Spiel, zum Besten des Paschas zu
agieren; das Ministerium scheint aber nichts getan
zu haben, um den getreusten Alliierten zu retten.
Die amerikanischen Händel sind es aber nicht
allein, was die Engländer antreibt, die ägyptische
Erblichkeitsfrage so bald als möglich abzufertigen und
somit die französische Diplomatie wieder in den
Stand zu setzen, an den Beratungen und Beschlüssen
der europäischen Großmächte teilzunehmen. Die
Dardan eilen frage steht drohend vor der Tür
verlangt schnelle Entscheidung, und hier rechnen
die Engländer auf die konferenzielle Stütze des fran-
zösischen Kabinetts, dessen Interessen bei dieser
Gelegenheit mit ihren eigenen übereinstimmen, Ruß-
land gegenüber.
Ja, die sogenannte Dardanellenfrage ist von der
höchsten Wichtigkeit, und nicht bloß für die erwähn-
ten Großmächte, sondern für uns alle, für den
Kleinsten wie für den Größten, für Reuß-Schleiz-
Greiz und Hinterpommern ebensogut wie für das
IX, ti
j^2 Lutezia
allmächtige Österreich, für den geringsten Schuh-
flicker wie für den reichsten Lederfabrikanten; denn
das Schicksal der Welt selbst steht hier in Frage,
und diese Frage muß an den Dardanellen gelöst
werden, gleichviel in welcher Weise. Solange dieses
nicht geschehen, kränkelt Europa an einem heim-
lichen Übel, das ihm keine Ruhe läßt, und das, je
später, desto entsetzlicher, am Ende zum Ausbruch
kommt. Die Dardanellen frage ist nur ein Symptom
der orientalischen Frage selbst, der türkischen Erb-
schaftsfrage, des Grundübels woran wir siechen, des
Krankheitsstoffs, der im europäischen Staatskörper
gärt und der leider nur gewaltsam ausgeschieden,
vielleicht nur mit dem Schwerte ausgeschnitten
werden kann. Wenn sie auch von ganz andern
Dingen sprechen, so schielen doch alle Machthaber
nach den Dardanellen, nach der hohen Pforte, nach
dem alten Byzanz, nach Stambul, nach Konstanti-
nopel — das Gebreste hat viele Namen. Wäre im
europäischen Staatsrechte das Prinzip der Volks-
souveränetät sanktioniert, so könnte das Zusammen-
brechen des osmanischen Kaisertums nicht für die
übrige Welt so gefährlich sein, da alsdann in dem
aufgelösten Reiche die einzelnen Völker sich bald
ihre besondern Regenten selbst erwählen und sich
so gut als möglich fortregieren lassen würden. Aber
im allergrößten Teil Europas herrscht noch das
Dogma des Absolutismus, wonach Land und Leute
das Eigentum des Fürsten sind, und dieses Eigen-
tum durch das Recht des Stärkern, durch die ultima
ratio regis, das Kanonenrecht, erwerbbar ist. — Was
Wunder, daß keiner der hohen Potentaten den Russen
die große Erbschaft gönnen wird, und jeder ein
Stück von dem morgenländischen Kuchen haben
Erster Teil 163
will; jeder wird Appetit bekommen, wenn er sieht,
wie die Barbaren des Nordens sich gütlich tun und
der kleinste deutsche Duodezfürst wird wenigstens
auf ein Biergeld Anspruch machen. Das sind die
menschlichen Antriebe, weshalb der Untergang der
Türkei für die Welt verderblich werden muß. Die
politischen Beweggründe, warum hauptsächlich Eng-
land, Frankreich und Österreich nicht erlauben
können, daß Rußland sich in Konstantinopel fest-
setze, sind jedem Schulknaben einleuchtend.
Der Ausbruch eines Krieges, der in der Natur
der Dinge liegt, ist aber vorderhand vertagt. Kurz-
sichtige Politiker, die nur zu Palliativen ihre Zu-
flucht nehmen, sind beruhigt und hoffen ungetrübte
Friedenstage. Besonders unsre Financiers sehen
wieder alles im lieblichsten Hoffnungslichte. Auch
der größte derselben scheint sich solcher Täuschung
hinzugeben, aber nicht zu jeder Stunde. Herr von
Rothschild, welcher seit einiger Zeit etwas unpäß-
lich schien, ist jetzt wieder ganz hergestellt, und
sieht gesund und wohl aus. Die Zeichendeuter der
Börse, welche sich auf die Physiognomie des großen
Barons so gut verstehen, versichern uns, daß die
Schwalben des Friedens in seinem Lächeln nisten,
daß jede Kriegsbesorgnis aus seinem Gesichte ver-
schwunden, daß in seinen Augen keine elektrischen
Gewitterfünkchen sichtbar seien, und daß also das
entsetzliche Kanonendonnerwetter, das die ganze
Welt bedrohte, sich gänzlich verzogen habe. Er
niese sogar den Frieden. Es ist wahr, als ich das
letzte Mal die Ehre hatte, Herrn v. Rothschild
meine Aufwartung zu machen, strahlte er vom er-
freulichsten Wohlbehagen, und seine rosige Laune
ging fast über in Poesie; denn, wie ich schon ein-
164 Lutezia
mal erzählt, in solchen heitern Momenten pflegt der
Herr Baron den Redefluß seines Humors in Reimen
ausströmen zu lassen. Ich fand, daß ihm das Reimen
diesmal ganz besonders gelang; nur auf »Konstantin
nopel« wußte er keinen Reim zu finden, und er
kratzte sich an dem Kopf, wie alle Dichter tun,
wenn ihnen der Reim fehlt. Da ich selbst auch ein
Stück Poet bin, so erlaubte ich mir, dem Herrn
Baron zu bemerken, ob sich nicht auf »Konstantin
nopeU ein russischer »Zobel« reimen ließe. Aber
dieser Reim schien ihm sehr zu mißfallen, er be»
hauptete, England würde ihn nie zugeben, und es
könnte dadurch ein europäischer Krieg entstehen,
welcher der Welt viel Blut und Tränen und ihm
selber eine Menge Geld kosten würde.
Herr von Rothschild ist in der Tat der beste
politische Thermometer; ich will nicht sagen Wetter*
frosch, weil das Wort nicht hinlänglich respektvoll
klänge. Und man muß doch Respekt vor diesem
Manne haben, sei es auch nur wegen des Respektes,
den er den meisten Leuten einflößt. Ich besuche
ihn am liebsten in den Bureaus seines Comptoirs,
wo ich als Philosoph beobachten kann, wie sich das
Volk und nicht bloß das Volk Gottes, sondern auch
alle andern Völker vor ihm beugen und bücken.
Das ist ein Krümmen und Winden des Rückgrats,
wie es selbst dem besten Akrobaten schwer fiele.
Ich sah Leute, die, wenn sie dem großen Baron
nahten, zusammenzuckten, als berührten sie eine vol-
taische Säule. Schon vor der Tür seines Kabinetts
ergreift viele ein Schauer der Ehrfurcht, wie ihn
einst Moses auf dem Horeb empfunden, als er
merkte, daß er auf dem heiligen Boden stand. Ganz
so wie Moses alsbald seine Schuhe auszog, so
Erster Teil 165
würde gewiß mancher Mäkler oder Agent de Change,
der das Privatkabinett des Herrn von Rothschild zu
betreten wagt, vorher seine Stiefel ausziehen, wenn
er nicht fürchtete, daß alsdann seine Füße noch
übler riechen und den Herrn Baron dieser Mistduft
inkommodieren dürfte. Jenes Privatkabinett ist in
der Tat ein merkwürdiger Ort, welcher erhabene
Gedanken und Gefühle erregt, wie der Anblick des
Weltmeeres oder des gestirnten Himmels: wir sehen
hier, wie klein der Mensch und wie groß Gott ist!
Denn das Geld ist der Gott unserer Zeit und Roth-
schild ist sein Prophet.
Vor mehreren Jahren, als ich mich einmal zu Herrn
von Rothschild begeben wollte, trug eben ein galo-
nierter Bedienter das Nachtgeschirr desselben über
den Korridor, und ein Börsenspekulant, der in dem-
selben Augenblick vorbeiging, zog ehrfurchtsvoll seinen
Hut ab vor dem mächtigen Topfe. So weit geht,
mit Respekt zu sagen, der Respekt gewisser Leute.
Ich merkte mir den Namen jenes devoten Mannes,
und ich bin überzeugt, daß er mit der Zeit ein Mil-
lionär sein wird. Als ich einst dem Herrn * erzählte,
daß ich mit dem Baron Rotschild in den Gemächern
seines Comptoires en famille zu Mittag gespeist, schlug
jener mit Erstaunen die Hände zusammen, und sagte
mir, ich hätte hier eine Ehre genossen, die bisher
nur den Rothschilds von Geblüt oder allenfalls einigen
regierenden Fürsten zuteil geworden, und die er selbst
mit der Hälfte seiner Nase einkaufen würde. Ich will
hier bemerken, daß die Nase des Herrn *, selbst wenn
er die Hälfte einbüßte, dennoch eine hinlängliche Länge
behalten würde.
Das Comptoir des Herrn von Rothschild ist sehr
weitläufig, ein Labyrinth von Sälen, eine Kaserne des
l66 Lutezia
Reichtums; das Zimmer, wo der Baron von Morgen
bis Abend arbeitet — er hat ja nichts andres zu tun
als zu arbeiten — ist jüngst sehr verschönert worden.
Auf dem Kamin steht jetzt die Marmorbüste des
Kaisers Franz von Österreich, mit welchem das Haus
Rothschild die meisten Geschäfte gemacht hat. Der
Herr Baron will überhaupt aus Pietät die Büsten von
allen europäischen Fürsten anfertigen lassen, die durch
sein Haus ihre Anleihen gemacht, und diese Samm*
lung von Marmorbüsten wird eine Walhalla bilden,
die weit großartiger sein dürfte, als die Regensburger.
Ob Herr Rothschild seine Walhallagenossen in Reimen
oder im ungereimten königlich bairischen Lapidarstil
feiern wird, ist mir unbekannt.
XXXIII.
Paris, 20. April 1841.
Der diesjährige Salon offenbarte nur eine bunt*
gefärbte Ohnmacht. Fast sollte man meinen, mit dem
Wiederaufblühen der bildenden Künste habe es bei
uns ein Ende; es war kein neuer Frühling, sondern
ein leidiger Alteweibersommer. Einen freudigen Auf-
schwung nahm die Malerei und die Skulptur, sogar
die Architektur, bald nach der Juliusrevolution; aber
die Schwingen waren nur äußerlich angeheftet, und
auf den forcierten Flug folgte der kläglichste Sturz.
Nur die junge Schwesterkunst, die Musik, hatte sich
mit ursprünglicher, eigentümlicher Kraft erhoben. Hat
sie schon ihren Lichtgipfel erreicht? Wird sie sich
lange darauf behaupten? Oder wird sie schnell wieder
herabsinken? Das sind Fragen, die nur ein späteres
Geschlecht beantworten kann. Jedenfalls hat es aber
Erster Teil 167
den Anschein, als ob in den Annalen der Kunst unsre
heutige Gegenwart vorzugsweise als das Zeitalter der
Musik eingezeichnet werden dürfte. Mit der allmäh-
lichen Vergeistigung des Menschengeschlechts halten
auch die Künste ebenmäßig Schritt. In der frühesten
Periode mußte notwendigerweise die Architektur all-
einig hervortreten, die unbewußte rohe Größe massen-
haft verherrlichend, wie wirs z. B. sehen bei den
Ägyptiern. Späterhin erblicken wir bei den Griechen
die Blütezeit der Bildhauerkunst, und diese bekundet
schon eine äußere Bewältigung der Materie : der Geist
meißelte eine ahnende Sinnigkeit in den Stein. Aber
der Geist fand dennoch den Stein viel zu hart für
seine steigenden Offenbarungsbedürfnisse, und er
wählte die Farbe, den bunten Schatten, um eine ver-
klärte und dämmernde Welt des Liebens und Leidens
darzustellen. Da entstand die große Periode der
Malerei, die am Ende des Mittelalters sich glänzend
entfaltete. Mit der Ausbildung des Bewußtseinlebens
schwindet bei den Menschen alle plastische Begabnis,
am Ende erlischt sogar der Farbensinn, der doch
immer an bestimmte Zeichnung gebunden ist, und
die gesteigerte Spiritualität, das abstrakte Gedanken-
tum, greift nacb Klängen und Tönen, um eine lallende *
Überschwenglichkeit auszudrücken, die vielleicht nichts
anderes ist, als die Auflösung der ganzen materiellen
Welt: die Musik ist vielleicht das letzte Wort der
Kunst, wie der Tod das letzte Wort des Lebens.
Ich habe diese kurze Bemerkung hier vorangestellt,
um anzudeuten, weshalb die musikalische Saison
mich mehr ängstigt als erfreut. Daß man hier fast
in lauter Musik ersäuft, daß es in Paris fast kein ein-
ziges Haus gibt, wohin man sich wie in eine Arche
retten kann vor dieser klingenden Sündflut, daß die
l68 Lutezia
edle Tonkunst unser ganzes Leben überschwemmt —
dies ist für mich ein bedenkliches Zeichen, und es
ergreift mich darob manchmal ein Mißmut, der bis
zur murrsinnigsten Ungerechtigkeit gegen unsre großen
Maestri und Virtuosen ausartet. Unter diesen Um-
ständen darf man keinen allzu heitern Lobgesang von
mir erwarten für den Mann, den hier die schöne
Welt, besonders die hysterische Damenwelt, in diesem
Augenblick mit einem wahnsinnigen Enthusiasmus
umjubelt, und der in der Tat einer der merkwürdig*
sten Repräsentanten der musikalischen Bewegung ist.
Ich spreche von Franz Liszt, dem genialen Pianisten.
Ja, der Geniale ist jetzt wieder hier und gibt Kon-
zerte, die einen Zauber üben, der ans Fabelhafte
grenzt. Neben ihm schwinden alle Klavierspieler —
mit Ausnahme eines einzigen, des Chopin, des Rafaels
des Fortepiano. In der Tat, mit Ausnahme dieses
Einzigen sind alle andern Klavierspieler, die wir dieses
Jahr in unzähligen Konzerten hörten, eben nur Klavier»
Spieler, sie glänzen durch die Fertigkeit, womit sie das
besaitete Holz handhaben, bei Liszt hingegen denkt
man nicht mehr an überwundene Schwierigkeit, das
Klavier verschwindet und es offenbart sich die Musik.
In dieser Beziehung hat Liszt, seit wir ihn zum letzten-
mal hörten, den wunderbarsten Fortschritt gemacht.
Mit diesem Vorzug verbindet er eine Ruhe, die wir
früher an ihm vermißten. Wenn er z. B. damals auf
dem Pianoforte ein Gewitter spielte, sahen wir die
Blitze über sein eigenes Gesicht dahinzucken, wie
von Sturmwind schlotterten seine Glieder, und seine
langen Haarzöpfe träuften gleichsam vom dargestell-
ten Platzregen. Wenn er jetzt auch das stärkste
Donnerwetter spielt, so ragt er doch selber darüber
empor, wie der Reisende, der auf der Spitze einer
Erster Teil 169
Alpe steht, während es im Tal gewittert : die Wof-
ken lagern tief unter ihm, die Blitze ringeln wie
Schlangen zu seinen Füßen, das Haupt erhebt er
lächelnd in den reinen Äther.
Trotz seiner Genialität begegnet Liszt einer Oppo-
sition hier in Paris, die meistens aus ernstlichen Mu*
sikern besteht und seinem Nebenbuhler, dem kaiser-
liehen Thalberg, den Lorbeer reicht. — Liszt hat be-
reits zwei Konzerte gegeben, worin er, gegen allen
Gebrauch, ohne Mitwirkung anderer Künstler, ganz
allein spielte. Er bereitet jetzt ein drittes Konzert
zum Besten des Monuments von Beethoven. Dieser
Komponist muß in der Tat dem Geschmack eines
Liszt am meisten zusagen. Namentlich Beethoven
treibt die spiritualistische Kunst bis zu jener tönen-
den Agonie der Erscheinungswelt, bis zu jener Ver-
nichtung der Natur, die mich mit einem Grauen er-
füllt, das ich nicht verhehlen mag, obgleich meine
Freunde darüber den Kopf schütteln. Für mich ist
es ein sehr bedeutungsvoller Umstand, daß Beethoven
am Ende seiner Tage taub ward, und sogar die un-
sichtbare Tonwelt keine klingende Realität mehr für
ihn hatte. Seine Töne waren nur noch Erinnerungen
eines Tones, Gespenster verschollener Klänge, und
seine letzten Produktionen tragen an der Stirne ein
unheimliches Totenmal.
Minder schauerlich als die Beethovensche Musik
war für mich der Freund Beethovens, l'Ami de
Beethoven, wie er sich hier überall produzierte, ich
glaube sogar auf Visitenkarten. Eine schwarze
Hopfenstange mit einer entsetzlich weißen Krawatte
und einer Leichenbittermiene. War dieser Freund
Beethovens wirklich dessen Pylades? Oder gehörte er
zu jenen gleichgültigen Bekannten, mit denen ein ge-
lyo Lutezia
nialer Mensch zuweilen um so lieber Umgang pflegt,
je unbedeutender sie sind, und je prosaischer ihr
Geplapper ist, das ihm eine Erholung gewährt nach
ermüdend poetischen Geistesflügen ? Jedenfalls sahen
wir hier eine neue Art der Ausbeutung des Genius,
und die kleinen Blätter spöttelten nicht wenig über
den Ami de Beethoven. »Wie konnte der große
Künstler einen so unerquicklichen, geistesarmen
Freund ertragen!« riefen die Franzosen, die über
das monotone Geschwätz jenes langweiligen Gastes
alle Geduld verloren. Sie dachten nicht daran, daß
Beethoven taub war.
Die Zahl der Konzertgeber während der dies-
jährigen Saison war Legion, und an mittelmäßigen
Pianisten fehlte es nicht, die in öffentlichen Blättern
als Mirakel gepriesen wurden. Die meisten sind
junge Leute, die in bescheiden eigner Person jene
Lobeserhebungen in die Presse fördern. Die Selbst-
vergötterungen dieser Art, die sogenannten Reklamen,
bilden eine sehr ergötzliche Lektüre. Eine Reklame,
die jüngst in der »Gazette musicale« enthalten war,
meldete aus Marseille: daß der berühmte Döhler
auch dort alle Herzen entzückt habe, und besonders
durch seine interessante Blässe, die, eine Folge über-
standener Krankheit, die Aufmerksamkeit der schönen
Welt in Anspruch genommen. Der berühmte Döhler
ist seitdem nach Paris zurückgekehrt und hat mehre
Konzerte gegeben; er spielt in der Tat hübsch, nett
und niedlich. Sein Vortrag ist allerliebst, beurkundet
eine erstaunliche Fingerfertigkeit, zeugt aber weder
von Kraft noch von Geist. Zierliche Schwäche,
elegante Ohnmacht, interessante Blässe.
Zu den diesjährigen Konzerten, die im Andenken
der Kunstliebhaber forttönen, gehören die Matineen,
Erster Teil
171
welche von den Herausgebern der beiden musikali-
schen Zeitungen ihren Abonnenten geboten wurden.
Die »France musicale«, redigiert von den Brüdern
Escudier, glänzte in ihrem Konzert durch die Mit-
wirkung der italienischen Sänger und des Violin-
spielers Vieuxtemps, der als einer der Löwen der
musikalischen Saison betrachtet wurde. Ob sich
unter dem zottigen Fell dieses Löwen ein wirklicher
König der Bestien oder nur ein armes Grauchen
verbirgt, vermag ich nicht zu entscheiden. Ehrlich
gesagt, ich kann den übertriebenen Lobsprüchen, die
ihm gezollt wurden, keinen Glauben schenken. Es
will mich bedünken, als ob er auf der Leiter der
Kunst noch nicht eine sonderliche Höhe erklommen.
Vieuxtemps steht etwa auf der Mitte jener Leiter,
auf deren Spitze wir einst Paganini erblickten, und
auf deren letzter, unterster Sprosse unser vor-
trefflicher Sina steht, der berühmte Badegast von
Boulogne und Eigentümer eines Autographs von
Beethoven. Vielleicht steht Herr Vieuxtemps dem
Herrn Sina noch viel näher als dem Nicolo Pa-
ganini.
Vieuxtemps ist ein Sohn Belgiens, wie denn über-
haupt aus den Niederlanden die bedeutendsten Vio-
linisten hervorgingen. Die Geige ist ja das dortige
Nationalinstrument, das von groß und klein, von
Mann und Weib kultiviert wird, von jeher, wie wir
auf den holländischen Bildern sehen. Der ausge-
zeichnetste Violinist dieser Landsmannschaft ist un-
streitig Beriot, der Gemahl der Malibran; ich kann
mich manchmal der Vorstellung nicht erwehren; als
säße in seiner Geige die Seele der verstorbenen Gattin
und sänge. Nur Ernst, der poesiereiche Böhme, weiß
seinem Instrument so schmelzende, so verblutend süße
172
Lutezia
Klagetöne zu entlocken. — Ein Landsmann Beriots
ist Artot, ebenfalls ein ausgezeichneter Violinist, bei
dessen Spiel man aber nie an eine Seele erinnert
wird: ein geschniegelter, wohlgedrechselter Gesell,
dessen Vortrag glatt und glänzend, wie Wachsleinen.
Haumann, der Sohn des Brüsseler Nachdruckers,
treibt auf der Violine das Metier des Vaters: was
er geigt, sind reinliche Nachdrucke der vorzüglich-
sten Geiger, die Texte hie und da verbrämt mit
überflüssigen Originalnoten und vermehrt mit briU
lanten Druckfehlern. -- Die Gebrüder Franco-Mendez,
welche auch dieses Jahr Konzerte gaben, wo sie ihr
Talent als Violinspieler bewährten, stammen ganz
eigentlich aus dem Lande der Treckschuyten und
Quispeldorchen. Dasselbe gilt von Batta, dem Vio-
loncellisten; er ist ein geborner Holländer, kam aber
früh hieher nach Paris, wo er durch seine knaben-
hafte Jugendlichkeit ganz besonders die Damen er-
götzte. Er war ein liebes Kind und weinte auf seiner
Bratsche wie ein Kind. Obgleich er mittlerweile ein
großer Junge geworden, so kann er doch die süße
Gewohnheit des Greinens nimmermehr lassen, und
als er jüngst wegen Unpäßlichkeit nicht öffentlich
auftreten konnte, hieß es allgemein: durch das kin-
dische Weinen auf dem Violoncello habe er sich
endlich eine wirkliche Kinderkrankheit, ich glaube
die Masern, an den Hals gespielt. Er scheint jedoch
wieder ganz hergestellt zu sein, und die Zeitungen
melden, daß der berühmte Batta nächsten Donnerstag
eine musikalische Matinee bereite, welche das Publi-
kum für die lange Entbehrnis seines Lieblings ent-
schädigen werde.
Das letzte Konzert, welches Hr. Maurice Schle-
singer den Abonnenten seiner »Gazette musicale«
Erster Teil 173
gab, und das, wie ich bereits angedeutet habe, zu
den glänzendsten Erscheinungen der Saison gehörte,
war für uns Deutsche von ganz besonderm Inter=
esse. Auch war hier die ganze Landsmannschaft
vereinigt, begierig, die Mademoiselle Löwe zu hören,
die gefeierte Sängerin, die das schöne Lied von Beet-
hoven, »Adelaide«, in deutscher Zunge sang. Die
Italiener und Herr Vieuxtemps, welche ihre Mitwir-
kung versprochen, ließen während des Konzerts ab*
sagen, zur größten Bestürzung des Konzertgebers,
welcher mit der ihm eigentümlichen Würde vors
Publikum trat und erklärte: Hr. Vieuxtemps wolle
nicht spielen, weil er das Lokal und das Publikum
als seiner nicht angemessen betrachte! Die Insolenz
jenes Geigers verdient die strengste Rüge. Das Lokal
des Konzertes war der Musardsche Saal der Rue
Vivienne, wo man nur während des Karnevals ein
bißchen Cancan tanzt, jedoch das übrige Jahr hin-
durch die anständigste Musik von Mozart, Giacomo
Meyerbeer und Beethoven exekutiert. Den italieni-
schen Sängern, einem Signor Rubini und Signor La-
blache, verzeiht man allenfalls ihre Laune; von Nach-
tigallen kann man sich wohl die Prätension gefallen
lassen, daß sie nur vor einem Publikum von Gold-
fasanen und Adlern singen wollen. Aber Mynheer,
der flämische Storch, dürfte nicht so wählig sein und
eine Gesellschaft verschmähen, worunter sich das
honetteste Geflügel, Pfauen und Perlhühner die Menge,
und mitunter auch die ausgezeichnetsten deutschen
Schnapphähne und Mistfinken befanden. — Welcher
Art war der Erfolg des Debüts der Mademoiselle
Löwe? Ich will die ganze Wahrheit kurz ausspre-
chen: sie sang vortrefflich, gefiel allen Deutschen und
machte Fiasko bei den Franzosen.
\-jä Lutezia
Was dieses letztere Mißgeschick betrifft, so möchte
ich der verehrten Sängerin zu ihrem Tröste ver-
sichern, daß es eben ihre Vorzüge waren, die einem
französischen Sukzeß im Wege standen. In der
Stimme der Mlle. Löwe ist deutsche Seele, ein stilles
Ding, das sich bis jetzt nur wenigen Franzosen offen-
bart hat und in Frankreich nur allmählich Eingang
findet. Wäre Mlle. Löwe einige Dezennien später
gekommen, sie hätte vielleicht größere Anerkennung
gefunden. Bis jetzt aber ist die Masse des Volks
noch immer dieselbe. Die Franzosen haben Geist
und Passion, und beides genießen sie am liebsten in
einer unruhigen, stürmischen, gehackten, aufreizenden
Form. Dergleichen vermißten sie aber ganz und gar
bei der deutschen Sängerin, die ihnen noch oben-
drein die Beethovensche »Adelaide« vorsang. Dieses
ruhige Ausseufzen des Gemütes, diese blauäugigen,
schmachtenden Waldeinsamkeitstöne, diese gesunge-
nen Lindenblüten mit obligatem Mondschein, dieses
Hinsterben in überirdischer Sehnsucht, dieses erz-
deutsche Lied, fand kein Echo in französischer Brust,
und ward sogar als transrhenanische Sensiblerie ver-
spöttelt.
Obgleich Mlle. Löwe hier keinen Beifall fand, ge-
schah doch alles mögliche, um ihr ein Engagement
für die Academie royale de Musique auszuwirken.
Der Name Meyerbeer wurde bei dieser Gelegenheit
aufdringlicher in Anschlag gebracht, als es dem ver-
ehrten Meister wohl lieb sein möchte. Ist es wahr,
wollte Meyerbeer seine neue Oper nicht zur Auf-
führung geben, im Falle man die Löwe nicht enga-
gierte? Hat Meyerbeer wirklich die Erfüllung der
Wünsche des Publikums an eine so kleinliche Be-
dingung geknüpft? Ist er wirklich so überbescheiden,
Erster Teil 175
daß er sich einbildet, der Erfolg seines neuen Werks
sei abhängig von der mehr oder minder geschmei-
digen Kehle einer Primadonna?
Die zahlreichen Verehrer und Bewunderer des be-
wunderungswürdigen Meisters sehen mit Betrübnis,
wie der Hochgefeierte bei jeder neuen Produktion
seines Genius sich mit der Sicherstellung des Erfolgs
so unsäglich abmüht, und an das winzigste Detail
desselben seine besten Kräfte vergeudet. Sein zarter,
schwächlicher Körperbau muß darunter leiden. Seine
Nerven werden krankhaft überreizt, und bei seinem
chronischen Unterleibsleiden wird er oft von der
herrschenden Cholerine heimgesucht. Der Geistes*
honig, der aus seinen musikalischen Meisterwerken
träufelt und uns erquickt, kostet dem Meister selbst
die furchtbarsten Leibesschmerzen. Als ich das letzte
Mal die Ehre hatte, ihn zu sehen, erschrak ich über
sein miserables Aussehen. Bei seinem Anblick dachte
ich an den Diarrhöen-Gott der tartarischen Volks-
sage, worin schauderhaft drollig erzählt wird, wie
dieser bauchgrimmige Kakodämon auf dem Jahrmarkte
von Kasan einmal zu seinem eigenen Gebrauche
sechstausend Töpfe kaufte, so daß der Töpfer da-
durch ein reicher Mann wurde. Möge der Himmel
unserm hochverehrten Meister eine bessere Gesund-
heit schenken, und möge er selber nie vergessen,
daß sein Lebensfaden sehr schlapp und die Schere
der Parze desto schärfer ist. Möge er nie vergessen,
welche hohe Interessen sich an seine Selbsterhaltung
knüpfen. Was soll aus seinem Ruhme werden, wenn
er selbst, der hochgefeierte Meister, was der Himmel
noch lange verhüte, plötzlich dem Schauplatz seiner
Triumphe durch den Tod entrissen würde? Wird
ihn die Familie fortsetzen, diesen Ruhm, worauf ganz
176 Lutezia
Deutschland stolz ist? An materiellen Mitteln würde
es der Familie gewiß nicht fehlen, wohl aber an in»
tellektuellen Mitteln. Nur der große Giacomo selbst,
der nicht bloß Generalmusikdirektor aller Königl.
Preuß. Musikanstalten, sondern auch der Kapellen»
meister des Meyerbeerschen Ruhmes ist, nur Er
kann das ungeheure Orchester dieses Ruhmes diri»
gieren. — Er nickt mit dem Haupte, und alle Posaunen
der großen Journale ertönen unisono; er zwinkert
mit den Augen, und alle Violinen des Lobes fiedeln
um die Wette; er bewegt nur leise den linken Nasen»
flugel, und alle Feuilleton»Flageolette flöten ihre süße»
sten Schmeichellaute. — Da gibt es auch unerhörte,
antediluvianische Blasinstrumente, Jerichotrompeten
und noch unentdeckte Windharfen, Saiteninstrumente
der Zukunft, deren Anwendung die außerordentlichste
Begabnis für Instrumentation bekundet. —• Ja, in so
hohem Grade wie unser Meyerbeer verstand sich
noch kein Komponist auf die Instrumentation, näm»
lieh auf die Kunst, alle möglichen Menschen als In»
strumente zu gebrauchen, die kleinsten wie die groß»
ten, und durch ihr Zusammenwirken eine Überein»
Stimmung in der öffentlichen Anerkennung, die ans
Fabelhafte grenzt, hervorzuzaubern. Das hat kein
andrer jemals verstanden. Während die besten Opern
von Mozart und Rossini bei der ersten Vorstellung
durchfielen, und erst Jahre vergingen, ehe sie wahr»
haft gewürdigt wurden, finden die Meisterwerke
unsres edlen Meyerbeer bereits bei der ersten Auf»
fuhrung den ungeteiltesten Beifall, und schon den
andern Tag liefern sämtliche Journale die verdienten
Lob» und Preisartikel. Das geschieht durch das har»
monische Zusammenwirken der Instrumente; in der
Melodie muß Meyerbeer den beiden genannten
Erster Teil iyy
Meistern nachstehen, aber er überflügelt sie durch
Instrumentation. Der Himmel weiß, daß er sich oft
der niederträchtigsten Instrumente bedient; aber viel*
leicht eben durch diese bringt er die großen Effekte
hervor auf die große Menge, die ihn bewundert, an*
betet, verehrt und sogar achtet. — Wer kann das
Gegenteil beweisen? Von allen Seiten fliegen ihm
die Lorbeerkränze zu, er trägt auf dem Haupte einen
ganzen Wald von Lorbeeren, er weiß sie kaum mehr
zu lassen und keucht unter dieser grünen Last. Er
sollte sich einen kleinen Esel anschaffen, der hinter
ihm her trottierend ihm die schweren Kränze nach-
trüge. Aber Gouin ist eifersüchtig, und leidet nicht,
daß ihn ein anderer begleite.
Ich kann nicht umhin hier ein geistreiches Wort
zu erwähnen, das man dem Musiker Ferdinand Hiller
zuschreibt. Als nämlich jemand denselben darüber
befragte, was er von Meyerbeers Opern halte, soll
Hiller ausweichend verdrießlich geantwortet haben:
»Ach, laßt uns nicht von Politik reden!«
XXXIV.
Paris, Z9. April 1841.
Ein ebenso bedeutungsvolles wie trauriges Ereig-
nis ist das Verdikt der Jury, wodurch der Redakteur
des Journals »La France« von der Anklage absicht-
licher Beleidigung des Königs freigesprochen wurde.
Ich weiß wahrlich nicht, wen ich hier am meisten
beklagen soll ! Ist es jener König, dessen Ehre durch
verfälschte Briefe befleckt wird, und der dennoch
nicht wie jeder andere sich in der öffentlichen Mei-
nung rehabilitieren kann? Was jedem andern in
IX, 12
1 jS Lutezia
solcher Bedrängnis gestattet ist, bleibt ihm grausam
versagt. Jeder andere, der sich in gleicher Weise,
durch falsche Briefe von landesverräterischem Inhalt,
dem Publikum gegenüber bloßgestellt sähe, könnte
es dahin bringen, sich förmlich in Anklagestand setzen
zu lassen, und infolge seines Prozesses die Unecht-
heit jener Briefe aufs bündigste zu erweisen. Eine
solche Ehrenrettung gibt es aber nicht für den König,
den die Verfassung für unverletzlich erklärt und
nicht persönlich vor Gericht zu stellen erlaubt. Noch
weniger ist ihm das Duell gestattet, das Gottesurteil,
das in Ehrensachen noch immer eine gewisse justi-
fizierende Geltung bewahrt: Ludwig Philipp muß
ruhig auf sich schießen lassen, darf aber nimmer*
mehr selbst zur Pistole greifen, um von seinen Be-
leidigern Genugtuung zu fordern. Ebensowenig kann
er im üblich patzigen Stile eine abgedrungene Er-
klärung gegen seine Verleumder in den respektiven
Landeszeitungen inserieren lassen: denn ach! Könige,
wie große Dichter, dürfen sich nicht auf solchem
Wege verteidigen und müssen alle Lügen, die man
über ihre Person verbreitet, mit schweigender Lang-
mut ertragen. In de* Tat, ich hege das schmerz-
lichste Mitgefühl für den königlichen Dulder, dessen
Krone nur eine Zielscheibe der Verleumdung, und
dessen Szepter, wo es eigene Verteidigung gilt,
minder brauchbar wie ein gewöhnlicher Stock. —
Oder soll ich noch weit mehr Euch bedauern, Ihr
Legitimisten, die Ihr Euch als die auserwählten Pala-
dine des Royalismus gebärdet und dennoch in der
Person Ludwig Philipps das Wesen des Königtums,
das königliche Ansehen, herabgewürdigt habt? Jeden-
falls habe ich Mitleid mit Euch, wenn ich an die
schrecklichen Folgen denke, die Ihr durch solchen
Erster Teil iyo
Frevel zunächst auf Eure eignen törichten Häupter
herabruft! Mit dem Umsturz der Monarchie harret
Euer wieder daheim das Beil und in der Fremde der
Bettelstab. Ja, Euer Schicksal wäre jetzt noch weit
schmählicher als in früheren Tagen: Euch, die ge-
foppten Comperes Eurer Henker, würde man nicht
mehr mit wildem Zorn töten, sondern mit höhnischem
Gelächter, und in der Fremde würde man Euch nicht
mehr mit jener Ehrfurcht, die einem unverschuldeten
Unglück gebührt, sondern mit Geringschätzung das
Almosen hinreichen.
Was soll ich aber von den guten Leuten der
Jury sagen, die in wetteifernder Verblendung das
Brecheisen legten an das Fundament des eignen
Hauses? Der Grundstein, worauf ihre ganze bürger-
liche Staatsboutique ruht, die königliche Autorität,
ward durch jenes beleidigende und schmachvolle
Verdikt heillos gelockert. Die ganze verderbliche
Bedeutung dieses Verdikts wird jetzt allmählich er-
kannt, es ist das unaufhörliche Tagesgespräch, und
mit Entsetzen sieht man, wie der fatale Ausgang
des Prozesses ganz systematisch ausgebeutet wird.
Die verfälschten Briefe haben jetzt eine legale Stütze,
und mit der Unverantwortlichkeit steigt die Frech-
heit bei den Feinden der bestehenden Ordnung. In
diesem Augenblick werden lithographierte Kopien
der vorgeblichen Autographen in unzähligen Exem-
plaren über ganz Frankreich verbreitet, und die Arg-
list reibt sich vergnügt die Hände, ob des gelungenen
Meisterstücks. Die Legitimisten rufen Viktoria, als
hätten sie eine Schlacht gewonnen. Glorreiche
Schlacht, wo die Contemporaine, die verrufene Mme.
de St. Elme, das Banner trug! Der edle Baron
Larochejaquelin beschirmte mit seinem Wappenschild
180 Lutezia
diese neue Jeanne d'Arc. Er verbürgt ihre Glaub-
würdigkeit — warum nicht auch ihre jungfräuliche
Reinheit? Vor allen aber verdankt man diesen
Triumph dem großen Berryer, dem bürgerlichen
Dienstmann der legitimistischen Ritterschaft, der immer
geistreich spricht, gleichviel für welche schlechte
Sache.
Indessen, hier in Frankreich, dem Lande der Par-
teien, wo den Ereignissen alle ihre Konsequenzen
unmittelbar abgepreßt werden, geht die böse Wirkung
immer Hand in Hand mit einer mehr oder minder
heilsamen Gegenwirkung. Und dieses zeigt sich auch
bei Gelegenheit jenes unglückseligen Verdikts. Die
argen Folgen desselben werden für den Moment
einigermaßen neutralisiert durch den Jubel und das
Siegesgeschrei, das die Legitimisten erheben: das
Volk haßt sie so sehr, daß es all seinen Unmut
gegen Ludwig Philipp vergißt, wenn jene Erbfeinde
des neuen Frankreichs allzu jauchzend über ihn
triumphieren. Der schlimmste Vorwurf, der gegen
den König in jüngster Zeit aufgebracht wurde, war
ja eben, daß man ihn beschuldigte, er betreibe allzu
eifrig seine Aussöhnung mit den Legitimisten und
opfere ihnen die demokratischen Interessen. Deshalb
erregte die Beleidigung, die dem König gerade durch
diese frondierenden Edelleute widerfuhr, zunächst eine
gewisse Schadenfreude bei der Bourgeoisie, die, an-
gehetzt durch die Journale des unzufriedenen Mittel-
standes, von den reaktionären Vorsätzen des jetzigen
Ministeriums die verdrießlichsten Dinge fabelt.
Welche Bewandtnis hat es aber mit jenen reak-
tionären Vorsätzen, die man absonderlich Herrn
Guizot zuschreibt? Ich kann ihnen keinen Glauben
schenken. Guizot ist der Mann des Widerstandes,
Erster Teil igl
aber nicht der Reaktion. Und seid überzeugt, daß
man ihn ob seines Widerstandes nach oben schon
längst verabschiedet hätte, wenn man nicht seines
Widerstandes nach unten bedürfte. Sein eigentliches
Geschäft ist die tatsächliche Erhaltung jenes RegU
ments der Bourgeoisie, das von den marodierenden
Nachzüglern der Vergangenheit ebenso grimmig
bedroht wird, wie von der plünderungssüchtigen
Avantgarde der Zukunft. Herr Guizot hat sich
eine schwierige Aufgabe gestellt, und niemand weiß
ihm Dank dafür. Am undankbarsten wahrlich zeigen
sich gegen ihn eben jene guten Bürger, die seine
starke Hand schirmt und schützt, denen er aber nie
vertraulich die Hand gibt, und mit deren kleinlichen
Leidenschaften er nie gemeinschaftliche Sache macht.
Sie lieben ihn nicht, diese Spießbürger, denn er lacht
nicht mit ihnen über Voltairesche Witze, er ist nicht
industriell und tanzt nicht mit ihnen um den Mai-
baum der Gloire! Er trägt das Haupt sehr hoch,
und ein melancholischer Stolz spricht aus allen seinen
Zügen: »Ich könnte vielleicht etwas Besseres tun,
als für dieses Lumpenpack in mühsamen Tages-
kämpfen mein Leben vergeuden!« Das ist in der
Tat der Mann, der nicht sehr zärtlich um Popularität
buhlt, und sogar den Grundsatz aufgestellt hat: daß
ein guter Minister unpopulär sein müsse. Er hat
nie der Menge gefallen wollen, sogar nicht in jenen
Tagen der Restauration, wo er als gelehrter Volks-
tribun am herrlichsten gefeiert wurde. Als er in der
Sorbonne seine denkwürdigen Vorlesungen hielt und
der Beifall der Jugend sich ein bißchen allzu stürmisch
äußerte, dämpfte er selber diesen huldigenden Lärm,
mit den strengen Worten: »Meine Herren, auch im
Enthusiasmus muß die Ordnung vorwalten !« Ordnungs-
182 Lutetia
liebe ist überhaupt ein vorstechender Zug des Gui-
zotschen Charakters, und schon aus diesem Grunde
wirkte sein Ministerium sehr wohltätig in die Kon-
fusion der Gegenwart. Man hat ihn wegen dieser
Ordnungsliebe nicht selten der Pedanterei beschuldigt,
und ich gestehe, der schroffe Ernst seiner Erschei-
nung wird gemildert durch eine gewisse anklebende
gelehrte Magisterhaftigkeit, die an unsre deutsche
Heimat, besonders an Göttingen erinnert. Er ist
ebensowenig reaktionär wie Hofrat Heeren, Tychsen
oder Eichhorn solches gewesen — aber er wird nie
erlauben, daß man die Pedelle prügle oder sich
sonstig auf der Weenderstraße herumbalge und die
Laternen zerschlage.
XXXV.
Paris, 19. Mai 1841.
Vorigen Sonnabend hielt diejenige Sektion des
Institut royal, welche sich Academie des sciences
morales et politiques nennt, eine ihrer merkwürdig-
sten Sitzungen. Der Schauplatz war, wie gewöhn-
lich, jene Halle des Palais Mazarin, die durch ihre
hohe Wölbung, sowie durch das Personal, das
manchmal dort seinen Sitz nimmt, so oft an die
Kuppel des Invalidendoms erinnerte. In der Tat,
die andern Sektionen des Instituts, die dort ihre
Vorträge halten, zeugen nur von greisenhafter Ohn-
macht, aber die oben erwähnte Academie des scien-
ces morales et politiques macht eine Ausnahme und
trägt den Charakter der Frische und Kraft. Es
herrscht in dieser letzten Sektion ein großartiger
Sinn, während die Einrichtung und der Gesamtgeist
Erster Teil 183
des Institut royal sehr kleinlich ist. Ein Witzling
bemerkte sehr richtig: »Diesmal ist der Teil größer
als das Ganze.« In der Versammlung vom vorigen
Sonnabend atmete eine ganz besonders jugendliche
Regung: Cousin, welcher präsidierte, sprach mit
jenem mutigen Feuer, das manchmal nicht sehr
wärmt, aber immer leuchtet; und gar Mignet, welcher
das Gedächtnis des verstorbenen Merlin de Douai,
des berühmten Juristen und Konventglieds, zu feiern
hatte, sprach so blühend schön wie er selbst aus*
sieht. Die Damen, die den Sitzungen der Section
des sciences morales et politiques immer in großer
Anzahl beiwohnen , wenn ein Vortrag des schönen
secretaire perpetuel angekündigt ist, kommen dort*
hin vielleicht mehr um zu sehen als um zu hören,
und da viele darunter sehr hübsch sind, so wirkt
ihr Anblick manchmal störend auf die Zuhörer.
Was mich betrifft, so fesselte mich diesmal der
Gegenstand der Mignetschen Rede ganz ausschließ-
lich, denn der berühmte Geschichtschreiber der Re-
volution sprach wieder über einen der wichtigsten
Führer der großen Bewegung, welche das bürger-
liche Leben der Franzosen umgestaltet, und jedes
Wort war hier ein Resultat interessanter Forschung.
Ja, das war die Stimme des Geschichtschreibers,
des wirklichen Chefs von Klios Archiven, und es
schien, als hielt er in den Händen jene ewigen Ta-
bletten, worin die strenge Göttin bereits ihre Urteils-
sprüche eingezeichnet. Nur in der Wahl der Aus-
drücke und in der mildernden Betonung bekundete
sich manchmal die traditionelle Lobpflicht des Aka-
demikers. Und dann ist Mignet auch Staatsmann,
und mit kluger Scheu mußten die Tagesverhältnisse
berücksichtigt werden bei der Besprechung der
184 Lutezia
jüngsten Vergangenheit. Es ist eine bedenkliche
Aufgabe, den überstandenen Sturm zu beschreiben,
während wir noch nicht in den Hafen gelangt sind.
Das französische Staatsschiff ist vielleicht noch nicht
so wohl geborgen wie der gute Mignet meint.
Unfern vom Redner, auf einer der Bänke mir gegen*
über, sah ich Herrn Thiers, und sein Lächeln war
für mich sehr bedeutungsvoll bei denjenigen Stellen,
wo Mignet mit allzu großer Behagnis von der defini-
tiven Begründung der modernen Zustände sprach:
so lächelt Aolus, wenn Daphnis am windstillen Ufer
des Meeres die friedliche Flöte bläst!
Die ganze Rede von Mignet dürfte Ihnen in kurzem
gedruckt zu Gesicht kommen, und die Fülle des In*
halts wird Sie alsdann gewiß erfreuen; aber nimmer*
mehr kann die bloße Lektüre den lebendigen Vor*
trag ersetzen, der, wie eine tiefsinnige Musik, im Zu*
hörer eine Reihenfolge von Ideen anregt. So klingt
mir noch beständig im Gedächtnis eine Bemerkung,
die der Redner in wenigen Worten hinwarf, und die
dennoch fruchtbar an wichtigen Gedanken ist. Er
bemerkte nämlich, wie ersprießlich es sei, daß das
neue Gesetzbuch der Franzosen von Männern ab*
gefaßt worden, die aus den wilden Drangsalen der
größten Staatsumwälzung soeben hervorgegangen,
und folglich die menschlichen Passionen und zeit-
lichen Bedürfnisse gründlichst kennen gelernt hatten.
Ja, beachten wir diesen Umstand, so will es uns be*
dünken, als begünstigte derselbe ganz besonders die
jetzige französische Legislation, als verliehe er einen
ganz außerordentlichen Wert jenem Code Napoleon
und dessen Kommentarien, welche nicht wie andere
Rechtsbücher von müßigen und kühlen Kasuisten an*
gefertigt sind, sondern von glühenden Menschheits*
Erster Teil 185
rettern, die alle Leidenschaften in ihrer Nacktheit
gesehen und in die Schmerzen aller neuern Lebens*
fragen durch die Tat eingeweiht worden. Von dem
Beruf unserer Zeit zur Gesetzgebung hat die philo*
sophische Schule in Deutschland ebenso unrichtige
Begriffe, wie die historische; erstere ist tot und letztere
hat noch nicht gelebt.
Die Rede, womit Victor Cousin vorigen Sonn*
abend die Sitzung der Akademie eröffnete, atmete
einen Freiheitssinn, den wir immer mit Freude bei
ihm anerkennen werden. Er ist übrigens in diesen
Blättern von einem unsrer Kollegen so reichlich ge-
lobhudelt worden, daß er vorderhand dessen genug
haben dürfte. Nur so viel wollen wir erwähnen, daß
der Mann, den wir früherhin nicht sonderlich liebten,
uns in der letzten Zeit zwar keine währliche Zu*
neigung, aber eine bessere Anerkennung einflößte.
Armer Cousin, wir haben dich früherhin sehr mal*
trätiert, dich, der du immer für uns Deutsche so
liebreich und freundlich wärest. Sonderbar, eben
während der treue Zögling der deutschen Schule,
der Freund Hegels, unser Victor Cousin, in Frank-
reich Minister war, brach in Deutschland gegen die
Franzosen jener blinde Groll los, der jetzt allmählich
schwindet und vielleicht einst unbegreiflich sein wird.
Ich erinnere mich, zu jener Zeit, vorigen Herbst, be-
gegnete ich Hrn. Cousin auf dem Boulevard des
Italiens, wo er vor einem Kupferstichladen stand und
die dort ausgestellten Bilder von Overbeck bewun-
derte. Die Welt war aus ihren Angeln gerissen, der
Kanonendonner von Beirut, wie eine Sturmglocke,
weckte alle Kampflust des Orients und des Okzi-
dents, die Pyramiden Ägyptens zitterten, diesseits und
jenseits des Rheins wetzte man die Säbel — und
186 Lutetia
Victor Cousin, damaliger Minister von Frankreich,
stand ruhig vor dem Bilderladen des Boulevard des
Italiens, und bewunderte die stillen, frommen Heiligen*
köpfe von Overbeck, und sprach mit Entzücken von
der VortrefFlichkeit deutscher Kunst und Wissen-
schaft, von unserem Gemüt und Tiefsinn, von unserer
Gerechtigkeitsliebe und Humanität. »Aber um des
Himmels willen,« unterbrach er sich plötzlich, wie
aus einem Traum erwachend, »was bedeutet die
Raserei, womit ihr in Deutschland jetzt plötzlich
gegen uns schreit und lärmt?« Er konnte diese
Berserkerwut nicht begreifen, und auch ich begriff
nichts davon, und Arm in Arm über den Boulevard
hinwandelnd, erschöpften wir uns in lauter Konjek-
turen über die letzten Gründe jener Feindseligkeit,
bis wir an das Passage des Panoramas gelangten, wo
Cousin mich verließ, um sich bei Marquis ein Pfund
Schokolade zu kaufen.
Ich konstatiere mit besonderer Vorliebe die kleinsten
Umstände, welche von der Sympathie zeugen, die
ich in betreff Deutschlands bei den französischen
Staatsmännern finde. Daß wir dergleichen bei Guizot
antreffen, ist leicht erklärlich, da seine Anschauungs-
weise der unsrigen verwandt ist, und er die Bedürf-
nisse und das gute Recht des deutschen Volks sehr
gründlich begreift. Dieses Verständnis versöhnt ihn
vielleicht auch mit unsern beiläufigen Verkehrtheiten:
die Worte >tout comprendre, c'est tout pardonner«
las ich dieser Tage auf dem Petschaft einer schönen
Dame. Guizot mag immerhin, wie man behauptet,
von puritanischem Charakter sein, aber er begreift auch
Andersfühlende und Andersdenkende. Sein Geist ist
auch nicht poesiefeindlich eng und dumpf: dieser
Puritaner war es, welcher den Franzosen eine Über-
Erster Teil 187
Setzung des Shakspeare gab, und als ich vor mehren
Jahren über den britischen Dichterkönig schrieb, wußte
ich den Zauber seiner phantastischen Komödien nicht
besser zu erörtern, als indem ich den Kommentar jenes
Puritaners, des Stutzkopfs Guizot, wörtlich mitteilte.
Sonderbar! das kriegerische Ministerium vom 1. März,
das jenseits des Rheines so verschrien ward, bestand
zum größten Teil aus Männern, welche Deutschland
mit dem treuesten Eifer verehrten und liebten. Neben
jenem Victor Cousin, welcher begriffen, daß bei
Immanuel Kant die beste Kritik der reinen Vernunft
und bei Marquis die beste Schokolade zu finden,
saß damals im Ministerrate Hr. v. Remusat, der
ebenfalls dem deutschen Genius huldigte und ihm
ein besonderes Studium widmete. Schon in seiner
Jugend übersetzte er mehrere deutsche dramatische
Dichtungen, die er im »Theätre etranger« abdrucken
ließ. Dieser Mann ist ebenso geistreich wir ehrlich,
er kennt die Gipfel und die Tiefen des deutschen
Volkes, und ich bin überzeugt, er hat von dessen
Herrlichkeit einen höhern Begriff als sämtliche Kompo-
nisten des Beckerschen Lieds, wo nicht gar als der
große Niklas Becker selbst! — Was uns in der
jüngsten Zeit besonders gut an Remusat gefiel, war
die unumwundene Weise, womit er den guten Leu-
mund eines edlen Waffenbruders gegen verleumde-
rische Insinuationen verteidigte.
XXXVI.
Paris, 22. Mai 1841.
Die Engländer hier schneiden sehr besorgliche
Gesichter. »Es geht schlecht, es geht schlechte, das
i88 Luteria
sind die ängstlichen Zischlaute, die sie einander zu-
flüstern, wenn sie sich bei Galignani begegnen. Es
hat in der Tat den Anschein, als wackle der ganze
großbritannische Staat und sei dem Umsturz nahe,
aber es hat nur den Anschein. Dieser Staat gleicht
dem Glockenturm von Pisa: seine schiefe Stellung
ängstigt uns, wenn wir hinaufblicken, und der Rei-
sende eilt mit rascheren Schritten über den Dom-
hof, fürchtend, der große Turm möchte ihm unver-
sehens auf den Kopf fallen. Als ich zur Zeit Can-
nings in London war und den wilden Meetings des
Radikalismus beiwohnte, glaubte ich, der ganze Staats-
bau stürze jetzt zusammen. Meine Freunde, welche
England während der Aufregung der Reformbill be-
suchten, wurden dort von demselben Angstgefühl
ergriffen. Andere, die dem Schauspiel der O'Connell-
schen Umtriebe und des katholischen Emanzipations-
lärms beiwohnten, empfanden ähnliche Beängstigung.
Jetzt sind es die Korngesetze, welche einen so be-
drohlichen Staatsuntergangssturm veranlassen — aber
fürchte dich nicht, Sohn Albions:
»Krachts auch, brichts doch nicht,
Brichts auch, brichts nicht mit dir!«
Hier zu Paris herrscht in diesem Augenblick große
Stille. Man wird es nachgerade müde, beständig
von den falschen Briefen des Königs zu sprechen,
und eine erfrischende Diversion gewährte uns die
Entführung der spanischen Infantin durch Ignaz
Gurowski, einen Bruder jenes famosen Adam Gu-
rowski, dessen Sie sich vielleicht noch erinnern.
Vorigen Sommer war Freund Ignaz in Mademoiselle
Rachel verliebt, da ihm aber der Vater derselben,
der von sehr guter jüdischer Familie ist, seine
Tochter verweigerte, so machte er sich an die Prin-
Erster Teil 189
zessin Isabella Fernanda von Spanien. Alle Hof-
damen beider Kastilien, ja des ganzen Universums,
werden die Hände vor Entsetzen über den Kopf zu*
sammenschlagen : jetzt begreifen sie endlich, daß die
alte Welt des traditionellen Respektes ein Ende hat !
XXXVII.
Paris, 11. Dezember 1841.
Jetzt, wo das Neujahr herannaht, der Tag der
Geschenke, überbieten sich hier die Kaufmannsläden
in den mannigfaltigsten Ausstellungen. Der Anblick
derselben kann dem müßigen Flaneur den angenehm-
sten Zeitvertreib gewähren; ist sein Hirn nicht ganz
leer, so steigen ihm auch manchmal Gedanken auf,
wenn er hinter den blanken Spiegelfenstern die bunte
Fülle der ausgestellten Luxus- und Kunstsachen be-
trachtet und vielleicht auch einen Blick wirft auf das
Publikum, das dort neben ihm steht. Die Gesichter
dieses Publikums sind so häßlich ernsthaft und leidend,
so ungeduldig und drohend, daß sie einen unheim-
lichen Kontrast bilden mit den Gegenständen, die sie
begaffen, und uns die Angst anwandelt, diese Men-
schen möchten einmal mit ihren geballten Fäusten
plötzlich dreinschlagen, und all das bunte, klirrende
Spielzeug der vornehmen Welt mitsamt dieser vor-
nehmen Welt selbst gar jämmerlich zertrümmern!
Wer kein großer Politiker ist, sondern ein gewöhn-
licher Flaneur, der sich wenig kümmert um die
Nuance Dufaure und Passy, sondern um die Miene
des Volks auf den Gassen, dem wird es zur festen
Überzeugung, daß früh oder spät die ganze Bürger-
komödie in Frankreich mitsamt ihren parlamentari-
190
Lutezia
sehen Heldenspielern und Komparsen ein ausgezischt
schreckliches Ende nimmt und ein Nachspiel auf-
geführt wird, welches das Kommunistenregiment heißt!
Von langer Dauer freilich kann dieses Nachspiel
nicht sein; aber es wird um so gewaltiger die Ge-
müter erschüttern und reinigen: es wird eine echte
Tragödie sein.
Die letzten politischen Prozesse dürften manchem
die Augen öffnen, aber die Blindheit ist gar zu an-
genehm. Auch will keiner an die Gefahren erinnert
werden, die ihm die süße Gegenwart verleiden können.
Deshalb grollen sie alle jenem Manne, dessen strenges
Auge am tiefsten hinabblickt in die Schreckensnächte
der Zukunft und dessen hartes Wort vielleicht manch-
mal zur Unzeit, wenn wir eben beim fröhlichsten
Mahle sitzen, an die allgemeine Bedrohnis erinnert.
Sie grollen alle jenem armen Schulmeister Guizot.
Sogar die sogenannten Konservativen sind ihm ab-
hold, zum größten Teil, und in ihrer Verblendung
glauben sie ihn durch einen Mann ersetzen zu können,
dessen heiteres Gesicht und gefällige Rede sie min-
der schreckt und ängstigt. Ihr konservativen Toren,
die Ihr nichts imstande seid zu konservieren als eben
Eure Torheit, Ihr solltet diesen Guizot wie Euren Aug-
apfel schonen; Ihr solltet ihm die Mücken abwedeln, die
radikalen sowohl wie die legitimen, um ihn bei guter
Laune zu erhalten; Ihr solltet ihm auch manchmal
Blumen schicken ins Hotel des Capucins, aufheiternde
Blumen, Rosen und Veilchen, statt ihm durch täg-
liches Nergeln dieses Logis zu verleiden oder gar
ihn hinaus zu intrigieren. An Eurer Stelle hätte ich
immer Angst, er möchte den glänzenden Quälnissen
seines Ministerplatzes plötzlich entspringen und sich
wieder hinaufretten in sein stilles Gelehrtenstübchen
Erster Teil Iqi
der Rue Leveque, wo er einst so idyllisch glücklich lebte
unter seinen schafledernen und kalbledernen Büchern.
Ist aber Guizot wirklich der Mann, der imstande
wäre, das hereinbrechende Verderben abzuwenden?
Es vereinigen sich in der Tat bei ihm die sonst ge-
trennten Eigenschaften der tiefsten Einsicht und des
festen Willens: er würde mit einer antiken Un-
erschütterlichkeit allen Stürmen Trotz bieten und mit
modernster Klugheit die schlimmen Klippen ver-
meiden — aber der stille Zahn der Mäuse hat den
Boden des französischen Staatsschiffes allzusehr durch-
löchert, und gegen diese innere Not, die weit bedenk-
licher als die äußere, wie Guizot sehr gut begriffen, ist
er unmächtig. Hier ist die Gefahr. Die zerstörenden
Doktrinen haben in Frankreich zu sehr die unteren Klas-
sen ergriffen — es handelt sich nicht mehr um Gleich-
heit der Rechte, sondern um Gleichheit des Genusses
auf dieser Erde, und es gibt in Paris etwa 400000
rohe Fäuste, welche nur des Losungsworts harren,
um die Idee der absoluten Gleichheit zu verwirk-
lichen, die in ihren rohen Köpfen brütet. Von
mehren Seiten hört man, der Krieg sei ein gutes
Ableitungsmittel gegen solchen Zerstörungsstoff.
Aber hieße das nicht Satan durch Beelzebub be-
schwören? Der Krieg würde nur die Katastrophe
beschleunigen und über den ganzen Erdboden das
Übel verbreiten, das jetzt nur an Frankreich nagt;
— die Propaganda des Kommunismus besitzt eine
Sprache, die jedes Volk versteht: die Elemente
dieser Universalsprache sind so einfach, wie der
Hunger, wie der Neid, wie der Tod. Das lernt
sich so leicht!
Doch laßt uns dieses trübe Thema verlassen und
wieder zu den heitern Gegenständen übergehen, die
IQ2 Lutezia
hinter den Spicgelfcnstcrn auf der Rue Viviennc oder
den Boulevards ausgestellt sind. Das funkelt, das
lacht und lockt! Keckes Leben, ausgesprochen in
Gold, Silber, Bronze, Edelstein, in allen möglichen
Formen, namentlich in den Formen aus der Zeit
der Renaissance, deren Nachbildung in diesem
Augenblick eine herrschende Mode. Woher die
Vorliebe für diese Zeit der Renaissance, der
Wiedergeburt oder vielmehr der Auferstehung, wo
die antike Welt gleichsam aus dem Grabe stieg, um
dem sterbenden Mittelalter seine letzten Stunden zu
verschönen? Empfindet unsre Jetztzeit eine Wahl«
Verwandtschaft mit jener Periode, die, ebenso wie
wir, in der Vergangenheit eine verjüngende Quelle
suchte, lechzend nach frischem Lebenstrank? Ich
weift nicht, aber jene Zeit Franz I. und seiner Ge-
schmacksgenossen übt auf unser Gemüt einen fast
schauerlichen Zauber, wie Erinnerung von Zuständen,
die wir im Traum durchlebt; und dann liegt ein un-
gemein origineller Reiz in der Art und Weise, wie
jene Zeit das wiedergefundene Altertum in sich zu
verarbeiten wußte. Hier sehen wir nicht, wie in
der Davidschen Schule, eine akademisch trockene
Nachahmung der griechischen Plastik, sondern eine
flüssige Verschmelzung derselben mit dem christ-
lichen Spiritualismus. In den Kunst« und Lebens«
gestaltungen, die der Vermählung jener heterogensten
Elemente ihr abenteuerliches Dasein verdankten, liegt
ein so süßer melancholischer Witz, ein so ironischer
Versöhnungskuß, ein blühender Übermut, ein ele«
gantes Grauen, das uns unheimlich bezwingt, wir
wissen nicht wie.
Doch wie wir heute die Politik den Kannegießern
von Profession überlassen, so überlassen wir den
Erster Teil 10,3
patentierten Historikern die genauere Nachforschung,
in welchem Grad unsere Zeit mit der Zeit der Re*
naissance verwandt ist; und als echte Flaneurs wollen
wir auf dem Boulevard Montmartre vor einem Bilde
stehen bleiben, das dort die Herren Goupil und
Rittner ausgestellt haben, und das gleichsam als der
Kupferstich^Löwe der Saison alle Blicke auf sich zieht.
Es verdient in der Tat diese allgemeine Aufmerk*
samkeit: es sind die Fischer von Leopold Robert,
die dieser Kupferstich darstellt. Seit Jahr und Tag
erwartete man denselben, und er ist gewiß eine kost*
liehe Weihnachtsgabe für das große Publikum, dem
das Originalbild unbekannt geblieben. Ich enthalte
mich aller detaillierten Beschreibung dieses Werks,
da es in kurzem ebenso bekannt sein wird wie die
Schnitter desselben Malers, wozu es ein sinnreiches
und anmutiges Seitenstück bildet. Wie dieses be-
rühmte Bild eine sommerliche Kampagne darstellt,
wo römische Landleute gleichsam auf einem Sieges-
wagen mit ihrem Erntesegen heimziehen, so sehen
wir hier, auf dem letzten Bild von Robert, als schnei-
dendsten Gegensatz, den kleinen winterlichen Hafen
von Chioggia und arme Fischerleute, die, um ihr
kärgliches Tagesbrot zu gewinnen, trotz Wind und
Wetter sich eben anschicken zu einer Ausfahrt ins
Adriatische Meer. Weib und Kind und die alte
Großmutter schauen ihnen nach mit schmerzlicher
Resignation — gar rührende Gestalten, bei deren
Anblick allerlei polizeiwidrige Gedanken in unserm
Herzen laut werden. Diese unseligen Menschen, die
Leibeigenen der Armut, sind zu lebenslänglicher Müh-
sal verdammt und verkümmern in harter Not und
Betrübnis. Ein melancholischer Fluch ist hier gemalt,
und der Maler, sobald er das Gemälde vollendet
ix, i,
194
Lutezia
hatte, schnitt er sich die Kehle ab. Armes Volk!
armer Robert! — Ja, wie die Schnitter dieses Mei-
sters ein Werk der Freude sind, das er im römischen
Sonnenlicht der Liebe empfangen und ausgeführt hat,
so spiegeln sich in seinen Fischern alle die Selbst-
mordgedanken und Herbstnebel, die sich, während
er in der zerstörten Venezia hauste, über seine Seele
lagerten. Wie uns jenes erstere Bild befriedigt und
entzückt, so erfüllt uns dieses letztere mit empörungs-
süchtigem Unmut: dort malte Robert das Glück der
Menschheit, hier malte er das Elend des Volks.
Ich werde nie den Tag vergessen, wo ich das
Originalgemälde, die Fischer von Robert, zum ersten
Male sah. Wie ein Blitzstrahl aus unumwölktem
Himmel hatte uns plötzlich die Nachricht seines
Todes getroffen, und da jenes Bild, welches gleich-
zeitig anlangte, nicht mehr im bereits eröffneten Salon
ausgestellt werden konnte, faßte der Eigentümer, Hr.
Paturle, den löblichen Gedanken, eine besondere
Ausstellung desselben zum Besten der Armen zu
veranstalten. Der Maire des zweiten Arrondisse-
ments gab dazu sein Lokal, und die Einnahme, wenn
ich nicht irre, betrug über sechzehntausend Franken.
<Mögen die Werke aller Volksfreunde so praktisch
nach ihrem Tode fortwirken!) Ich erinnere mich, als
ich die Treppe der Mairie hinaufstieg, um zu dem
Expositionszimmer zu gelangen, las ich auf einer
Nebentüre die Aufschrift: Bureau des deces. Dort
im Saale standen sehr viele Menschen vor dem Bilde
versammelt, keiner sprach, es herrschte eine ängst-
liche, dumpfe Stille, als läge hinter der Leinwand der
blutige Leichnam des toten Malers. Was war der
Grund, weshalb er sich eigenhändig den Tod gab,
eine Tat, die im Widerspruch war mit den Gesetzen
Erster Teil
'95
der Religion, der Moral und der Natur, heiligen
Gesetzen, denen Robert sein ganzes Leben hindurch
so kindlich Gehorsam leistete? Ja, er war erzogen
im schweizerisch strengen Protestantismus, er hielt
fest an diesem väterlichen Glauben mit unerschütter*
licher Treue, und von religiösem Skeptizismus oder
gar Indifferentismus war bei ihm keine Spur. Auch
ist er immer gewissenhaft gewesen in der Erfüllung
seiner bürgerlichen Pflichten, ein guter Sohn, ein guter
Wirt, der seine Schulden bezahlte, der allen Vor-
schriften des Anstandes genügte, Rock und Hut sorg-
sam bürstete, und von Immoralität kann ebenfalls bei
ihm nicht die Rede sein. An der Natur hing er mit
ganzer Seele, wie ein Kind an der Brust der Mutter;
sie tränkte sein Talent und offenbarte ihm alle ihre
Herrlichkeiten, und nebenbei gesagt, sie war ihm lieber
als die Tradition der Meister: ein überschwengliches
Versinken in den süßen Wahnwitz der Kunst, ein
unheimliches Gelüste nach Traumweltgenüssen, ein
Abfall von der Natur, hat also ebenfalls den vortreff-
lichen Mann nicht in den Tod gelockt. Auch waren
seine Finanzen wohlbestellt, er war geehrt, bewundert
und sogar gesund. Was war es aber? Hier in Paris
ging einige Zeit die Sage, eine unglückliche Leiden-
schaft für eine vornehme Dame in Rom habe jenen
Selbstmord veranlaßt. Ich kann nicht daran glauben.
Robert war damals achtunddreißig Jahre alt, und in
diesem Alter sind die Ausbrüche der großen Passion
zwar sehr furchtbar, aber man bringt sich nicht um,
wie in der frühen Jugend, in der unmännlichen Werther-
Periode.
Was Robert aus dem Leben trieb, war vielleicht
jenes entsetzlichste aller Gefühle, wo ein Künstler
das Mißverhältnis entdeckt, das zwischen seiner
196 Lutezia
Schöpfungslust und seinem Darstellungsvermögen
stattfindet: dieses Bewußtsein der Unkraft ist schon
der halbe Tod, und die Hand hilft nur nach, um
die Agonie zu verkürzen. Wie brav und herrlich
auch die Leistungen Roberts, so waren sie doch ge-
wiß nur blasse Schatten jener blühenden Natur-
schönheiten, die seiner Seele vorschwebten, und ein
geübtes Auge entdeckte leicht ein mühsames Ringen
mit dem Stoff, den er nur durch die verzweiflungs-
vollste Anstrengung bewältigte. Schön und fest sind
alle diese Robertschen Bilder, aber die meisten sind
nicht frei, es weht darin nicht der unmittelbare Geist:
sie sind komponiert. Robert hatte eine gewisse
Ahnung von genialer Größe, und doch war sein
Geist gebannt in kleinen Rahmen. Nach dem Cha-
rakter seiner Erzeugnisse zu urteilen, sollte man
glauben, er sei Enthusiast gewesen für Raffael Sanzio
von Urbino, den idealen Schönheitsengel — nein,
wie seine Vertrauten versichern, war es vielmehr
Michelangelo Buonarotti, der stürmische Titane, der
wilde Donnergott des jüngsten Gerichts, für den er
schwärmte, den er anbetete. Der wahre Grund
seines Todes war der bittere Unmut des Genremalers,
der nach großartigster Historienmalerei lechzte — er
starb an einer Lakune seines Darstellungsvermögens.
Der Kupferstich von den Fischern, den die Herren
Goupil und Rittner jetzt ausgestellt haben, ist vortreff-
lich, in bezug auf das Technische: ein wahres Meister-
stück, weit vorzüglicher, als der Stich der Schnitter,
der vielleicht mit zu großer Hast verfertigt worden.
Aber es fehlt ihm der Charakter der Ursprünglichkeit,
der uns bei den Schnittern so vollselig entzückt, und
der vielleicht dadurch entstand, daß dieses Gemälde
aus einer einzigen Anschauung, sei es eine äußere
Erster Teil 197
oder innere, gleichviel, hervorgegangen und derselben
mit großer Treue nachgebildet ist. Die Fischer hin*
gegen sind zu sehr komponiert, die Figuren sind
mühsam zusammengesucht, nebeneinander gestellt, in*
kommodieren sich wechselseitig mehr als sie sich er*
ganzen, und nur durch die Farbe ist das Verschieden*
artige im Originalgemälde ausgeglichen und erhielt
das Bild den Schein der Einheit. Im Kupferstich,
wo die Farbe, die bunte Vermittlung, fehlt, fallen
natürlicherweise die äußerlich verbundenen Teile
wieder auseinander, es zeigt sich Verlegenheit und
Stückwerk, und das Ganze ist kein Ganzes mehr.
Es ist ein Zeichen von Raffaels Größe, sagte mir
jüngst ein Kollege, daß seine Gemälde im Kupfer*
stich nichts von ihrer Harmonie verlieren. Ja, selbst
in den dürftigsten Nachbildungen, allen Kolorits, wo
nicht gar aller Schattierung entkleidet, in ihren nack*
ten Konturen, bewahren die Raffaelschen Werke jene
harmonische Macht, die unser Gemüt bewegt. Das
kommt daher, weil sie echte Offenbarungen sind,
Offenbarungen des Genius, der eben wie die Natur,
schon in den bloßen Umrissen das Vollendete gibt.
Ich will mein Urteil über die Robertschen Fischer
resümieren: es fehlt ihnen die Einheit, und nur die
Einzelnheiten, namentlich das junge Weib mit dem
kranken Kinde, verdienen das höchste Lob. Zur
Unterstützung meines Urteils berufe ich mich auf
die Skizze, worin Robert gleichsam seinen ersten Ge*
danken ausgesprochen : hier, in der ursprünglichen Kon*
zeption, herrscht jene Harmonie, die dem ausgeführten
Bilde fehlt, und wenn man sie mit diesem vergleicht,
merkt man gewiß, wie der Maler seinen Geist lange
Zeit gezerrt und abgemüdet haben muß, ehe er das
Gemälde in seiner jetzigen Gestalt zustande brachte.
iqS Lutezia
XXXVIII.
Paris, den 19. Dezember 1841.
Wird sich Guizot halten? Heiliger Gott, hierzu-
land hält sich niemand auf die Lange, alles wackelt,
sogar der Obelisk von Luxor ! Das ist keine Hyperbel,
sondern buchstäbliche Wahrheit; schon seit mehren
Monaten geht hier die Rede, der Obelisk stehe nicht
fest auf seinem Postament, er schwanke zuweilen hin
und her, und eines frühen Morgens werde er den
Leuten, die eben vorüberwandeln, auf die Köpfe
purzeln. Die Angstlichen suchen schon jetzt, wenn
ihr Weg sie über die Place Louis Quinze führt, sich
etwas entfernt zu halten von der fallenden Größe.
Die Mutigern lassen sich freilich nicht in ihrem ge-
wohnlichen Gange stören, weichen keinen Finger breit,
können aber doch nicht umhin, im Vorübergehen ein
bißchen hinaufzuschielen, ob der große Stein wirk»
lieh nicht wackelmütig geworden. Wie dem auch
sei, es ist immer schlimm, wenn das Publikum Zweifel
hegt über die Festigkeit der Dinge; mit dem Glauben
an ihre Dauer schwindet schon ihre beste Stütze.
Wird er sich halten? Jedenfalls glaub ich, daß er
sich die nächste Sitzung hindurch halten wird, sowohl
der Obelisk als Guizot, der mit jenem eine gewisse
Ähnlichkeit hat, z. B. die, daß er ebenfalls nicht auf
seinem rechten Platze steht. Ja, sie stehen beide nicht
auf ihrem rechten Platz, sie sind herausgerissen aus
ihrem Zusammenhang, ungestüm verpflanzt in eine
unpassende Nachbarschaft. Jener, der Obelisk, stand
einst vor den lotosknäufigen Riesensäulen am Ein*
gang des Tempels von Luxor, welcher wie ein kolos-
saler Sarg aussieht, und die ausgestorbene Weisheit
der Vorwelt, getrocknete Königsleichen, einbalsamier-
Erster Teil 199,
ten Tod enthält. Neben ihm stand ein Zwillings-
bruder von demselben roten Granit und derselben
pyramidalischen Gestalt, und ehe man zu diesen
beiden gelangte, schritt man durch zwei Reihen
Sphinxe, stumme Rätseltiere, Bestien mit Menschen-
köpfen, ägyptische Doktrinäre. In der Tat, solche
Umgebung war für den Obelisken weit geeigneter
als die, welche ihm auf der Place Louis Quinze zu-
teil ward, dem modernsten Platz der Welt, dem Platz,
wo eigentlich die moderne Zeit angefangen und von
der Vergangenheit gewaltsam abgeschnitten wurde
mit frevelhaftem Beil. — Zittert und wackelt viel-
leicht wirklich der große Obelisk, weil es ihm graut,
sich auf solchem gottlosen Boden zu befinden, er,
der gleichsam ein steinerner Schweizer in Hiero-
glyphenlivree jahrtausendelang Wache hielt vor den
heiligen Pforten der Pharaonengräber und des abso-
luten Mumientums? Jedenfalls steht er dort sehr
isoliert, fast komisch isoliert, unter lauter theatra-
lischen Architekturen der Neuzeit, Bildwerken im
Rokokogeschmack, Springbrunnen mit vergoldeten
Najaden, allegorischen Statuen der französischen
Flüsse, deren Piedestal eine Portierloge enthält, In
der Mitte zwischen dem Are de Triomphe, den
Tuilerien und der Chambre des Deput^s — ungefähr
wie der sazerdotal tiefsinnige, ägyptisch steife und
schweigsame Guizot zwischen dem imperialistisch
rohen Soult, dem merkantilisch flachköpfigen Human,
und dem hohlen Schwätzer Villemain, der halb vol-
tairisch und halb katholisch angestrichen ist und in
jedem Fall einen Strich zuviel hat.
Doch laßt uns Guizot beiseitesetzen und nur von
dem Obelisken reden: es ist ganz wahr, daß man von
seinem baldigen Sturze spricht. Es heißt: im stillen
200 Lutezia
Sonnenbrand am Nil, in seiner heimatlichen Ruhe
und Einsamkeit, hätte er noch Jahrtausende aufrecht
stehen bleiben können, aber hier in Paris agitierte ihn
der beständige Wetterwechsel, die fieberhaft auf*
reibende, anarchische Atmosphäre, der unaufhörlich
wehende feuchtkalte Kleinwind, welcher die Gesund*
heit weit mehr angreift, als der glühende Samum der
Wüste, kurz die Pariser Luft bekomme ihm schlecht.
Der eigentliche Rival des Obelisken von Luxor ist
noch immer die Colonne Vendome. Steht sie sicher?
Ich weiß nicht, aber sie steht auf ihrem rechten
Platze, in Harmonie mit ihrer Umgebung. Sie wur-
zelt treu im nationalen Boden und wer sich daran
hält, hat eine feste Stütze. Eine ganz feste? Nein,
hier in Frankreich steht nichts ganz fest. Schon
einmal hat der Sturm das Kapital, den eisernen Ka*
pitalmann, von der Spitze der Vendomesäule herab*
gerissen, und im Fall die Kommunisten ans Regiment
kämen, dürfte wohl zum zweiten Male dasselbe sich
ereignen, wenn nicht gar die radikale Gleichheits*
raserei die Säule selbst zu Boden reißt, damit auch
dieses Denkmal und Sinnbild der Ruhmsucht von der
Erde schwinde: kein Mensch und kein Menschen*
werk soll über ein bestimmtes Kommunalmaß her*
vorragen, und der Baukunst ebensogut wie der epi*
sehen Poesie droht der Untergang. »Wozu noch
ein Monument für ehrgeizige Völkermörder,« hörte
ich jüngst ausrufen bei Gelegenheit des Modellkon*
kurses für das Mausoleum des Kaisers, »das kostet
das Geld des darbenden Volkes, und wir werden
es ja doch zerschlagen, wenn der Tag kommt!« Ja,
der tote Held hätte in St. Helena bleiben sollen, und
ich will ihm nicht dafür stehen, daß nicht einst sein
Grabmal zertrümmert und seine Leiche in den schönen
Erster Teil 201
Fluß geschmissen wird, an dessen Ufern er so senti-
mental ruhen sollte, nämlich in die Seine! Thiers
hat ihm als Minister vielleicht keinen großen Dienst
geleistet.
Wahrlich, er leistet dem Kaiser einen größern Dienst
als Historiker, und ein solideres Monument als die
Vendomesäule und das projektierte Grabmal errichtet
ihm Thiers durch das große Geschichtsbuch, woran
er beständig arbeitet, wie sehr ihn auch die poli-
tischen Tageswehen in Anspruch nehmen. Nur
Thiers hat das Zeug dazu, die große Historie des
Napoleon Bonaparte zu schreiben, und er wird sie
besser schreiben als diejenigen, die sich dazu beson-
ders berufen glauben, weil sie treue Gefährten des
Kaisers waren und sogar beständig mit seiner Person
in Berührung standen. Die persönlichen Bekannten
eines großen Helden, seine Mitkämpfer, seine Leib-
diener, seine Kämmerer, Sekretäre, Adjutanten, viel-
leicht seine Zeitgenossen überhaupt, sind am wenigsten
geeignet seine Geschichte 2u schreiben; sie kommen
mir manchmal vor, wie das kleine Insekt, das auf
dem Kopf eines Menschen herumkriecht, ganz eigent-
lich in der unmittelbarsten Nähe seiner Gedanken
verweilt, ihn überall begleitet und doch nie von
seinem wahren Leben und der Bedeutung seiner
Handlungen das mindeste ahnte.
Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit auf
einen Kupferstich aufmerksam zu machen, der in
diesem Augenblick bei allen Kunsthändlern aus-
gehängt ist und den Kaiser darstellt nach einem
Gemälde von Delaroche, welches derselbe für Lady
Sandwich gemalt hat. Der Maler verfuhr bei diesem
Bilde <wie in allen seinen Werken) als Eklektiker,
und zur Anfertigung desselben benutzte er zunächst
202 Luteiia
mehre unbekannte Porträte, die sich im Besitz der
Bonapartischen Familie befinden, sodann die Maske
des Toten, ferner die Details, die ihm über die Eigen-
tümlichkeiten des kaiserlichen Gesichts von einigen
Damen mitgeteilt worden, und endlich seine eignen
Erinnerungen, da er in seiner Jugend mehrmals den
Kaiser gesehen. Mein Urteil über dieses Bild kann
ich hier nicht mitteilen, da ich zugleich über die
Art und Weise des Delaroche ausführlich reden
müßte. Die Hauptsache habe ich bereits angedeutet:
das eklektische Verfahren, welches eine gewisse
äußere Wahrheit befördert, aber keinen tiefern Grund-
gedanken aufkommen läßt. — Dieses neue Porträt
des Kaisers ist bei Goupil und Rittner erschienen,
die fast alle bekannten Werke des Delaroche in
Kupferstich herausgegeben. Sie gaben uns jüngst
seinen Karl I., welcher im Kerker von den Soldaten
und Schergen verhöhnt wird, und als Seitenstück
erhielten wir im selben Format den Grafen Stafford,
welcher, zur Richtstätte geführt, dem Gefängnisse
vorbeikommt, wo der Bischof Law gefangen sitzt
und dem vorüberziehenden Grafen seinen Segen er-
teilt, wir sehen nur seine, aus einem Gitterfenster
hervorgestreckten zwei Hände, die wie hölzerne
Wegweiser aussehen, recht prosaisch abgeschmackt.
In derselben Kunsthandlung erschien auch des Dela-
roche großes Kabinettstück: der sterbende Richelieu,
welcher mit seinen beiden Schlachtopfern, den zum
Tode verurteilten Rittern Saint-Mars und de Thou,
in einem Boote die Rhone hinabfährt. Die beiden
Königskinder, die Richard III. im Tower ermorden
läßt, sind das Anmutigste, was Delaroche gemalt,
und als Kupferstich in bemeldeter Kunsthandlung
herausgegeben. In diesem Augenblick läßt dieselbe
Erster Teil
203
ein Bild von Delaroche stechen, welches Maria An-
toinette im Tempelgefängnisse vorstellt; die Unglück^
liehe Fürstin ist hier äußerst ärmlich fast wie eine
Frau aus dem Volke gekleidet, was gewiß dem edlen
Faubourg die legitimsten Tränen entlocken wird.
Eins der Hauptrührungswerke von Delaroche, welches
die Königin Jeanne Gray vorstellt, wie sie im Begriff
ist, ihr blondes Köpfchen auf den Block zu legen,
ist noch nicht gestochen und soll nächstens ebenfalls
erscheinen. Seine Maria Stuart ist auch noch nicht
gestochen. Wo nicht das Beste, doch gewiß das
Effektvollste, was Delaroche geliefert, ist sein Crom-
well, welcher den Sargdeckel aufhebt von der Leiche
des enthaupteten Karl I., ein berühmtes Bild, worüber
ich vor geraumer Zeit ausführlich berichtete. Auch
der Kupferstich ist ein Meisterstück technischer
Vollendung. Eine sonderbare Vorliebe, ja Idio*
synkrasie bekundet Delaroche in der Wahl seiner
Stoffe. Immer sind es hohe Personen, die entweder
hingerichtet werden, oder wenigstens dem Henker
verfallen. Herr Delaroche ist der Hofmaler aller
geköpften Majestäten. Er kann sich dem Dienst
solcher erlauchten Delinquenten niemals ganz ent-
ziehen, und sein Geist beschäftigt sich mit ihnen
selbst bei Porträtierung von Potentaten, die auch
ohne scharfrichterliche Beihilfe das Zeitliche segneten.
So z. B. auf dem Gemälde seiner sterbenden Elisa«
beth von England sehen wir, wie die greise Königin
sich verzweiflungsvoll auf dem Estrich wälzt, in
dieser Todesstunde gequält von der Erinnerung an
den Grafen Essex und Maria Stuart, deren blutige
Schatten ihr stieres Auge zu erblicken scheint. Das
Gemälde ist eine Zierde der Luxembourg-Galerie,
und ist nicht so schauderhaft banal oder banal
204 Lutezia
schauderhaft, wie die andern erwähnten historischen
Genrebilder, Lieblingsstücke der Bourgeoisie, der
wackern, ehrsamen Bürgersleute, welche die Über*
Windung der Schwierigkeiten für die höchste Auf*
gäbe der Kunst halten, das Grausige mit dem
Tragischen verwechseln und sich gern erbauen an
dem Anblick gefallener Größe, im süßen Bewußtsein,
daß sie vor dergleichen Katastrophen gesichert sind
in der bescheidenen Dunkelheit einer arriere*boutique
der Rue St. Denis.
XXXIX.
Paris, 28. Dezember 1841.
Von der eben eröffneten Deputiertenkammer er-
warte ich nicht viel Erquickliches. Da werden wir
nichts sehen als lauter Kleingezänke, Personenhader,
Unmacht, wo nicht gar endliche Stockung. In der
Tat, eine Kammer muß kompakte Parteimassen ent*
halten, sonst kann die ganze parlamentarische Maschine
nicht fungieren. Wenn jeder Deputierte eine be*
sondere, abweichende, isolierte Meinung zu Markte
bringt, wird nie ein Votum gefällt werden, das man
nur einigermaßen als Ausdruck eines Gesamtwillens
betrachten könnte, und doch ist es die wesentlichste
Bedingung des Repräsentativsystems, daß ein solcher
Gesamtwille sich beurkunde. Wie die ganze fran*
zösische Gesellschaft, so ist auch die Kammer in
so viele Spaltungen und Splitter zerfallen, daß hier
keine zwei Menschen mehr in ihren Ansichten ganz
übereinstimmen. Betrachte ich in dieser politischen
Beziehung die jetzigen Franzosen, so erinnere ich
mich immer der Worte unseres wohlbekannten Adam
Erster Teil 205
Gurowski, der den deutschen Patrioten jede Möglich-
keit des Handelns absprach, weil unter zwölf Deutschen
sich immer vierundzwanzig Parteien befänden: denn
bei unserer Vielseitigkeit und Gewissenhaftigkeit im
Denken habe jeder von uns auch die entgegengesetzte
Ansicht mit allen Überzeugungsgründen in sich auf-
genommen, und es befänden sich daher zwei Par-
teien in einer Person. Dasselbe ist jetzt bei den
Franzosen der Fall. Wohin aber führt diese Zer-
splitterung, diese Auflösung aller Gedankenbande,
dieser Partikularismus, dieses Erlöschen alles Gemein*
geistes, welches der moralische Tod eines Volks ist?
— Der Kultus der materiellen Interessen, des Eigen-
nutzes, des Geldes, hat diesen Zustand bereitet.
Wird dieser lange währen, oder wird wohl plötzlich
eine gewaltige Erscheinung, eine Tat des Zufalls
oder ein Unglück, die Geister in Frankreich wieder
verbinden? Gott verläßt keinen Deutschen, aber
auch keinen Franzosen, er verläßt überhaupt kein
Volk, und wenn ein Volk aus Ermüdung oder Faul-
heit einschläft, so bestellt er ihm seine künftigen
Wecker, die, verborgen in irgendeiner dunkeln Ab-
geschiedenheit, ihre Stunde erwarten, ihre aufrüttelnde
Stunde. Wo wachen die Wecker? Ich habe manch-
mal darnach geforscht und geheimnisvoll deutete
man alsdann — auf die Armee! Hier in der Armee,
heißt es, gebe es noch ein gewaltiges National-
bewußtsein; hier, unter der dreifarbigen Fahne, hätten
sich jene Hochgefühle hingeflüchtet, die der regie-
rende Industrialismus vertreibe und verhöhne; hier
blühe noch die genügsame Bürgertugend, die uner-
schrockene Liebe für Großtat und Ehre, die Flammen-
fähigkeit der Begeisterung/ während überall Zwie-
tracht und Fäulnis, lebe hier noch das gesündeste
2oö Lutcxia
Leben, zugleich ein angewohnter Gehorsam für die
Autorität, jedenfalls bewaffnete Einheit — es sei gar
nicht unmöglich, daß eines frühen Morgens die Armee
das jetzige Bourgeoisieregiment, dieses zweite Direk-
torium, über den Haufen werfe und ihren achtzehnten
Brumaire mache! — Also Soldatenwirtschaft wäre
das Ende des Liedes, und die menschliche Gesell-
schaft bekäme wieder Einquartierung?
Die Verurteilung des Herrn Dupoty durch die
Pairskammer entsprang nicht bloß aus greisenhafter
Furcht, sondern aus jenem Erbgroll gegen die Revo-
lution, der im Herzen vieler edlen Pairs heimlich
nistet. Denn das Personal der erlauchten Ver-
sammlung besteht nicht aus lauter frischgebackenen
Leuten der Neuzeit; man werfe nur einen Blick auf
die Liste der Männer, die das Urteil gefällt, und
man sieht mit Verwunderung, daß neben dem Namen
eines imperialistischen oder Philippistischen Empor-
kömmlings immer zwei bis drei Namen des alten
Regimes sich geltend machen. Die Träger dieser
Namen bilden also natürlicherweise die Majorität;
und da sitzen sie auf den Sammetbänken des Luxem-
bourg, alte guillotinierte Menschen mit wieder an-
genähten Köpfen, wonach sie jedesmal ängstlich
tasten, wenn draußen das Volk murmelt — Ge-
spenster, die jeden Hahn hassen, und den gallischen
am meisten, weil sie aus Erfahrung wissen, wie
schnell sein Morgengeschrei ihrem ganzen Spuk ein
Ende machen könnte — und es ist ein entsetzliches
Schauspiel, wenn diese unglücklichen Toten Gericht
halten über Lebendige, über die jüngsten und verzweif-
lungsvollsten Kinder der Revolution, über jene ver-
wahrlosten und enterbten Kinder, deren Elend ebenso
groß ist wie ihr Wahnsinn, über die Kommunisten!
Erster Teil 207
XL.
Paris, 12. Januar 1842.
Wir lächeln über die armen Lappländer, die, wenn
sie an Brustkrankheit leiden, ihre Heimat verlassen
und nach St. Petersburg reisen, um dort die milde
Luft eines südlichen Klimas zu genießen. Die algier-
sehen Beduinen, die sich hier befinden, dürften mit
demselben Recht über manche unsrer Landsleute
lächeln, die ihrer Gesundheit wegen den Winter lieber
in Paris zubringen als in Deutschland, und sich ein-
bilden, daß Frankreich ein warmes Land sei. Ich
versichere Sie, es kann bei uns auf der Lüneburger
Heide nicht kälter sein als hier in diesem Augen-
blick, wo ich Ihnen mit froststeifen Fingern schreibe.
Auch in der Provinz muß eine bittere Kälte herr-
schen. Die Deputierten, welche jetzt rudelweise an-
langen, erzählen nur von Schnee, Glatteis und um-
gestürzten Diligencen. Ihre Gesichter sind noch rot
und verschnupft, ihr Gehirn eingefroren, ihre Ge-
danken neun Grad unter Null. Bei Gelegenheit der
Adresse werden sie auftauen. Alles hat jetzt hier
ein frostiges und ödes Ansehen. Nirgends Überein-
stimmung bei den wichtigsten Fragen, und beständiger
Windwechsel. Was man gestern wollte, heute will
mans nicht mehr, und Gott weiß, was man morgen
begehren wird. Nichts als Hader und Mißtrauen,
Schwanken und Zersplitterung. König Philipp hat
die Maxime seines mazedonischen Namensgenossen,
das »Trenne und Herrsche«, bis zum schädlichsten
Übermaß ausgeübt. Die zu große Zerteilung er-
schwert wieder die Herrschaft, zumal die konstitutio-
nelle, und Guizot wird mit den Spaltungen und Zer-
faserungen der Kammer seine liebe Not haben.
X>8 Luteria
Guizot ist noch immer der Schutz und Hort des
Bestehenden. Aber die sogenannten Freunde des
Bestehenden, die Konservativen, sind dessen wenig
eingedenk und sie haben bereits vergessen, daß noch
vorigen Freitag in derselben Stunde »ä bas Guizot«
und »vive Lamennais« gerufen worden! Für den
Mann der Ordnung, für den großen Ruhestifter war
es in Tat ein indirekter Triumph, daß man ihn herab-
würdigte, um jenen schauderhaften Priester zu feiern,
der den politischen Fanatismus mit dem religiösen
vermählt und der Weltverwirrung die letzte Weihe
erteilt. Armer Guizot, armer Schulmeister, armer
Rector Magnificus von Frankreich! dir bringen sie
ein Pereat, diese Studenten, die weit besser täten,
wenn sie deine Bücher studierten, worin so viel Be-
lehrung enthalten, so viel Tiefsinn, so viel Winke
für das Glück der Menschheit! »Nimm dich in
acht,« sagte einst ein Demagoge zu einem großen
Patrioten, »wenn das Volk in Wahnsinn gerät, wird
es dich zerreißen.« Und dieser antwortete: »Nimm
dich in acht, denn dich wird das Volk zerreißen,
wenn es wieder zur Vernunft kommt.« Dasselbe
hätten wohl vorigen Freitag Lamennais und Guizot
zueinander sagen können. Jener tumultuarische Auf-
tritt sah bedenklicher aus als die Zeitungen meldeten.
Diese hatten ein Interesse den Vorfall einigermaßen
zu vertuschen, die ministeriellen sowohl als die
Oppositionsblätter; letztere, weil jene Manifestation
keinen sonderlichen Anklang im Volke fand. Das
Volk sah ruhig zu und fror. Bei neun Grad Kälte
ist kein Umsturz der Regierung in Paris zu be-
fürchten. Im Winter gab es hier nie Erneuten. Seit
der Bestürmung der Bastille bis auf die Revolte des
Barbes hat das Volk immer seinen Unmut bis zu
Erster Teil
209
den wärmeren Sommermonden vertagt, wo das Wetter
schön war und man sich mit Vergnügen schlagen
konnte. —
XLI.
Paris, 24. Januar 1842.
In der parlamentarischen Arena sah man dieser
Tage wieder einen glänzenden Zweikampf von Guizot
und Thiers, jener zwei Männer, deren Namen in
jedem Munde und deren unaufhörliche Besprechung
nachgerade langweilig werden dürfte. Ich wundere
mich, daß die Franzosen noch nicht darüber die Ge-
duld verlieren, daß man seit Jahr und Tag, von
Morgen bis Abend, beständig von diesen beiden
Personen schwatzt. Aber im Grunde sind es ja
nicht Personen, sondern Systeme, von denen hier die
Rede ist, Systeme die überall zur Sprache kommen
müssen, wo eine Staatsexistenz von außen bedroht
ist, überall, in China so gut wie in Frankreich. Nur
daß hier Thiers und Guizot genannt wird, was dort,
in China, Lin und Keschen heißt. Ersterer ist der
chinesische Thiers und repräsentiert das kriegerische
System, welches die herandrohende Gefahr durch
die Gewalt der Waffen, vielleicht auch nur durch
schreckendes WafTengeräusch , abwehren wollte.
Keschen hingegen ist der chinesische Guizot, er re»
präsentiert das Friedenssystem, und es wäre ihm
vielleicht gelungen die rothaarigen Barbaren durch
kluge Nachgiebigkeit wieder aus dem Lande hinaus»
zukomplimentieren, wenn die Thierssche Partei in
Peking nicht die Oberhand gewonnen hätte. Armer
Keschen! eben weil wir so fern vom Schauplatze,
IX, t4
2io Lutezia
konnten wir ganz klar einschen, wie sehr du recht
hattest, den Streitkräften des Mittelreichs zu miß*
trauen, und wie ehrlich du es mit deinem Kaiser
meintest, der nicht so vernünftig wie Ludwig Philipp!
Ich habe mich recht gefreut, als dieser Tage die
»Allgemeine Zeitung« berichtete, daß der vortreff-
liehe Keschen nicht entzweigesägt worden, wie es
früher hieß, sondern nur sein ungeheures Vermögen
eingebüßt habe. Letzteres kann dem hiesigen Re-
präsentanten des Friedenssystems nimmermehr pas-
sieren/ wenn er fällt, können nicht seine Reichtümer
konfisziert werden — Guizot ist arm wie eine Kirch-
maus. Und auch unser Lin ist arm, wie ich bereits
öfter erwähnt habe; ich bin überzeugt, er schreibt
seine Kaisergeschichte hauptsächlich des Geldes
wegen. Welch ein Ruhm für Frankreich, daß die
beiden Männer, die alle seine Macht verwalteten,
zwei arme Mandarinen sind, die nur in ihrem Kopfe
ihre Schätze tragen!
Die letzten Reden dieser beiden haben Sie gelesen
und fanden vielleicht darin manche Belehrung über
die Wirrnisse, welche eine unmittelbare Folge der
orientalischen Frage. — Was in diesem Augenblick
besonders merkwürdig, ist die Milde der Russen, wo
von Erhaltung des türkischen Reichs die Rede. Der
eigentliche Grund aber ist, daß sie faktisch schon
den größten Teil desselben besitzen. Die Türkei
wird allmählich russisch ohne gewaltsame Okkupa-
tion. Die Russen befolgen hier eine Methode, die
ich nächstens einmal beleuchten werde. Es ist ihnen
um die reelle Macht zu tun, nicht um den bloßen
Schein derselben, nicht um die byzantinische Titu-
latur. Konstantinopel kann ihnen nicht entgehen, sie
verschlingen es sobald es ihnen paßt. In diesem
Erster Teil 211
Augenblick aber paßt es ihnen noch nicht, und sie
sprechen von der Türkei mit einer süßlichen, fast
herrenhutischen Friedfertigkeit. Sie mahnen mich an
die Fabel von dem Wolf, welcher, als er Hunger
hatte, sich eines Schafes bemächtigte. Er fraß mit
gieriger Hast dessen beide Vorderbeine, jedoch die
Hinterbeine des Tierleins verschonte er und sprach:
»Ich bin jetzt gesättigt, und diesem guten Schafe,
das mich mit seinen Vorderbeinen gespeiset hat, lasse
ich aus Pietät alle seine übrigen Beine und den
ganzen Rest seines Leibes.«
XLII.
Paris, den 7. Februar 1842.
»Wir tanzen hier auf einem Vulkan« — aber wir
tanzen. Was in dem Vulkan gärt, kocht und brauset,
wollen wir heute nicht untersuchen, und nur wie
man darauf tanzt, sei der Gegenstand unserer Be-
trachtung. Da müssen wir nun zunächst von der
Academie royale de Musique reden, wo noch immer
jenes ehrwürdige Corps de Ballet existiert, das die
choreographischen Überlieferungen treulich bewahrt
und als die Pairie des Tanzes zu betrachten ist. Wie
jene andere, die im Luxembourg residiert, zählt auch
diese Pairie unter ihrem Personal gar viele Perücken
und Mumien, über die ich mich nicht aussprechen
will aus leicht begreiflicher Furcht. Das Mißgeschick
des Hrn. Perre, des Geranten des »Siede«, der
jüngst zu sechs Monaten Karzer und 10000 Franken
verurteilt worden, hat mich gewitzigt. Nur von
Carlotta Grisi will ich reden, die in der respektablen
Versammlung der Rue Lepelletier gar wunderlieblich
212 Lutciia
hervorstrahlt, wie eine Apfelsine unter Kartoffeln.
Nächst dem glücklichen Stoff, der den Schriften
eines deutschen Autors entlehnt, war es zumeist die
Carlotta Grisi, die dem Ballet »Die Willi« eine un-
erhörte Vogue verschaffte. Aber wie köstlich tanzt
sie! Wenn man sie sieht, vergißt man, daß Taglioni
in Rußland und Elsler in Amerika ist, man vergißt
Amerika und Rußland selbst, ja die ganze Erde, und
man schwebt mit ihr empor in die hängenden Zauber-
gärten jenes Geisterreichs, worin sie als Königin
waltet. Ja, sie hat ganz den Charakter jener Elementar-
geister, die wir uns immer tanzend denken, und von
deren gewaltigen Tanzweisen das Volk so viel Wun-
derliches fabelt. In der Sage von den Willis ward
jene geheimnisvolle, rasende, mitunter menschenver-
derbliche Tanzlust, die den Elementargeistcrn eigen
ist, auch auf die toten Bräute übertragen; zu dem
altheidnisch übermütigen Lustreiz des Nixen- und
Elfentums gesellten sich noch die melancholisch woll-
lüstigen Schauer, das dunkelsüße Grausen des mittel-
alterlichen Gespensterglaubens.
Entspricht die Musik dem abenteuerlichen Stoffe
jenes Balletts? War Hr. Adam, der die Musik ge-
liefert, fähig Tanzweisen zu dichten, die, wie es in
der Volkssage heißt, die Bäume des Waldes zum
Hüpfen und den Wasserfall zum Stillstehen zwingen?
Hr. Adam war, soviel ich weiß, in Norwegen, aber
ich zweifle, ob ihm dort irgendein runenkundiger
Zauberer jene Strömkarlmelodie gelehrt, wovon man
nur zehn Variationen aufzuspielen wagt; es gibt näm-
lich noch eine elfte Variation, die großes Unglück
anrichten könnte: spielt man diese, so gerät die ganze
Natur in Aufruhr, die Berge und Felsen fangen an
zu tanzen, und die Häuser tanzen und drinnen tanzen
E rster Teil
213
Tisch und Stühle, der Großvater ergreift die Groß*
mutter, der Hund ergreift die Katze zum Tanzen,
selbst das Kind springt aus der Wiege und tanzt.
Nein, solche gewalttätige Melodien hat Hr. Adam
nicht von seiner nordischen Reise heimgebracht; aber
was er geliefert, ist immer ehrenwert, und er be-
hauptet eine ausgezeichnete Stellung unter den Ton-
dichtern der französischen Schule.
Ich kann nicht umhin hier zu erwähnen, daß die
christliche Kirche, die alle Künste in ihren Schoß
aufgenommen und benutzt hat, dennoch mit der Tanz-
kunst nichts anzufangen wußte und sie verwarf und
verdammte. Die Tanzkunst erinnerte vielleicht allzu-
sehr an den alten Tempeldienst der Heiden, sowohl
der römischen Heiden als der germanischen und
celtischen, deren Götter eben in jene elfenhaften
Wesen übergingen, denen der Volksglaube, wie ich
oben andeutete, eine wundersame Tanzsucht zu-
schrieb. Überhaupt ward der böse Feind am Ende
als der eigentliche Schutzpatron des Tanzes be-
trachtet, und in seiner frevelhaften Gemeinschaft
tanzten die Hexen und Hexenmeister ihre nächt-
lichen Reigen. Der Tanz ist verflucht, sagt ein
fromm bretonisches Volkslied, seit die Tochter der
Herodias vor dem argen Könige tanzte, der ihr
zu Gefallen Johannem töten ließ. »Wenn du tan-
zen siehst,« fugt der Sänger hinzu, »so denke an
das blutige Haupt des Täufers auf der Schüssel,
und das höllische Gelüste wird deiner Seele
nichts anhaben können!« Wenn man über den
Tanz in der Academie royale de Musique etwas
tiefer nachdenkt, so erscheint er als ein Versuch,
diese erzheidnische Kunst gewissermaßen zu christia-
nisieren, und das französische Ballett riecht fast
2ix Lutezia
nach gallikanischer Kirche, wo nicht gar nach Jan-
senismus, wie alle Kunsterscheinungen des großen
Zeitalters Ludwigs XIV. Das französische Ballett
ist in dieser Beziehung ein wahlverwandtes Seiten-
stuck zu der Racineschen Tragödie und den Gärten
von Le Nötre. Es herrscht darin derselbe geregelte
Zuschnitt, dasselbe Etikettenmaß, dieselbe höfische
Kühle, dasselbe gezierte Sprödetun, dieselbe Keusch-
heit. In der Tat, die Form und das Wesen des
französischen Balletts ist keusch, aber die Augen der
Tänzerinnen machen zu den sittsamsten Pas einen
sehr lasterhaften Kommentar, und ihr liederliches
Lächeln ist in beständigem Widerspruch mit ihren
Füßen. Wir sehen das Entgegengesetzte bei
den sogenannten Nationaltänzen, die mir deshalb
tausendmal lieber sind als die Ballette der großen
Oper. Die Nationaltänze sind oft allzu sinnlich, fast
schlüpfrig in ihren Formen, z. B. die indischen, aber
der heilige Ernst auf den Gesichtern der Tanzenden
moralisiert diesen Tanz und erhebt ihn sogar zum
Kultus. Der große Vestris hat einst ein Wort ge-
sagt, worüber bereits viel gelacht worden. In seiner
pathetischen Weise sagte er nämlich zu einem seiner
Jünger: »Ein großer Tänzer muß tugendhaft sein.«
Sonderbar! der große Vestris liegt schon seit vierzig
Jahren im Grab <er hat das Unglück des Hauses
Bourbon, womit die Familie Vestris immer sehr be-
freundet war, nicht überleben können), und erst
vorigen Dezember, als ich der Eröffnungssitzung der
Kammern beiwohnte und träumerisch mich meinen
Gedanken überließ, kam mir der selige Vestris in den
Sinn, und wie durch Inspiration begriff ich plötzlich
die Bedeutung seines tiefsinnigen Wortes: »Ein großer
Tänzer muß tugendhaft sein!«
Erster Teil
215
Von den diesjährigen Gesellschaftsbällen kann ich
wenig berichten, da ich bis jetzt nur wenige Soireen
mit meiner Gegenwart beehrt habe. Dieses ewige
Einerlei fängt nachgerade an mich zu ennuyieren,
und ich begreife nicht wie ein Mann es auf die
Länge aushalten kann. Von Frauen begreife ich
es sehr gut. Für diese ist der Putz, den sie aus-
kramen können, das Wesentlichste. Die Vorberei-
tungen zum Ball, die Wahl der Robe, das Ankleiden,
das Frisiert werden, das Probelächeln vor dem Spie-
gel, kurz Flitterstaat und Gefallsucht sind ihnen die
Hauptsache und gewähren ihnen die genußreichste
Unterhaltung. Aber für uns Männer, die wir nur
demokratisch schwarze Fräcke und Schuhe anziehen,
<die entsetzlichen Schuhe !> — ' für uns ist eine Soiree
nur eine unerschöpfliche Quelle der Langeweile, ver-
mischt mit einigen Gläsern Mandelmilch und Him-
beersaft. Von der holden Musik will ich gar nicht
reden. Was die Bälle der vornehmen Welt noch
langweiliger macht als sie von Gott und Rechts
wegen sein dürften, ist die dort herrschende Mode,
daß man nur zum Scheine tanzt, daß man die vor-
geschriebenen Figuren nur gehend exekutiert, daß
man ganz gleichgültig, fast verdrießlich die Füße be-
wegt. Keiner will mehr den andern amüsieren, und
dieser Egoismus beurkundet sich auch im Tanze der
heutigen Gesellschaft.
Die untern Klassen, wie gerne sie auch die vor-
nehme Welt nachäffen, haben sich dennoch nicht zu
solchem selbstsüchtigen Scheintanz verstehen können;
ihr Tanzen hat noch Realität, aber leider eine sehr
bedauernswürdige. Ich weiß kaum wie ich die
eigentümliche Betrübnis ausdrücken soll, die mich
jedesmal ergreift, wenn ich an öffentlichen Belusti-
2i6 Erster Teil
gungsorten, namentlich zur Karnevalszeit, das tan-
zende Volk betrachte. Eine kreischende, schrillende,
übertriebene Musik begleitet hier einen Tanz, der
mehr oder weniger an den Cancan streift. Hier
höre ich die Frage: was ist der Cancan? Heiliger
Himmel, ich soll für die »Allgemeine Zeitung« eine
Definition des Cancan geben! Wohlan: der Cancan
ist ein Tanz, der nie in ordentlicher Gesellschaft ge-
tanzt wird, sondern nur auf gemeinen Tanzböden,
wo derjenige, der ihn tanzt, oder diejenige, die ihn
tanzt, unverzüglich von einem Polizeiagenten ergriffen
und zur Tür hinausgeschleppt wird. Ich weiß nicht,
ob diese Definition hinlänglich beiehrsam, aber es ist
auch gar nicht nötig, daß man in Deutschland ganz
genau erfahre, was der französische Cancan ist. So
viel wird schon aus jener Definition zu merken sein,
daß die vom seligen Vestris angepriesene Tugend
hier kein notwendiges Requisit ist, und daß das
französische Volk sogar beim Tanzen von der Polizei
inkommodiert wird. Ja, dieses letztere ist ein sehr
sonderbarer Übelstand, und jeder denkende Fremde
muß sich darüber wundern, daß in den öffentlichen
Tanzsälen bei jeder Quadrille mehre Polizeiagenten
oder Kommunalgardisten stehen, die mit finster kato-
nischer Miene die tanzende Moralität bewachen. Es
ist kaum begreiflich, wie das Volk unter solcher
schmählichen Kontrolle seine lachende Heiterkeit und
Tanzlust behält. Dieser gallische Leichtsinn aber
macht eben seine vergnügtesten Sprünge, wenn er
in der Zwangsjacke steckt, und obgleich das strenge
Polizeiauge es verhütet, daß der Cancan in seiner
zynischen Bestimmtheit getanzt wird, so wissen doch
die Tänzer durch allerlei ironische Entrechats und
übertreibende Anstandsgesten ihre verpönten Ge-
Erster Teil 217
danken zu offenbaren, und die Verschleierung er^
scheint alsdann noch unzüchtiger als die Nacktheit
selbst. Meiner Ansicht nach ist es für die Sittlich-
keit von keinem großen Nutzen, daß die Regierung mit
so vielem Waffengepränge bei dem Tanze des Volks
interveniert; das Verbotene reizt eben am süßesten,
und die raffinierte, nicht selten geistreiche Umgehung
der Zensur wirkt hier noch verderblicher als erlaubte
Brutalität. Diese Bewachung der Volkslust charak-
terisiert übrigens den hiesigen Zustand der Dinge
und zeigt, wie weit es die Franzosen in der Freiheit
gebracht haben.
Es sind aber nicht bloß die geschlechtlichen Be-
ziehungen, die auf den Pariser Bastringuen der
Gegenstand ruchloser Tänze sind. Es will mich
manchmal bedünken, als tanze man dort eine Ver-
höhnung alles dessen, was als das Edelste und Hei-
ligste im Leben gilt, aber durch Schlauköpfe so oft
ausgebeutet und durch Einfaltspinsel so oft lächer-
lich gemacht worden, daß das Volk nicht mehr wie
sonst daran glauben kann. Ja, es verlor den Glauben
an jenen Hochgedanken, wovon unsre politischen und
literarischen Tartüffe so viel singen und sagen; und gar
die Großsprechereien der Ohnmacht verleideten ihm
so sehr alle idealen Dinge, daß es nichts anderes mehr
darin sieht, als die hohle Phrase, als die sogenannte
Blague, und wie diese trostlose Anschauungsweise
durch Robert Macaire repräsentiert wird, so gibt sie
sich doch auch kund in dem Tanz des Volks, der als
eine eigentliche Pantomime des Robert-Macairetums
zu betrachten ist. Wer von letzterm einen ungefähren
Begriff hat, begreift jetzt jene unaussprechlichen
Tänze, welche, eine getanzte Persiflage, nicht bloß
die geschlechtlichen Beziehungen verspotten, son-
2i8 Lutezia
dem auch die bürgerlichen, sondern auch alles was
gut und schön ist, sondern auch jede Art von Be-
geisterung, die Vaterlandsliebe, die Treue, den Glau-
ben, die Familiengefuhle, den Heroismus, die Gott-
heit. Ich wiederhole es, mit einer unsäglichen Trauer
erfüllt mich immer der Anblick des tanzenden Volks
an den öffentlichen Vergnügungsorten von Paris;
und gar besonders ist dies der Fall in den Karnevals-
tagen, wo der tolle Mummenschanz die dämonische
Lust bis zum Ungeheuerlichen steigert. Fast ein
Grauen wandelte mich an, als ich einem jener bunten
Nachtfeste beiwohnte, die jetzt in der OpeVa comique
gegeben werden, und wo, nebenbei gesagt, weit
prächtiger als auf den Bällen der großen Oper der
taumelnde Spuk sich gebärdet. Hier musiziert Beelze-
bub mit vollem Orchester, und das freche Höllen-
feuer der Gasbeleuchtung zerreißt einem die Augen.
Hier ist das verlorne Tal, wovon die Amme erzählt;
hier tanzen die Unholden wie bei uns in der Wal-
purgisnacht, und manche ist darunter, die sehr
hübsch, und bei aller Verworfenheit jene Grazie,
die den verteufelten Französinnen angeboren ist, nicht
ganz verleugnen kann. Wenn aber gar die Galopp-
Ronde erschmettert, dann erreicht der satanische
Spektakel seine unsinnigste Höhe, und es ist dann,
als müsse die Saaldecke platzen und die ganze Sipp-
schaft sich plötzlich emporschwingen auf Besenstielen,
Ofengabeln, Kochlöffeln — »oben hinaus, nirgends
an!« — ein gefährlicher Moment für viele unserer
Landsleute, die leider keine Hexenmeister sind und
nicht das Sprüchlein kennen, das man herbeten muß,
um nicht von dem wütenden Heer fortgerissen zu
werden.
L u t e z i a
Berichte über Politik,
Kunst und Volksleben
Zweiter Teil
Zweiter Teil 221
XLIII.
Paris, Mitte April 1842.
Als ich vorigen Sommer an einem schönen Nach^
^mittag in Cette anlangte, sah ich, wie eben
längs dem Kai, vor welchem sich das Mittellän^
dische Meer ausbreitet, die Prozession vorüberzog,
und ich werde nie diesen Anblick vergessen. Voran
schritten die Brüderschaften in ihren roten, weißen
oder schwarzen Gewanden, die Büßer mit übers
Haupt gezogenen Kapuzen, worin zwei Löcher,
woraus die Augen gespenstisch hervorlugten; in den
Händen brennende Wachskerzen oder Kreuzfahnen.
Dann kamen die verschiedenen Mönchsorden. Auch
eine Menge Laien, Frauen und Männer, blasse ge-
brochene Gestalten, die gläubig einherschwankten,
mit rührend kummervollem Singsang. Ich war der-
gleichen oft in meiner Kindheit am Rhein begegnet,
und ich kann nicht leugnen, daß jene Töne eine ge-
wisse Wehmut, eine Art Heimweh in mir weckten.
Was ich aber früher noch nie gesehen und was
nachbarlich spanische Sitte zu sein schien, war die
Truppe von Kindern, welche die Passion darstellten.
Ein kleines Bübchen, kostümiert wie man den Hei-
land abzubilden pflegt, die Dornenkrone auf dem
Haupt, dessen schönes Goldhaar traurig lang herab-
wallte, keuchte gebückt einher unter der Last
eines ungeheuer großen Holzkreuzes; auf der Stirn
grell gemalte Blutstropfen, und Wundenmale an den
Händen und nackten Füßen. Zur Seite ging ihm
ein ganz schwarz gekleidetes kleines Mädchen,
welches, als schmerzenreiche Mutter, mehre Schwerter
mit vergoldeten Heften an der Brust trug und
222 Lutezia
fast in Tränen zerfloß — ein Bild tiefster Betrüb«
nis. Andere kleine Knaben, die hinterdrein gingen,
stellten die Apostel vor, darunter auch Judas, mit
rotem Haar und einen Beutel in der Hand. Ein
paar Bübchen waren auch als römische Lanzknechte
behelmt und bewehrt und schwangen ihre Säbel.
Mehre Kinder trugen Ordenshabit und Kirchen-
ornat: kleine Kapuziner, kleine Jesuitchen, kleine
Bischöfe mit InfuI und Krummstab, allerliebste
Nönnchen, gewiß keines über sechs Jahre alt. Und
sonderbar, es waren darunter auch einige Kinder
als Amoretten gekleidet, mit seidenen Flügeln und
goldenen Köchern, und in der unmittelbarsten Nähe
des kleinen Heilands wackelten zwei noch viel kleinere,
höchstens vierjährige Geschöpfchen in altfränkischer
Schäfertracht, mit bebänderten Hütchen und Stäben,
zum Küssen niedlich, wie Marzipanpüppchen : sie
repräsentierten wahrscheinlich die Hirten, die an
der Krippe des Christkindes gestanden. Sollte man
es aber glauben, dieser Anblick erregte in der Seele
des Zuschauers die ernstvoll andächtigsten Gefühle,
und daß es kleine unschuldige Kinder waren,
die das größte kolossalste Martyrtum tragierten,
wirkte um so rührender! Das war keine Nachäffung
im historischen Großstil, keine schiefmäulige Fromm-
tuerei, keine Berliner Glaubenslüge: das war der
naivste Ausdruck des tiefsinnigsten Gedankens, und
die herablassend kindliche Form verhinderte eben,
daß der Inhalt vernichtend auf unser Gemüt wirkte,
oder sich selbst vernichtete. Dieser Inhalt ist ja
von so ungeheuerlicher Schmerzensgewalt und Er-
habenheit, daß er die heroisch-grandioseste und pa-
thetisch ausgereckteste Darstellungsart überragt und
sprengt. Deshalb haben die größten Künstler so-
Zweiter Teil
223
wohl in der Malerei als in der Musik die über*
schwenglichen Schrecknisse der Passion mit so viel
Blumen als möglich verlieblicht und den blutigen
Ernst durch spielende Zärtlichkeit gemildert — und
so tat auch Rossini, als er sein »Stabat mater« kom-
ponierte.
Letzteres, das »Stabat« von Rossini, war die hervor*
ragende Merkwürdigkeit der hingeschiedenen Saison,
die Besprechung desselben ist noch immer an der
Tagesordnung, und eben die Rügen, die von nord*
deutschem Standpunkt aus gegen den großen Meister
laut werden, beurkunden recht schlagend die Ur-
sprünglichkeit und Tiefe seines Genius. Die Be-
handlung sei zu weltlich, zu sinnlich, zu spielend
für den geistlichen Stoff, sie sei zu leicht, zu an-
genehm, zu unterhaltend ■— so stöhnen die Klagen
einiger schweren, langweiligen Kritikaster, die wenn
auch nicht absichtlich eine übertriebene Spiritualität
erheucheln, doch jedenfalls von der heiligen Musik
sehr beschränkte, sehr irrige Begriffe sich angequält.
Wie bei den Malern, so herrscht auch bei den
Musikern eine ganz falsche Ansicht über die Behand-
lung christlicher Stoffe. Jene glauben, das wahrhaft
Christliche müsse in subtilen magern Konturen und
so abgehärmt und farblos als möglich dargestellt
werden; die Zeichnungen von Overbeck sind in
dieser Beziehung ihr Ideal. Um dieser Verblendung
durch eine Tatsache zu widersprechen, mache ich
nur auf die Heiligenbilder der spanischen Schule
aufmerksam; hier ist das Volle der Konturen und
der Farbe vorherrschend, und es wird doch niemand
leugnen, daß diese spanischen Gemälde das unge-
schwächteste Christentum atmen und ihre Schöpfer
gewiß nicht minder glaubenstrunken waren, als die
224
Luteria
•
berühmten Meister, die in Rom zum Katholizismus
übergegangen sind, um mit unmittelbarerer Inbrunst
malen zu können. Nicht die äußere Dürre und
Blässe ist ein Kennzeichen des wahrhaft Christlichen
in der Kunst, sondern eine gewisse innere Über-
schwenglichkeit, die weder angetauft noch anstudiert
werden kann, in der Musik wie in der Malerei, und
so finde ich auch das »Stabat« von Rossini wahr-
haft christlicher als den »Paulus«, das Oratorium
von Felix Mendelssohn-Bartholdy, das von den Geg-
nern Rossinis als ein Muster der Christentümlichkeit
gerühmt wird.
Der Himmel bewahre mich, gegen einen so ver-
dienstvollen Meister wie der Verfasser des »Paulus«
hierdurch einen Tadel aussprechen zu wollen, und
am allerwenigsten wird es dem Schreiber dieser
Blätter in den Sinn kommen, an der Christlichkeit
des erwähnten Oratoriums zu mäkeln, weil Felix
Mendelssohn -Bartholdy von Geburt ein Jude ist.
Aber ich kann doch nicht unterlassen darauf hin-
zudeuten, daß in dem Alter, wo Herr Mendelssohn
in Berlin das Christentum anfing <er wurde näm-
lich erst in seinem dreizehnten Jahr getauft), Rossini
es bereits verlassen und sich ganz in die Weltlich-
keit der Opernmusik gestürzt hatte. Jetzt, wo er
diese wieder verließ und sich zurückträumte in seine
katholischen Jugenderinnerungen, in die Zeiten, wo
er im Dom zu Pesaro als Chorschüler mitsang, oder
als Akoluth bei der Messe fungierte — jetzt, wo
die alten Orgeltöne wieder in seinem Gedächtnis
aufrauschten und er die Feder ergriff, um ein
»Stabat« zu schreiben: da brauchte er wahrlich den
Geist des Christentums nicht erst wissenschaftlich
zu konstruieren, noch viel weniger Händel oder
Zweiter Teil
225
Sebastian Bach sklavisch zu kopieren; er brauchte
nur die frühesten Kindheitsklänge wieder aus seinem
Gemüt hervorzurufen und, wunderbar! so ernsthaft,
so schmerzentief auch diese Klänge ertönen, so ge-
waltig sie auch das Gewaltigste ausseufzen und aus*
bluten, so behielten sie doch etwas Kindheitliches
und mahnten mich an die Darstellung der Passion
durch Kinder, die ich in Cette gesehen. Ja, an
diese kleine fromme Mummerei mußte ich unwilU
kürlich denken, als ich der Aufführung des »Stabat«
von Rossini zum erstenmal beiwohnte: das ungeheure'
erhabene Martyrium ward hier dargestellt, aber in
den naivsten Jugendlauten, die furchtbaren Klagen
der Mater dolorosa ertönten, aber wie aus un-
schuldig kleiner Mädchenkehle, neben den Floren
der schwärzesten Trauer rauschten die Flügel aller
Amoretten der Anmut, die Schrecknisse des Kreuz-
todes waren gemildert wie von tändelndem Schäfer-
spiel, und das Gefühl der Unendlichkeit umwogte
und umschloß das Ganze wie der blaue Himmel,
der auf die Prozession von Cette herableuchtete,
wie das blaue Meer, an dessen Ufer sie singend
und klingend dahinzog! Das ist die ewige Holdselig-
keit des Rossini, seine unverwüstliche Milde, die
kein Impresario und kein Marchand de musique
zugrunde ärgern konnte oder auch nur zu trüben
vermochte! Wie schnöde, wie abgefeimt tückisch
ihm auch oftmals mitgespielt wurde im Leben, so
finden wir doch in seinen musikalischen Produkten
nicht eine Spur von Galle. Gleich jener Quelle
Arethusa, die ihre ursprüngliche Süßigkeit bewahrte,
obgleich sie die bittern Gewässer des Meeres durch-
zogen, so behielt auch das Herz Rossinis seine melo-
dische Lieblichkeit und Süße, obgleich es aus
IX, i*
226 Lutezia
allen Wermutskelchen dieser Welt hinlänglich ge-
kostet.
Wie gesagt, das »Stabat« des großen Maestro
war dieses Jahr die vorherrschende musikalische Be-
gebenheit. Über die erste tonangebende Exekution
j brauche ich nichts zu melden; genug, die Italiener
sangen. Der Saal der Italienischen Oper schien der
Vorhof des Himmels ; dort schluchzten heilige Nachti-
gallen und flössen die fashionabelsten Tränen. Auch
die »France musicale« gab in ihren Konzerten den
größten Teil des »Stabat«, und wie sich von selbst
versteht mit ungeheurem Beifall. In diesen Konzerten
hörten wir auch den »Paulus« des Herrn Felix
Mendelssohn-Bartholdy , der durch diese Nachbar-
schaft eben unsere Aufmerksamkeit in Anspruch
nahm und die Vergleichung mit Rossini von selber
hervorrief. Bei dem großen Publikum gereichte diese
Vergleichung keineswegs zum Vorteil unseres jungen
Landsmanns: es ist auch als vergliche man die
Apenninen Italiens mit dem Templower Berg bei
Berlin. Aber der Templower Berg hat darum nicht
weniger Verdienste, und den Respekt der großen
Menge erwirbt er sich schon dadurch, daß er ein
Kreuz auf seinem Gipfel trägt. »Unter diesem
Zeichen wirst du siegen.« Freilich nicht in Frank-
reich, dem Lande der Ungläubigkeit, wo Herr
Mendelssohn immer Fiasko gemacht hat. Er war
das geopferte Lamm der Saison, während Rossini
der musikalische Löwe war, dessen süßes Gebrüll
noch immer forttönt. Es heißt hier, Herr Felix
Mendelssohn werde dieser Tage persönlich nach
Paris kommen. So viel ist gewiß, durch hohe Ver-
wendung und diplomatische Bemühungen ist Herr
Leon Pillet dahin gebracht worden, ein Libretto von
Zweiter Teil
227
Herrn Scribe anfertigen zu lassen, das Herr Mendels*
söhn für die große Oper komponieren soll. Wird
unser junger Landsmann sich diesem Geschäft mit
Glück unterziehen? Ich weiß nicht. Seine künstle* ""
rische Begabnis ist groß; doch hat sie sehr bedenk*
liehe Grenzen und Lücken. Ich finde in talentlicher
Beziehung eine große Ähnlichkeit zwischen Herrn
Felix Mendelssohn und der Mademoiselle Rachel Felix,
der tragischen Künstlerin. Eigentümlich ist beiden ^
ein großer, strenger, sehr ernsthafter Ernst, ein ent-
schiedenes, beinahe zudringliches Anlehnen an klas*
sische Muster, die feinste, geistreichste Berechnung,
Verstandesschärfe und endlich der gänzliche Mangel
an Naivetät. Gibt es aber in der Kunst eine geniale
Ursprünglichkeit ohne Naivetät? Bis jetzt ist dieser
Fall noch nicht vorgekommen.
XLIV.
Paris, 2. Juni 1842.
Die Academie des sciences morales et politiques
hat sich nicht blamieren wollen, und in ihrer Sitzung
vom 28. Mai prorogierte sie bis 1844 die Krönung
des besten Examen critique de la philosophie alle«
mande. Unter diesem Titel hatte sie nämlich eine
Preisaufgabe angekündigt, deren Lösung nichts Ge»
ringeres beabsichtigte als eine beurteilende Darstellung
der deutschen Philosophie von Kant bis auf die heutige
Stunde, mit besonderer Berücksichtigung des ersteren,
des großen Immanuel Kant, von dem die Franzosen
so viel reden gehört, daß sie schier neugierig ge-
worden. Einst wollte sogar Napoleon sich über die
Kantsche Philosophie unterrichten, und er beauftragte
J
228 Lutezia
irgendeinen französischen Gelehrten, ihm ein Resume
derselben zu liefern, welches aber auf einige Quart-
seiten zusammengedrängt sein müsse. Fürsten
brauchen nur zu befehlen. Das Resume ward un-
verzüglich und in vorgeschriebener Form angefertigt.
Wie es ausfiel, weiß der liebe Himmel, und nur so
viel ist mir bekannt, daß der Kaiser, nachdem er
die wenigen Quartseiten aufmerksam durchgelesen,
die Worte aussprach : »Alles dieses hat keinen prak-
tischen Wert, und die Welt wird wenig gefördert
durch Menschen wie Kant, Cagliostro, Swedenborg
und Philadelphia.« — Die große Menge in Frank-
reich hält Kant noch immer für einen neblichten,
wo nicht gar benebelten Schwärmer, und noch jüngst
las ich in einem französischen Romane die Phrase:
»le vague mystique de Kant«. Einer der größten
Philosophen der Franzosen ist unstreitig Pierre Leroux,
und dieser gestand mir vor sechs Jahren: erst aus
der »Allemagne« von Henri Heine habe er die Ein-
sicht gewonnen, daß die deutsche Philosophie nicht
so mystisch und religiös sei wie man das franzö-
sische Publikum bisher glauben machte, sondern im
Gegenteil sehr kalt, fast frostig abstrakt und ungläubig
bis zur Negation des Allerhöchsten.
In der erwähnten Sitzung der Akademie gab uns
Mignet, der Secretaire perpetuel, eine Notice histo-
rique über das Leben und Wirken des verstorbenen
Destutt de Tracy. Wie in allen seinen Erzeugnissen
beurkundete Mignet auch hier sein schönes großes
Darstellungstalent, seine bewunderungswürdige Kunst
des Auffassens aller charakteristischen Zeitmomente
und Lebensverhältnisse, seine heitere klare Verständ-
lichkeit. Seine Rede über Destutt de Tracy ist be-
reits im Druck erschienen und es bedarf also hier
Zweiter Teil
229
keines ausführlichen Referats. Nur beiläufig will ich
einige Bemerkungen hinwerfen, die sich mir besonders
aufdrängten, während Mignet das schöne Leben jenes
Edelmanns erzählte, der dem stolzesten Feudaladel
entsprossen und während seiner Jugend ein wackerer
Soldat war, aber dennoch mit großmütigster Selbst* *"
Verleugnung und Selbstaufopferung die Partei des
Fortschrittes ergriff und ihr bis zum letzten Atem»
zug treu blieb. Derselbe Mann, der mit Lafayette
in den achtziger Jahren für die Sache der Freiheit
Gut und Blut einsetzte, fand sich mit dem alten
Freunde wieder zusammen am 29. Juli 1830 bei den
Barrikaden von Paris, unverändert in seinen Ge-
sinnungen; nur seine Augen waren erloschen, sein
Herz war licht und jung geblieben. Der französische
Adel hat sehr viele, erstaunlich viele solcher Er-
scheinungen hervorgebracht, und das Volk weiß es
auch, und diese Edelleute, die seinen Interessen solche
Ergebenheit bewiesen, nennt es les bons nobles. Miß-
trauen gegen den Adel im allgemeinen mag sich in
revolutionären Zeiten zwar als nützlich herausstellen,
wird aber immer eine Ungerechtigkeit bleiben. In ^
dieser Beziehung gewährt uns eine große Lehre das
Leben eines Tracy, eines Rochefoucauld, eines
d'Argenson, eines Lafayette und ähnlicher Ritter
der Volksrechte.
Gerade, unbeugsam und schneidend, wie einst sein
Schwert, war der Geist des Destutt de Tracy, als
er sich später in jene materialistische Philosophie
warf, die in Frankreich durch Condillac zur Herr-
schaft gelangte. Letzterer wagte nicht die letzten
Konsequenzen dieser Philosophie auszusprechen, und
wie die meisten seiner Schule ließ er dem Geiste
immer noch ein abgeschiedenes Winkelchen im Uni-
23°
Luteri.i
vcrsalreichc der Materie. Destutt de Tracy aber
hat dem Geiste auch dieses letzte Refugium auf-
gekündigt, und seltsam! zu derselben Zeit wo bei
j uns in Deutschland der Idealismus auf die Spitze
getrieben und die Materie geleugnet wurde, erklomm
in Frankreich das materialistische Prinzip seinen
höchsten Gipfel und man leugnete hier den Geist.
Destutt de Tracy war sozusagen der Fichte des
Materialismus.
Es ist ein merkwürdiger Umstand, daß Napoleon
gegen die philosophische Koterie, wozu Tracy, Ca-
banis und Konsorten gehörten, eine so besorgliche
Abneigung hegte und sie mitunter sehr streng be-
handelte. Er nannte sie Ideologen und er empfand
eine vage, schier abergläubische Furcht vor jener
Ideologie, die doch nichts anderes war als der schäu-
mende Aufguß der materialistischen Philosophie; diese
hatte freilich die größte Umwälzung gefördert und die
schauerlichsten Zerstörungskräfte offenbart, aber ihre
Mission war vollbracht und also auch ihr Einfluß
beendigt. Bedrohlicher und gefährlicher war jene ent-
gegengesetzte Doktrin, die unbeachtet in Deutschland
emportauchte und späterhin so viel beitrug zum Sturz
der französischen Gewaltherrschaft. Es ist merk-
würdig, daß Napoleon auch in diesem Fall nur die
Vergangenheit begriff und für die Zukunft weder
J Ohr noch Auge hatte. Er ahnte einen verderblichen
Feind im Reich des Gedankens, aber er suchte diesen
Feind unter alten Perücken, die noch vom Puder
des achtzehnten Jahrhunderts stäubten; er suchte ihn
unter französischen Greisen, statt unter der blonden
Jugend der deutschen Hochschulen. Da war unser
Vierfurst Herodes viel gescheiter als er die gefähr-
liche Brut in der Wiege verfolgte und den Kinder-
Zweiter Teil 23t
mord befahl. Doch auch ihm fruchtete nicht viel
die größere Pfiffigkeit, die an dem Willen der Vor*
sehung zuschanden wurde — seine Schergen kamen
zu spät, das furchtbare Kind war nicht mehr in Beth-
lehem, ein treues Eselein trug es rettend nach Ägypten.
Ja, Napoleon besaß Scharfblick nur für Auffassung
der Gegenwart oder Würdigung der Vergangenheit,
und er war stockblind für jede Erscheinung, worin
sich die Zukunft ankündigte. Er stand auf dem
Balkon seines Schlosses zu Saint-Cloud, als das erste
Dampfschiff dort auf der Seine vorüberfuhr, und er
merkte nicht im mindesten die weltumgestaltende Be»
deutung dieses Phänomens!
XLV.
Paris, 20. Juni 1842.
In einem Lande, wo die Eitelkeit so viele eifrige
Jünger zählt, wird die Zeit der Deputiertenwahl immer
eine sehr bewegte sein. Da die Deputation aber
nicht bloß die Eigenliebe kitzelt, sondern auch zu
den fettesten Amtern und zu den einträglichsten Ein*
Aussen führt; da hier also nicht bloß der Ehrgeiz,
sondern auch die Habsucht ins Spiel kommt; da es
sich hier auch um jene materiellen Interessen handelt,
denen unser Zeitalter so inbrünstig huldigt: so ist
die Deputiertenwahl ein wahrer Wettlauf, ein Pferde-
rennen, dessen Anblick für den fremden Zuschauer
eher kurios als erfreulich sein mag. Es sind näm-
lich nicht eben die schönsten und besten Pferde, die
bei solchem Rennen zum Vorschein kommen, nicht
die inwohnenden Tugenden der Stärke, des Vollbluts,
der Ausdauer kommen hier in Anschlag, sondern nur
232
Lutezia
die leichtfüßige Behendigkeit. Manches edle Roß,
dem der feurigste Schlachtmut aus den Nüstern
schnaubt und Vernunft aus den Augen blitzt, muß
hier einem magern Klepper nachstehen, der aber zu
Triumphen auf dieser Bahn ganz besonders abgerichtet
worden. Überstolze, störrige Gäule geraten hier schon
beim ersten Anlauf in unzeitiges Bäumen oder sie
vergaloppieren sich. Nur die dressierte Mittelmäßig-
keit erreicht das Ziel. Daß ein Pegasus beim parla«
mentarischen Rennen kaum zugelassen wird und
tausenderlei Ungunst zu erfahren hat, versteht sich
von selbst; denn der Unglückselige hat Flügel und
könnte sich einst höher emporschwingen als der Pla-
fond des Palais Bourbon gestattet. Eine merkwürdige
Erscheinung, daß unter den Wettrennern fast ein
Dutzend von arabischer, oder um noch deutlicher
zu sprechen, von semitischer Rasse. Doch was geht
das uns an! Uns interessiert nicht dieser mäkelnde
Lärm, dieses Stampfen und Wiehern der Selbstsucht,
dieses Getümmel der schäbigsten Zwecke, die sich
mit den brillantesten Farben geschmückt, das Ge-
schrei der Stallknechte und der stäubende Mist «—
uns kümmert bloß zu erfahren: werden die Wahlen
zugunsten oder zum Nachteil des Ministeriums aus-
fallen? Man kann hierüber noch nichts Bestimmtes
melden. Und doch ist das Schicksal Frankreichs
und vielleicht der ganzen Welt von der Frage ab-
hängig, ob Guizot in der neuen Kammer die Majo-
rität behalten wird oder nicht. Hiermit will ich keines-
wegs der Vermutung Raum geben, als könnten unter
den neuen Deputierten sich ganz gewaltige Eisen-
fresser auftun und die Bewegung aufs höchste treiben.
Nein, diese Ankömmlinge werden nur klingende
Worte zu Markte bringen und sich vor der Tat
Zweiter Teil
233
ebenso bescheiden tlich fürchten wie ihre Vorgänger;
der entschiedenste Neuerer in der Kammer will nicht
das Bestehende gewaltsam umstürzen, sondern nur
die Befürchtungen der obern Mächte und die Hoff*
nungen der untern für sich selber ausbeuten. Aber
die Verwirrungen, Verwicklungen und momentanen
Nöten, worin die Regierung infolge dieses Treibens
geraten kann, geben den dunkeln Gewalten, die im
Verborgenen lauern, das Signal zum Losbruch, und
wie immer erwartet die Revolution eine parlamen-
tarische Initiative. Das entsetzliche Rad käme dann
wieder in Bewegung, und wir sähen diesmal einen
Antagonisten auftreten, welcher der schrecklichste
sein dürfte von allen die bisher mit dem Bestehen-
den in die Schranken getreten. Dieser Antagonist
bewahrt noch sein schreckliches Inkognito und resi-
diert wie ein dürftiger Prätendent in jenem Erd-
geschoß der offiziellen Gesellschaft, in jenen Kata-
komben, wo unter Tod und Verwesung das neue
Leben keimt und knospet. Kommunismus ist der
geheime Name des furchtbaren Antagonisten, der
die Proletarierherrschaft in allen ihren Konsequenzen
dem heutigen Bourgeoisieregimente entgegensetzt. Es
wird ein furchtbarer Zweikampf sein. Wie möchte
er enden? Das wissen die Götter und Göttinnen,
denen die Zukunft bekannt ist. Nur so viel wissen
wir : der Kommunismus, obgleich er jetzt wenig be-
sprochen wird und in verborgenen Dachstuben auf
seinem elenden Strohlager hinlungert, so ist er doch
der düstre Held, dem eine große wenn auch nur
vorübergehende Rolle beschieden in der modernen
Tragödie, und der nur des Stichworts harrt, um auf
die Bühne zu treten. Wir dürfen daher diesen Akteur
nie aus den Augen verlieren und wir wollen zuweilen
234 Lutezia
von den geheimen Proben berichten, worin er sich
zu seinem Debüt vorbereitet. Solche Hindeutungen
sind vielleicht wichtiger als alle Mitteilungen über
Wahlumtriebe, Parteihader und Kabinettsintrigen.
XLVI.
Paris, 12. Juli 1842.
Das Resultat der Wahlen werden Sie aus den
Zeitungen ersehen. Hier in Paris braucht man nicht
erst die Blätter darüber zu konsultieren, es ist auf
allen Gesichtern zu lesen. Gestern sah es hier sehr
schwül aus und die Gemüter verrieten eine Auf-
regung, wie ich sie nur in großen Krisen bemerkt
habe. Die alten wohlbekannten Sturmvögel rauschten
wieder unsichtbar durch die Luft und die schläfrigsten
Köpfe wurden plötzlich aufgeweckt aus der zwei-,
jährigen Ruhe. Ich gestehe, daß ich selbst, angeweht
von dem furchtbaren Flügelschlag, ein gewaltiges
Herzbeben empfand. Ich fürchte mich immer im
ersten Anfang, wenn ich die Dämonen der Um-
wälzung entzügelt sehe; späterhin bin ich sehr ge-
faßt und die tollsten Erscheinungen können mich
weder beunruhigen noch überraschen, eben weil ich
sie vorausgesehen. Was wäre das Ende dieser Be-
wegung, wozu Paris wieder wie immer das Signal
gegeben? Es wäre der Krieg, der gräßlichste Zer-
störungskrieg, der leider die beiden edelsten Völker
der Zivilisation in die Arena riefe zu beider Ver-
derben; ich meine Deutschland und Frankreich.
England, die große Wasserschlange, die immer in
ihr ungeheures Wassernest zurückkriechen kann, und
Rußland, das in seinen ungeheuren Föhren, Steppen
Zweiter Teil 235
und Eisgefilden ebenfalls die sichersten Verstecke
hat, diese beiden können in einem gewöhnlichen
politischen Kriege, selbst durch die entschiedensten
Niederlagen, nicht ganz zugrunde gerichtet werden:
— aber Deutschland ist in solchen Fällen weit
schlimmer bedroht, und gar Frankreich könnte in der
kläglichsten Weise seine politische Existenz einbüßen.
Doch das wäre nur der erste Akt des großen Spek-
takelstücks, gleichsam das Vorspiel. Der zweite Akt"^
ist die europäische, die Weltrevolution, der große
Zweikampf der Besitzlosen mit der Aristokratie des
Besitzes, und da wird weder von Nationalität noch
von Religion die Rede sein: nur Ein Vaterland wird
es geben, nämlich die Erde, und nur Einen Glauben,
nämlich das Glück auf Erden. Werden die religiösen
Doktrinen der Vergangenheit in allen Landen sich
zu einem verzweiflungsvollen Widerstand erheben,
und wird etwa dieser Versuch den dritten Akt bil-
den? Wird gar die alte absolute Tradition noch-
mals auf die Bühne treten, aber in einem neuen
Kostüm und mit neuen Stich- und Schlagwörtern?
Wie würde dieses Schauspiel schließen? Ich weiß
nicht, aber ich denke, daß man der großen Wasser-
schlange am Ende das Haupt zertreten und dem
Bären des Nordens das Fell über die Ohren ziehen
wird. Es wird vielleicht alsdann nur Einen Hirten
und Eine Herde geben, ein freier Hirt mit einem
eisernen Hirtenstabe und eine gleichgeschorene,
gleichblökende Menschenherde! Wilde, düstere Zeiten *
dröhnen heran, und der Prophet, der eine neue Apo-
kalypse schreiben wollte, müßte ganz neue Bestien
erfinden, und zwar so erschreckliche, daß die älteren
Johanneischen Tiersymbole dagegen nur sanfte Täub-
chen und Amoretten wären. Die Götter verhüllen
236 Lutczia
ihr Antlitz aus Mitleid mit den Menschenkindern,
ihren langjährigen Pfleglingen, und vielleicht zugleich
auch aus Besorgnis über das eigene Schicksal. Die
Zukunft riecht nach Juchten, nach Blut, nach Gott-
losigkeit und nach sehr vielen Prügeln. Ich rate
unsern Enkeln, mit einer sehr dicken Rückenhaut zur
Welt zu kommen.
XLVII.
Paris, 15. Juli 1842.
Meine dunkle Ahnung hat mich leider nicht ge-
täuscht; die trübe Stimmung, die mich seit einigen
Tagen fast beugte und mein Auge umflorte, war das
Vorgefühl eines Unglücks. Nach dem jauchzenden
Übermut von vorgestern ist gestern ein Schrecken,
eine Bestürzung eingetreten, die unbeschreiblich, und
die Pariser gelangen durch einen unvorhergesehenen
Todesfall zur Erkenntnis, wie wenig die hiesigen Zu-
stände gesichert und wie gefährlich jedes Rütteln.
Und sie wollten doch nur ein bißchen rütteln, keines-
wegs durch allzu starke Stöße das Staatsgebäude er-
-I schüttern. Wäre der Herzog von Orleans einige
Tage früher gestorben, so hätte Paris keine zwölf
Oppositionsdeputierten im Gegensatz zu zwei Kon-
servativen gewählt, und nicht durch diesen ungeheuren
Akt die Bewegung wieder in Bewegung gesetzt.
X. Dieser Todesfall stellt alles Bestehende in Frage,
und es wird ein Glück sein, wenn die Anordnung
der Regentschaft, für den Fall des Ablebens des
jetzigen Königs, so bald als möglich und ohne Stör-
nis von den Kammern beraten und beschlossen wird.
Ich sage von den Kammern, denn das königliche
Zweiter Teil
237
Hausgesetz ist hier nicht ausreichend wie in andern
Ländern. Die Diskussionen über die Regentschaft
werden daher die Kammern zunächst beschäftigen
und den Leidenschaften Worte leihen. Und geht
auch alles ruhig vonstatten, so steht uns doch ein
provisorisches Interregnum bevor, das immer ein
Mißgeschick und ein ganz besonders schlimmes Miß*
geschick ist für ein Land, wo die Verhältnisse noch
so wackelig sind und eben der Stabilität am meisten
bedürfen. Der König soll in seinem Unglück die
höchste Charakterstärke und Besonnenheit beweisen,
obgleich er schon seit einigen Wochen sehr nieder-
geschlagen war. Sein Geist ward in der letzten Zeit
durch sonderbare Ahnungen getrübt. Er soll un-
längst an Thiers, vor dessen Abreise, einen Brief
geschrieben haben, worin er sehr viel vom Sterben
sprach, aber er dachte gewiß nur an den eigenen
Tod. Der verstorbene Herzog von Orleans war all-
gemein geliebt, ja angebetet. Die Nachricht seines
Todes traf wie ein Blitz aus heiterm Himmel und
Betrübnis herrscht unter allen Volksklassen. Um
zwei Uhr gestern nachmittag verbreitete sich auf der
Börse, wo die Fonds gleich um drei Francs fielen,
ein dumpfes Unglücksgerücht. Aber niemand wollte
recht daran glauben. Auch starb der Prinz erst
um vier Uhr, und der Todesnachricht ward bis um
diese Zeit von vielen Seiten widersprochen. Noch
um fünf Uhr bezweifelte man sie. Als aber um
sechs Uhr vor den Theatern ein weißer Papierstreif
über die Komödienzettel geklebt und Reläche an-
gekündigt wurde, da merkte jeder die schreckliche
Wahrheit. Wie sie angetänzelt kamen, die geputzten
Französinnen, und statt des gehofften Schauspiels
nur die verschlossenen Türen sahen und von dem
y
238 Luttzia
Unglück hörten, das bei Neuilly, auf dem Weg, der
le chemin de la revolte heißt, passiert war, da stürzten
die Tränen aus manchen schönen Augen, da war
nichts als ein Schluchzen und Jammern um den
schönen Prinzen, der so hübsch und so jung dahin«
sank, eine teure ritterliche Gestalt, Franzose im
liebenswürdigsten Sinne, in jeder Beziehung der na-
tionalen Beklagnis würdig. Ja, er fiel in der Blüte
seines Lebens, ein heiterer heldenmütiger Jüngling,
und er verblutete so rein, so unbefleckt, so beglückt,
gleichsam unter Blumen, wie einst Adonis! Wenn
er nur nicht gleich nach seinem Tod in schlechten
Versen und in noch schlechterer Lakaienprosa ge-
feiert wird! Doch das ist das Los des Schönen
hier auf Erden. Vielleicht während der wahrhafteste
und stolzeste Schmerz das französische Volk erfüllt
und nicht bloß schöne Frauentränen dem Hin-
geschiedenen fließen, sondern auch freie Männer-
tränen sein Andenken ehren, hält sich die offizielle
Trauer schon etwelche Zwiebeln vor die Nase, um
betrüglich zu flennen, und gar die Narrheit windet
schwarze Flore um die Glöckchen ihrer Kappe, und
wir hören bald das tragikomische Geklingel. Beson-
ders die larmoyante Faselhanselei, lauwarmes Spü-
licht der Sentimentalität, wird sich bei dieser Ge-
legenheit geltend machen. Vielleicht zu dieser Stunde
schon keucht Lafitte nach Neuilly und umarmt den
König mit deutschester Rührung, und die ganze
Opposition wischt sich das Wasser aus den Augen.
Vielleicht schon in dieser Stunde besteigt Chateau-
briand sein melancholisches Flügelroß, seine gefiederte
Rosinante, und schreibt eine hohltönende Kondola-
tion an die Königin. Widerwärtige Weichlichkeit
und Fratze! und der Zwischenraum ist sehr klein, der
Zweiter Teil
239
hier das Erhabene vom Lächerlichen trennt. Wie
gesagt, vor den Theatern auf den Boulevards erfuhr
man gestern die Gewißheit des betrübsamen Ereig-
nisses, und hier bildeten sich überall Gruppen um
die Redner, welche die nähern Umstände mit mehr
oder weniger Zutat und Ausschmückung erzählten.
Mancher alte Schwätzer, der sonst nie Zuhörer findet,
benutzte diese Gelegenheit, um ein aufmerksames
Publikum um sich zu versammeln und die öffentliche
Neugier im Interesse seiner Rhetorik auszubeuten. Da
stand ein Kerl vor den Varietes, der ganz besonders
pathetisch deklamierte, wie Theramen in der »Phädra« :
»II etait sur son char« usw. Es hieß allgemein, indem
der Prinz vom Wagen stürzte, sei sein Degen ge-
brochen und der obere Stumpf ihm in die Brust ge-
drungen. Ein Augenzeuge wollte wissen, daß er
noch einige Worte gesprochen, aber in deutscher
Sprache. Übrigens herrschte gestern überall eine
leidende Stille, und auch heute zeigt sich in Paris
keine Spur von Unruhe.
XLVIII.
Paris, 19. Juli 1842.
Der verstorbene Herzog von Orleans bleibt fort-
während das Tagesgespräch. Noch nie hat das^
Ableben eines Menschen so allgemeine Trauer er-
regt. Es ist merkwürdig, daß in Frankreich, wo
die Revolution noch nicht ausgegärt, die Liebe für
einen Fürsten so tief wurzeln und sich so großartig
manifestieren konnte. Nicht bloß die Bourgeoisie,«^
die alle ihre Hoffnungen in den jungen Prinzen setzte,
sondern auch die untern Volksklassen beklagen seinen
240 Lutezia
Verlust. Als man das Juliusfest vertagte und auf
der Place de la Concorde die großen Gerüste ab-
brach, die zur Illumination dienen sollten, war es
ein herzzerreißender Anblick, wie das Volk sich auf
die niedergerissenen Balken und Bretter setzte und
über den Tod des teuren Prinzen jammerte. Eine
düstere Betrübnis lag auf allen Gesichtern und der
Schmerz derjenigen, die kein Wort sprachen, war
am beredsamsten. Da flössen die redlichsten Tränen
und unter den Weinenden war gewiß mancher, der
in der Tabagie mit seinem Republikanismus prahlt.
Aber für Frankreich ist der Tod des jungen
Prinzen ein wirkliches Unglück, und er dürfte weniger
Tugenden besessen haben als ihm nachgerühmt
werden, so hätten doch die Franzosen hinlängliche
Ursache zum Weinen, wenn sie an die Zukunft
denken. Die Regentschaftsfrage beschäftigt schon
alle Köpfe und leider nicht bloß die gescheiten.
Viel Unsinn wird bereits zu Markt gebracht. Auch
die Arglist weiß hier eine Ideenverwirrung anzu*
zetteln, die sie zu ihren Parteizwecken auszubeuten
hofft, und die in jedem Fall sehr bedenkliche Folgen
haben kann. Genießt der Herzog von Nemours
wirklich die allerhöchste Ungnade des souveränen
Volks, wie mit übertriebenem Eifer behauptet wird?
Ich will nicht darüber urteilen. Noch weniger will
ich die Gründe seiner Ungnade untersuchen. Das
Vornehme, Feine, Ablehnende, Patrizierhafte in der
J Erscheinung des Prinzen ist wohl der eigentliche
Anklagepunkt. Das Aussehen des Orleans war
edel, das Aussehen des Nemours ist adelig. Und
selbst wenn das Äußere dem Innern entspräche,
wäre der Prinz deshalb nicht minder geeignet, einige
Zeit als Gonfaloniere der Demokratie derselben die
J
Zweiter Teil
241
besten Dienste zu leisten, da dieses Amt, durch die
Macht der Verhältnisse, ihm die größte Verleugnung
der Privatgefühle geböte: denn sein verhaßtes Haupt
stünde hier auf dem Spiele. Ich bin sogar überzeugt,"
die Interessen der Demokratie sind weit weniger ge-
fährdet durch einen Regenten, dem man wenig traut
und den man beständig kontrolliert, als durch einen
jener Günstlinge des Volks, denen man sich mit
blinder Vorliebe hingibt und die am Ende doch
nur Menschen sind, wandelbare Geschöpfe, untere
werfen den Veränderungsgesetzen der Zeit und der
eigenen Natur. Wie viele populäre Kronprinzen
haben wir unbeliebt enden sehen! Wie grauenhaft
wetterwendisch zeigte sich das Volk in bezug auf
die ehemaligen Lieblinge! Die französische Geschichte
ist besonders reich an betrübenden Beispielen. Mit
welchem Freudejauchzen umjubelte das Volk den
jungen Ludwig XIV. — mit tränenlosem Kaltsinn
sah es den Greis begraben. Ludwig XV. hieß mit
Recht le bien-aime und mit wahrer Affenliebe hul-
digten ihm die Franzosen im Anfang; als er starb,
lachte man und pfiff man Schelmenlieder: man freute
sich über seinen Tod. Seinem Nachfolger Lud'
wig XVI. ging es noch schlimmer, und er, der als
Kronprinz fast angebetet wurde und der im Beginn
seiner Regierung für das Muster aller Vollkommen-
heit galt, er ward von seinem Volke persönlich miß-
handelt und sein Leben ward sogar verkürzt, in der
bekannten majestätsverbrecherischen Weise, auf der
Place de la Concorde. Der letzte dieser Linie,
Karl X., war nichts weniger als unpopulär, als er
auf den Thron stieg, und das Volk begrüßte ihn
damals mit unbeschreiblicher Begeisterung; einige
j -ihre später ward er zum Lande hinaus eskortiert,
rx. 16
2A2 Lutcria
und er starb den harten Tod des Exils. Der Solo*
j nische Spruch, daß man niemand vor seinem Ende
glücklich preisen möge, gilt ganz besonders von den
Königen von Frankreich. Laßt uns daher den Tod
des Herzogs von Orleans nicht deshalb beweinen,
weil er vom Volke so sehr geliebt ward und dem-
selben eine so schöne Zukunft versprach, sondern
weil er als Mensch unsere Tränen verdiente. Laßt
uns auch nicht so sehr jammern über die sogenannte
ruhmlose Art, über das banal Zufällige seines Endes.
J Es ist besser, daß sein Haupt gegen einen härm«
losen Stein zerschellte, als daß die Kugel eines
Franzosen oder eines Deutschen ihm den Tod gab.
Der Prinz hatte eine Vorahnung seines frühen
Sterbens, meinte aber, daß er im Kriege oder in
einer Erneute fallen würde. Bei seinem ritterlichen
Mute, der jeder Gefahr trotzte, war dergleichen sehr
wahrscheinlich. — Der königliche Dulder, Ludwig
Philipp, benimmt sich mit einer Fassung, die jeden
mit Ehrfurcht erfüllt. Im Unglück zeigt er die
wahre Größe. Sein Herz verblutet in namenlosem
Kummer, aber sein Geist bleibt ungebeugt, und er
arbeitet Tag und Nacht. Nie hat man den Wert
i seiner Erhaltung tiefer gefühlt, als eben jetzt, wo die
Ruhe der Welt von seinem Leben abhängt. Kämpfe
tapfer, verwundeter Friedensheld!
XLIX.
Paris, 26. Juli 1842.
Die Thronrede ist kurz und einfach. Sie sagt das
Wichtigste in der würdigsten Weise. Der König
hat sie selbst verfaßt. Sein Schmerz zeigt sich in
Zweiter Teil 243
einer puritanischen, ich möchte sagen republikanischen
Prunklosigkeit. Er, der sonst so redselig, ist seit*
dem sehr wortkarg geworden. Das schweigende
Empfangen in den Tuilerien vor einigen Tagen hatte
etwas ungemein Trübsinniges, beinahe Geisterhaftes;
ohne eine Silbe zu sprechen, gingen über tausend
Menschen bei dem König vorüber, der stumm und
leidend sie ansah. Es heißt daß in Notre-Dame
das angekündigte Requiem nicht stattfinde; der König
will bei dem Begräbnis seines Sohnes keine Musik;
Musik erinnere allzusehr an Spiel und Fest. — Sein^
Wunsch, die Regentschaft auf seinen Sohn über-
tragen zu sehen und nicht auf seine Schwiegertochter,
ist in der Adresse hinlänglich angedeutet. Dieser
Wunsch wird wenig Widerrede finden, und Nemours
wird Regent, obgleich dieses Amt der schönen und
geistreichen Herzogin gebührt, die, ein Muster von
weiblicher Vollkommenheit, ihres verstorbenen Ge-
mahles so würdig war. Gestern sagte man, der
König werde seinen Enkel, den Grafen von Paris,
in die Deputiertenkammer mitbringen. Viele wünschten
es, und die Szene wäre gewiß sehr rührend gewesen.
Aber der König vermeidet jetzt, wie gesagt, alles
was an das Pathos der Feudalmonarchie erinnert.
— Über Ludwig Philipps Abneigung gegen Weiber-
regentschaften sind viele Äußerungen ins Publikum
gedrungen. Der dümmste Mann, soll er gesagt ^
haben, werde immer ein besserer Regent sein als
die klügste Frau. Hat er deshalb dem Nemours
den Vorzug gegeben vor der klugen Helene?
244 Lutetia
L.
Paris, 29. Juli 1842.
Der Gemeinderat von Paris hat beschlossen, das
Elefantenmodell, das auf dem Bastillenplatz steht,
nicht zu zerstören, wie man anfangs beabsichtigte,
sondern zu einem Gusse in Erz zu benützen und
das hervorgehende Monument am Eingange der
Barriere du Tröne aufzustellen. Über diesen Muni»
zipalbeschluß spricht das Volk der Faubourgs Saint«
Antoine und Saint-Marceau fast ebensoviel wie die
höhern Klassen über die Regentschaftsfrage. Jener
kolossale Elefant von Gips, welcher schon zur
Kaiserzeit aufgestellt ward, sollte später als Modell
des Denkmals dienen, das man der Juliusrevolution
auf dem Bastillenplatze zu widmen gedachte. Seit*
dem ward man andern Sinnes, und man errichtete
zur Verherrlichung jenes glorreichen Ereignisses die
große Juliussäule. Aber die Forträumung des Ele-
fanten erregte große Besorgnisse. Es ging nämlich
unter dem Volk das unheimliche Geröcht von einer
ungeheuren Anzahl Ratten, die sich im Innern des
Elefanten eingenistet hätten, und es sei zu befürchten,
daß, wenn man die große Gipsbestie niederreiße, eine
Legion von kleinen aber sehr gefährlichen Scheu-
salen zum Vorschein käme, die sich über die Fau-
bourgs Saint-Antoine und Saint-Marceau verbreiten
würden. Alle Unterröcke zitterten bei dem Ge-
danken an solche Gefahr, und sogar die Männer
ergriff eine unheimliche Furcht vor der Invasion jener
langgeschwänzten Gäste. Es wurden dem Magi-
strate die untertänigsten Vorstellungen gemacht, und
infolge derselben vertagte man das Niederreißen des
großen Gipselefanten, der seitdem jahrelang auf dem
Zweiter Teil 245
Bastillenplatze ruhig stehen blieb. Sonderbares Land!
wo trotz der allgemeinen Zerstörungssucht sich den^
noch manche Dinge erhalten, da man allgemein die
schlimmeren Dinge fürchtet, die an ihre Stelle treten
könnten! Wie gern würden sie den Ludwig Philipp
niederreißen, diesen großen klugen Elefanten, aber
sie fürchten Se. Majestät den souveränen Ratten-
könig, das tausendköpfige Ungetüm, das alsdann zur
Regierung käme, und selbst die adeligen und geist-
liehen Feinde der Bourgeoisie, die nicht eben mit,
Blindheit geschlagen sind, suchen aus diesem Grunde
den Juliusthron zu erhalten; nur die ganz beschränkten,
die Spieler und Falschspieler unter den Aristokraten
und Klerikalen, sind Pessimisten und spekulieren auf
die Republik oder vielmehr auf das Chaos, das un-
mittelbar nach der Republik eintreten dürfte.
Die Bourgeoisie selbst ist ebenfalls vom Dämon
des Zerstörens besessen, und wenn sie auch die
Republik nicht eben fürchtet, so hat sie doch eine
instinktmäßige Angst vor dem Kommunismus, vor
jenen düstern Gesellen, die wie Ratten aus den
Trümmern des jetzigen Regiments hervorstürzen
würden. Ja, vor einer Republik von der frühern
Sorte, selbst vor ein bißchen Robespierrismus, hätte
die französische Bourgeoisie keine Furcht, und sie
würde sich leicht mit dieser Regierungsform aus-
söhnen und ruhig auf die Wache ziehen und die
Tuilerien beschützen, gleichviel ob hier ein Ludwig
Philipp oder ein Comite du Salut public residiert;
denn die Bourgeoisie will vor allem Ordnung und
Schutz der bestehenden Eigentumsrechte — Begehr-
nisse, die eine Republik ebensogut wie das Königtum
gewähren kann. Aber diese Boutiquiers ahnen, wie
gesagt, instinktmäßig, daß die Republik heutzutage
•
246 Lutfzia
nicht mehr die Prinzipien der neunziger Jahre ver«
treten möchte, sondern nur die Form wäre, worin
sich eine neue, unerhörte Proletarierherrschaft mit
allen Glaubenssätzen der Gütergemeinschaft geltend
machen würde. Sie sind Konservative durch äußere
/ Notwendigkeit, nicht durch innern Trieb, und die
Furcht ist hier die Stütze aller Dinge.
Wird diese Furcht noch auf lange Zeit vorhalten?
Wird nicht eines frühen Morgens der nationale
Leichtsinn die Köpfe ergreifen und selbst die Angst*
liehen in den Strudel der Revolution fortreißen? Ich
weiß es nicht, aber es ist möglich, und die Wahl»
resultate zu Paris sind sogar ein Merkmal, daß es
wahrscheinlich ist. Die Franzosen haben ein kurzes
J Gedächtnis und vergessen sogar ihre gerechtesten
Befürchtungen. Deshalb treten sie so oft auf als
Akteure, ja als Hauptakteure, in der Ungeheuern Tra*
gödie, die der liebe Gott auf der Erde aufführen
läßt. Andere Völker erleben ihre große Bewegungs»
periode, ihre Geschichte, nur in der Jugend, wenn
sie nämlich ohne Erfahrung sich in die Tat stürzen;
denn später, im reifern Alter, hält das Nachdenken
und das Abwägen der Folgen die Völker wie die
Individuen vom raschen Handeln zurück, und nur
die äußere Not, nicht die eigene Willensfreude, treibt
diese Völker in die Arena der Weltgeschichte. Aber
^ die Franzosen behalten immer den Leichtsinn der
Jugend, und soviel sie auch gestern getan und ge*
litten, sie denken heute nicht mehr daran, die Ver*
gangenheit erlöscht in ihrem Gedächtnis, und der
neue Morgen treibt sie zu neuem Tun und neuen
Leiden. Sie wollen nicht alt werden und sie glauben
sich vielleicht die Jugend selbst zu erhalten, wenn
sie nicht ablassen von jugendlicher Betörung, Jugend-
Zweiter Teil 247
licher Sorglosigkeit und jugendlicher Großmut! Ja L
Großmut, eine fast kindische Güte im Verzeihen,
bildet einen Grundzug des Charakters der Franzosen;
aber ich kann nicht umhin zu bemerken, daß diese
Tugend mit ihren Gebrechen aus demselben Born,
der Vergeßlichkeit, hervorquillt. Der Begriff »Ver* '
zeihen« entspricht bei diesem Volke wirklich dem
Worte »Vergessen«, dem Vergessen der Beleidigung.
Wäre dies nicht der Fall, es gäbe täglich Mord und
Totschlag in Paris, wo bei jedem Schritte sich
Menschen begegnen, zwischen denen eine Blutschuld
existiert.
Diese charakteristische Gutmütigkeit der Franzosen
äußert sich in diesem Augenblick ganz besonders in
bezug auf Ludwig Philipp, und seine ärgsten Feinde
im Volk, mit Ausnahme der Karlisten, offenbaren
eine rührende Teilnahme an seinem häuslichen Un-
glück. Ich möchte behaupten, der König ist jetzt
wieder populär. Als ich gestern vor Notre-Dame die
Vorbereitungen zur Leichenfeier betrachtete und dem
Gespräch der Kurzjacken zuhörte, die dort versammelt
standen, vernahm ich unter andern die naive Auße-
rung: der König könne jetzt ruhig in Paris spazieren
gehen und es werde niemand auf ihn schießen.
<Welche Popularität!) Der Tod des Herzogs von
Orleans, der allgemein geliebt war, hat seinem Vater
die störrigsten Herzen wiedergewonnen, und die
Ehe zwischen König und Volk ist durch das ge-
meinschaftliche Unglück gleichsam aufs neue einge-
segnet worden. Aber wie lange werden die schwar-
zen Flitterwochen dauern?
2.J.5 Lutcria
LI.
Paris, 17. September 1842.
Nach einer vierwöchentlichen Reise bin ich seit
gestern wieder hier, und ich gestehe, das Herz jauchzte
mir in der Brust, als der Postwagen über das geliebte
Pflaster der Boulevards dahinrollte, als ich dem ersten
Putzladen mit lächelnden Grisettengesichtern vorüber^
fuhr, als ich das Glockengeläute der Cocoverkäufer
vernahm, als die holdselige zivilisierte Luft von Paris
mich wieder anwehte. Es wurde mir fast glücklich
zumut, und den ersten Nationalgardisten, der mir
begegnete, hätte ich umarmen können; sein zahmes
gutmütiges Gesicht grüßte so witzig hervor unter
der wilden rauhen Bärenmütze, und sein Bajonett
hatte wirklich etwas Intelligentes, wodurch es sich
von den Bajonetten anderer Korporationen so be-
ruhigend unterscheidet. Warum aber war die Freude
bei meiner Rückkehr nach Paris diesmal so über-
schwenglich, daß es mich fast bedünkte als beträte
ich den süßen Boden der Heimat, als hörte ich wieder
die Laute des Vaterlandes? Warum übt Paris einen
solchen Zauber auf Fremde, die in seinem Weich-
bild einige Jahre verlebt? Viele wackere Landsleute,
die hier seßhaft, behaupten, an keinem Ort der Welt
könne der Deutsche sich heimischer fühlen als eben
in Paris, und Frankreich selbst sei am Ende unserm
Herzen nichts anderes als ein französisches Deutsch-
land.
Aber diesmal ist meine Freude bei der Rückkehr
doppelt groß: ich komme aus England. Ja, aus Eng-
land, obgleich ich nicht den Kanal durchschiffte. Ich
verweilte nämlich während vier Wochen in Boulogne-
sur*mer, und das ist bereits eine englische Stadt.
Zweiter Teil
249
Man sieht dort nichts als Engländer und hört dort
nichts als Englisch von morgens bis abends, ach,
sogar des Nachts, wenn man das Unglück hat,
Wandnachbarn zu besitzen, die bis tief in die Nacht
bei Tee und Grog politisieren ! Während vier Wochen
hörte ich nichts als jene Zischlaute des Egoismus,
der sich in jeder Silbe, in jeder Betonung ausspricht.
Es ist gewiß eine schreckliche Ungerechtigkeit, über
ein ganzes Volk das Verdammungsurteil auszusprechen.
Doch in betreff der Engländer könnte mich der augen-
blickliche Unmut zu dergleichen verleiten, und beim
Anblick der Masse vergesse ich leicht die vielen
wackern und edlen Männer, die sich durch Geist
und Freiheitsliebe ausgezeichnet. Aber diese, nament-
lich die britischen Dichter, stachen immer desto greller
ab von dem übrigen Volk, sie waren isolierte Mär-
tyrer ihrer nationalen Verhältnisse, und dann gehören
große Genies nicht ihrem partikulären Geburtslande,
kaum gehören sie dieser Erde, der Schädelstätte
ihres Leidens. Die Masse, die Stock-Engländer —
Gott verzeih mir die Sünde — sind mir in tiefster
Seele zuwider, und manchmal betrachte ich sie gar
nicht als meine Mitmenschen, sondern ich halte sie
für leidige Automaten, für Maschinen, deren in-
wendige Triebfeder der Egoismus. Es will mich
dann bedünken, als hörte ich das schnurrende Räder-
werk, womit sie denken, fühlen, rechnen, verdauen
und beten — ihr Beten, ihr mechanisches anglika-
nisches Kirchengehen mit dem vergoldeten Gebet-
buch unterm Arm, ihre blöde langweilige Sonntags-
feier, ihr linkisches Frömmeln ist mir am wider-
wärtigsten; ich bin fest überzeugt, ein fluchender
Franzose ist ein angenehmeres Schauspiel für die
Gottheit, als ein betender Engländer! Zu andern
250 Luteria
Zeiten kommen diese Stock-Engländer mir vor wie
ein öder Spuk, und weit unheimlicher als die bleichen
Schatten der mitternächtlichen Geisterstunde sind
mir jene vierschrötigen, rotbäckigen Gespenster, die
schwitzend im grellen Sonnenlicht umherwandeln.
J Dabei der totale Mangel an Höflichkeit. Mit ihren
eckigen Gliedmaßen, mit ihren steifen Ellenbogen
stoßen sie überall an, und ohne sich zu entschuldigen
durch ein artiges Wort. Wie müssen diese rot-
haarigen Barbaren, die blutiges Fleisch fressen, erst
jenen Chinesen verhaßt sein, denen die Höflichkeit
angeboren, und die, wie bekannt ist, zwei Drittel
ihrer Tageszeit mit der Ausübung dieser National-
tugend verknicksen und verbücklingen!
Ich gestehe es, ich bin nicht ganz unparteiisch,
wenn ich von Engländern rede, und mein Mißurteil,
meine Abneigung, wurzelt vielleicht in den Besorg-
nissen ob der eigenen Wohlfahrt, ob der glücklichen
Friedensruhe des deutschen Vaterlandes. Seitdem
ich nämlich tief begriffen habe, welcher schnöde
Egoismus auch in ihrer Politik waltet, erfüllen mich
diese Engländer mit einer grenzenlosen, grauenhaften
Furcht. Ich hege den besten Respekt vor ihrer ma-
teriellen Obmacht; sie haben sehr viel von jener
brutalen Energie, womit die Römer die Welt unter-
drückt, aber sie vereinigen mit der römischen Wolfs-
gier auch die Schlangenlist Karthagos. Gegen erstere
haben wir gute und sogar erprobte Waffen, aber
gegen die meuchlerischen Ränke jener Punier der
Nordsee sind wir wehrlos. Und jetzt ist England
gefährlicher als je, jetzt wo seine merkantilischen
Interessen unterliegen: es gibt in der ganzen Schöp-
fung kein so hartherziges Geschöpf wie ein Krämer,
dessen Handel ins Stocken geraten, dem seine Kunden
j
Zweiter Teil 251
abtrünnig werden und dessen Warenlager keinen Ab-
satz mehr findet.
Wie wird England sich aus solcher Geschäfts^
krisis retten? Ich weiß nicht wie die Frage der
Fabrikarbeiter gelöst werden kann; aber ich weiß,
daß die Politik des modernen Karthagos nicht sehr
wählig in ihren Mitteln ist. Ein europäischer Krieg
wird dieser Selbstsucht vielleicht zuletzt als das ge^
eignetste Mittel erscheinen, um dem innern Gebreste
einige Ableitung nach außen zu bereiten. Die eng*
lische Oligarchie spekuliert alsdann zunächst auf den
Säckel des Mittelstandes, dessen Reichtum in der
Tat kolossal ist und zur Besoldung und Beschwich-
tigung der unteren Klassen hinlänglich ausgebeutet
werden dürfte. Wie groß auch ihre Ausgaben für
indische und chinesische Expeditionen, wie groß auch
ihre finanzielle Not, wird doch die englische Regie*
rung jetzt den pekuniären Aufwand steigern, wenn es
ihre Zwecke fördert. Je größer das heimliche Defi-
zit, desto reichlicher wird im Ausland das englische
Gold ausgestreut werden: England ist ein Kaufmann,*
der sich in bankerottem Zustand befindet, und aus
Verzweiflung ein Verschwender wird, oder vielmehr
kein Geldopfer scheut um sich momentan zu halten.
Und man kann mit Geld schon etwas ausrichten
auf dieser Erde, besonders seit jeder die Seligkeit
hier unten sucht. Man hat keinen Begriff davon,
wie England jährlich die ungeheuersten Summen
ausgibt bloß zur Besoldung seiner ausländischen
Agenten, deren Instruktionen alle für den Fall eines
europäischen Krieges berechnet sind, und wie wieder
diese englischen Agenten die heterogensten Talente,
Tugenden und Laster im Ausland für ihre Zwecke
zu gewinnen wissen.
252
Lutezia
J Wenn wir dergleichen bedenken, wenn wir zur
Hinsicht gelangen, daß nicht an der Seine, aus Be-
geisterung für eine Idee und auf öffentlichem Markt-
platz, die Ruhe Huropas am furchtbarsten gestört
werden dürfte, sondern an der Themse, in den ver-
schwiegenen Gemächern des Foreign Office, infolge
des rohen Hungerschreies englischer Fabrikarbeiter;
wenn wir dieses bedenken, so müssen wir dorthin
manchmal unser Auge richten und nächst der Per-
sönlichkeit der Regierenden auch die andrängende
Not der untern Klassen beobachten. Diese gestei-
gerte Not ist ein Gebreste, das die unwissenden
Feldscherer durch Aderlässe zu heben glauben, aber
ein solches Blutvergießen wird eine Verschlimmerung
hervorbringen. Nicht von außen, durch die Lanzette,
nein, nur von innen heraus, durch geistige Medika-
mente kann der sieche Staatskörper geheilt werden.
Nur soziale Ideen könnten hier eine Rettung aus der
verhängnisvollsten Not herbeiführen, aber, um mit
Saint-Simon zu reden, auf allen Werften Englands
gibt es keine einzige große Idee; nichts als Dampf-
maschinen und Hunger. Jetzt ist freilich der Auf-
ruhr unterdrückt, aber durch öftere Ausbrüche kann
es wohl dahin kommen, daß die englischen Fabrik-
arbeiter, die nur Baum- und Schafwolle zu verarbeiten
wissen, sich auch ein bißchen in Menschenfleisch
versuchen und sich die nötigen Handgriffe aneignen,
und endlich dieses blutige Gewerbe ebenso mutvoll
ausüben wie ihre Kollegen die Ouvriers zu Lyon
und Paris, und dann dürfte es sich endlich ereignen,
daß der Besieger Napoleons, der Feldmarschall My-
lord Wellington, der jetzt wieder sein Oberschergen-
amt angetreten hat, mitten in London sein Waterloo
fände. In gleicher Weise möchte leicht der Fall ein-
Zweiter Teil
*53
treten, daß seine Myrmidonen ihrem Meister den
Gehorsam aufkündigten. Es zeigen sich schon jetzt
sehr bedenkliche Symptome solcher Gesinnung bei
dem englischen Militär, und in diesem Augenblick
sitzen fünfzig Soldaten im Towergefängnis zu Lon-
don, welche sich geweigert hatten, auf das Volk zu
schießen. Es ist kaum glaublich, und es ist dennoch
wahr, daß englische Rotröcke nicht dem Befehl ihrer
Offiziere, sondern der Stimme der Menschlichkeit ge-
horchten und jener Peitsche vergaßen, welche die
Katze mit neun Schwänzen <the cat of nine tails)
heißt und mitten in der stolzen Hauptstadt der eng-
lischen Freiheit ihren Heldenrücken beständig bedroht
— die Knute Großbritanniens! Es ist herzzerreißend,
wenn man liest wie die Weiber weinend den Sol-
daten entgegentraten und ihnen zuriefen: »Wir brau-
chen keine Kugeln, wir brauchen Brot.« Die Männer
kreuzten ergebungsvoll die Arme und sprachen : »Den
Hunger müßt ihr totschießen, nicht uns und unsere
Kinder.« Der gewöhnliche Schrei war: »Schießt nicht,
wir sind ja alle Brüder!«
Solche Berufung auf die Fraternität mahnt mich
an die französischen Kommunisten, bei denen ich
ähnliche Redeweisen zuweilen vernahm. Diese Rede-
weisen, wie ich besonders in Lyon bemerkte, waren
durchaus nicht auffallend oder stark gefärbt, weder
pikant noch original; im Gegenteil, es waren die ab-
gedroschensten, plattesten Gemeinsprüche, welche der
Troß der Kommunisten im Munde führte. Aber die
Macht ihrer Propaganda besteht nicht sowohl in
einem gut formulierten Prospektes von bestimmten
Beklagnissen und bestimmten Forderungen, sondern
in einem tiefwehmütigen und fast sympathetisch
wirkenden Ton, womit sie die' banalsten Dinge
254
Lutezta
äußern, z. B. »Wir sind alle Brüder« usw. Der Ton
und allenfalls ein geheimer Händedruck bilden als-
dann den Kommentar zu diesen Worten und verleihen
. ihnen ihre welterschütternde Bedeutung. Die fran-
zösischen Kommunisten stehen überhaupt auf dem-
selben Standpunkt mit den englischen Fabrikarbeitern,
nur daß der Franzose mehr von einer Idee, der Eng-
länder hingegen ganz und gar vom Hunger ge-
trieben wird.
Der Aufruhr in England ist für den Augenblick
gestillt, aber nur für den Augenblick; er ist bloß
vertagt, er wird mit jedesmal gesteigerter Macht aufs
neue ausbrechen, und um so gefährlicher, da er
immer die rechte Stunde abwarten kann. Wie aus
vielen Anzeichen einleuchtet, ist der Widerstand der
4 Fabrikarbeiter jetzt ebenso praktisch organisiert wie
einst der Widerstand der irischen Katholiken. Die
J Chartisten haben diese drohende Macht in ihr Inter-
esse zu ziehen und einigermaßen zu disziplinieren
gewußt, und ihre Verbindung mit den unzufriedenen
Fabrikarbeitern ist vielleicht die wichtigste Erschei-
nung der Gegenwart. Diese Verbindung entstand
auf sehr einfachem Wege, sie war eine natürliche,
obgleich die Chartisten sich gern mit einem bestimm-
ten Programm als eine rein politische Partei präsen-
tieren, und die Fabrikarbeiter, wie ich schon oben
erwähnt, nur arme Taglöhner sind, die vor Hunger
kaum sprechen können und, gleichgültig gegen alle
Regierungsform, nur das liebe Brot verlangen. Aber
das Wort meldet selten den innern Herzensgedanken
einer Partei, es ist nur ein äußerliches Erkennungs-
zeichen, gleichsam die gesprochene Kokarde; der
Chartist, der sich auf die politische Frage zu be-
schränken vorgibt, hegt Wünsche im Gemüte, die
Zweiter Teil 255
mit den vagsten Gefühlen jener hungrigen Hand-
werker tief übereinstimmen, und diese können ihrer-
seits immerhin das Programm der Chartisten zu ihrem
Feldgeschrei wählen, ohne ihre Zwecke zu ver-
absäumen. Die Chartisten nämlich verlangen: erstens, -^
daß das Parlament nur aus Einer Kammer bestehe
und durch alljährliche Wahlen erneuert werde; zwei-
tens, daß durch geheimes Votieren die Unabhängig-
keit der Wähler sichergestellt werde; endlich, daß
jeder geborene Engländer, der ins Mannesalter ge-
treten, Wähler und wählbar sei. »Davon können
wir noch immer nicht essen,« sagten die notleiden-
den Arbeiter, »von Gesetzbüchern ebensowenig wie
von Kochbüchern wird der Mensch satt, uns
hungert.« »Wartet nur,« entgegnen die Chartisten,
»bis jetzt saßen im Parlament nur die Reichen,
und diese sorgten nur für die Interessen ihrer eignen
Besitztümer; durch das neue Wahlgesetz, durch die
Charte, werden aber auch die Handwerker oder ihre
Vertreter ins Parlament kommen, und da wird es
sich wohl ausweisen, daß die Arbeit ebensogut wie
jeder andere Besitz ein Eigentumsrecht in Anspruch
nehmen kann, und es einem Fabrikherrn ebensowenig
erlaubt sein dürfte, den Taglohn des Arbeiters nach
Willkür herabzusetzen, wie es ihm nicht erlaubt ist,
das Mobiliar- oder Immobiliarvermögen seines Nach-
barn zu beeinträchtigen. Die Arbeit ist das Eigen-
tum des Volks, und die daraus entspringenden Eigen-
tumsrechte sollen durch das regenerierte Parlament
sanktioniert und geschützt werden.« Ein Schritt ^
weiter und diese Leute sagen, die Arbeit sei das
Recht des Volks; und da dieses Recht auch die Be-
rechtigung zu einem unbedinglichen Arbeitslohne zur
• Folge hätte, so führt der Chartismus, wo nicht zur
2*<S Lutezia
Gütergemeinschaft, doch gewiß zur Erschütterung
der bisherigen Eigentumsidee, des Grundpfeilers der
heutigen Gesellschaft, und in jenen chartistischen
Anfängen läge, in ihre Konsequenzen verfolgt, eine
soziale Umwälzung, wogegen die französische Re-
volution als sehr zahm und bescheiden erscheinen
dürfte.
Hier offenbart sich wieder die Hypokrisie und der
praktische Sinn der Engländer, im Gegensatz zu den
Franzosen: die Chartisten verbergen unter legalen
Formen ihren Terrorismus, während die Kommunisten
ihn freimütig und unumwunden aussprechen. Letztere
tragen freilich noch einige Scheu, die letzten Kon-
sequenzen ihres Prinzips beim rechten Namen zu
nennen, und diskutiert man mit ihren Häuptlingen,
so verteidigen sich diese gegen den Vorwurf, als
wollten sie das Eigentum abschaffen, und sie be-
S haupten dann, sie wollten im Gegenteil das Eigen-
tum auf eine breitere Basis etablieren, sie wollten
ihm eine umfassendere Organisation verleihen. Du
lieber Himmel, ich fürchte, das Eigentum würde
durch den Eifer solcher Organisatoren sehr in die
Krümpe gehen, und es würde am Ende nichts als
die breite Basis übrigbleiben. »Ich will dir die Wahr-
heit gestehenc, sagte mir jüngst ein kommunistischer
Freund, »das Eigentum wird keineswegs abgeschafft
werden, aber es bekömmt eine neue Definition.«
Es ist nun diese neue Definition, die hier in Frank-
reich dem herrschenden Bürgerstande eine große
Angst einflößt, und dieser Angst verdankt Ludwig
Philipp seine ergebensten Anhänger, die eifrigsten
Stützen seines Thrones. Je heftiger die Stützen
zittern, desto weniger schwankt der Thron, und der
König braucht nichts zu fürchten^ eben weil die
Zweiter Teil
257
Furcht ihm Sicherheit gibt. Auch Guizot erhält
sich durch die Angst vor der neuen Definition, die
er mit seiner scharfen Dialektik so meisterhaft be-
kämpft, und ich glaube nicht, daß er so bald untere
liegt, obgleich die herrschende Partei der Bourgeoisie,
für die er so viel getan und so viel tut, kein Herz für
ihn hat. Warum lieben sie ihn nicht? Icff glaube/
erstens weil sie ihn nicht verstehen, und zweitens
weil man denjenigen, der unsere eignen Güter schützt,
immer weit weniger liebt, als denjenigen, der uns fremde
Güter verspricht. So war es einst in Athen, so ist es
jetzt in Frankreich, so wird es in jeder Demokratie sein,
wo das Wort frei ist und die Menschen leichtgläubig.
lii.
Paris, 4. Dezember 1842.
Wird sich Guizot halten? Es hat mit einem fran-
zösischen Ministerium ganz dieselbe Bewandtnis wie
mit der Liebe: man kann nie ein sicheres Urteil
fällen über seine Stärke und Dauer. Man glaubt
zuweilen, das Ministerium wurzle unerschütterlich
fest, und siehe! es stürzt den nächsten Tag durch
einen geringen Windzug. Noch öfter glaubt man,
das Ministerium wackle seinem Untergang entgegen,
es könne sich nur noch wenige Wochen auf den
Beinen halten, aber zu unsrer Verwunderung zeigt
es sich alsbald noch kräftiger als früher und über-
lebt alle diejenigen, die ihm schon die Leichenrede
hielten. Vor vier Wochen, den 29. Oktober, feierte
dds Guizotsche Ministerium seinen dritten Geburts-
tag, es ist jetzt über zwei Jahr alt, und ich sehe
nicht ein, warum es nicht länger leben sollte auf
ix, .7
258
Lutezia
J
dieser schönen Erde, auf dem Boulevard des Capu-
eins, wo grüne Bäume und gute Luft. Freilich, gar
viele Ministerien sind dort schnell hingerafft worden,
aber diese haben ihr frühes Ende immer selbst ver-
schuldet: sie haben sich zuviel Bewegung gemacht.
/ Ja, was bei uns andern die Gesundheit fördert, die
Bewegung, das macht ein Ministerium todkrank, und
namentlich der erste März ist daran gestorben. Sie
können nicht stillsitzen, diese Leutchen. Der öftere
Regierungswechsel in Frankreich ist nicht bloß eine
Nachwirkung der Revolution, sondern auch ein Er-
gebnis des Nationalcharakters der Franzosen, denen
das Handeln, die Tätigkeit, die Bewegung, ein ebenso
großes Bedürfnis ist, wie uns Deutschen das Tabaks-
rauchen, das stille Denken und die Gemütsruhe; ge-
rade dadurch, daß die französischen Staatslenker so
rührig sind und sich beständig etwas Neues zu
schaffen machen, geraten sie in halsbrechende Ver-
wicklungen. Dies gilt nicht bloß von den Ministerien,
sondern auch von den Dynastien, die immer durch
eigene Aktivität ihre Katastrophe beschleunigt haben.
Ja, durch dieselbe fatale Ursache, durch die unermüd-
liche Aktivität, ist nicht bloß Thiers gefallen, son-
dern auch der stärkere Napoleon, der bis an sein
seliges Ende auf dem Throne geblieben wäre, wenn
er nur die Kunst des Stillsitzens, die bei uns den
kleinen Kindern zuerst gelehrt wird, besessen hätte!
Diese Kunst besitzt aber Herr Guizot in einem
hohen Grade, er hält sich marmorn still, wie der
Obelisk des Luxor, und wird deshalb sich länger er-
halten als man glaubt. Er tut nichts, und das ist
das Geheimnis seiner Erhaltung. Warum aber tut
er nichts? Ich glaube zunächst, weil er wirklich
eine gewisse germanische Gemütsruhe besitzt und
Zweiter Teil 259
von der Sucht der Geschäftigkeit weniger geplagt
wird als seine Landsleute. Oder tut er nichts, weil
er so viel versteht? Je mehr wir wissen, je tiefer und
umfassender unsre Einsichten sind, desto schwerer
wird uns das Handeln, und wer alle Folgen jedes
Schrittes immer voraussähe, der würde gewiß bald
aller Bewegung entsagen und seine Hände nur dazu
gebrauchen, um seine eigenen Füße zu binden. Das\^
weiteste Wissen verdammt uns zur engsten Passivität.
Indessen — was auch das Schicksal des Ministe-
riums sein möge — laßt uns die letzten Tage des
Jahres, das gottlob seinem Ende naht, so resigniert
als möglich ertragen! Wenn uns nur der Himmel
nicht zum Schluß mit einem neuen Unglück heim'
sucht! Es war ein schlechtes Jahr, und wäre ich
ein Tendenzpoet, ich würde mit meinen mißtönend
poltrigsten Versen dem scheidenden Jahre ein Chari-
vari bringen. In diesem schlechten schändlichen Jahre ^
hat die Menschheit viel erduldet und sogar die Ban-
kiers haben einige Verluste erlitten. Welch ein
schreckliches Unglück war z. B. der Brand auf der
Versailler Eisenbahn! Ich spreche nicht von dem
verunglückten Sonntagspublikum, das bei dieser Ge-
legenheit gebraten oder gesotten wurde: ich spreche
vielmehr von der überlebenden Sabbatkompagnie,
deren Aktien um so viele Prozente gefallen sind
und die jetzt dem Ausgang der Prozesse, die jene
Katastrophe hervorgerufen, mit zitternder Besorgnis
entgegensieht. Werden die Stifter der Kompagnie
den verwaisten oder verstümmelten Opfern ihrer Ge-
winnsucht einigen Schadenersatz gewähren müssen?
Es wäre entsetzlich! Diese beklagenswerten Millio-
näre haben schon so viel eingebüßt, und der Profit
von andern Unternehmungen mag in diesem Jahre
J
26o Lutezia
das Defizit kaum decken. Dazu kommen noch andere
Fatalitäten, über die man leicht den Verstand ver-
lieren kann, und an der Börse versicherte man gestern,
der Halbbankier Läusedorf wolle zum Christentum
übergehn. Andern geht es besser, und wenn auch
die rive gauche gänzlich ins Stocken geriete, könnten
wir uns damit trösten, daß die rive droite desto er-
freulicher gedeiht. Auch die südfranzösischen Eisen-
bahnen, sowie die jüngst konzessionierten, machen
gute Geschäfte, und wer gestern noch ein armes
Lümpchen war, ist heute schon ein reicher Lump.
Namentlich der dünne und langnasige Herr * ver-
sichert: er habe »Grind« mit der Vorsehung zu-
frieden zu sein. Ja, während Ihr andern in philoso-
phischen Spekulationen Eure Zeit vertrödelt, spekulierte
und trödelte dieser dünne Geist mit Eisenbahnaktien,
und einer seiner Gönner von der hohen Bank sagte
mir jüngst: »Sehen Sie, das Kerlchen war gar nichts
und jetzt hat es Geld und es wird noch mehr Geld
verdienen, und es hat sich all sein Lebtag nicht mit
Philosophie abgegeben.« Wie doch diese Pilze in
allen Ländern und Zeiten dieselben gewesen! Mit
besonderer Verachtung haben sie immer auf Schrift-
steller herabgesehen, die sich mit jenen uneigennützi-
gen Studien beschäftigen, die wir Philosophie nennen.
Schon vor achtzehnhundert Jahren, wie Petron er-
zählt, lieft ein römischer Parvenü sich folgende Grab-
schrift setzen: »Hier ruht Straberius — er war an-
fangs gar nichts, er hinterließ jedoch dreihundert
Millionen Sestertien, er hat sich sein Lebtag nicht
mit Philosophie abgegeben, folge seinem Beispiel und
du wirst dich Wohlbefinden.«
Hier in Frankreich herrscht gegenwärtig die größte
Ruhe. Ein abgematteter, schläfriger, gähnender Friede.
Zweiter Teil 261
Es ist alles still, wie in einer verschneiten Winter*
nacht. Nur ein leiser, monotoner Tropfenfall. Das
sind die Zinsen, die fortlaufend hinabträufeln in die
Kapitalien, welche beständig anschwellen; man hört
ordentlich wie sie wachsen, die Reichtümer der Rei*
chen. Dazwischen das leise Schluchzen der Armut.
Manchmal auch klirrt etwas, wie ein Messer das ge»
wetzt wird. Nachbarliche Tumulte kümmern uns
sehr wenig, und nicht einmal das rasselnde Schild»
erheben in Barcelona hat uns hier aufgestört. Der
Mordspektakel, der im Studierzimmer der MademoU
seile Heinefetter zu Brüssel vorfiel, hat uns schon
weit mehr interessiert, und ganz besonders sind die
Damen ungehalten über dieses deutsche Gemüt, das
trotz eines mehrjährigen Aufenthalts in Frankreich
doch noch nicht gelernt hatte, wie man es anfängt,
daß zwei gleichzeitige Anbeter sich nicht auf der
Walstätte ihres Glücks begegnen. Die Nachrichten
aus dem Osten erregten gleichfalls ein unzufriedenes
Gemurmel im Volke, und der Kaiser von China hat
sich ebensostark blamiert wie Mademoiselle Heine-
fetter. Nutzloses Blutvergießen, und die Blume der
Mitte ist verloren. Die Engländer sind überrascht,
so leichten Kaufs mit dem Bruder der Sonne fertig
geworden zu sein, und sie berechnen schon, ob sie
die jetzt überflüssigen Kriegsrüstungen im Indischen
Meere nicht gegen Japan richten sollen, um auch
dieses Land zu brandschatzen. An einem loyalen
Vorwande zum Angriff wird es gewiß auch hier
nicht fehlen. Sind es nicht Opiumfässer, so sind es
die Schriften der englischen Missionsgesellschaft, die
von der japanischen Sanitätskommission konfisziert
worden. Vielleicht bespreche ich in einem spätem
Briefe, wie England seine Kriegszüge bemäntelt. Die
2Ö2
Lutezia
Drohung, daß britische Großmut uns nicht zu Hilfe
kommen werde, wenn Deutschland einst wie Polen
geteilt werden dürfte, erschreckt mich nimmermehr.
Erstens kann Deutschland nicht geteilt werden. Teile
mal einer das Fürstentum Liechtenstein oder Greiz*
Schleiz! Und zweitens — —
y
LIII.
Paris, 31. Dezember 1842.
Noch ein kleiner Fußtritt, und das alte böse Jahr
rollt hinunter in den Abgrund der Zeit. Dieses Jahr
war eine Satire auf Ludwig Philipp, auf Guizot, auf
alle die sich so viele Mühe gegeben haben, den
Frieden in Europa zu erhalten. Dieses Jahr ist eine
Satire auf den Frieden selbst, denn im geruhsamen
Schöße desselben wurden wir mit Schrecknissen heim-
gesucht, wie sie der gefürchtete Krieg gewiß nicht
schrecklicher hervorbringen konnte. Entsetzlicher
Wonnemond, wo fast gleichzeitig in Frankreich, in
Deutschland und HaTti die fürchterlichsten Trauer-
spiele aufgeführt wurden! Welches Zusammentreffen
der unerhörtesten Unglücksfälle! Welcher boshafte
Witz des Zufalls! Welche höllischen Überraschungen!
Ich kann mir die Verwunderung denken, womit die
Bewohner des Schattenreichs die neuen Ankömm-
linge vom 6. Mai betrachteten, die geputzten Sonn-
tagsgesichter, Studenten, Grisetten, junge Ehepaare,
vergnügungssüchtige Drogisten, Philister von allen
Farben, die zu Versailles die Kunstwasser springen
sahen und statt in Paris, wo schon die Mittagstafel
für sie gedeckt war, plötzlich in der Unterwelt an-
langten! Und zwar verstümmelt, gesotten und ge-
Zweite r Teil 263
schmort! »Ist es der Krieg, der euch so schnöde
zugerichtet?« »Ach nein, wir haben Frieden, und
wir kommen eben von einer Spazierfahrt.« Auch die
gebratenen Spritzenleute und Litzenbrüder, die einige
Tage später aus Hamburg ankamen, mußten nicht
geringeres Erstaunen im Lande Plutos erregen. »Seid
ihr die Opfer des Kriegsgottes?« war gewiß die
Frage, womit sie empfangen wurden. »Nein, unsre
Republik hat Frieden mit der ganzen Welt, der Tempel
des Janus war geschlossen, nur die Bacchushalle
stand offen, und wir lebten im ruhigen Genüsse unsrer
spartanischen Mockturtlesuppen, als plötzlich das
große Feuer entstand, worin wir umkamen.« »Und
Eure berühmten Löschanstalten?« »Die sind gc-
rettet, nur ihr Ruhm ist verloren.« »Und die alten
Perücken?« »Die werden wie gepuderte Phönixe
aus der Asche hervorsteigen.« Den folgenden Tag,
während Hamburg noch loderte, entstand das Erd-
beben zu Haiti, und die armen schwarzen Menschen
wurden zu Tausenden ins Schattenreich hinabge-
schleudert. Als sie bluttriefend anlangten, glaubte
man gewiß dort unten, sie kämen aus einer Schlacht
mit den Weißen, und sie seien von diesen gemetzelt
oder gar als revoltierte Sklaven zu Tode gepeitscht
worden. Nein, auch diesmal irrten sich die guten
Leute am Styx. Nicht der Mensch, sondern die
Natur hatte das große Blutbad angerichtet auf jener
Insel, wo die Sklaverei längst abgeschafft, wo die
Verfassung eine republikanische ist, ohne verjüngende
Keime, aber wurzelnd in ewigen Vernunftgesetzen; es
herrscht dort Freiheit und Gleichheit, sogar schwarze
Preßfreiheit. — Greiz-Schleiz ist keine solche Repu-
blik, kein so hitziger Boden wie Haiti, wo das Zucker-
rohr, die Kaffeestaude und die schwarze Preßfreiheit
264 Lutczia
wächst, und also ein Erdbeben sehr leicht entstehen
konnte; aber trotz des zahmen Kartoffelklimas, trotz
der Zensur, trotz der geduldigen Verse, die eben
deklamiert oder gesungen wurden, ist den Greiz-
Schleizern, während sie vergnügt und schaulustig im
Theater saßen, plötzlich das Dach auf den Kopf ge-
fallen, und ein Teil des verehrungswürdigen Publi-
kums sah sich unerwartet in den Orkus geschleudert!
Ja, im sanftseligsten Stilleben, im Zustande des
Friedens, häufte sich mehr Unheil und Elend, als
jemals der Zorn Bellonas zusammentrompeten konnte.
Und nicht bloß zu Lande, sondern auch zu Wasser
^/ haben wir in diesem Jahr das Außerordentliche erdul-
det. Die zwei großen Schiffbrüche an den Küsten von
Südafrika und der Manche gehören zu den schauder-
haftesten Kapiteln in der Martyrgeschichte der
Menschheit. Wir haben keinen Krieg, aber der Frieden
richtet uns hin, und gehen wir nicht plötzlich zugrunde
durch einen brutalen Zufall, so sterben wir doch all-
mählich an einem gewissen schleichenden Gift, an einer
Aqua Tofana, welche uns in den Kelch des Lebens
geträufelt worden, der Himmel weiß von welcher Hand!
Ich schreibe diese Zeilen in den letzten Stunden
des scheidenden bösen Jahres. Das neue steht vor
der Türe. Möge es minder grausam sein als sein
y Vorgänger! Ich sende meinen wehmütigsten Glück-
wunsch zum Neujahr über den Rhein. Ich wünsche
den Dummen ein bißchen Verstand und den Ver-
ständigen ein bißchen Poesie. Den Frauen wünsche
ich die schönsten Kleider und den Männern sehr viel
Geduld. Den Reichen wünsche ich ein Herz und
den Armen ein Stückchen Brot. Vor allem aber
wünsche ich, daß wir in diesem neuen Jahr einander
so wenig als möglich verleumden mögen.
Zweiter Teil 265
UV.
Paris, 2. Februar 1843.
Worüber ich am meisten erstaune, das ist die
Anstelligkeit dieser Franzosen, das geschickte Über*
gehen oder vielmehr Überspringen von einer Be~
schäftigung in die andre, in eine ganz heterogene.
Es ist dieses nicht bloß eine Eigenschaft des leichten
Naturells, sondern auch ein historisches Erwerbnis:
sie haben sich im Laufe der Zeit ganz losgemacht
von hemmenden Vorurteilen und Pedantereien. So
geschah es, daß die Emigranten, die während der
Revolution zu uns herüberflüchteten , den Wechsel
der Verhältnisse so leicht ertrugen, und manche
darunter, um das liebe Brot zu gewinnen, sich aus
dem Stegreif ein Gewerbe zu schaffen wußten.
Meine Mutter hat mir oft erzählt, wie ein franzö-
sischer Marquis sich damals als Schuster in unsrer
Stadt etablierte und die besten Damenschuhe ver-
fertigte; er arbeitete mit Lust, pfiff die ergötzlichsten
Liedchen, und vergaß alle frühere Herrlichkeit. Ein
deutscher Edelmann hätte unter denselben Umständen
ebenfalls zum Schusterhandwerk seine Zuflucht ge-
nommen, aber er hätte sich gewiß nicht so heiter
in sein ledernes Schicksal gefügt, und er würde sich
jedenfalls auf männliche Stiefel gelegt haben, auf
schwere Sporenstiefel, die an den alten Ritterstand
erinnern. Als die Franzosen über den Rhein kamen,
mußte unser Marquis seine Boutique verlassen, und er
floh nach einer andern Stadt, ich glaube nach Kassel,
wo er der beste Schneider wurde; ja, ohne Lehr*
jähre emigrierte er solchermaßen von einem Gewerbe
zum andern, und erreichte darin gleich die Meister-
schaft -* was einem Deutschen unbegreiflich er-
266 Lutezia
scheinen dürfte, nicht bloß einem Deutschen von
Adel, sondern auch dem gewöhnlichsten Bürgerkind.
Nach dem Sturze des Kaisers kam der gute Mann
mit ergrauten Haaren aber unverändert jungem Herren
in die Heimat zurück, und schnitt ein so hochade-
liges Gesicht und trug wieder so stolz die Nase,
als hätte er niemals den Pfriem oder die Nadel ge-
führt. Es ist ein Irrtum, wenn man von den Emi-
granten behauptete, sie hätten nichts gelernt und
nichts vergessen, im Gegenteil, sie hatten alles ver-
gessen was sie gelernt. Die Helden der Napoleo-
nischen Kriegsperiode, als sie abgedankt oder auf
halben Sold gesetzt wurden, warfen sich ebenfalls
mit dem größten Geschick in die Gewerbtätigkeit
des Friedens, und jedesmal wenn ich in das
Comptoir von Delloye trat, hatte ich meine liebe
Verwunderung, wie der ehemalige Colonel jetzt als
Buchhändler an seinem Pulte saß, umgeben von
mehren weißen Schnurrbärten, die ebenfalls als brave
Soldaten unter dem Kaiser gefochten, jetzt aber bei
ihrem alten Kameraden als Buchhalter oder Rechnungs-
führer, kurz als Kommis dienten.
Aus einem Franzosen kann man alles machen,
und jeder dünkt sich zu allem geschickt. Aus dem
kümmerlichsten Bühnendichter entsteht plötzlich, wie
durch einen Theatercoup, ein Minister, ein General,
ein Kirchenlicht, ja ein Herrgott. Ein merkwürdiges
Beispiel der Art bieten die Transformationen unsres
lieben Charles Duveyrier, der einer der erleuchtetsten
Dignitare der Saint-Simonistischen Kirche war, und
als diese aufgehoben wurde, von der geistlichen
Bühne zur weltlichen überging. Dieser Charles
Duveyrier saß in der Salle Taitbout auf der Bischofs-
bank, zur Seite des Vaters, nämlich Enfantins; er
Zweiter Teil 267
zeichnete sich aus durch einen gotterleuchteten
Prophetenton, und auch in der Stunde der Prüfung
gab er als Märtyrer Zeugnis für die neue Religion.
Von den Lustspielen Duveyriers wollen wir heute
nicht reden, sondern von seinen politischen Bro-
schüren; denn er hat die Theaterkarriere wieder ver*
lassen und sich auf das Feld der Politik begeben,
und diese neue Umwandlung ist vielleicht nicht
minder merkwürdig. Aus seiner Feder flössen die
kleinen Schriften, die allwöchentlich unter dem Titel
»Lettres politiques« herauskommen. Die erste ist
an den König gerichtet, die zweite an Guizot, die
dritte an den Herzog von Nemours, die vierte an
Thiers. Sie zeugen sämtlich von vielem Geist. Es
herrscht darin eine edle Gesinnung, ein lobenswerter
Widerwille gegen barbarische Kriegsgelüste, eine
schwärmerische Begeisterung für den Frieden. Von
der Ausbeutung der Industrie erwartet Duveyrier
das goldne Zeitalter. Der Messias wird nicht auf
einem Esel, sondern auf einem Dampfwagen den
segensreichen Einzug halten. Namentlich die Bro-
schüre, die an Thiers gerichtet, oder vielmehr gegen
ihn gerichtet, atmet diese Gesinnung. Von der
Persönlichkeit des ehemaligen Konseilpräsidenten
spricht der Verfasser mit hinlänglicher Ehrfurcht.
Guizot gefällt ihm, aber Mole gefällt ihm besser.
Dieser Hintergedanke dämmert überall durch.
Ob er mit Recht oder mit Unrecht irgendeinem /
von den dreien den Vorzug gibt, ist schwer zu be-
stimmen. Ich meinesteils glaube nicht, daß einer
besser als der andre, und ich bin der Meinung, daß
jeder von ihnen als Minister immer dasselbe tun
wird, was auch unter denselben Umständen der
andre täte. Der wahre Minister, dessen Gedanke
268 Lutezia
überall zur Tat wird, der sowohl gouverniert als
regiert, ist der König, Ludwig Philipp, und die er-
wähnten drei Staatsmänner unterscheiden sich nur
in der Art und Weise, wie sie sich mit der Vor*
herrschaft des königlichen Gedankens abfinden.
Herr Thiers sträubt sich im Anfang sehr barsch,
J macht die redseligste Opposition, trompetet und
trommelt, und tut doch am Ende was der König
wollte. Nicht bloß seine revolutionären Gefühle,
sondern auch seine staatsmännischen Überzeugungen
sind im beständigen Widerspruch mit dem könig-
lichen Systeme: er fühlt und weiß, daß dieses System
auf die Länge scheitern muß, und ich könnte die
erstaunlichsten Äußerungen Thiers' über die Unnah-
barkeit der jetzigen Zustände mitteilen. Er kennt
zu gut seine Franzosen und zu gut die Geschichte
der französischen Revolution, um sich dem Quietis-
mus der siegreichen Bourgeoispartei ganz hingeben
zu können, und an den Maulkorb zu glauben, den
er selbst dem tausendköpfigen Ungeheuer angelegt
hat; sein feines Ohr hört das innerliche Knurren,
er hat sogar Furcht, einst von dem entzügelten Un-
getüm zerrissen zu werden — und dennoch tut er
was der König will.
Mit Herrn Guizot ist es ganz anders. Für ihn
ist der Sieg der Bourgeoisiepartei eine vollendete
Tatsache, un fait accompli, und er ist mit all seinen
Fähigkeiten in den Dienst dieser neuen Macht ge-
treten, deren Herrschaft er durch alle Künste des
historischen und philosophischen Scharfsinns als ver-
nünftig, und folglich auch als berechtigt, zu stützen
weiß. Das ist eben das Wesen eines Doktrinärs,
daß er für alles was er tun will eine Doktrin findet.
Er steht vielleicht mit seinen geheimsten Über-
Zweiter Teil 269
zeugungen über dieser Doktrin, vielleicht auch drunter,
was weiß ich? Er ist zu geistesbegabt und viel-
seitig wissend, als daß er nicht im Grunde ein
Skeptiker wäre, und eine solche Skepsis verträgt
sich mit dem Dienst, den er dem Systeme widmet,
dem er sich einmal ergeben hat. Jetzt ist er der
treue Diener der Bourgeoisieherrschaft, und hart wie
ein Herzog von Alba wird er sie mit unerbittlicher
Konsequenz bis zum letzten Momente verteidigen.
Bei ihm ist kein Schwanken, kein Zagen, er weiß
was er will, und was er will tut er. Fällt er im
Kampfe, so wird ihn auch dieser Sturz nicht er-
schüttern, und er wird bloß die Achseln zucken.
War doch das, wofür er kämpfte, ihm im Grunde
gleichgültig. Siegt etwa einst die republikanische
Partei, oder gar die der Kommunisten, so rate ich
diesen braven Leuten, den Guizot zum Minister zu
nehmen, seine Intelligenz und seine Halsstarrigkeit
auszubeuten, und sie werden besser dabei stehen,
als wenn sie ihren erprobtesten Dummköpfen der
Bürgertugend das Gouvernement in Händen geben.
Ich möchte einen ähnlichen Rat den Henriquinquisten
erteilen, für den unmöglichen Fall, daß sie einst
wieder durch ein Nationalunglück, durch ein Straf-
gericht Gottes, in Besitz der offiziellen Gewalt ge-
rieten; nehmt den Guizot zum Minister, und Ihr
werdet Euch dreimal vierundzwanzig Stunden länger
halten können, und ich fürchte, Herrn Guizot nicht
unrecht zu tun, wenn ich die Meinung ausspreche,
daß er so tief herabsteigen könnte, um Eure schlechte
Sache durch seine Beredsamkeit und seine gouverne-
mentalen Talente zu unterstützen. Seid Ihr ihm
doch ebenso gleichgültig, wie die Spießbürger, für
die er jetzt so großen Geistesaufwand macht in
y
27o Lutezia
Wort und Tat, und wie das System des Königs,
dem er mit stoischem Gleichmute dient.
Herr Mole unterscheidet sich von diesen beiden
dadurch, daß er erstens der eigentliche Staatsmann
ist, dessen Persönlichkeit schon den Patrizier verrät,
dem das Talent der Staatslenkung angeboren oder
durch Familientraditionen anerzogen worden. Bei
ihm ist keine Spur vom plebejischen Emporkömm-
ling, wie bei Herrn Thiers, und noch weniger hat
er die Ecken eines Schulmanns, wie Herr Guizot,
und bei der Aristokratie der fremden Höfe mag er
durch eine solche äußere Repräsentation und diplo-
matische Leichtigkeit die Genialität ersetzen, welche
wir bei Herrn Thiers und Guizot finden. Er hat
kein andres System, als das des Königs, ist auch
zu sehr Hofmann, um ein andres haben zu wollen,
und das weiß der König, und er ist der Minister
nach dem Herzen Ludwig Philipps. Ihr werdet
sehen, jedesmal wenn man ihm die Wahl lassen
wird, Herrn Guizot oder Herrn Thiers zum Premier-
minister zu nehmen, wird Ludwig Philipp immer weh-
mütig antworten: >Laßt mich Mole nehmen«. Mole,
das ist er selber, und da doch einmal geschieht,
was er will, so wäre es gar kein Unglück, wenn
Mole wieder Minister würde.
Aber ein Glück wäre es auch nicht, denn das
königliche System würde nach wie vor in Wirk-
samkeit bleiben, und wie sehr wir die edle Absicht
des Königs hochschätzen, wie sehr wir ihm den
besten Willen für das Glück Frankreichs zutrauen,
so müssen wir doch bekennen, daß die Mittel zur
Ausführung nicht die richtigen sind, daß das ganze
System keinen Schuß Pulver taugt, wenn es nicht
gar einst durch einen Schuß Pulver in die Luft
Zweiter Teil
271
springt. Ludwig Philipp will Frankreich regieren
durch die Kammer, und er glaubt alles gewonnen
zu haben, wenn er durch Begünstigung ihrer
Glieder bei allen Regierungsvorschlägen die parla*
mentarische Majorität gewonnen. Aber sein Irrtum
besteht darin, daß er Frankreich durch die Kammer
repräsentiert glaubt. Dieses aber ist nicht der Fall,
und er verkennt ganz die Interessen eines Volks,
welche von denen der Kammer sehr verschieden
sind, und von letzterer nicht sonderlich beachtet
werden. Steigt seine Impopularität bis zu einem
bedenklichen Punkte, so wird ihn schwerlich die
Kammer retten können, und es ist noch die Frage,
ob jene begünstigte Bourgeoisie, für die er so viel
tut, ihm im gefährlichen Augenblicke mit Enthusias*
mus zu Hilfe eilen wird.
»Unser Unglück ist«, sagte mir jüngst ein Habitue
der Tuilerien, »daß unsre Gegner, indem sie uns
schwächer glauben als wir sind, uns nicht fürchten,
und daß unsre Freunde, die zuweilen schmollen,
uns eine größere Stärke zumuten, als wir in der
Wirklichkeit besitzen.«
LV.
Paris, 20. März 1843.
Die Langeweile , welche die klassische Tragödie ^
der Franzosen ausdünstet, hat niemand besser be-
griffen, als jene gute Bürgersfrau unter Ludwig XV.,
die zu ihren Kindern sagte: »Beneidet nicht den Adel
und verzeiht ihm seinen Hochmut, er muß ja doch
als Strafe des Himmels jeden Abend im Theätre
francais sich zu Tode langweilen.« Das alte Regime
/
272 Lutczia
hat aufgehört, und das Szepter ist in die Hände der
Bourgeoisie geraten; aber diese neuen Herrscher
müssen ebenfalls sehr viele Sünden abzubüßen haben,
und der Unmut der Götter trifft sie noch unleidlicher
als ihre Vorgänger im Reiche: denn nicht bloß, daß
ihnen Mademoiselle Rachel die moderige Hefe des
antiken Schlaftrunks jeden Abend kredenzt, müssen
sie jetzt sogar den Abhub unsrer romantischen
Küche, verifiziertes Sauerkraut, »Die Burggrafen«
von Victor Hugo, verschlucken! Ich will kein Wort
verlieren über den Wert dieses unverdaulichen Mach*
werks, das mit allen möglichen Prätensionen auftritt,
namentlich mit historischen, obgleich alles Wissen
Victor Hugos über Zeit und Ort, wo sein Stück
spielt, lediglich aus der französischen Übersetzung
von Schreibers »Handbuch für Rheinreisende« ge-
schöpft ist. Hat der Mann, der vor einem Jahr in
öffentlicher Akademie zu sagen wagte, daß es mit
dem deutschen Genius ein Ende habe <la pensee
allemande est rentree dans l'ombre), hat dieser größte
Adler der Dichtkunst diesmal wirklich die Zeit*
genossenschaft so allmächtig überflügelt? Wahrlich
keineswegs. Sein Werk zeugt weder von poetischer
Fülle noch Harmonie, weder von Begeisterung noch
Geistesfreiheit, es enthält keinen Funken Genialität,
sondern nichts als gespreizte Unnatur und bunte
Deklamation. Eckige Holzfiguren, überladen mit ge*
schmacklosem Flitterstaat, bewegt durch sichtbare
Drähte, ein unheimliches Puppenspiel, eine grasse,
krampfhafte Nachäffung des Lebens; durch und
durch erlogene Leidenschaft. Nichts ist mir fataler
als diese Hugösche Leidenschaft, die sich so glühend
gebärdet, äußerlich so prächtig auflodert, und doch
inwendig so armselig nüchtern und frostig ist. Diese
Zweiter Teil
273
kalte Passion, die uns in so flammenden Redensarten
aufgetischt wird, erinnert mich immer an das ge-
bratene Eis, das die Chinesen so künstlich zu be^
reiten wissen, indem sie kleine Stückchen Gefrorenes,
eingewickelt in einen dünnen Teig, einige Minuten
übers Feuer halten: ein antithetischer Leckerbissen,
den man schnell verschlucken muß, und wobei man
Lippe und Zunge verbrennt, den Magen aber erkältet.
Aber die herrschende Bourgeoisie muß ihrer Sünden
wegen nicht bloß alte klassische Tragödien und Trilo-
gien, die nicht klassisch sind, ausstehen, sondern die
himmlischen Mächte haben ihr einen noch schauder-
haftern Kunstgenuß beschert, nämlich jenes Piano-
forte, dem man jetzt nirgends mehr ausweichen kann,
das man in allen Häusern erklingen hört, in jeder
Gesellschaft, Tag und Nacht. Ja, Pianoforte heißt
das Marterinstrument, womit die jetzige vornehme
Gesellschaft noch ganz besonders torquiert und ge-
züchtigt wird für alle ihre Usurpationen. Wenn nur
nicht der Unschuldige mit leiden müßte! Diese ewige *"
Klavierspielerei ist nicht mehr zu ertragen! <Ach!
meine Wandnachbarinnen, junge Töchter Albions,
spielen in diesem Augenblick ein brillantes Morceau
für zwei linke Hände.) Diese grellen Klimpertöne ohne
natürliches Verhallen, diese herzlosen Schwirrklänge,
dieses erzprosaische Schollern und Pickern, dieses
Fortepiano tötet all unser Denken und Fühlen, und
wir werden dumm, abgestumpft, blödsinnig. Dieses ^
Überhandnehmen des Klavierspielens und gar die
Triumphzüge der Klaviervirtuosen sind charakteri-
stisch für unsere Zeit und zeugen ganz eigentlich von
dem Sieg des Maschinenwesens über den Geist. Die
technische Fertigkeit, die Präzision eines Automaten,
das Identifizieren mit dem besaiteten Holze, die tönende
IX, 1?
274
Lute;
Instrumentwerdung des Menschen, wird jetzt als das
Höchste gepriesen und gefeiert. Wie Heuschrecken-
scharen kommen die Klaviervirtuosen jeden Winter
nach Paris, weniger um Geld zu erwerben, als viel*
mehr um sich hier einen Namen zu machen, der
ihnen in andern Ländern desto reichlicher eine pe*
kuniäre Ernte verschafft. Paris dient ihnen als eine
Art Annoncenpfahl, wo ihr Ruhm in kolossalen
Lettern zu lesen. Ich sage, ihr Ruhm ist hier zu
lesen, denn es ist die Pariser Presse, welche ihn der
gläubigen Welt verkündet, und jene Virtuosen ver-
stehen sich mit der größten Virtuosität auf die Aus*
beutung der Journale und der Journalisten. Sie wissen
auch dem Harthörigsten schon beizukommen, denn
Menschen sind immer Menschen, sind empfänglich
für Schmeichelei, spielen auch gern eine Protektor*
rolle, und eine Hand wäscht die andere; die unreinere
ist aber selten die des Journalisten, und selbst der
feile Lobhudler ist zugleich ein betrogener Tropf, den
man zur Hälfte mit Liebkosungen bezahlt. Man
spricht von der Käuflichkeit der Presse; man irrt
sich sehr. Im Gegenteil, die Presse ist gewöhnlich
düpiert, und dies gilt ganz besonders in Beziehung
auf die berühmten Virtuosen. Berühmt sind sie
eigentlich alle, nämlich in den Reklamen, die sie
höchstselbst oder durch einen Bruder oder durch
ihre Frau Mutter zum Druck befördern. Es ist
kaum glaublich, wie demütig sie in den Zeitungs*
bureaus um die geringste Lobspende betteln, wie sie
sich krümmen und winden. Als ich noch bei dem
Direktor der »Gazette musicale« in großer Gunst
stand — <ach! ich habe sie durch jugendlichen
Leichtsinn verscherzt) — konnte ich so recht mit
eignen Augen ansehen, wie ihm jene Berühmten
Zweiter Teil
275
untertänig zu Füßen lagen und vor ihm krochen und
wedelten, um in seinem Journale ein bißchen gelobt
zu werden; und von unsern hochgefeierten Virtuosen,
die wie siegreiche Fürsten in allen Hauptstädten
Europas sich huldigen lassen, könnte man wohl in
Berangers Weise sagen, daß auf ihren Lorbeerkronen
noch der Staub von Moritz Schlesingers Stiefeln sieht-
bar ist. Wie diese Leute auf unsre Leichtgläubig*
keit spekulieren, davon hat man keinen Begriff, wenn
man nicht hier an Ort und Stelle die Betriebsamkeit
ansieht. In den Bureaus der erwähnten musikalischen
Zeitung begegnete ich einmal einem zerlumpten alten
Mann, der sich als den Vater eines berühmten Vir*
tuosen ankündigte und die Redaktoren des Journals
bat, eine Reklame abzudrucken, worin einige edle
Züge aus dem Kunstleben seines Sohnes zur Kennt-
nis des Publikums gebracht wurden. Der Berühmte
hatte nämlich irgendwo in Südfrankreich mit kolos-
salem Beifall ein Konzert gegeben und mit dem Er-
trag eine den Einsturz drohende altgotische Kirche
unterstützt; ein andermal hatte er für eine über-
schwemmte Witwe gespielt, oder auch für einen
siebzigjährigen Schulmeister, der seine einzige Kuh
verloren, usw. Im längern Gespräche mit dem Vater
jenes Wohltäters der Menschheit gestand der Alte
ganz naiv, daß sein Herr Sohn freilich nicht so viel
für ihn tue, wie er wohl vermöchte, und daß er ihn
manchmal sogar ein klein bißchen darben lasse. Ich
möchte dem Berühmten anraten, auch einmal für
die baufälligen Hosen seines alten Vaters ein Kon-
zert zu geben.
Wenn man diese Misere angesehen, kann man
wahrlich den schwedischen Studenten nicht mehr
grollen, die sich etwas allzustark gegen den Unfug
276
Lutezia
der Virtuosenvergötterung ausgesprochen und dem
berühmten Ole Bull bei seiner Ankunft in Upsala
die bekannte Ovation bereiteten. Der Gefeierte
glaubte schon, man würde ihm die Pferde ausspannen,
machte sich schon gefaßt auf Fackelzug und Blumen-
kränze, als er eine ganz unerwartete Tracht Ehren*
prügel bekam, eine wahrhaft nordische Surprise.
Die Matadoren der diesjährigen Saison waren die
Herren Sivori und Dreyschock. Ersterer ist ein Gei-
ger, und schon als solchen stelle ich ihn über letztern,
den furchtbaren Klavierschläger. Bei den Violinisten
ist überhaupt die Virtuosität nicht ganz und gar
Resultat mechanischer Fingerfertigkeit und bloßer
Technik, wie bei den Pianisten. Die Violine ist ein
/ Instrument, welches fast menschliche Launen hat und
mit der Stimmung des Spielers sozusagen in einem
sympathetischen Rapport steht: das geringste Miß-
behagen, die leiseste Gemütserschütterung, ein Ge-
fühlshauch, findet hier einen unmittelbaren Widerhall,
und das kommt wohl daher, weil die Violine, so ganz
nahe an unsre Brust gedrückt, auch unser Herzklopfen
vernimmt. Dies ist jedoch nur bei Künstlern der Fall,
die wirklich ein Herz in der Brust tragen, welches
klopft, die überhaupt eine Seele haben. Je nüchterner
und herzloser der Violinspieler, desto gleichförmiger
wird immer seine Exekution sein, und er kann auf
den Gehorsam seiner Fiedel rechnen, zu jeder Stunde,
an jedem Orte. Aber diese gepriesene Sicherheit ist
doch nur das Ergebnis einer geistigen Beschränktheit,
und eben die größten Meister waren es, deren Spiel
nicht selten abhängig gewesen von äußern und innern
Einflüssen. Ich habe niemand besser, aber auch zu-
zeiten niemand schlechter spielen gehört als Paganini,
und dasselbe kann ich von Ernst rühmen. Dieser
Zweiter Teil
277
letztere, Ernst, vielleicht der größte Violinspieler y
unsrer Tage, gleicht dem Paganini auch in seinen
Gebrechen, wie in seiner Genialität. Ernsts Ab=
Wesenheit ward hier diesen Winter sehr bedauert.
Signor Sivori war ein sehr matter Ersatz, doch wir
haben ihn mit großem Vergnügen gehört. Da er in
Genua geboren ist und vielleicht als Kind in den
engen Straßen seiner Vaterstadt, wo man sich nicht
ausweichen kann, dem Paganini zuweilen begegnete,
hat man ihn hier für einen Schüler desselben pro*
klamiert. Nein, Paganini hatte nie einen Schüler,
konnte keinen haben, denn das Beste, was er wußte,
das, was das Höchste in der Kunst ist, das läßt
sich weder lehren noch lernen.
Was ist in der Kunst das Höchste? Das, was u
auch in allen andern Manifestationen des Lebens das
Höchste ist: die selbstbewußte Freiheit des Geistes.
Nicht bloß ein Musikstück, das in der Fülle jenes
Selbstbewußtseins komponiert worden, sondern auch
der bloße Vortrag desselben kann als das künstlerisch
Höchste betrachtet werden, wenn uns daraus jener
wundersame Unendlichkeitshauch anweht, der un-
mittelbar bekundet, daß der Exekutant mit dem Kom-
ponisten auf derselben freien Geisteshöhe steht, daß
er ebenfalls ein Freier ist. Ja, dieses Selbstbewußt- •
sein der Freiheit in der Kunst offenbart sich ganz
besonders durch die Behandlung, durch die Form,
in keinem Falle durch den Stoff, und wir können
im Gegenteil behaupten, daß die Künstler, welche
die Freiheit selbst und die Befreiung zu ihrem Stoffe
gewählt, gewöhnlich von beschränktem, gefesseltem
Geiste, wirklich Unfreie sind. Diese Bemerkung be-
währt sich heutigentages ganz besonders in der deut-
schen Dichtkunst, wo wir mit Schrecken sehen, daß
278 Lutczia
die zügellos trotzigsten Freiheitsänger, beim Licht
betrachtet, meist nur bornierte Naturen sind, Phi-
lister, deren Zopf unter der roten Mütze hervor-
lauscht, Eintagsfliegen, von denen Goethe sagen
würde:
Matte Fliegen! Wie sie rasen!
Wie sie sumsend überkeck
Ihren kleinen Fliegendreck
Träufeln auf Tyrannennasen!
Die wahrhaft großen Dichter haben immer die großen
Interessen ihrer Zeit anders aufgefaßt als in gereimten
Zeitungsartikeln, und sie haben sich wenig darum be-
kümmert, wenn die knechtische Menge, deren Roheit
sie anwidert, ihnen den Vorwurf des Aristokratismus
machte.
LVX
Paris, 26. März 1843.
Als die merkwürdigsten Erscheinungen der heu-
rigen Saison habe ich die Herren Sivori und Drey-
schock genannt. Letzterer hat den größten Beifall
^ geerntet, und ich referiere getreulich, daß ihn die
öffentliche Meinung für einen der größten Klavier-
virtuosen proklamiert und den gefeiertsten derselben
gleichgestellt hat. Er macht einen höllischen Spek-
takel. Man glaubt nicht, einen Pianisten Dreyschock,
sondern drei Schock Pianisten zu hören. Da an
dem Abend seines Konzertes der Wind südwestlich
war, so konnten Sie vielleicht in Augsburg die ge-
waltigen Klänge vernehmen; in solcher Entfernung
ist ihre Wirkung gewiß eine angenehme. Hier je-
doch, im Departement de la Seine, berstet uns leicht
Zweiter Teil 279
das Trommelfell, wenn dieser Klavierschläger los-
wettert. Häng dich, Franz Liszt, du bist ein ge-
wöhnlicher Windgötze in Vergleichung mit diesem
Donnergott, der wie Birkenreiser die Stürme zu-
sammenbindet und damit das Meer stäupt. Die
altern Pianisten treten immer mehr in den Schatten,
und diese armen, abgelebten Invaliden des Ruhmes
müssen jetzt hart dafür leiden, daß sie in ihrer Ju-
gend überschätzt worden. Nur Kalkbrenner hält
sich noch ein bißchen. Er ist diesen Winter
wieder öffentlich aufgetreten, in dem Konzerte einer
Schülerin; auf seinen Lippen glänzt noch immer
jenes einbalsamierte Lächeln, welches wir jüngst
auch bei einem ägyptischen Pharaonen bemerkt
haben, als dessen Mumie in dem hiesigen Museum
abgewickelt wurde. Nach einer mehr als fünfund-
zwanzigjährigen Abwesenheit hat Herr Kalkbrenner
auch jüngst den Schauplatz seiner frühesten Erfolge,
nämlich London, wieder besucht und dort den größten
Beifall eingeerntet. Das Beste ist, daß er mit heilem
Halse hierher zurückgekehrt, und wir jetzt wohl
nicht mehr an die geheime Sage glauben dürfen, als
habe Herr Kalkbrenner England so lange gemieden
wegen der dortigen ungesunden Gesetzgebung, die
das galante Vergehen der Bigamie mit dem Strange
bestrafe. Wir können daher annehmen, daß jene
Sage ein Märchen war, denn es ist eine Tatsache,
daß Herr Kalkbrenner zurückgekehrt ist zu seinen hie-
sigen Verehrern, zu den schönen Fortepianos, die er
in Kompagnie mit Herrn Pleyel fabriziert, zu seinen
Schülerinnen, die sich alle zu seinen Meisterinnen
im französischen Sinne des Wortes ausbilden, zu
seiner Gemäldesammlung, welche, wie er behauptet,
kein Fürst bezahlen könne, zu seinem hoffnungs-
23o Lutezia
vollen Sohne, welcher in der Bescheidenheit bereits
seinen Vater übertrifft, und zu der braven Fisch-
händlerin, die ihm den famosen Türbot überließ, den
der Oberkoch des Fürsten von Benevent, Talleyrand
Perigord, ehemaligen Bischof von Autun, für seinen
Herrn bereits bestellt hatte. — Die Poissarde sträubte
sich lange, dem berühmten Pianisten, der inkognito
auf den Fischmarkt gegangen war, den besagten
Türbot zu überlassen, doch als ersterer seine Karte
hervorzog, sie auf den letztern niederlegte und die
arme Frau den Namen Kalkbrenner las, befahl sie
auf der Stelle, den Fisch nach seiner Wohnung zu
bringen, und sie war lange nicht zu bewegen, irgend-
eine Zahlung anzunehmen, hinlänglich bezahlt, wie
sie sei, durch die große Ehre. Deutsche Stockfische
ärgern sich über eine solche Fischgeschichte, weil
sie selbst nicht imstande sind, ihr Selbstbewußtsein
in solcher brillanten Weise geltend zu machen, und
weil sie Herrn Kalkbrenner überdies beneiden ob
seinem eleganten äußern Auftreten, ob seinem feinen
geschniegelten Wesen, ob seiner Glätte und Süßlich-
keit, ob der ganzen marzipanenen Erscheinung, die
jedoch für den ruhigen Beobachter durch manche
unwillkürliche Berlinismen der niedrigsten Klasse
einen etwas schäbigen Beisatz hat, so daß Koreff
ebenso witzig als richtig von dem Manne sagen
konnte: »Er sieht aus wie ein Bonbon, der in den
Dreck gefallen.«
Ein Zeitgenosse des Herrn Kalkbrenner ist Herr
Pixis, und obgleich er von untergeordneterem Range,
wollen wir doch hier als Kuriosität seiner erwähnen.
Aber ist Herr Pixis wirklich noch am Leben? Er
selber behauptet es, und beruft sich dabei auf das
Zeugnis des Herrn Sina, des berühmten Badegastes
Zweiter Teil 281
von Boulogne, den man nicht mit dem Berg Sinai
verwechseln darf. Wir wollen diesem braven Wellen-
bändiger Glauben schenken, obgleich manche böse
Zungen sogar versichern, Herr Pixis habe nie exi-
stiert. Nein, letzterer ist ein Mensch, der wirklich
lebt; ich sage Mensch, obgleich ein Zoologe ihm
einen geschwänzteren Namen erteilen würde. Herr
Pixis kam nach Paris schon zur Zeit der Invasion,
in dem Augenblick, wo der belvederische Apoll den
Römern wieder ausgeliefert wurde und Paris verlassen
mußte. Die Akquisition des Herrn Pixis sollte den
Franzosen einigen Ersatz bieten. Er spielte Klavier,
komponierte auch sehr niedlich, und seine musikali-
schen Stückchen wurden ganz besonders geschätzt von
den Vogelhändlern, welche Kanarienvögel auf Dreh-
orgeln zum Gesänge abrichten. Diesen gelben Dingern
brauchte man eine Komposition des Herrn Pixis nur ein-
mal vorzuleiern, und sie begriffen sie auf der Stelle, und
zwitscherten sie nach, daß es eine Freude war und
jedermann applaudierte: Pixissime! Seitdem die altern
Bourbonen vom Schauplatz abgetreten, wird nicht
mehr Pixissime gerufen; die neuen Sangvögel ver-
langen neue Melodien. Durch seine äußere Er-
scheinung, die physische, macht sich Herr Pixis noch
einigermaßen geltend; er hat nämlich die größte Nase
in der musikalischen Welt, und um diese Spezialität
recht auffallend bemerkbar zu machen, zeigt er sich
oft in Gesellschaft eines Romanzenkomponisten, der
gar keine Nase hat und deswegen jüngst den Orden
der Ehrenlegion erhalten hat, denn gewiß nicht seiner
Musik wegen ist Herr Panseron solchermaßen de-
koriert worden. Man sagt, daß derselbe auch zum
Direktor der großen Oper ernannt werden solle,
weil er nämlich der einzige Mensch sei, von dem
282 Lutezia
nicht zu befürchten stehe, daß ihn der Maestro Gia-
como Meyerbeer an der Nase herumziehen werde.
„/ Herr Herz gehört wie Kalkbrenner und Pixis zu
den Mumien; er glänzt nur noch durch seinen
schönen Konzertsaal, er ist längst tot und hat kürz-
lich auch geheiratet. Zu den hier ansässigen Klavier-
spielern, die jetzt am meisten Glück machen, gehören
Halle und Eduard Wolf, doch nur von letzterm
wollen wir besonders Notiz nehmen, da er sich zu-
gleich als Komponist auszeichnet. Eduard Wolf ist
fruchtbar und voller Verve. Stephan Heller ist mehr
Komponist als Virtuose, obgleich er auch wegen
seines Klavierspiels sehr geehrt wird. Seine musika-
lischen Erzeugnisse tragen alle den Stempel eines
ausgezeichneten Talentes, und er gehört schon jetzt
zu den großen Meistern. Er ist ein wahrer Künstler,
ohne Affektation, ohne Übertreibung; romantischer
Sinn in klassischer Form. Thalberg ist schon seit
zwei Monaten in Paris, will aber selbst kein Konzert
geben; nur im Konzerte eines seiner Freunde wird
er diese Woche öffentlich spielen. Dieser Künstler
unterscheidet sich vorteilhaft von seinen Klavier-
kollegen, ich möchte fast sagen durch sein musika-
. lisches Betragen. Wie im Leben, so auch in seiner
Kunst bekundet Thalberg den angebornen Takt, sein
Vortrag ist so gentlemanlike, so wohlhabend, so an-
ständig, so ganz ohne Grimasse, so ganz ohne for-
ciertes Genialtun, so ganz ohne jede renommierende
Bengelei, welche die innere Verzagnis schlecht ver-
hehlt. Die gesunden Weiber lieben ihn. Die kränk-
lichen Frauen sind ihm nicht minder hold, obgleich
er nicht durch epileptische Anfälle auf dem Klavier
ihr Mitleid in Anspruch nimmt, obgleich er nicht
auf ihre überreizt zarten Nerven spekuliert, obgleich
Zweiter Teil 283
er sie weder elektrisiert noch galvanisiert; negative,
aber schöne Eigenschaften. Es gibt nur einen, den
ich ihm vorzöge, das ist Chopin, der aber viel mehr
Komponist als Virtuose ist. Bei Chopin vergesse
ich ganz die Meisterschaft des Klavierspiels, und
versinke in die süßen Abgründe seiner Musik, in die
schmerzliche Lieblichkeit seiner ebenso tiefen wie
zarten Schöpfungen. Chopin ist der große geniale ^
Tondichter, den man eigentlich nur in Gesellschaft
von Mozart oder Beethoven oder Rossini nennen
sollte.
In den sogenannten lyrischen Theatern hat es "^
diesen Winter nicht an Novitäten gefehlt. Die Buffos
gaben uns »Don Pasquale«, ein neues Opus von
Signor Donizetti. Auch diesem Italiener fehlt es
nicht an Erfolg, sein Talent ist groß, aber noch
größer ist seine Fruchtbarkeit, worin er nur den
Kaninchen nachsteht. In der Opera comique sahen
wir »La part du diable«, Text von Scribe, Musik
von Auber; Dichter und Komponist passen hier gut
zusammen, sie sind sich auffallend ähnlich in ihren
Vorzügen wie in ihren Mängeln. Beide haben viel
Esprit, viel Grazie, viel Erfindung, sogar Leiden*
schaft; dem einen fehlt nur die Poesie, wie dem
andern nur die Musik fehlt. Das Werk findet sein
Publikum und macht immer ein volles Haus.
In der Academie royale de musique, der großen —
Oper, gab man dieser Tage »Karl VI.«, Text von
Casimir Delavigne, Musik von Halevy. Auch hier
bemerken wir zwischen dem Dichter und Kompo-
nisten eine wahlverwandte Ähnlichkeit. Sie haben
beide durch gewissenhaftes edles Streben ihre natür-
liche Begabnis zu steigern gewußt und mehr durch
die äußere Zucht der Schule als durch innere Ur-
J
284 Lutezia
sprünglichkeit sich herangebildet. Deshalb sind sie
auch beide nie ganz dem Schlechten verfallen, wie
es dem Originalgenie zuweilen begegnet; sie leisteten
immer etwas Erquickliches, etwas Schönes, etwas
Respektables, Akademisches, Klassisches. Beide sind
dabei gleich edle Naturen, würdige Gestalten, und
in einer Zeit wo das Gold sich geizig versteckt,
wollen wir an dem kursierenden Silber nicht ge-
ringschätzend mäkeln. »Der fliegende Holländer«
von Dietz ist seitdem traurig gescheitert; ich habe
diese Oper nicht gehört, nur das Libretto kam mir
zu Gesicht, und mit Widerwillen sah ich, wie die
schöne Fabel, die ein bekannter deutscher Schrift-
steller <H. Heine) fast ganz mundgerecht für die
Bühne ersonnen, in dem französischen Text verhunzt
worden.
Als gewissenhafter Berichterstatter muß ich er-
wähnen, daß unter den deutschen Landsleuten, die
hier anwesend, sich auch der vortreffliche Meister
Konradin Kreutzer befindet. Konradin Kreutzer ist
hier zu bedeutendem Ansehn gelangt durch das
»Nachtlager von Granada«, das die deutsche Truppe,
verhungerten Andenkens, gegeben hat. Mir ist der
verehrte Meister schon seit meinen frühesten Jugend-
tagen bekannt, wo mich seine Liederkompositionen
entzückten; noch heute tönen sie mir im Gemüte,
wie singende Wälder mit schluchzenden Nachtigallen
und blühender Frühlingslust. Herr Kreutzer sagt mir,
daß er für die Opera comique ein Libretto in Musik
setzen wird. Möge es ihm gelingen, auf diesem ge-
fährlichen Pfad nicht zu straucheln, und von den
abgefeimten Roues der Pariser Komödiantenwelt nicht
hinters Licht geführt zu werden, wie so manchen
Deutschen vor ihm geschehen, die sogar den Vorzug
Zweiter Teil 285
hatten, weniger Talent als Herr Kreutzer zu besitzen,
und jedenfalls leichtfüßiger als letzterer auf dem
glatten Boden von Paris sich zu bewegen wußten.
Welche traurigen Erfahrungen mußte Herr Richard
Wagner machen, der endlich, der Sprache der Ver-
nunft und des Magens gehorchend, das gefähr*
liehe Projekt, auf der französischen Bühne Fuß
zu fassen, klüglich aufgab und nach dem deutschen
Kartoffelland zurückflatterte. Vorteilhafter ausge-
rüstet im materiellen und industrieusen Sinne ist ^/
der alte Dessauer, welcher, wie er behauptet, im
Auftrage der Opera comique- Direktion eine Oper
komponiert. Den Text liefert ihm Herr Scribe, dem
vorher ein hiesiges Bankierhaus Bürgschaft leistet,
daß bei etwaigem Durchfall des alten Dessauer ihm,
dem berühmten Librettofabrikanten, eine namhafte
Summe als Abtrittsgeld oder Dedit ausbezahlt werde.
Er hat in der Tat recht sich vorzusehen, da der
alte Dessauer, wie er uns täglich vorwimmert, an
der Melancholik leidet. Aber wer ist der alte Des*
sauer? Es kann doch nicht der alte Dessauer sein,
der im siebenjährigen Kriege so viele Lorbeern ge-
wonnen und dessen Marsch so berühmt geworden,
und dessen Statue im Berliner Schloßgarten stand
und seitdem umgefallen ist? Nein, teurer Leser!
Der Dessauer, von welchem wir reden, hat nie Lor-
beern gewonnen, er schrieb auch keine berühmten
Märsche, und es ist ihm auch keine Statue gesetzt
worden, welche umgefallen. Er ist nicht der preußi-
sche alte Dessauer, und dieser Name ist nur ein nom^
de guerre oder vielleicht ein Spitzname, den man
ihm erteilt hat, ob seinem ältlichen katzenbucklicht
gekrümmten und benauten Aussehen. Er ist ein
alter Jüngling, der sich schlecht konserviert. Er ist
>/
286 Lutezia
nicht aus Dessau, im Gegenteil er ist aus Prag, wo
er im israelitischen Quartier zwei große reinliche
Häuser besitzt; auch in Wien soll er ein Haus be-
sitzen und sonstig sehr vermögend sein. Er hat also
nicht nötig zu komponieren, wie die alte Mosson
sagen würde. Aber aus Vorliebe für die Kunst ver-
nachlässigte er seine Handlungsgeschäfte, trieb Musik
und komponierte frühzeitig eine Oper, welche durch
edle Beharrlichkeit zur Aufführung gelangte und
anderthalb Vorstellungen erlebte. So wie in Prag
suchte der alte Dessauer auch in Wien seine Talente
geltend zu machen, doch die Clique, welche für
Mozart, Beethoven und Schubert schwärmt, ließ ihn
nicht aufkommen; man verstand ihn nicht, was schon
wegen seiner kauderwälschen Mundart und einer
gewissen näselnden Aussprache des Deutschen, die
an faule Eier erinnert, sehr erklärlich. Vielleicht
auch verstand man ihn und eben deswegen wollte
man nichts von ihm wissen. Dabei litt er an Hämor-
rhoiden, auch Harnbeschwerden, und er bekam, wie
er sich ausdrückt, die Melancholik. Um sich zu er-
heitern, ging er nach Paris, und hier gewann er die
Gunst des berühmten Herrn Moritz Schlesinger, der
seine Liederkompositionen in Verlag nahm; als Ho-
norar erhielt er von demselben eine goldene Uhr.
Als der alte Dessauer sich nach einiger Zeit zu
seinem Gönner begab und ihm anzeigte, daß die Uhr
nicht gehe, erwiderte derselbe: »Gehen? Habe ich
gesagt, daß sie gehen wird? Gehen Ihre Kompo-
sitionen? Es geht mir mit Ihren Kompositionen, wie
es Ihnen mit meiner Uhr geht. Sie gehen nicht.«
So sprach der Musikantenbeherrscher Moritz Schle-
singer, indem er den Kragen seiner Krawatte in die
Höhe zupfte und am Halse herumhaspelte, als werde
Zweiter Teil 287
ihm die Binde plötzlich zu enge, wie er zu tun pflegt
wenn er in Leidenschaft gerät; denn gleich allen
großen Männern ist er sehr leidenschaftlich. Dieses
unheimliche Zupfen und Haspeln am Halse soll oft
den bedenklichsten Ausbrüchen des Zornes voraus-
gehen, und der arme alte Dessauer wurde dadurch
so alteriert, daß er an jenem Tage stärker als je die
Melancholik bekam. Der edle Gönner tat ihm un-
recht. Es ist nicht seine Schuld, daß die Lieder-
kompositionen nicht gehen; er hat alles mögliche ge-
tan, um sie zum Gehen zu bringen; er ist deswegen
von Morgen bis Abend auf den Beinen gewesen,
und er läuft jedem nach, der imstande wäre, durch
irgendeine Zeitungsreklame seine Lieder zum Gehen
zu bringen. Er ist eine Klette an dem Rocke jedes
Journalisten, und jammert uns beständig vor von
seiner Melancholik und wie ein Brosämchen des
Lobes sein krankes Gemüt erheitern könne. Wenig
begüterte Feuilletonisten, die an kleinen Journalen
arbeiten, sucht er in einer andern Weise zu ködern,
indem er ihnen z. B. erzählt, daß er jüngst dem Re-
dakteur eines Blattes im Cafe de Paris ein Frühstück
gegeben habe, welches ihm fünfundvierzig Francs und
zehn Sous gekostet; er trägt auch wirklich die Rech-
nung, die carte payante, jenes Dejeuners beständig
in der Hosentasche, um sie zur Beglaubigung vor-
zuzeigen. Ja, der zornige Schlesinger tut dem alten »
Dessauer unrecht, wenn er meint, daß derselbe nicht
alle Mittel anwende, um die Kompositionen zum
Gehen zu bringen. Nicht bloß die männlichen son-
dern auch die weiblichen Gänsefedern sucht der
Ärmste zu solchem Zwecke in Bewegung zu setzen.
Er hat sogar eine alte vaterländische Gans gefunden,
die aus Mitleid einige Lobreklamen im sentimental
J
288 Lutezia
flauesten Deutsch-Französisch für ihn geschrieben,
und gleichsam durch gedruckten Balsam seine Me-
lancholik zu lindern gesucht hat. Wir müssen die
brave Person um so mehr rühmen, da nur reine
Menschenliebe, Philanthropie, im Spiele, und der
alte Dessauer schwerlich durch sein schönes Gesicht
die Frauen zu bestechen vermöchte. Über dieses
Gesicht sind die Meinungen verschieden; die einen
sagen, es sei ein Vomitiv, die andern sagen, es sei
ein Laxativ. So viel ist gewiß, bei seinem Anblick
beklemmt mich immer ein fatales Dilemma, und ich
weift alsdann nicht, für welche von beiden Ansichten
ich mich entscheiden soll. Der alte Dessauer hat
dem hiesigen Publikum zeigen wollen, daß sein Ge-
sicht nicht, wie man sagte, das fatalste von der Welt
sei. Er hat in dieser Absicht einen Jüngern Bruder
expreß von Prag hierher kommen lassen, und dieser
schöne Jüngling, der wie ein Adonis des Grindes
aussieht, begleitet ihn jetzt überall in Paris. —
Entschuldige, teurer Leser, wenn ich dich von
solchen Schmeißfliegen unterhalte; aber ihr zudring-
liches Gesumse kann den Geduldigsten am Ende
dahin bringen, daß er zur Fliegenklatsche greift. Und
dann auch wollte ich hier zeigen, welche Mistkäfer
von unsern biedern Musikverlegern als deutsche Nach-
tigallen, als Nachfolger, ja als Nebenbuhler von
Schubert gepriesen werden. Die Popularität Schuberts
ist sehr groß in Paris, und sein Name wird in der
unverschämtesten Weise ausgebeutet. Der misera-
belste Liederschund erscheint hier unter dem fingierten
Namen Camille Schubert, und die Franzosen, die
gewiß nicht wissen, daß der Vorname des echten
Musikers Franz ist, lassen sich solchermaßen täu-
schen. Armer Schubert! Und welche Texte werden
Zweiter Teil 289
seiner Musik untergeschoben! Es sind namentlich die
von Schubert komponierten Lieder von Heinrich
Heine, welche hier am beliebtesten sind, aber die
Texte sind so entsetzlich übersetzt, daß der Dichter
herzlich froh war, als er erfuhr, wie wenig die
Musikverleger sich ein Gewissen daraus machen,
den wahren Autor verschweigend, den Namen eines
obskuren französischen Paroliers auf das Titelblatt
jener Lieder zu setzen. Es geschah vielleicht auch
aus Pfiffigkeit, um nicht an droits d'auteur zu er*
innern. Hier in Frankreich gestatten diese dem
Dichter eines komponierten Liedes immer die Hälfte
des Honorars. Wäre diese Mode in Deutschland
eingeführt, so würde ein Dichter, dessen »Buch der
Lieder« seit zwanzig Jahren von allen deutschen Mu-
sikhändlern ausgebeutet wird, wenigstens von diesen
Leuten einmal ein Wort des Dankes erhalten haben.
— Es ist ihm aber von den vielen hundert Kompo-
sitionen seiner Lieder, die in Deutschland erschienen,
nicht ein einziges Freiexemplar geschickt worden!
Möge auch einmal für Deutschland die Stunde schla-
gen, wo das geistige Eigentum des Schriftstellers
ebenso ernsthaft anerkannt werde, wie das baum-
wollene Eigentum des Nachtmützenfabrikanten. Dich-
ter werden aber bei uns als Nachtigallen betrachtet,
denen nur die Luft angehöre; sie sind rechtlos,
wahrhaft vogelfrei !
Ich will diesen Artikel mit einer guten Handlung
beschließen. Wie ich höre, soll sich Herr Schindler
in Köln, wo er Musikdirektor ist, sehr darüber
grämen, daß ich in einem meiner Saisonberichte
sehr wegwerfend von seiner weißen Krawatte ge-
sprochen, und von ihm selbst behauptet habe, auf
seiner Visitenkarte sei unter seinem Namen der Zu-
IX. tq
\^
290
Lutezia
satz ami de Beethoven zu lesen gewesen. Letzteres
stellt er in Abrede; was die Krawatte betrifft, so
hat es damit ganz seine Richtigkeit, und ich habe
nie ein fürchterlich weißeres und steiferes Ungeheuer
gesehen; doch in betreff der Karte muß ich aus
Menschenliebe gestehen, daß ich selber daran zweifle,
ob jene Worte wirklich darauf gestanden. Ich habe
die Geschichte nicht erfunden, aber vielleicht mit
zu großer Zuvorkommenheit geglaubt, wie es denn
bei allem in der Welt mehr auf die Wahrscheinlich-
keit als auf die Wahrheit selbst ankommt. Erstere
beweist, daß man den Mann einer solchen Narrheit
fähig hielt, und bietet uns das Maß seines wirklichen
Wesens, während ein wahres Faktum an und für
sich nur eine Zufälligkeit ohne charakteristische Be-
deutung sein kann. Ich habe die erwähnte Karte
nicht gesehen; dagegen sah ich dieser Tage mit leib-
lich eignen Augen die Visitenkarte eines schlechten
italienischen Sängers, der unter seinem Namen die
Worte neveu de Mr. Rubini hatte drucken lassen.
LVII.
Paris, 5. Mai 1843.
Die eigentliche Politik lebt jetzt zurückgezogen in
ihrem Hotel auf dem Boulevard des Capucins.
Industrielle und artistische Fragen sind unterdessen
an der Tagesordnung, und man streitet jetzt, ob das
Zuckerrohr oder die Runkelrübe begünstigt werden
solle, ob es besser sei, die Nordeisenbahn einer
Kompagnie zu überlassen oder sie ganz auf Kosten
des Staates auszubauen, ob das klassische System
in der Poesie durch den Sukzeß von »Lucrezia«
Zweiter' Teil 291
wieder auf die Beine kommen werde; die Namen,
die man in diesem Augenblick am häufigsten nennt,
sind Rothschild und Ponsard.
Die Untersuchung über die Wahlen bildet ein
kleines Intermezzo in der Kammer. Der voluminöse
Bericht über diese betrübsame Angelegenheit enthält
sehr wunderliche Details. Der Verfasser ist ein
gewisser Lanyer, den ich vor zwölf Jahren als einen
äußerst ungeschickten Arzt bei seinem einzigen Pa-
tienten antraf, und der seitdem zum Besten der
Menschheit den Äskulapstab an den Nagel gehängt
hat. Sobald die Enquete beseitigt, beginnen die
Debatten über die Zuckerfrage, bei welcher Gelegen-
heit Herr von Lamartine die Interessen des Kolonial-
handeis und der französischen Marine gegen den
kleinlichen Krämersinn vertreten wird. Die Gegner
des Zuckerrohrs sind entweder beteiligte Industrielle,
die das Heil Frankreichs nur vom Standpunkt ihrer
Bude beurteilen, oder es sind alte abgelebte Bona»
partisten, die an der Runkelrübe, der Lieblingsidee
des Kaisers, mit einer gewissen Pietät festhalten.
Diese Greise, die seit 1814 geistig stehen geblieben,
bilden immer ein wehmütig komisches Seitenstück
zu unsern überrheinischen alten Deutschtümlern, und
wie diese einst für die deutsche Eiche und den
Eichelkaffee, so schwärmen jene für die Gloire und
den Runkelrübenzucker. Aber die Zeit rollt rasch
vorwärts, unaufhaltsam, aufrauchenden Dampfwagen,
und die abgenutzten Helden der Vergangenheit, die
alten Stelzfüße abgeschlossener Nationalität, die Inva-
liden und Inkurabeln, werden wir bald aus den
Augen verlieren.
Die Eröffnung der beiden neuen Eisenbahnen,
wovon die eine nach Orleans, die andere nach
2Q2
Lutezia
Roucn führt, verursacht hier eine Erschütterung,
die jeder mitempfindet, wenn er nicht etwa auf einem
sozialen Isolierschemel steht. Die ganze Bevölkerung
von Paris bildet in diesem Augenblick gleichsam
eine Kette, wo einer dem andern den elektrischen
Schlag mitteilt. Während aber die große Menge
verdutzt und betäubt die äußere Erscheinung der
großen Bewegungsmächte anstarrt, erfaßt den Denker
ein unheimliches Grauen, wie wir es immer emp-
finden, wenn das Ungeheuerste, das Unerhörteste
geschieht, dessen Folgen unabsehbar und unberechen-
/ bar sind. Wir merken bloß, daß unsre ganze Exi-
y stenz in neue Gleise fortgerissen, fortgeschleudert
wird, daß neue Verhältnisse, Freuden und Drang*
sale uns erwarten, und das Unbekannte übt seinen
schauerlichen Reiz, verlockend und zugleich beäng-
stigend. So muß unsern Vätern zumut gewesen
sein, als Amerika entdeckt wurde, als die Erfindung
des Pulvers sich durch ihre ersten Schüsse ankündigte,
als die Buchdruckerei die ersten Aushängebogen des
göttlichen Wortes in die Welt schickte. Die Eisen-
bahnen sind wieder ein solches providencielles Er-
eignis, das der Menschheit einen neuen Umschwung
gibt, das die Farbe und Gestalt des Lebens ver-
ändert ; es beginnt ein neuer Abschnitt in der Welt*
geschichte, und unsre Generation darf sich rühmen,
daß sie dabei gewesen. Welche Veränderungen
müssen jetzt eintreten in unsrer Anschauungsweise
und in unsern Vorstellungen ! Sogar die Elementar-
v begriffe von Zeit und Raum sind schwankend ge-
worden. Durch die Eisenbahnen wird der Raum
getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig.
Hätten wir nur Geld genug, um auch letztere an-
ständig zu töten! In vierthalb Stunden reist man
Zweiter Teil
^93
jetzt nach Orleans, in ebensoviel Stunden nach
Rouen. Was wird das erst geben, wenn die Linien
nach Belgien und Deutschland ausgeführt und mit
den dortigen Bahnen verbunden sein werden! Mir
ist als kämen die Berge und Wälder aller Länder
auf Paris angerückt. Ich rieche schon den Duft
der deutschen Linden; vor meiner Türe brandet die
Nordsee.
Es haben sich nicht bloß für die Ausführung der
Nordeisenbahn, sondern auch für die Anlage vieler
andern Linien große Gesellschaften gebildet, die das
Publikum in gedruckten Zirkularen zur Teilnahme
auffordern. Jede versendet einen Prospektus, an
dessen Spitze in großen Zahlen das Kapital para-
diert, das die Kosten der Unternehmung decken
wird. Es beträgt immer einige fünfzig bis hundert,
ja sogar mehre hundert Millionen Francs; es werden,
sobald die zur Subskription limitierte Zeit verflossen,
keine Subskribenten mehr angenommen; auch wird
bemerkt, daß, im Fall die Summe des limitierten
Gesellschaftskapitals vor jenem Termin erreicht ist,
niemand mehr zur Subskription zugelassen werden
kann. Ebenfalls mit kolossalen Buchstaben stehen
obenangedruckt die Namen der Personen, die das
Comite de surveillance der Sozietät bilden; es sind
nicht bloß Namen von Finanziers, Bankiers, Rece-
veurs-generaux, Usinen-Inhabern und Fabrikanten,
sondern auch Namen von hohen Staatsbeamten,
Prinzen, Herzögen, Marquis, Grafen, die zwar meist
unbekannt, aber mit ihrer offiziellen und feudalisti-
schen Titulatur gar prachtvoll klingen, so daß man
glaubt, die Trompetenstöße zu vernehmen, womit
Bajazzo auf dem Balkon einer Marktbude das ver-
ehrungswürdige Publikum zum Hereintreten einladet.
204 Lutezia
»On ne paic qu'en entrant.« Wer traute nicht einem
solchen comite de surveillance, das aber keineswegs,
wie viele glauben, eine solidarische Garantie ver-
sprochen haben will und keine feste Stütze ist, son-
dern als Karyatide figuriert. Ich bemerkte einem
meiner Freunde meine Verwunderung, daß unter
den Mitgliedern der Comites sich auch Marine-
offiziere befänden, ja daß ich auf vielen Prospektus-
Zirkularen als Präsidenten der Sozietät die Namen
von Admiralen gedruckt sähe. So z. B. sähe ich
den Namen des Admirals Rosamel, nach welchem
sogar die ganze Gesellschaft und sogar ihre Aktien
genannt werden. Mein Freund, der sehr lachlustig,
meinte, eine solche Beigesellung von Seeoffizieren
sei eine sehr kluge Vorsichtsmaßregel der respektiven
Gesellschaften, für den Fall, daß sie mit der Justiz
in eine fatale Kollision kämen, und von einer Jury
zu den Galeeren verurteilt würden; die Mitglieder
der Gesellschaft hätten alsdann immer einen Admiral
bei sich, was ihnen zu Toulon oder Brest, wo es
viel zu rudern gibt, von Nutzen sein möchte. Mein
Freund irrt sich. Jene Leute haben nicht zu be-
fürchten, in Toulon oder in Brest ans Ruder zu
kommen; das Ruder, das ihren Händen einst anheim-
fällt oder zum Teil schon anheimgefallen, gehört einer
y ganz anderen örtlichkeit, es ist das Staatsruder, dessen
sich die herrschende Geldaristokratie täglich mehr und
mehr bemächtigt. Jene Leute werden bald nicht sowohl
das comite de surveillance der Eisenbahnsozietät,
sondern auch das comite de surveillance unserer
ganzen bürgerlichen Gesellschaft bilden, und sie wer-
den es sein, die uns nach Toulon oder Brest schicken.
Das Haus Rothschild, welches die Konzession
der Nordeisenbahn soumissioniert und sie aller
Zweiter Teil
295
Wahrscheinlichkeit nach erhalten wird, bildet keine
eigentliche Sozietät, und jede Beteiligung, die jenes
Haus einzelnen Personen gewährt, ist eine Ver-
günstigung, ja, um mich ganz bestimmt auszudrücken,
sie ist ein Geldgeschenk, das Herr von Rothschild
seinen Freunden angedeihen läßt. Die eventuellen
Aktien, die sogenannten Promessen des Hauses
Rothschild, stehen nämlich schon mehre hundert
Franken über pari, und wer daher solche Aktien al
pari von dem Baron James de Rothschild begehrt,
bettelt im wahren Sinne des Wortes. Aber die
ganze Welt bettelt jetzt bei ihm, es regnet Bettel*
briefe, und da die Vornehmsten mit dem würdigen
Beispiel vorangehen, ist jetzt das Betteln keine
Schande mehr. Herr von Rothschild ist daher der ^
Held des Tages, und er spielt überhaupt in der Ge-
schichte unsrer heutigen Misere eine so große Rolle,
daß ich ihn oft und so ernsthaft als möglich be-
sprechen" muß. Er ist in der Tat eine merkwürdige
Person. Ich kann seine finanzielle Fähigkeit nicht
beurteilen, aber nach Resultaten zu schließen muß
sie sehr groß sein. Eine eigentümliche Kapazität ist
bei ihm die Beobachtungsgabe oder der Instinkt, wo-
mit er die Kapazitäten andrer Leute in jeder
Sphäre, wo nicht zu beurteilen, doch herauszufinden
versteht. Man hat ihn ob solcher Begabnis mit
Ludwig XIV. verglichen; und wirklich, im Gegen-
satz zu seinen Herren Kollegen, die sich gern mit
einem Generalstab von Mittelmäßigkeit umgeben,
sahen wir Hrn. James von Rothschild immer in
intimster Verbindung mit den Notabilitäten jeder
Disziplin: wenn ihm auch das Fach ganz unbekannt
war, so wußte er doch immer wer darin der beste
Mann. Er versteht vielleicht keine Note Musik,
296
Lutezia
aber Rossini war beständig sein Hausfreund. Ary
Scheffer ist sein Hofmaler; Careme war sein Koch.
Hr. v. Rothschild weiß sicher kein Wort Griechisch,
aber der Hellenist Letronne ist der Gelehrte, den er
am meisten auszeichnet. Sein Leibarzt war der
geniale Dupuytren, und es herrschte zwischen beiden
die brüderlichste Zuneigung. Den Wert eines Cre-
mieux, des großen Juristen, dem eine große Zukunft
bevorsteht, hat Hr. v. Rothschild schon frühe be-
griffen, und er fand in ihm seinen treuen Anwalt.
In gleicher Weise hat er die politischen Fähigkeiten
v/ Ludwig Philipps gleich von Anfang gewürdigt, und
er stand immer auf vertrautem Fuße mit diesem
Großmeister der Staatskunst. Den Emile Pereire, den
Pontifex Maximus der Eisenbahnen, hat Hr. v. Roth*
schild ganz eigentlich entdeckt, er machte denselben
gleich zu seinem ersten Ingenieur, und durch ihn
gründete er die Eisenbahn nach Versailles. Die
Poesie, sowohl die französische wie die deutsche, ist
ebenfalls in der Gunst des Hrn. v. Rothschild sehr
würdig vertreten, doch will es mich bedünken, als
ob hier nur eine liebenswürdige Courtoisie im Spiele,
und als ob der Herr Baron für unsre heutigen leben-
den Dichter nicht so schwärmerisch begeistert sei
wie für die großen Toten, z. B. für Homer, Sopho-
kles, Dante, Cervantes, Shakspeare, Goethe, lauter
verstorbene Poeten, verklärte Genien, die geläutert
von allen irdischen Schlacken, jeder Erdennot ent-
rückt sind und keine Nordeisenbahnaktien verlangen.
/ In diesem Augenblick ist der Stern Rothschild im
Zenit seines Glanzes. Ich weiß nicht, ob ich mir
nicht einen Mangel an Devotion zuschulden kommen
lasse, indem ich Hrn. v. Rothschild nur einen Stern
nannte. Doch er wird mir nicht darob grollen, wie
Zweiter Teil
297
jener andre, Ludwig XIV., der einst über einen armen
Dichter in Zorn geriet, weil er die Impertinenz hatte,
ihn mit einem Stern zu vergleichen, ihn, der gewohnt
war, die Sonne genannt zu werden, und auch diesen
Himmelskörper als sein offizielles Sinnbild ange-
nommen.
Ich will heute, um ganz sicher zu gehen, Hrn.
v. Rothschild dennoch mit der Sonne vergleichen,
erstens kostet es mir nichts und dann wahrhaftig
ich kann es mit gutem Fug in diesem Augenblick,
wo jeder ihm huldigt um von seinen goldnen Strahlen
gewärmt zu werden. — Unter uns gesagt, diese furor ^"
der Verehrung ist für die arme Sonne keine geringe
Plage, und sie hat keine Ruhe vor ihren Anbetern,
worunter manche gehören, die wahrlich nicht wert
sind, von der Sonne beschienen zu werden; diese
Pharisäer psalmodieren am lautesten ihr Lob und
Preis, und der arme Baron wird von ihnen so sehr
moralisch torquiert und abgehetzt, daß man ein Mit-
leid mit ihm haben möchte. Ich glaube überhaupt,
das Geld ist für ihn mehr ein Unglück als ein Glück;
hätte er ein hartes Naturell, so würde er weniger
Ungemach ausstehen, aber ein gutmütiger, sanfter \^
Mensch, wie er ist, muß er viel leiden von dem An-
drang des vielen Elends, das er lindern soll, von
den Ansprüchen, die man beständig an ihn macht,
und von dem Undank, der jeder seiner Wohltaten
auf dem Fuße folgt. Überreichtum ist vielleicht ^
schwerer zu ertragen als Armut. Jedem, der sich in
großer Geldnot befindet, rate ich, zu Herrn v. Roth-
schild zu gehen; nicht um bei ihm zu borgen <denn
ich zweifle, das er etwas Erkleckliches bekömmt),
sondern um sich durch den Anblick jenes Geld-
elends zu trösten. Der arme Teufel, der zuwenig
298 Lutezia
hat, und sich nicht zu helfen weiß, wird sich hier
überzeugen, daß es einen Menschen gibt, der noch
weit mehr gequält ist, weil er zuviel Geld hat, weil
alles Geld der Welt in seine kosmopolitische Riesen-
tasche geflossen, und weil er eine solche Last mit
sich herumschleppen muß, während rings um ihn her
der große Haufen von Hungrigen und Dieben die
Hände nach ihm ausstreckt. Und welche schreck-
liche und gefährliche Hände! — »Wie geht es
Ihnen?« frug einst ein deutscher Dichter den Herrn
Baron. »Ich bin verrückt,« erwiderte dieser. »Ehe
Sie nicht Geld zum Fenster hinauswerfen,« sagte
der Dichter, »glaube ich es nicht.« Der Baron fiel
ihm aber seufzend in die Rede: »Das ist eben meine
Verrücktheit, daß ich nicht manchmal das Geld zum
Fenster hinauswerfe.«
y Wie unglücklich sind doch die Reichen in diesem
Leben — und nach dem Tode kommen sie nicht
einmal in den Himmel! »Ein Kamel wird eher durch
ein Nadelöhr gehen, als daß ein Reicher ins Himmel-
reich käme« — dieses Wort des göttlichen Kommu-
nisten ist ein furchtbares Anathema und zeugt von
seinem bittern Haß gegen die Börse und haute finance
von Jerusalem. Es wimmelt in der Welt von Phi-
lanthropen, es gibt Tierquälergesellschaften, und man
tut wirklich sehr viel für die Armen. Aber für die
Reichen, die noch viel unglücklicher sind, geschieht
gar nichts. Statt Preisfragen über Seidenkultur, Stall-
fütterung und Kantsche Philosophie aufzugeben,
sollten unsre gelehrten Sozietäten einen bedeutenden
Preis aussetzen zur Lösung der Frage: wie man ein
Kamel durch ein Nadelöhr fädeln könne? Ehe diese
große Kamelfrage gelöst ist und die Reichen ejne
Aussicht gewinnen, ins Himmelreich zu kommen,
Zweiter Teil
299
wird auch für die Armen kein durchgreifendes Heil
begründet. Die Reichen würden weniger hartherzig s
sein, wenn sie nicht bloß auf Erdenglück angewiesen
wären und nicht die Armen beneiden müßten, die
einst dort oben in Floribus sich des ewigen Lebens
gaudieren. Sie sagen: »Warum sollen wir hier auf
Erden für das Lumpengesindel etwas tun, da es
ihm doch einst besser geht als uns, und wir jeden*
falls nach dem Tode nicht mit demselben zusammen*
treffen.« Wüßten die Reichen, daß sie dort oben
wieder in aller Ewigkeit mit uns gemeinsam hausen
müssen, so würden sie sich gewiß hier auf Erden
etwas genieren und sich hüten, uns gar zu sehr zu
mißhandeln. Laßt uns daher vor allem die große
Kamelfrage lösen.
Hartherzig sind die Reichen, das ist wahr. Sie .
sind es sogar gegen ihre ehemaligen Kollegen, wenn N*
sie etwas heruntergekommen sind. Da bin ich jüngst
dem armen August Leo begegnet, und das Herz
blutete mir beim Anblick des Mannes, der ehemals
mit den Häuptern der Börse, mit der Aristokratie
der Spekulanten, so intim verbunden und sogar selbst
ein Stück Bankier war. Aber sagt mir doch, Ihr
hochmögenden Herren, was hat Euch der arme Leo
getan, daß Ihr ihn so schnöde ausgestoßen habt aus
der Gemeinde? — ich meine nicht aus der jüdischen,
ich meine aus der Finanzgemeinde. Ja, der Ärmste
genießt seit einiger Zeit die Ungunst seiner Genossen
in so hohem Grade, daß man ihn von allen ver-
dienstlichen Unternehmungen, d. h. von allen Unter-
nehmungen, woran etwas verdient wird, wie einen
Misselsüchtigen ausschließt. Auch von dem letzten
Emprunt hat man ihm nichts zufließen lassen, und
auf Beteiligung bei neuen Eisenbahn-Entreprisen muß
300
Lutezia
S
er gänzlich verzichten, seitdem er bei der Versailler
Eisenbahn der rive gauche eine so klägliche Schlappe
erlitten, und seine Leute in so schreckliche Verluste
hineingerechnet hat. Keiner will mehr etwas von
ihm wissen, jeder stößt ihn zurück, und sogar sein
einziger Freund, <der, beiläufig gesagt, ihn nie aus-
stehen konnte), sogar sein Jonathan, der Stockjobber
Läusedorf, verläßt ihn und läuft jetzt beständig
hinter dem Baron Meklenburg einher, und kriecht
demselben fast zwischen die Rockschöße hinein. —
Beiläufig bemerke ich ebenfalls, daß genannter Baron
Meklenburg, einer unserer eifrigsten Agioteure und
Industriellen, keineswegs ein Israelite ist, wie man
gewöhnlich glaubt, weil man ihn mit Abraham Meklen-
burg verwechselt, oder weil man ihn immer unter
den Starken Israels sieht, unter den Krethi und Plethi
der Börse, wo sie sich um ihn versammeln; denn
sie lieben ihn sehr. Diese Leute sind keine religiösen
Fanatiker, wie man sieht, und ihr Unmut gegen den
armen Leo ist daher keinen intoleranten Ursachen
beizumessen; sie grollen ihm nicht wegen seiner Ab*
trünnigkeit von der schönen jüdischen Religion, und
sie zuckten nur mitleidig die Achsel über die
schlechten Religionswechselgeschäfte des armen Leo,
der in dem protestantischen Bethaus der rue des
billettes jetzt das Amt eines Marguillers versieht
— das ist gewiß ein bedeutendes Ehrenamt, aber
ein Mann wie August Leo wäre mit der Zeit auch
in der Synagoge zu großen Würden emporgestiegen,
man hätte vielleicht bei Beschneidungsfeierlichkeiten
das Kind, dem die Vorhaut abgeschnitten wird,
oder das Messerchen, womit solches geschieht, seinen
Händen anvertraut, oder man hätte ihn auch bei
Lesung der Thora mit den kostspieligsten Tages-
Zweiter Teil 301
würden überhäuft, ja, da er sehr musikalisch ist und
gar für Kirchenmusik so viel Sinn besitzt, wäre ihm
vielleicht am Neujahrsfeste der jüdischen Kirche das
Blasen mit dem Schofar, dem heiligen Hörne, zuteil
worden. Nein, er ist nicht das Opfer eines religiösen
oder moralischen Unwillens starrköpfiger Pharisäer,
es sind nicht Fehler des Herzens, welche dem armen
Leo zur Last gelegt werden, sondern Rechnungs« >/
fehler, und verlorene Millionen verzeiht selbst kein
Christ. Aber habt doch endlich Erbarmen mit dem
armen Gefallenen, mit der gesunkenen Größe, nehmt
ihn wieder auf in Gnaden, laßt ihn wieder teilnehmen
an einem guten Geschäfte, gönnt ihm einmal wieder
einen kleinen Profit, woran sich sein gebrochenes
Herz erlabe, date obolum Belisario — gebt einen
Obolus einem Belisar, der zwar kein großer Feldherr
aber blind gewesen und nie im Leben irgendeinem
Bedürftigen einen Obolus gegeben hat!
Auch patriotische Gründe gibt es, welche die
Erhaltung des armen Leo wünschenswert machen.
Gekränktes Selbstgefühl und .die großen Verluste
nötigen, wie ich höre, den einst so wohlhabenden
Mann, das sehr teure Paris zu verlassen und sich
auf das Land zurückzuziehen, wo er wie Cincin*
natus seinen selbstgepflanzten Kohl verspeisen oder
wie einst Nebukadnezar auf seinen eigenen Wiesen
grasen kann. Das wäre nun ein großer Verlust für ^y
die deutsche Landsmannschaft. Denn alle deutsche
Reisende zweiten und dritten Ranges, die hierher nach
Paris kamen, fanden im Hause des Herrn Leo eine
gastliche Aufnahme, und manche, die in der frostigen
Franzosenwelt ein Unbehagen empfanden, konnten
sich mit ihrem deutschen Herzen hierher flüchten
und mit gleichgesinnten Gemütern wieder heimisch
9Q2 Lutezia
fühlen. An kalten Winterabenden fanden sie hier
eine warme Tasse Tee, etwas homöopathisch zu-
bereitet, aber nicht ganz ohne Zucker. Sie sahen
hier Herrn von Humboldt, nämlich in effigie an der
Wand hängend, als Lockvogel. Hier sahen sie den
Nasenstern in Natura. Auch eine deutsche Gräfin
fand man hier. Es zeigten sich hier auch die vor-
nehmsten Diplomaten von Krähwinkel, nebst ihren
kräh- und schiefwinklichten Gemahlinnen. Hier hörte
man mitunter sehr ausgezeichnete Klavierspieler und
Geiger, neuangekommene Virtuosen, die von Seelen-
verkäufern an das Haus Leo empfohlen worden und
sich in seinen Soireen musikalisch ausbeuten ließen.
Es waren die holden Klänge der Muttersprache, so-
gar der Großmuttersprache, welche hier den Deut-
schen begrüßten. Hier ward die Mundart des Ham-
burger Dreckwalls am reinsten gesprochen, und wer
diese klassischen Laute vernahm, dem ward zumute,
als röche er wieder die Twieten des Mönkedamms.
Wenn aber gar die »Adelaide« von Beethoven ge-
sungen wurde, flössen hier die sentimentalsten Tränen!
Ja, jenes Haus war eine Oase, eine sehr aasige Oase
deutscher Gemütlichkeit in der Sandwüste der fran-
zösischen Verstandswelt, es war eine Lauberhütte
des traulichsten Cancans, wo man ruddelte wie an
den Ufern des Mains, wo man klingelte wie im
Weichbilde der hil'gen Stadt Köln, wo dem vater-
ländischen Klatsch manchmal auch zur Erfrischung
ein Gläschen Bier beigesellt ward — deutsches Herz,
was verlangst du mehr? Es wäre jammerschade,
wenn diese Klatschbude geschlossen würde.
Zweiter Teil 303
LVIII.
Paris, 6. Mai 1843.
Die kostbare Zeit wird leichtsinnig verzettelt. Ich
sage die kostbare Zeit, und ich verstehe darunter
die Friedensjahre, die uns durch die Regierung Lud*
wig Philipps verbürgt sind. An dem Lebensfaden
desselben hängt die Ruhe Frankreichs, und der Mann
ist alt, und unerbittlich ist die Schere der Parze. Statt
diese Zeit zu benutzen und den Knäuel der innern
und äußern Mißverständnisse zu entwirren, sucht
man die Verwickelungen und Schwierigkeiten noch
zu steigern. Nichts als geschminkte Komödie, und
Ränke hinter den Kulissen. Durch dieses Kleintreiben
kann Frankreich wirklich an den Rand des Abgrunds
geraten. Die Wetterfahnen verlassen sich auf ihr
berühmtes Talent der Vielseitigkeit in der Bewegung;
sie fürchten nicht die ärgsten Stürme, da sie immer
verstanden, sich nach jedem Luftzug zu drehen. Ja,
der Wind kann Euch nicht brechen, denn Ihr seid
noch beweglicher wie der Wind. Aber Ihr bedenkt
nicht, daß Ihr trotz Eurer windigen Versatilität den-
noch kläglich aus Eurer Höhe herabpurzelt, wenn
der Turm niederstürzt, auf dessen Spitze Ihr gestellt
seid! Fallen müßt Ihr mit Frankreich, und dieser
Turm ist untergraben, und im Norden hausen sehr
böswillige Wettermacher. Die Schamanen an der
Newa sind in diesem Augenblick nicht in der Ekstase
des Sturmbeschwörens; aber hier hängt doch alles
von Laune ab, von der absoluten Laune erhabenster
Willkür. Wie gesagt, mit dem Ableben Ludwig
Philipps verschwindet alle Bürgschaft der Ruhe; dieser
größere Hexenmeister hält die Stürme gebunden durch
seine geduldige Klugheit. Wer ruhig schlafen will,
3<M
Lutezia
muß in seinem Nachtgebet den König von Frank-
reich allen Schutzengeln des Lebens empfehlen.
Guizot wird sich noch geraume Zeit halten, was
gewiß wünschenswert, da eine ministerielle Krisis
immer mit unvorhergesehenen Fatalitäten verbunden
ist. Ein Ministerwechsel ist bei den veränderung-
süchtigen Franzosen vielleicht ein Surrogat für den
\ periodischen Dynastienwechsel. Aber diese Um«
J wälzungen im Personal der höchsten Staatsbeamten
sind darum nicht minder ein Unglück für ein Land,
das mehr als jedes andere der Stabilität bedürftig
ist. Wegen ihrer prekären Stellung können die Mi-
nister sich in keine weitausgreifende Plane einlassen,
und der nackte Erhaltungstrieb absorbiert alle ihre
Kräfte. Ihr schlimmstes Mißgeschick ist nicht so-
wohl ihre Abhängigkeit vom königlichen Willen, der
meistens verständig und heilsam ist, sondern ihre
Abhängigkeit von den sogenannten Konservativen,
jenen konstitutionellen Janitscharen, welche hier nach
Laune die Minister absetzen und einsetzen. Erregt
einer derselben ihre Ungnade, so versammeln sie
sich in ihren parlamentarischen Ortas, und pauken
los auf ihre Kessel. Die Ungnade dieser Leute ent-
springt aber gewöhnlich aus wirklichen Suppenkessel-
Interessen: sie sind es nämlich, welche in Frankreich
eigentlich regieren, indem kein Minister ihnen etwas
verweigern darf, keinerlei Amt oder Vergünstigung,
weder ein Konsulat für den ältesten Sohn ihres Herrn
Schwagers, noch ein Tabaksprivilegium für die Witwe
ihres Portiers. Es ist unrichtig, wenn man von dem
Regiment der Bourgeoisie im allgemeinen spricht, man
j sollte nur von dem Regimente der konservativen De-
putierten reden; diese sind es, welche das jetzige
Frankreich ausbeuten, in ihrem Privatinteresse, wie
Zweiter Teil 305
einst der Geburtsadel. Letzterer ist von der kon-
servativen Partei keineswegs bestimmt gesondert, und
wir begegnen manchem alten Namen unter den parla-
mentarischen Tagesherrschern. Der Name Konser-
vative ist aber eigentlich ebenfalls keine richtige Be=
Zeichnung, da es gewiß nicht allen, die wir solcher-
maßen benamsen, um die Konservation der politischen
Zustände zu tun ist, und manche daran sehr gern
ein bißchen rütteln möchten; ebenso wie es in der
Opposition sehr viele Männer gibt, die das Beste*
hende um alles in der Welt willen nicht umstürzen
möchten, und gar besonders vor dem Krieg eine
Todesscheu hegen. Die meisten jener Oppositions-
männer wollen nur ihre Partei ans Regiment bringen,
um dieses, gleich den Konservativen, in ihrem Privat-
interesse auszubeuten. Die Prinzipien sind auf beiden
Seiten nur Losungsworte ohne Bedeutung; es handelt
sich im Grunde nur darum, welche von beiden Par-
teien die materiellen Vorteile der Herrschaft erwerbe.
In dieser Beziehung haben wir hier denselben Kampf,
der sich jenseits des Kanals, unter den Namen Whigs
und Tories, seit zwei Jahrhunderten hinschleppt.
Die englische konstitutionelle Regierungsform war,
wie männiglich bekannt, das große Muster, wonach
sich das jetzige französische parlamentarische Ge-
meinwesen gebildet; namentlich die Doktrinäre haben
dieses Vorbild bis zur Pedanterie nachzuäffen ge-
sucht, und es wäre nicht unwahrscheinlich, daß die
allzu große Nachgiebigkeit, womit das heutige Mini-
sterium die Usurpationen der Konservativen erduldet
und sich von denselben ausbeuten läßt, am Ende
aus einer gelehrten Gründlichkeit hervorginge, die
ihr reiches, durch mühsame Studien erworbenes
Wissen getreulichst dokumentieren möchte. Der
IX, 20
iq6 Lutezia
29. Oktober, d. h. der Herr Professor, den die Oppo-
sition mit jenem Monatsdatum bezeichnet, kennt das
Räderwerk der englischen Staatsmaschine besser als
irgend jemand, und wenn er glaubt, daß eine solche
Maschine auch diesseits des Kanals nicht anders
fungieren könne, als durch die unsittlichen Mittel,
in deren Anwendung Walpole ein Meister und Robert
Peel keineswegs ein Stümper war, so ist eine solche
Ansicht gewiß sehr zu beklagen, aber wir können ihr
nicht mit hinlänglicher Gelehrsamkeit und Geschichts-
kenntnis widersprechen. Wir müssen sagen, die Ma-
schine selbst taugt nichts; aber fehlt uns dieser Mut,
so können wir den dirigierenden Maschinenmeister
keiner allzu herben Kritik unterwerfen. Und wozu
nützte am Ende diese Kritik? Was hülfe es, in
Augsburg zu rügen, wenn an der Seine gesündigt
wird? Die Opposition eines Ausländers in auslän-
dischen Blättern, wo es sich um Gebreste der innern
Verwaltung Frankreichs handelt, wäre eine Rodo-
montade, die ebenso ungeziemend wie närrisch. Nicht
die innere Administration, sondern nur Akte der
Politik, die auch auf unser eignes Vaterland einen
Einfluß üben könnten, soll ein Korrespondent be-
sprechen. Ich werde daher die jetzige Korruption,
das Bestechungssystem, womit meine Kollegen in
deutschen Zeitungen so viele Kolonnen anfüllen,
weder in Frage stellen noch rechtfertigen. Was geht
das uns an, wer in Frankreich die besten Amter,
die fettesten Sinekuren, die prachtvollsten Orden er-
schleicht oder an sich reißt? Was kümmert es uns, ob
es ein Schnapphahn der Rechten oder ein Schnapp-
hahn der Linken ist, der die goldenen Gedärme des
Budgets einsteckt? Wir haben nur dafür zu sorgen,
daß wir uns selbst in der respektiven Heimat von
Zweiter Teil
307
unsern heimischen Tories oder Whigs durch kein
Ämtchen, durch keinen Titel, durch kein Bändchen,
erkaufen lassen, wenn es gilt, für die Interessen des
deutschen Volks zu reden oder zu stimmen! Warum
sollen wir jetzt über den Splitter, den wir in fran*
zösischen Augen bemerkt, so viel Zeter schreien, wenn
wir uns über den Balken in den blauen Augen unsrer
deutschen Behörden entweder gar nicht oder sehr
kleinlaut äußern dürfen? Wer könnte übrigens in
Deutschland beurteilen, ob der Franzose, dem das
französische Ministerium eine Stelle oder Gunst ge-
währt, dieselbe verdienter» oder unverdienterweise
empfing? Die Ämterjägerei wird nicht aufhören
unter einem Ministerium Thiers oder Barrot, wenn
Guizot fällt. Kämen gar die Republikaner ans Ruder,
so würde die Korruption sich mehr im Gewände der
Hypokrisie zeigen, statt daß sie jetzt ohne Schminke,
schier naiv zynisch auftritt. Die Partei wird immer
den Männern der Partei die große Schüssel vor-
setzen. Einen entsetzlich grauenhaften Anblick böte
uns gewiß die Stunde, »wo sich das Laster erbricht
und die Tugend zu Tische setzt!« Mit welcher
Wolfsgier würden die armen Hungerleider der Tugend
nach der langen Fastenzeit sich über die guten Speisen
herstürzen! Wie mancher Cato würde sich bei dieser
Gelegenheit den Magen verderben! Wehe den Ver-
rätern, die sich satt gegessen und sogar Rebhühner
und Trüffeln gegessen und Champagner getrunken
während unsrer jetzigen Zeit der Verderbnis, der
Bestechung, der Guizotschen Korruption!
Ich will nicht untersuchen, von welcher Beschaffen-
heit diese sogenannte Guizotsche Korruption ist, und
welche Beklagnisse die verletzten Interessen anführen.
Muß der große Puritaner wirklich seiner Selbst-
^
308 Lutezia
erhaltung wegen zu dem anglikanischen Bestechungs*
system seine Zuflucht nehmen, so ist er gewiß sehr
zu bedauern; eine Vestalin, welche einer maison
de tolerance vorstehen müßte, befände sich gewiß
in keiner minder unpassenden Lage. Vielleicht be»
icht ihn selbst der Gedanke, daß von seiner Selbst«
^ erhaltung auch der Fortbestand des ganzen jetzigen
gesellschaftlichen Zustandes von Frankreich abhängig
sei. Das Zusammenbrechen desselben ist für ihn
der Beginn aller möglichen Schrecknisse. Guizot
ist der Mann des geregelten Fortschrittes, und er
sieht die teuern, blutteuern Erworbenheiten der
Revolution jetzt mehr als je gefährdet durch ein
düster heranziehendes Weltgewitter. Er möchte
gleichsam Zeit gewinnen, um die Garben der Ernte
unter Dach zu bringen. In der Tat, die Fortdauer
jener Friedensperiode, wo die gereiften Früchte eiiu
gescheuert werden können, ist unser erstes Bedürfnis.
Die Saat der liberalen Prinzipien ist erst grünlich
•S abstrakt emporgeschossen, und das muß erst ruhig
einwachsen in die konkret knorrigste Wirklichkeit.
Die Freiheit, die bisher nur hie und da Mensch
geworden, muß auch in die Massen selbst, in die
untersten Schichten der Gesellschaft, übergehen und
Volk werden. Diese Volkwerdung der Freiheit,
dieser geheimnisvolle Prozeß, der, wie jede Geburt,
wie jede Frucht, als notwendige Bedingnis Zeit und
Ruhe begehrt, ist gewiß nicht minder wichtig, als
es jene Verkündigung der Prinzipien war, womit
sich unsre Vorgänger beschäftigt haben. Das Wort
Jwird Fleisch, und das Fleisch blutet. Wir haben
eine geringere Arbeit, aber größeres Leid, als unsre
Vorgänger, welche glaubten, alles sei glücklich zu
Ende gebracht, nachdem die heiligen Freiheits- und
Zweiter Teil
309
Gleichheitsgesetze feierlich proklamiert und auf hundert
Schlachtfeldern sanktioniert worden. Ach! das ist
noch jetzt der leidige Irrtum so vieler Revolutions-
männer, welche sich einbilden , die Hauptsache sei,
daß ein Fetzen Freiheit mehr oder weniger abgerissen
werde von dem Purpurmantel der regierenden Macht,-
sie sind zufrieden , wenn nur die Ordonnanz, die
irgendein demokratisches Grundgesetz promulgiert,
recht hübsch, schwarz auf weiß, abgedruckt steht
im »Moniteur«. Da erinnere ich mich, als ich vor
zwölf Jahren den alten Lafayette besuchte, drückte
derselbe mir beim Fortgehen ein Papier in die Hand,
und er hatte dabei ganz die überzeugte Miene eines
Wunderdoktors, der uns ein Universalelixir über-
reicht. Es war die bekannte Erklärung der Menschen-
rechte, die der Alte vor sechzig Jahren aus Amerika
mitgebracht und noch immer als die Panazee be-
trachtete, womit man die ganze Welt radikal kurieren
könne. Nein, mit dem bloßen Rezept ist dem ^
Kranken noch nicht geholfen, obgleich jenes uner-
läßlich ist: er bedarf auch der Tausendmischerei des
Apothekers, der Sorgfalt der Wärterin, er bedarf
der Ruhe, er bedarf der Zeit.
Retrospektive Aufklärung.
<August 1854.)
Als ich in obigem Berichte, vielleicht etwas zu
beschaulich indiffernt aber mit gutem Gewissen, ganz
ohne heuchlerische Tugendgrämelei, über die söge*
nannte Guizotsche Korruption schrieb, kam es mir
wahrlich nicht in den Sinn, daß ich selber, fünf
Jahre später, als Teilnehmer einer solchen Korruption
^jo Lutezia
angeklagt werden sollte! Die Zeit war sehr gut ge-
wählt, und die Verleumdung hatte freien Spielraum
in der Sturm- und Drangperiode vom Februar 1848,
wo alle politischen Leidenschaften, plötzlich entzügelt,
ihren rasenden Veitstanz begannen. Es herrschte
überall eine Verblendung, wie sie nur bei den Hexen
auf dem Blocksberg oder bei dem Jakobinismus in
seinen rohesten Schreckenstagen vorgekommen. Es
gab wieder unzählige Klubs, wo von den schmutzig*
sten Lippen der unbescholtenste Leumund angespuckt
ward; die Mauern aller Gebäude waren mit Schmä-
lz hungen, Denunziationen, Aufruhrpredigten, Dro-
hungen, Invektiven, in Versen und in Prosa, besudelt:
eine schmierige Mordbrandliteratur. Sogar Blanqui,
der inkarnierte Terrorismus und der bravste Kerl
unter der Sonne, ward damals der gemeinsten An-
geberei und eines Einverständnisses mit der Polizei
bezüchtigt. — Keine honette Person verteidigte sich
mehr. Wer einen schönen Mantel besaß, verhüllte
darin das Antlitz. In der ersten Revolution mußte
der Name Pitt dazu dienen, die besten Patrioten
als verkaufte Verräter zu beflecken «— Danton,
Robespierrc, ja sogar Marat, denunzierte man als
besoldet von Pitt. Der Pitt der Februarrevolution
hieß Guizot, und den lächerlichsten Verdächtigungen
J mußte der Name Guizot Vorschub leisten. Erregte
man den Neid eines jener Tageshelden, die schwach
von Geist waren, aber lange in Sainte-Pelagie oder
gar auf dem Mont Saint-Michel gesessen, so konnte
man darauf rechnen, nächstens in seinem Klub als
ein Helfershelfer Guizots, als ein feiler Söldner des
Guizotschen Bestechungssystems angeklagt zu werden.
j Es gab damals keine Guillotine, womit man die
Köpfe abschnitt, aber man hatte eine Guizotine er-
Zweiter Teil 311
fanden, womit man uns die Ehre abschnitt. Auch
der Name des Schreibers dieser Blätter entging nicht
der Verunglimpfung in jener Tollzeit, und ein Korre-
spondent der »Allgemeinen Zeitung« entblödete sich
nicht, in einem anonymen Artikel von den un-
würdigsten Stipulationen zu sprechen, wodurch ich
für eine namhafte Summe meine literarische Tätig»
keit den gouvernementalen Bedürfnissen des Mini-
steriums Guizot verkauft hätte.
Ich enthalte mich jeder Beleuchtung der Person
jenes fürchterlichen Anklägers, dessen rauhe Tugend
durch die herrschende Korruption so sehr in Har-
nisch geraten; ich will diesem mutigen Ritter nicht
das Visier seiner Anonymität abreißen, und nur bei-
läufig bemerke ich, daß er kein Deutscher, sondern
ein Italiener ist, der, in Jesuitenschulen erzogen, seiner
Erziehung treu blieb, und zu dieser Stunde in den
Bureaus der österreichischen Gesandtschaft zu Paris
eine kleine Anstellung genießt. Ich bin tolerant,
gestatte jedem, sein Handwerk zu treiben, wir können
nicht alle ehrliche Leute sein, es muß Käuze von
allen Farben geben, und wenn ich mir etwa eine
Rüge gestatte, so ist es nur die raffinierte Treulosig-
keit, womit mein ultramontaner Brutus sich auf die
Autorität eines französischen Flugblattes berief, das,
der Tagesleidenschaft dienend, nicht rein von Ent-
stellungen und Mißdeutungen jeder Art war, aber
in bezug auf mich selbst sich auch kein Wort zu-
schulden kommen ließ, welches obige Bezüchtigung
rechtfertigen konnte. Wie es kam, daß die sonst
so behutsame »Allgemeine Zeitung« ein Opfer
solcher Mystifikation wurde, will ich später andeuten.
Ich begnüge mich hier, auf die Augsburger »All-
gemeine Zeitung« vom 23. Mai 1848, Außerordent-
312
Lutezia
liehe Beilage, zu verweisen, wo ich in einer öffent-
liehen Erklärung über die saubere Insinuation ganz
unumwunden, nicht der geringsten Zweideutigkeit
Raum lassend, mich aussprach. Ich unterdrückte
alle verschämten Gefühle der Eitelkeit, und in öffent-
y licher »Allgemeinen Zeitung« machte ich das traurige
Geständnis, daß auch mich am Ende die schreck*
liehe Krankheit des Exils, die Armut, heimgesucht
hatte, und daß auch ich meine Zuflucht nehmen
mußte zu jenem »großen Almosen, welches das
französische Volk an so viele Tausende von Fremden
spendete, die sich durch ihren Eifer für die Sache
der Revolution in ihrer Heimat mehr oder minder
glorreich kompromittiert hatten, und an dem gast-
lichen Herde Frankreichs eine Freistätte suchten«.
Dieses waren meine nackten Worte in der besagten
Erklärung, ich nannte die Sache bei ihrem betrüb-
samsten Namen. Obgleich ich wohl andeuten konnte,
daß die Hilfsgelder, welche mir als eine »allocution
annuelle d'une pension de secours« zuerkannt worden,
auch wohl als eine hohe Anerkennung meiner lite-
rarischen Reputation gelten mochten, wie man mir
mit der zartesten Courtoisie notifiziert hatte, so
setzte ich doch jene Pension unbedingt auf Rech-
nung der Nationalgroßmut, der politischen Bruder-
liebe, welche sich hier ebenso rührend schön kund-
gab, wie es die evangelische Barmherzigkeit jemals
getan haben mag. Es gab hochfahrende Gesellen
unter meinen Exilkollegen, welche jede Unter-
stützung nur Subvention nannten; bettelstolze Ritter,
welche alle Verpflichtung haßten, nannten sie ein
Darlehn, welches sie später wohlverzinst den Fran-
zosen zurückzahlen würden — ich jedoch demütigte
J mich vor der Notwendigkeit, und gab der Sache
Zweiter Teil
3*3
ihren wahren Namen. In der erwähnten Erklärung
hatte ich hinzugesetzt: »Ich nahm solche Hilfsgelder
in Anspruch kurz nach jener Zeit, als die bedauere
liehen Bundestagsdekrete erschienen, die mich, als
den Chorführer eines sogenannten jungen Deutsch»
lands, auch finanziell zu verderben suchten, indem
sie nicht bloß meine vorhandenen Schriften, sondern
auch alles was späterhin aus meiner Feder fließen
würde, im voraus mit Interdikt belegten, und mich
solchermaßen meines Vermögens und meiner Er-
werbsmittel beraubten, ohne Urteil und Recht.«
Ja, »ohne Urteil und Recht«. — Ich glaube mit
Fug solchermaßen ein Verfahren bezeichnen zu
dürfen, das unerhört war in den Annalen absurder
Gewalttätigkeit. Durch ein Dekret meiner heimischen^
Regierung wurden nicht bloß alle Schriften verboten,
die ich bisher geschrieben, sondern auch die künftigen,
alle Schriften, welche ich hinfüro schreiben würde;
mein Gehirn wurde konfisziert, und meinem armen
unschuldigen Magen sollten durch dieses Interdikt
alle Lebensmittel abgeschnitten werden. Zugleich
sollte auch mein Name ganz ausgerottet werden aus
dem Gedächtnis der Menschen, und an alle Zen-
soren meiner Heimat erging die strenge Verordnung,
daß sie sowohl in Tagesblättern, wie in Broschüren
und Büchern jede Stelle streichen sollten, wo von
mir die Rede sei, gleichviel ob günstig oder nach»
teilig. Kurzsichtige Toren ! solche Beschlüsse und <
Verordnungen waren ohnmächtig gegen einen Autor,
dessen geistige Interessen siegreich aus allen Ver-
folgungen hervorgingen, wenn auch seine zeitlichen
Finanzen sehr gründlich zugrunde gerichtet wurden,
so daß ich noch heute die Nachwirkung der klein-
lichen Nucken verspüre. Aber verhungert bin ich
■>\a Lutczia
nicht, obgleich ich in jener Zeit von der bleichen Sorge
hart genug bedrängt ward. Das Leben in Paris ist
s so kostspielig, besonders wenn man hier verheiratet
ist, und keine Kinder hat. Letztere, diese liebe kleine
Puppen vertreiben dem Gatten und zumal der Gattin
die Zeit, und da brauchen sie keine Zerstreuung
außer dem Hause zu suchen, wo dergleichen so
teuer. Und dann habe ich nie die Kunst gelernt,
wie man die Hungrigen mit bloßen Worten abspeist,
um so mehr da mir die Natur ein so wohlhabendes
Äußere verliehen, daß niemand an meine Dürftigkeit
geglaubt hätte. Die Notleidenden, die bisher meine
Hilfe reichlich genossen, lachten, wenn ich sagte,
daß ich künftig selber darben müsse. War ich nicht
der Verwandte aller möglichen Millionäre? Hatte
nicht der Generalissimus aller Millionäre, hatte nicht
dieser Millionärissimus mich seinen Freund genannt,
seinen Freund? Ich konnte nie meinen Klienten be-
•S greiflich machen, daß der große Millionärissimus mich
eben deshalb seinen Freund nenne, weil ich kein
Geld von ihm begehre; verlangte ich Geld von ihm,
so^hätte ja gleich die Freundschaft ein Ende! Die
Zeiten von David und Jonathan, von Orestes und
Pylades seien vorüber. Meine armen, hilfsbedürftigen
Dummköpfe glaubten, daß man so leicht etwas von
den Reichen erhalten könne. Sie haben nicht, wie
ich, gesehen, mit welchen schrecklichen eisernen
Schlössern und Stangen ihre großen Geldkisten ver-
wahrt sind. Nur von Leuten, welche selbst wenig
j haben, läßt sich allenfalls etwas erborgen, denn erstens
sind ihre Kisten nicht von Eisen, und dann wollen
sie reicher scheinen als sie sind.
Ja, zu meinen sonderbaren Mißgeschicken gehörte
J auch, daß nie jemand an meine eignen Geldnöten
Zweiter Teil
315
glauben wollte. In der Magna Charta, welche, wie
uns Cervantes berichtet, der Gott Apollo den Poeten
oktroyiert hat, lautet freilich der erste Paragraph:
»Wenn ein Poet versichert, daß er kein Geld habe,
solle man ihm auf sein bloßes Wort glauben, und
keinen Eidschwur verlangen« — ach ! ich berief mich
vergebens auf dieses Vorrecht meines Poetenstandes.
So geschah es auch, daß die Verleumdung leichtes
Spiel hatte, als sie die Motive, welche mich be-
wogen, die in Rede stehende Pension anzunehmen,
nicht den natürlichsten Nöten und Befugnissen zu-
schrieb. Ich erinnere mich, als damals mehre meiner
Landsleute, darunter der entschiedenste und geist-
reichste, Dr. Marx, zu mir kamen, um ihren Un-
willen über den verleumderischen Artikel der »All-
gemeinen Zeitung« auszusprechen, rieten sie mir,
kein Wort darauf zu antworten, indem sie selbst be-
reits in deutschen Blättern sich dahin geäußert hätten,
daß ich die empfangene Pension gewiß nur in der
Absicht angenommen, um meine armem Partei-
genossen tätiger unterstützen zu können. Solches
sagten mir sowohl der ehemalige Herausgeber der
»Neuen Rheinischen Zeitung«, als auch die Freunde,
welche seinen Generalstab bildeten; ich aber dankte
für die liebreiche Teilnahme, und ich versicherte
diesen Freunden, daß sie sich geirrt, daß ich ge-
wöhnlich jene Pension sehr gut für mich selbst
brauchen konnte, und daß ich dem böswilligen ano-
nymen Artikel der »Allgemeinen Zeitung« nicht in-
direkt durch meine Freunde, sondern direkt mit
eigner Namensunterschrift entgegentreten müsse.
Bei dieser Gelegenheit will ich auch erwähnen,
daß die Redaktion des französischen Flugblattes, die
»Revue Retrospective«, auf welches sich der Korre-
j,6 Lutezia
spondent der »Allgemeinen Zeitung« berief, ihren
Unwillen über eine solche Zitation in einer be-
stimmten Abwehr bezeugen wollte, die übrigens ganz
überflüssig gewesen wäre, da der flüchtigste Anblick
auf jenes französische Blatt hinlänglich dartat, daß
dasselbe an jeder Verunglimpfung meines Namens
unschuldig; doch die Existenz jenes Blattes, welches
in zwanglosen Lieferungen erschien, war sehr ephe-
mer, und es ward von dem tollen Tagesstrudel ver-
schlungen, bevor es die projektierte Abwehr bringen
konnte. Der Redakteur en chef jener retrospektiven
Revue war der Buchhändler Paulin, ein wackerer
ehrlicher Mann, der sich mir seit zwei Dezennien
immer sehr teilnehmend und dienstwillig erwiesen;
durch Geschäftsbezüge und gemeinschaftliche intime
Freunde hatten wir Gelegenheit, uns wechselseitig
hochschätzen und achten zu lernen. Paulin war der
Associe meines Freundes Dubochet, er liebt wie
einen Bruder meinen vielberühmten Freund Mignet
und er vergöttert Thiers, welcher, unter uns gesagt,
die »Revue Retrospective« heimlich patronisierte;
jedenfalls ward sie von Personen seiner Koterie ge-
stiftet und geleitet, und diesen Personen konnte es
wohl nicht in den Sinn kommen, einen Mann zu
verunglimpfen, von welchem sie wußten, daß ihr
Gönner ihn mit seiner besondern Vorliebe beehrte.
Die Redaktion der »Allgemeinen Zeitung« hatte
in keinem Fall jenes französische Blatt gekannt, ehe
sie den säubern Korruptionsartikel druckte. In der
Tat, der flüchtigste Anblick hätte ihr die abgefeimte
Arglist ihres Korrespondenten entdeckt. Diese be-
stand darin, daß er mir eine Solidarität mit Personen
auflud, die von mir gewiß ebenso entfernt und ebenso
verschieden waren, wie ein Chesterkäse vom Monde.
Zweiter Teil
317
Um zu zeigen, wie das Guizotsche Ministerium nicht
bloß durch Ämterverteilung, sondern auch durch
bare Geldspenden sein Korruptionssystem übte, hatte
die erwähnte französische Revue das Budget, Ein*
nähme und Ausgabe des Departements dem Guizot
vorstand, abgedruckt, und hier sahen wir allerdings
jedes Jahr die ungeheuersten Summen verzeichnet
für ungenannte Ausgaben, und das anklagende Blatt
hatte gedroht, in spätem Nummern die Personen
namhaft zu machen, in deren Säckel jene Schätze
geflossen. Durch das plötzliche Eingehen des Blattes
kam die Drohung nicht zur Ausführung, was uns
sehr leid war, da jeder alsdann sehen konnte, wie
wir bei solcher geheimen Munifizenz, welche direkt
vom Minister oder seinem Sekretär ausging und eine
Gratifikation für bestimmte Dienste war, niemals be-
teiligt gewesen. Von solchen sogenannten bons du
ministre, den wirklichen Geheimfonds, sind sehr zu
unterscheiden die Pensionen, womit der Minister sein
Budget schon belastet vorfindet, zugunsten bestimmter
Personen, denen jährlich bestimmte Summen als
Unterstützung zuerkannt worden. Es war eine sehr
ungroßmütige, ich möchte sagen eine sehr unfranzö-
sische Handlung, daß das retrospektive Flugblatt,
nachdem es in Bausch und Bogen die verschiedenen
Gesandtschaftsgehalte und Gesandtschaftsausgaben
angegeben, auch die Namen der Personen druckte,
welche Unterstützungspensionen genossen, und wir
müssen solches um so mehr tadeln, da hier nicht
bloß in Dürftigkeit gesunkene Männer des höchsten
Ranges vorkamen, sondern auch große Damen, die
ihre gefallene Größe gern unter einigen Putzflittern
verbargen, und jetzt mit Kummer ihr vornehmes
Elend enthüllt sahen. Von zarterem Takte geleitet,
v/
318 Lutezia
wird der Deutsche dem unartigen Beispiel der Fran-
zosen nicht folgen, und wir verschweigen hier die
Nomenklatur der hochadligen und durchlauchtigen
Frauen, die wir auf der Liste der Pensionsfonds im
Departemente Guizots verzeichnet fanden. Unter
den Männern, welche auf derselben Liste mit jähr-
lichen Unterstützungssummen genannt waren, sahen
wir Exulanten aus allen Weltgegenden, Flüchtlinge
aus Griechenland und St. Domingo, Armenien und
Bulgarien, aus Spanien und Polen, hochklingende
Namen von Baronen, Grafen, Fürsten, Generälen
und Exministern, von Priestern sogar, gleichsam eine
Aristokratie der Armut bildend, während auf den
J Listen der Kassen andrer Departemente minder bril-
lante arme Teufel paradierten. Der deutsche Poet
brauchte sich wahrlich seiner Genossenschaft nicht
zu schämen, und er befand sich in Gesellschaften
von Berühmtheiten des Talentes und des Unglücks,
deren Schicksal erschütternd. Dicht neben meinem
Namen auf der erwähnten Pensionsliste, in derselben
Rubrik und in derselben Kategorie, fand ich den
Namen eines Mannes, der einst ein Reich beherrschte
größer als die Monarchie des Ahasverus, der da
König war von Haude bis Kusch, von Indien bis
an die Mohren, über hundertundsiebenundzwanzig
Länder; — es war Godoi, der Prince de la Paix,
der unumschränkte Günstling Ferdinands VII. und
seiner Gattin, die sich in seine Nase verliebt hatte.
— Nie sah ich eine umfangreichere, kurfürstlichere
Purpurnase, und ihre Füllung mit Schnupftabak muß
gewiß dem armen Godoi mehr gekostet haben, als
sein französisches Jahrgehalt betrug. Ein anderer
Name, den ich neben dem meinigen erblickte, und
der mich mit Rührung und Ehrfurcht erfüllte, war
Zweiter Teil
3*9
der meines Freundes und Schicksalsgenossen, des
ebenso glorreichen wie unglücklichen Augustin
Thierry, des größten Geschichtschreibers unserer
Zeit. Aber anstatt neben solchen respektabeln Leuten
meinen Namen zu nennen, wußte der ehrliche Korre*
spondent der »Allgemeinen Zeitung« aus den er*
wähnten Budgetlisten, wo freilich auch pensionierte
diplomatische Agenten verzeichnet standen, just zwei
Namen der deutschen Landsmannschaft heraus-
zuklauben, welche Personen gehörten, die gewiß
besser sein mochten als ihr Ruf, aber jedenfalls dem
meinigen schaden mußten, wenn man mich damals
mit ihnen zusammenstellte. Der eine war ein deut-
scher Gelehrter aus Göttingen, ein Legationsrat, der
von jeher der Sündenbock der liberalen Partei ge-
wesen, und das Talent besaß, durch eine zur Schau
getragene diplomatische Geheimtuerei für das
Schlimmste zu gelten. Begabt mit einem Schatz
von Kenntnissen und einem eisernen Fleiße, war er
für viele Kabinette ein sehr brauchbarer Arbeiter
gewesen, und so arbeitete er später gleichfalls in
der Kanzlei Guizots, welcher ihn auch mit ver-
schiedenen Missionen betraute, und diese Dienste
rechtfertigen seine Besoldung, die sehr bescheiden
war. Die Stellung des andern Landsmanns, mit
welchem der ehrliche Korruptionskorrespondent mich
zusammen nannte, hatte mit der meinigen ebenso-
wenig Analogie, wie des ersteren: er war ein Schwabe,
der bisher als unbescholtener Spießbürger in Stutt-
gart lebte, aber jetzt in einem fatal zweideutigen
Lichte erschien, als man sah, daß er auf dem Budget
Guizots mit einer Pension verzeichnet stand, die
fast ebenso groß war wie das Jahrgehalt, das aus
derselben Kasse der Oberst Gustavsohn, Exkönig
320
Luteria
von Schweden, bezog; ja sie war drei* oder vier*
mal so groß, wie die auf demselben Guizotschen
Budget eingezeichneten Pensionen des Baron von
Eckstein und des Hrn. Capefigue, welche beide,
nebenbei gesagt, seit undenklicher Zeit Korrespon*
denten der »Allgemeinen Zeitung« sind. Der
Schwabe konnte in der Tat seine fabelhaft große
Pension durch kein notorisches Verdienst recht*
fertigen, er lebte nicht als Verfolgter in Paris, son-
dern wie gesagt, in Stuttgart als ein stiller Unter*
tan des Königs von Württemberg, er war kein großer
Dichter, er war kein Lumen der Wissenschaft, kein
Astronom, kein berühmter Staatsmann, kein Heros
der Kunst, er war überhaupt kein Heros, im Gegen*
teil er war sehr unkriegerisch, und als er einst die
Redaktion der »Allgemeinen Zeitung« beleidigt hatte,
und diese letztere spornstreichs von Augsburg nach
Stuttgart reiste, um den Mann auf Pistolen heraus*
zufordern: — da wollte der gute Schwabe kein
Bruderblut vergießen <denn die Redaktion der »All*
gemeinen Zeitung« ist von Geburt eine Schwäbin),
und er lehnte das Pistolenduell noch aus dem ganz
besondern Sanitätsgrunde ab, weil er keine bleiernen
Kugeln vertragen könne und sein Bauch nur an
gebackene Schaletkugeln und schwäbische Knödeln
gewöhnt sei.
Korsen, nordamerikanische Indianer und Schwaben
verzeihen nie; und auf diese schwäbische Vendetta
rechnete der Jesuitenzögling, als er seinen korrupten
Korruptionsartikel der »Allgemeinen Zeitung« ein*
schickte; und die Redaktion derselben ermangelte
nicht, brühwarm eine Pariser Korrespondenz ab*
zudrücken, welche den guten Leumund des un*
erschossenen schwäbischen Landsmanns den un*
Zweiter Teil
321
heimlichsten und schändlichsten Hypothesen und
Konjekturen überlieferte. Die Redaktion der »All-
gemeinen Zeitung« konnte ihre Unparteilichkeit bei
der Aufnahme dieses Artikels um so glänzender zur
Schau stellen, da darin einer ihrer befreundeten
Korrespondenten nicht minder bedenklich bloßgestellt
war. Ich weiß nicht, ob sie der Meinung gewesen,
daß sie mir durch den Abdruck schmählicher aber
haltloser Beschuldigungen einen Dienst erweise, in-
dem sie mir dadurch Gelegenheit böte, jedem un-
würdigen Gerede, jeder im Nebel schleichenden
Insinuation mit einer bestimmten Erklärung entgegen-
zutreten — genug, die Redaktion der »Allgemeinen
Zeitung« druckte den eingesandten Korruptionsartikel,
doch sie begleitete denselben mit einer Note, worin
sie in bezug auf meine Pension die Bemerkung machte,
»daß ich dieselbe in keinem Falle für das was ich
schrieb, sondern nur für das was ich nicht schrieb,
empfangen haben könne«.
Ach, diese gewiß wohlgemeinte, aber wegen ihrer
allzu witzigen Abfassung sehr verunglückte Ehren-
rettungsnote war ein wahres Pave, ein Pflasterstein,
wie die französischen Journalisten in ihrer Koterie-
sprache eine ungeschickte Verteidigung nennen,
welche den Verteidigten totschlägt, wie es der Bär
in der Fabel tat, als er von der Stirn des schlafen-
den Freundes eine Schmeißfliege verscheuchen
wollte, und mit dem Quaderstein, den er auf sie
schleuderte, auch das Hirn des Schützlings zer-
schmetterte.
Das augsburgische Pave mußte mich empfindlicher
verletzen, als der Korrespondenzartikel der armseligen
Schmeißfliege, und in der Erklärung, die ich damals,
wie oben erwähnt, in der »Allgemeinen Zeitung«
IX, 11
«2 Lutezia
drucken ließ, sagte ich darüber folgende Worte:
»Die Redaktion der ,Allgemeinen Zeitung' begleitet
jene Korrespondenz mit einer Note, worin sie viel-
mehr die Meinung ausspricht, daß ich nicht für das
was ich schrieb jene Unterstützung empfangen haben
möge, sondern für das was ich nicht schrieb.
Die Redaktion der ^Allgemeinen Zeitung', die seit
zwanzig Jahren nicht sowohl durch das, was sie
von mir druckte, als vielmehr durch das was sie
nicht druckte, hinlänglich Gelegenheit hatte, zu
, merken, daß ich nicht der servile Schriftsteller bin,
v der sich sein Stillschweigen bezahlen läßt — besagte
Redaktion hätte mich wohl mit jener levis nota ver-
schonen können.«
Zeit, Ort und Umstände erlaubten damals keine
weitern Erörterungen, doch heute, wo alle Rück-
sichten erloschen, ist es mir erlaubt, noch viel tat-
sächlicher darzutun, daß ich weder für das was ich
J schrieb, noch für das was ich nicht schrieb, vom
Ministerium Guizot bestochen sein konnte. Für
Menschen, die mit dem Leben abgeschlossen, haben
solche retrospektive Rechtfertigungen einen sonderbar
wehmütigen Reiz, und ich überlasse mich demselben
mit träumerischer Indolenz. Es ist mir zu Sinne,
als ob ich einem Längstverstorbenen eine fromme
Genugtuung verschaffe; jedenfalls stehen hier am
rechten Platze die folgenden Erläuterungen über
französische Zustände zur Zeit des Ministeriums
Guizot.
Das Ministerium vom 29. November 1840 sollte
man eigentlich nicht das Ministerium Guizot, sondern
vielmehr das Ministerium Soult nennen, da letzterer
Präsident des Ministerkonseils war. Aber Soult war
nur dessen Titularoberhaupt, ungefähr wie der jedes-
Zweiter Teil
323
malige König von Hannover immer den Titel eines
Rektors der Universität Georgia -Augusta führt,
während Se. Magnifizenz, der zeitliche Prorektor zu
Göttingen, die wirkliche Rektoratsgewalt ausübt.
Trotz der offiziellen Machtvollkommenheit Soults
war von ihm nie die Rede; nur daß zuweilen die
liberalen Blätter, wenn sie mit ihm zufrieden waren,
ihn den Sieger von Toulouse nannten; hatte er aber
ihr Mißfallen erregt, so verhöhnten sie ihn, steif und
fest behauptend, daß er die Schlacht bei Toulouse
nicht gewonnen habe. Man sprach nur von Guizot,«^
und dieser stand während mehren Jahren im Zenit
seiner Popularität bei der Bourgeoisie, die von der
Kriegslust seines Vorgängers ins Bockshorn gejagt
worden; es versteht sich von selbst, daß der Nach- ^
folger von Thiers noch größere Sympathie jenseits
des Rheins erregte. Wir Deutschen konnten dem
Thiers nicht verzeihen, daß er uns aus dem Schlaf
getrommelt, aus unserm gemütlichen Pflanzenschlaf,
und wir rieben uns die Augen und riefen: »Vivat
Guizot!« Besonders die Gelehrten sangen das Lob
desselben, in Pindarschen Hymnen, wo auch die
Prosodie, das antike Silbenmaß, treu nachgeahmt
war, und ein hier durchreisender deutscher Professor
der Philologie versicherte mir, daß Guizot ebenso
groß sei wie Thiersch. Ja, ebenso groß wie mein
lieber, menschenfreundlicher Freund Thiersch, der
Verfasser der besten griechischen Grammatik! Auch
die deutsche Presse schwärmte für Guizot, und nicht
bloß die zahmen Blätter, sondern auch die wilden,
und diese Begeisterung dauerte sehr lange; ich
erinnere mich, noch kurz vor dem Sturz des viel-
gefeierten Lieblings der Deutschen, fand ich im ra-
dikalsten deutschen Journal, in der »Speyerer Zei-
y
324 Lutczia
tung«, eine Apologie Guizots aus der Feder eines
jener Tyrannenfresser, deren Tomahawk und Skalpier-
messer keine Barmherzigkeit jemals kannte. Die Be-
geisterung für Guizot ward in der »Allgemeinen
Zeitung« fürnehmlich vertreten von meinem Kollegen
mit dem Venuszeichen und von meinem Kollegen
mit dem Pfeil; ersterer schwang das Weihrauchfaß
mit sazerdotaler Weihe, letzterer bewahrte selbst in
der Ekstase seine Süße und Zierlichkeit: beide hielten
aus bis zur Katastrophe.
Was mich betrifft, so hatte ich, seitdem ich mich
ernstlich mit französischer Literatur beschäftigt, die
ausgezeichneten Verdienste Guizots immer erkannt
und begriffen, und meine Schriften zeugen von meiner
frühen Verehrung des weltberühmten Mannes. Ich
liebte mehr seinen Nebenbuhler Thiers, aber nur
seiner Persönlichkeit wegen, nicht ob seiner Geistes-
richtung, die eine borniert nationale ist, so daß er
fast ein französischer Altdeutscher zu nennen wäre,
während Guizots kosmopolitische Anschauungsweise
meiner eignen Denkungsart näher stand. Ich liebte
vielleicht in ersterem manche Fehler, deren man
mich selber zieh, während die Tugenden des andern
beinahe abstoßend auf mich wirkten. Erstem mußte
ich oft tadeln, doch geschah es mit Widerstreben;
wenn mir letzterer Lob abzwang, so erteilte ich es
gewiß erst nach strengster Prüfung. Wahrlich nur
mit unabhängiger Wahrheitsliebe besprach ich den
J Mann, welcher damals den Mittelpunkt aller Be-
sprechungen bildete, und ich referierte immer getreu
was ich hörte. Es war für mich eine Ehrensache,
die Berichte, worin ich den Charakter und die gou-
vernementalen Ideen <nicht die administrativen Akte)
des großen Staatsmannes am wärmsten würdigte, hier
Zweiter Teil
3*5
in diesem Buche ganz unverändert abzudrucken, ob^
gleich dadurch manche Wiederholungen entstehen
mußten. Der geneigte Leser wird bemerken, diese
Besprechungen gehen nicht weiter als bis gegen Ende
des Jahres 1843, wo ich überhaupt aufhörte, politische
Artikel für die »Allgemeine Zeitung« zu schreiben,
und mich darauf beschränkte, dem Redakteur der-
selben in unserer Privatkorrespondenz manchmal
freundschaftliche Mitteilungen zu machen; nur dann
und wann veröffentlichte ich einen Artikel über
Wissenschaft und schöne Künste.
Das ist nun das Schweigen, das Nichtschreiben,
wovon die »Allgemeine Zeitung« spricht, und das
mir als ein Verkauf meiner Redefreiheit ausgedeutet
werden sollte. Lag nicht viel näher die Annahme,
daß ich um jene Zeit in meinem Glauben an Guizot
schwankend, überhaupt an ihm irre geworden sein
mochte? Ja, das war der Fall, doch im März 1848
geziemte mir kein solches Geständnis. Das erlaubten
damals weder Pietät noch Anstand. Ich mußte mich
darauf beschränken, der treulosen Insinuation, welche
mein plötzliches Verstummen der Bestechung zu*
schrieb, in der erwähnten Erklärung bloß das rein
Faktische meines Verhältnisses zum Guizotschen
Ministerio entgegenzustellen. Ich wiederhole hier
diese Tatsachen. Vor dem 29. November 1840, wo
Herr Guizot das Ministerium übernahm, hatte ich
nie die Ehre gehabt, denselben zu sehen. Erst einen
Monat später machte ich ihm einen Besuch, um ihm
dafür zu danken, daß die Komptabilität seines De*
partements von ihm die Weisung erhalten hatte, mir
auch unter dem neuen Ministerium meine jährliche
Unterstützungspension nach wie vor in monatlichen
Terminen auszuzahlen. Jener Besuch war der eiste
«6 Lutezia
und zugleich der letzte, den ich in diesem Leben
dem illustren Manne abstattete. In der Unterredung,
womit er mich beehrte, sprach er mit Tiefsinn und
Wärme seine Hochschätzung für Deutschland aus,
und diese Anerkennung meines Vaterlandes, sowie
y auch die schmeichelhaften Worte, welche er mir
über meine eignen literarischen Erzeugnisse sagte,
waren die einzige Münze, mit welcher er mich be-
stochen hat. Nie fiel es ihm ein, irgendeinen Dienst
von mir zu verlangen. Und am allerwenigsten mochte
es dem stolzen Manne, der nach Impopularität lechzte,
in den Sinn kommen, eine kummerliche Lobspende
in der französischen Presse oder in der Augsburger
»Allgemeinen Zeitung« von mir zu verlangen, von
mir, der ihm bisher ganz fremd war, während weit
gravitätischere und also zuverlässigere Leute, wie der
Baron von Eckstein oder der Historiograph Cape-
figue, welche beide, wie oben bemerkt, ebenfalls Mitar-
beiter der »Allgemeinen Zeitung« waren, mit Herrn
Guizot in vieljährigem gesellschaftlichen Verkehr ge-
standen, und gewiß ein delikates Vertrauen verdient
hätten. Seit der erwähnten Unterredung habe ich
Herrn Guizot nie wieder gesehen; nie sah ich seinen
Sekretär, oder sonst jemand, der in seinem Bureau
arbeitete. Nur zufällig erfuhr ich einst, daß Herr
Guizot von transrhenanischen Gesandtschaften oft
und dringend angegangen worden, mich aus Paris
zu entfernen. Nicht ohne Lachen konnte ich dann
an die ärgerlichen Gesichter denken, welche jene
Reklamanten geschnitten haben mochten, als sie ent-
deckten, daß der Minister, von welchem sie meine
Ausweisung verlangt, mich obendrein durch ein Jahr-
gehalt unterstützte. Wie wenig derselbe wünschte,
dieses edle Verfahren devulgiert zu sehen, begriff
Zweiter Teil
327
ich ohne besondern Wink, und diskrete Freunde,
denen ich nichts verhehlen kann, teilten meine Schaden*
freude.
Für diese Belustigung und die Großmut, womit
er mich behandelt, war ich Herrn Guizot gewiß zu
großem Dank verpflichtet. Doch als ich in meinem
Glauben an seine Standhaftigkeit gegen königliche
Zumutungen irre ward, als ich ihn vom Willen Lud*
wig Philipps allzuverderblich beherrscht sah, und den
großen, entsetzlichen Irrtum dieses autokratischen
Starrwillens, dieses unheilvollen Eigensinns begriff:
da würde wahrlich nicht der psychische Zwang der
Dankbarkeit mein Wort gefesselt haben, ich hätte
gewiß mit ehrfurchtsvoller Betrübnis die Mißgriffe
gerügt, wodurch das allzu nachgiebige Ministerium, oder
vielmehr der betörte König, das Land und die Welt
dem Untergang entgegenführte. Aber es knebelten
meine Feder auch brutale physische Hindernisse, und
diese reelle Ursache meines Schweigens, meines Nicht*
Schreibens, kann ich erst heute öffentlich enthüllen.
Ja, im Fall ich auch das Gelüste empfunden hätte,
in der »Allgemeinen Zeitung« gegen das unselige
Regierungssystem Ludwig Philipps nur eine Silbe
drucken zu lassen, so wäre mir solches unmöglich
gewesen, aus dem ganz einfachen Grunde: weil der
kluge König schon vor dem 29. November gegen
einen solchen verbrecherischen Korrespondentenein-
fall, gegen ein solches Attentat, seine Maßregeln ge-
nommen, indem er höchstselbst geruhte, den dama-
ligen Zensor der »Allgemeinen Zeitung« zu Augs-
burg nicht bloß zum Ritter, sondern sogar zum
Offizier der französischen Ehrenlegion zu ernennen.
So groß auch meine Vorliebe für den seligen König
war, so fand doch der Augsburger Zensor, daß ich
3i8
Lutezia
y
nicht genug liebte, und er strich jedes mißliebige
Wort, und sehr viele meiner Artikel über die könig-
liche Politik blieben ganz ungedruckt. Aber kurz nach
der Februarrevolution, wo mein armer Ludwig Philipp
ins Exil gewandert war, erlaubte mir weder die Pietät
noch der Anstand die Veröffentlichung einer solchen
Tatsache, selbst im Fall der Augsburger Zensor ihr
sein Imprimatur verliehen hätte.
Ein anderes, ähnliches Geständnis gestattete da-
mals nicht die Zensur des Herzens, die noch weit
ängstlicher als die der »Allgemeinen Zeitung«. Nein,
kurz nach dem Sturze Guizots durfte ich nicht öffent-
lich eingestehen, daß ich vorher auch aus Furcht
schwieg. Ich mußte mir nämlich Anno 1844 ge-
y stehen, daß, wenn Herr Guizot von meiner Korre-
spondenz erführe und die darin enthaltene Kritik ihm
einigermaßen mißfiele, der leidenschaftliche Mann
wohl fähig gewesen wäre, die Gefühle der Groß-
mut überwindend, dem unbequemen Kritiker in einer
sehr summarischen Weise das Handwerk zu legen.
Mit der Ausweisung des Korrespondenten aus Paris
hätte auch seine Pariser Korrespondenz notwendiger-
weise ein Ende gehabt. In der Tat, Se. Magnifizenz
hatte die Fasces der Gewalt in Händen, er konnte
mir zu jeder Zeit das consilium abeundi erteilen,
und ich mußte dann auf der Stelle den Ranzen
schnüren. Seine Pedelle in blauer Uniform mit
zitronengelben Aufschlägen hätten mich bald meinen
Pariser kritischen Studien entrissen und bis an jene
Pfähle begleitet, »die wie das Zebra sind gestreift«,
wo mich andere Pedelle mit noch viel fataleren
Livreen und germanisch ungeschliffenem Manieren
in Empfang genommen hätten, um mir die Honneurs
des Vaterlandes zu machen «* —
Zweiter Teil 529
Aber unglücklicher Poet, warst du nicht durch
deine französische Naturalisation hinlänglich geschützt
gegen solche Ministerwillkür?
Ach, die Beantwortung dieser Frage entreißt mir
ein Geständnis, das vielleicht die Klugheit geböte
zu verschweigen. Aber die Klugheit und ich, wir
haben schon lange nicht mehr aus derselben Kumpe
gegessen — und ich will heute rücksichtslos bekennen,
daß ich mich nie in Frankreich naturalisieren ließ,
und meine Naturalisation, die für eine notorische»/
Tatsache gilt, dennoch nur ein deutsches Märchen
ist. Ich weiß nicht, welcher müßige oder listige
Kopf dasselbe ersonnen. Mehre Landsleute wollten
freilich aus authentischer Quelle diese Naturalisation
erschnüffelt haben; sie referierten darüber in deutschen
Blättern, und ich unterstützte den irrigen Glauben
durch Schweigen. Meine lieben literarischen und
politischen Gegner in der Heimat, und manche sehr
einflußreiche intime Feinde hier in Paris, wurden da-
durch irregeleitet, und glaubten, ich sei durch ein
französisches Bürgerrecht gegen mancherlei Vexa-
tionen und Machinationen geschützt, womit der
Fremde, der hier einer exzeptionellen Jurisdiktion
unterworfen ist, so leicht heimgesucht werden kann.
Durch diesen wohltätigen Irrtum entging ich mancher*-^
Böswilligkeit und auch mancher Ausbeutung von
Industriellen, die in geschäftlichen Konflikten ihre
Bevorrechtung benutzt hätten. Ebenso widerwärtig
wie kostspielig wird auf die Länge in Paris der Zu-
stand des Fremden, der nicht naturalisiert ist. Man
wird geprellt und geärgert, und zumeist eben von
naturalisierten Ausländern, die am schäbigsten darauf
erpicht sind, ihre erworbenen Befugnisse zu miß-
brauchen. Aus mißmutiger Fürsorge erfüllte ich
33Q
Lutezia
einst die Formalitäten, die zu nichts verpflichten und
uns doch in den Stand setzen, nötigstenfalls die Rechte
der Naturalisation ohne Zögernis zu erlangen. Aber
ich hegte immer eine unheimliche Scheu vor dem
definitiven Akt. Durch dieses Bedenken, durch diese
tiefeingewurzelte Abneigung gegen die Naturalisation,
geriet ich in eine falsche Stellung, die ich als die
Ursache aller meiner Nöten, Kümmernisse und Fehl-
griffe während meinem dreiundzwanzigjährigen Aufent-
halt in Paris betrachten muß. Das Einkommen eines
guten Amtes hätte hier meinen kostspieligen Haus-
halt und die Bedürfnisse einer nicht sowohl launischen
als vielmehr menschlich freien Lebensweise hin-
. reichend gedeckt — aber ohne vorhergehende Natu-
ralisation war mir der Staatsdienst verschlossen.
Hohe Würden und fette Sinekuren stellten mir meine
Freunde lockend genug in Aussicht, und es fehlte
nicht an Beispielen von Ausländern, die in Frank-
reich die glänzendsten Stufen der Macht und der
Ehre erstiegen — Und ich darf es sagen, ich hätte
sj weniger als andere mit einheimischer Scheelsucht
zu kämpfen gehabt, denn nie hatte ein Deutscher
in so hohem Grade wie ich die Sympathie der
Franzosen gewonnen, sowohl in der literarischen
Welt als auch in der hohen Gesellschaft, und nicht
als Gönner, sondern als Kamerad pflegte der Vor-
nehmste meinen Umgang. Der ritterliche Prinz, der
dem Throne am nächsten stand, und nicht bloß ein
ausgezeichneter Feldherr und Staatsmann war, son-
dern auch das »Buch der Lieder« im Original las,
hätte mich gar zu gern in französischen Diensten
gesehen, und sein Einfluß wäre groß genug gewesen,
um mich in solcher Laufbahn zu fördern. Ich ver-
gesse nicht die Liebenswürdigkeit, womit einst im
Zweiter Teil
33»
Garten des Schlosses einer fürstlichen Freundin der
große Geschichtschreiber der französischen Revo*
lution und des Empires, welcher damals der allge*
waltige Präsident des Konseils war, meinen Arm
ergriff, und mit mir spazieren gehend, lange und
lebhaft in mich drang, daß ich ihm sagen möchte,
was mein Herz begehre, und daß er sich anheischig
mache, mir alles zu verschaffen. — Im Ohr klingt
mir noch jetzt der schmeichlerische Klang seiner
Stimme, in der Nase prickelt mir noch der Duft
des großen blühenden Magnoliabaums, dem wir
vorübergingen, und der mit seinen alabasterweißen
vornehmen Blumen in die blauen Lüfte emporragte,
so prachtvoll, so stolz, wie damals, in den Tagen
seines Glückes, das Herz des deutschen Dichters!
Ja, ich habe das Wort genannt. Es war der
närrische Hochmut des deutschen Dichters, der mich
davon abhielt, auch nur pro forma ein Franzose zu
werden. Es war eine ideale Grille, wovon ich mich
nicht losmachen konnte. In bezug auf das, was
wir gewöhnlich Patriotismus nennen, war ich immer
ein Freigeist, doch konnte ich mich nicht eines ge-
wissen Schauers erwehren, wenn ich etwas tun
sollte, was nur halbweg als ein Lossagen vom
Vaterlande erscheinen mochte. Auch im Gemüte
des Aufgeklärtesten nistet immer ein kleines Al-
räunchen des alten Aberglaubens, das sich nicht
ausbannen läßt; man spricht nicht gern davon, aber
es treibt in den geheimsten Schlupfwinkeln unsrer
Seele sein unkluges Wesen. Die Ehe, welche ich
mit unserer lieben Frau Germania, der blonden
Bärenhäuterin, geführt, war nie eine glückliche ge-
wesen. Ich erinnere mich wohl noch einiger schönen
Mondscheinnächte, wo sie mich zärtlich preßte an
w-
Lutezia
ihren großen Busen mit den tugendhaften Zitzen —
doch diese sentimentalen Nächte lassen sich zählen,
und gegen Morgen trat immer eine verdrießlich
gähnende Kühle ein, und begann das Keifen ohne
Ende. Auch lebten wir zuletzt getrennt von Tisch
und Bett. Aber bis zu einer eigentlichen Scheidung
sollte es nicht kommen. Ich habe es nie übers
/ Herz bringen können, mich ganz loszusagen von
meinem Hauskreuz. Jede Abtrünnigkeit ist mir ver-
haßt, und ich hätte mich von keiner deutschen Katze
lossagen mögen, nicht von einem deutschen Hund,
wie unausstehlich mir auch seine Flöhe und Treue.
Das kleinste Ferkelchen meiner Heimat kann sich
in dieser Beziehung nicht über mich beklagen. Unter
den vornehmen und geistreichen Säuen von Peri-
gord, welche die Trüffeln erfunden und sich damit
mästen, verleugnete ich nicht die bescheidenen Grunz-
linge, die daheim im Teutoburger Wald nur mit
der Frucht der vaterländischen Eiche sich atzen
aus schlichtem Holztrog, wie einst ihre frommen
Vorfahren, zur Zeit als Arminius den Varus schlug.
Ich habe auch nicht eine Borste meines Deutsch-
tums, keine einzige Schelle an meiner deutschen
Kappe eingebüßt, und ich habe noch immer das
Recht, daran die schwarz-rot-goldene Kokarde zu
heften. Ich darf noch immer zu Maßmann sagen :
>Wir deutsche Esel!« Hätte ich mich in Frankreich
naturalisieren lassen, würde mir Maßmann antworten
können: »Nur Ich bin ein deutscher Esel, du aber
bist es nicht mehr« — und er schlüge dabei einen
verhöhnenden Burzelbaum, der mir das Herz bräche.
Nein, solcher Schmach habe ich mich nicht aus-
gesetzt. Die Naturalisation mag für andre Leute
** passen; ein versoffener Advokat aus Zweibrücken,
Zweiter Teil m
ein Strohkopf mit einer eisernen Stirn und einer
kupfernen Nase, mag immerhin, um ein Schulmeister-
amt zu erschnappen, ein Vaterland aufgeben, das
nichts von ihm weiß und nie etwas von ihm erfahren
wird — aber dasselbe geziemt sich nicht für einen
deutschen Dichter, welcher die schönsten deutschen
Lieder gedichtet hat. Es wäre für mich ein ent-
setzlicher, wahnsinniger Gedanke, wenn ich mir
sagen müßte, ich sei ein deutscher Poet und zugleich
ein naturalisierter Franzose. — Ich käme mir selber
vor wie eine jener Mißgeburten mit zwei Köpfchen,
die man in den Buden der Jahrmärkte zeigt. Es
würde mich beim Dichten unerträglich genieren, wenn
ich dächte, der eine Kopf finge auf einmal an, im
französischen Truthahnpathos die unnatürlichsten
Alexandriner zu skandieren, während der andere in
den angebornen wahren Naturmetren der deutschen
Sprache seine Gefühle ergösse. Und ach! unaus-
stehlich sind mir, wie die Metrik, so die Verse der
Franzosen, dieser parfümierte Quark — kaum er-
trage ich ihre ganz geruchlosen besseren Dichter. —
Wenn ich jene sogenannte podsie lyrique der Fran-
zosen betrachte, erkenne ich erst ganz die Herrlich-
keit der deutschen Dichtkunst, und ich könnte mir
alsdann wohl etwas darauf einbilden, daß ich mich
rühmen darf, in diesem Gebiete meine Lorbeern er-
rungen zu haben. — Wir wollen auch kein Blatt davon
aufgeben, und der Steinmetz, der unsre letzte Schlaf-
stätte mit einer Inschrift zu verzieren hat, soll keine
Einrede zu gewärtigen haben, wenn er dort eingräbt
die Worte: »Hier ruht ein deutscher Dichter«.
y
^4 Lutezia
LIX.
Paris, 7. Mai 1843.
Die Gemäldeausstellung erregt dieses Jahr unge-
wöhnliches Interesse, aber es ist mir unmöglich, über
die gepriesenen Vorzüglichkeiten dieses Salons nur
ein halWeg vernünftiges Urteil zu fällen. Bis jetzt
empfand ich nur ein Mißbehagen sondergleichen,
wenn ich die Gemächer des Louvre durchwandelte.
Diese tollen Farben, die alle zu gleicher Zeit auf
mich loskreischen, dieser bunte Wahnwitz, der mich
von allen Seiten angrinst, diese Anarchie in goldnen
Rahmen, macht auf mich einen peinlichen, fatalen
Eindruck. Ich quäle mich vergebens, dieses Chaos
im Geiste zu ordnen und den Gedanken der Zeit
darin zu entdecken, oder auch nur den verwandt*
schaftlichen Charakterzug, wodurch diese Gemälde
sich als Produkte unsrer Gegenwart kundgeben.
Alle Werke einer und derselben Periode haben näm-
lich einen solchen Charakterzug, das Malerzeichen
des Zeitgeistes. Z. B. auf der Leinwand des Watteau,
oder des Boucher, oder des Vanloo, spiegelt sich
ab das graziöse gepuderte Schäferspiel, die ge-
schminkte, tändelnde Leerheit, das süßliche Reifrock-
glück des herrschenden Pompadourtums: überall
hellfarbig bebänderte Hirtenstäbe, nirgends ein Schwert.
In entgegengesetzter Weise sind die Gemälde des
David und seiner Schüler nur das farbige Echo der
republikanischen Tugendperiode, die in den imperia-
listischen Kriegsruhm überschlägt, und wir sehen
hier eine forcierte Begeisterung für das marmorne
Modell, einen abstrakten frostigen Verstandesrausch,
die Zeichnung korrekt, streng, schroff, die Farbe
trüb, hart, unverdaulich: Spartanersuppen, Was
Zweiter Teil
335
wird sich aber unsern Nachkommen, wenn sie einst ^y
die Gemälde der heutigen Maler betrachten, als die
zeitliche Signatur offenbaren? Durch welche gemein-
same Eigentümlichkeiten werden sich diese Bilder
gleich beim ersten Blick als Erzeugnisse aus unsrer
gegenwärtigen Periode ausweisen? Hat vielleicht der
Geist der Bourgeoisie, der Industrialismus, der jetzt
das ganze soziale Leben Frankreichs durchdringt,
auch schon in den zeichnenden Künsten sich der-
gestalt geltend gemacht, daß allen heutigen Gemälden
das Wappen dieser neuen Herrschaft aufgedrückt
ist? Besonders die Heiligenbilder, woran die dies- ^
jährige Ausstellung so reich ist, erregen in mir eine
solche Vermutung. Da hängt im langen Saal eine
Geißelung, deren Hauptfigur, mit ihrer leidenden
Miene, dem Direktor einer verunglückten Aktien-
gesellschaft ähnlich sieht, der vor seinen Aktionären
steht und Rechnung ablegen soll; ja letztere sind
auch auf dem Bilde zu sehen, und zwar in der
Gestalt von Henkern und Pharisäern, die gegen den
Ecce homo schrecklich erbost sind und an ihren
Aktien sehr viel Geld verloren zu haben scheinen.
Der Maler soll in der Hauptfigur seinen Oheim por-
trätiert haben. Die Gesichter auf den eigentlich ^^
historischen Bildern, welche heidnische und mittel-
alterliche Geschichten darstellen, erinnern ebenfalls
an Kramladen, Börsenspekulation, Merkantilismus,
Spießbürgerlichkeit. Da ist ein Wilhelm der Eroberer
zu sehen, dem man nur eine Bärenmütze aufzusetzen
brauchte, und er verwandelte sich in einen National-
gardisten, der mit musterhaftem Eifer die Wache
bezieht, seine Wechsel pünktlich bezahlt, seine Gattin
ehrt und gewiß das Ehrenlegionskreuz verdient. Aber
gar die Porträts! Die meisten haben einen so pe- "^
336 Lutezia
kuniären, eigennützigen, verdrossenen Ausdruck, den
ich mir nur dadurch erkläre, daß das lebendige Ori-
ginal in den Stunden der Sitzung immer an das
Geld dachte, welches ihm das Porträt kosten werde,
während der Maler beständig die Zeit bedauerte,
die er mit dem jämmerlichen Lohndienst vergeuden
mußte.
Unter den Heiligenbildern, welche von der Mühe
zeugen, die sich die Franzosen geben, recht religiös
zu tun, bemerkte ich eine Samaritanerin am Brunnen.
Obgleich der Heiland dem feindseligen Stamme der
Juden angehört, übt sie dennoch an ihm Barmherzig-
keit. Sie bietet dem Durstigen ihren Wasserkrug,
und während er trinkt, betrachtet sie ihn mit einem
sonderbaren Seitenblick, der ungemein pfiffig und
mich an die gescheite Antwort erinnerte, welche
einst eine kluge Tochter Schwabens dem Herrn
Superintendenten gab, als dieser die Schuljugend im
Religionsunterricht examinierte. Er frug nämlich, wo*
ran das Weib aus Samaria erkannt hatte, daß Jesus
ein Jude war? »An der Beschneidung« — antwortete
keck die kleine Schwäbin.
Das merkwürdigste Heiligenbild des Salons ist
yf von Horaz Vernet, dem einzigen großen Meister,
welcher dies Jahr ein Gemälde zur Ausstellung ge-
liefert. Das Sujet ist sehr verfänglich, und wir müs-
sen, wo nicht die Wahl, doch gewiß die Auffassung
desselben bestimmt tadeln. Dieses Sujet, der Bibel
entlehnt, ist die Geschichte Judas und seiner Schwie-
gertochter Thamar. Nach unsern modernen Be-
griffen und Gefühlen erscheinen uns beide Personen
in einem sehr unsittlichen Lichte. Jedoch nach der
Ansicht des Altertums, wo die höchste Aufgabe
des Weibes darin bestand, daß sie Kinder gebar,
Zweiter Teil
337
daß sie den Stamm ihres Mannes fortpflanze — <zu-
mal nach der althebräischen Denkweise, wo der
nächste Anverwandte die Witwe eines Verstorbenen
heiraten mußte, wenn derselbe kinderlos starb, nicht
bloß damit durch solche posthume Nachkommen*
schaft die Familiengüter, sondern damit auch das
Andenken der Toten, ihr Fortleben in den Später*
gebornen, gleichsam ihre irdische Unsterblichkeit,
gesichert werde) — nach solcher antiken Anschau-
ungsweise war die Handlung der Thamar eine höchst
sittliche, fromme, gottgefällige Tat, naiv schön und
fast so heroisch wie die Tat der Judith, die unsern
heutigen Patriotismusgefühlen schon etwas näher steht.
Was ihren Schwiegervater Juda betrifft, so vindi-
zieren wir für ihn eben keinen Lorbeer, aber wir
behaupten, daß er in keinem Falle eine Sünde be-
ging. Denn erstens war die Beiwohnung eines Wei-
bes, das er an der Landstraße fand, für den Hebräer
der Vorzeit ebensowenig eine unerlaubte Handlung,
wie der Genuß einer Frucht, die er von einem
Baume an der Straße abgebrochen hätte, um seinen
Durst zu löschen; und es war gewiß ein heißer Tag
im heißen Mesopotamien, und der arme Erzvater
Juda lechzte nach einer Erfrischung. Und dann
trägt seine Handlung ganz den Stempel des gött-
lichen Willens, sie war eine providencielle: ohne
jenen großen Durst hätte Thamar kein Kind be-
kommen; dieses Kind aber wurde der Ahnherr Da-
vids, welcher als König über Juda und Israel herrschte,
und es ward also zugleich auch der Stammvater
jenes noch größern Königs mit der Dornenkrone, den
jetzt die ganze Welt verehrt, Jesus von Nazareth.
Was die Auffassung dieses Sujets betrifft, so will
ich, ohne mich in einen allzu homiletischen Tadel
IX, 22
■n% Lutezia
einzulassen, dieselbe mit wenigen Worten beschreib
ben. Thamar, die schöne Person, sitzt an der Land*
straße und offenbart bei dieser Gelegenheit ihre üp-
pigsten Reize. Fuß, Bein, Knie usw. sind von einer
Vollendung, die an Poesie grenzt. Der Busen quillt
hervor aus dem knappen Gewand, blühend, duftig,
verlockend, wie die verbotene Frucht im Garten
Eden. Mit der rechten Hand, die ebenfalls ent-
zückend trefflich gemalt ist, hält sich die Schöne
einen Zipfel ihres weißen Gewandes vors Gesicht,
so daß nur die Stirn und die Augen sichtbar. Diese
großen schwarzen Augen sind verführerisch wie die
Stimme der glatten Satansmuhme. Das Weib ist
zu gleicher Zeit Apfel und Schlange, und wir dürfen
den armen Juda nicht deswegen verdammen, daß er
ihr die verlangten Pfänder, Stab, Ring und Gürtel
sehr hastig hinreicht. Sie hat, um dieselben in Emp-
fang zu nehmen, die linke Hand ausgestreckt, wäh-
rend si«, wie gesagt, mit der rechten das Gesicht
verhüllt. Diese doppelte Bewegung der Hände ist
von einer Wahrheit, wie sie die Kunst nur in ihren
glücklichsten Momenten hervorbringt. Es ist hier
eine Naturtreue, die zauberhaft wirkt. Dem Juda
gab der Maler eine begehrliche Physiognomie, die
eher an einen Faun als an einen Patriarchen erin-
nern dürfte, und seine ganze Bekleidung besteht in
jener weißen wollenen Decke, die seit der Erobe-
rung Algiers auf so vielen Bildern eine große Rolle
spielt. Seit die Franzosen mit dem Orient in un-
mittelbarste Bekanntschaft getreten, geben ihre Maler
auch den Helden der Bibel ein wahrhaftes morgen-
ländisches Kostüm. Das frühere traditionelle Ideal-
kostüm ist in der Tat etwas abgenutzt durch drei-
hundertjährigen Gebrauch, und am allerwenigsten
Zweiter Teil y$g
wäre es passend, nach dem Beispiel der Venezianer,
die alten Hebräer in einer modernen Tagestracht zu
vermummen. Auch Landschaft und Tiere des Morgen*
landes behandeln seitdem die Franzosen mit größerer
Treue in ihren Historienbildern, und dem Kamele,
welches sich auf dem Gemälde des Horaz Vernet
befindet, sieht man es wohl an, daß der Maler es
unmittelbar nach der Natur kopiert und nicht, wie
ein deutscher Maler, aus der Tiefe seines Gemüts
geschöpft hat. Ein deutscher Maler hätte vielleicht
hier, in der Kopfbildung des Kamels, das Sinnige,
das Vorweltliche, ja das Alttestamentalische hervor-
treten lassen. Aber der Franzose hat nur eben ein
Kamel gemalt wie Gott es erschaffen hat, ein ober*
flächliches Kamel, woran kein einzig symbolisches
Haar ist, und welches, sein Haupt hervorstreckend
über die Schulter des Juda, mit der größten Gleich-
gültigkeit dem verfänglichen Handel zuschaut. Diese
Gleichgültigkeit, dieser Indifferentismus, ist ein Grund-
zug des in Rede stehenden Gemäldes, und auch in
dieser Beziehung trägt dasselbe das Gepräge unsrer
Periode. Der Maler tauchte seinen Pinsel weder in
die ätzende Böswilligkeit Voltairescher Satire, noch
in die liederlichen Schmutztöpfe von Parny und
Konsorten; ihn leitet weder Polemik noch Immorali-
tät; die Bibel gilt ihm so viel wie jedes andere
Buch, er betrachtet dasselbe mit echter Toleranz, er
hat gar kein Vorurteil mehr gegen dieses Buch,
er findet es sogar hübsch und amüsant, und er ver-
schmäht es nicht, demselben seine Sujets zu ent-
lehnen. In dieser Weise malte er Judith, Rebekka
am Brunnen, Abraham und Hagar, und so malte er
auch Juda und Thamar, ein vortreffliches Gemälde,
das wegen seiner lokalartigen Auffassung ein sehr
Ho
Lutezia
passendes Altarbild wäre für die Pariser neue Kirche
von Notre-Dame-de-Lorette, im Lorettenquartier.
Horaz Vernet gilt bei der Menge für den größten
J Maler Frankreichs, und ich möchte dieser Ansicht
nicht widersprechen. Jedenfalls ist er der nationalste
der französischen Maler, und er überragt sie alle
/ durch das fruchtbare Können, durch die dämonische
Überschwenglichkeit, durch die ewig blühende Selbst-
verjüngung seiner Schöpferkraft. Das Malen ist ihm
angeboren wie dem Seidenwurm das Spinnen, wie
dem Vogel das Singen, und seine Werke erscheinen
wie Ergebnisse der Notwendigkeit. Kein Stil, aber
Natur. Fruchtbarkeit die ans Lächerliche grenzt.
Eine Karikatur hat den Horaz Vernet dargestellt,
wie er auf einem hohen Rosse, mit einem Pinsel in
der Hand, vor einer ungeheuer lang ausgespannten
Leinwand hinreitet und im Galopp malt; sobald er
ans Ende der Leinwand anlangt, ist auch das Ge-
mälde fertig. Welche Menge von kolossalen Schlacht-
y stücken hat er in der jüngsten Zeit für Versailles
geliefert! In der Tat, mit Ausnahme von Österreich
und Preußen, besitzt wohl kein deutscher Fürst so
viele Soldaten, wie deren Horaz Vernet schon ge-
malt hat! Wenn die fromme Sage wahr ist, daß
am Tage der Auferstehung jeden Menschen auch
seine Werke nach der Stätte des Gerichtes begleiten,
so wird gewiß Horaz Vernet am jüngsten Tage in
Begleitung von einigen hunderttausend Mann Fuß-
volk und Kavallerie im Tale Josaphat anlangen.
Wie furchtbar auch die Richter sein mögen, die
dorten sitzen werden, um die Lebenden und Toten
zu richten, so glaube ich doch nicht, daß sie
^jjL den Horaz Vernet ob der Ungebührlichkeit, womit
er Juda und Thamar behandelte, zum ewigen Feuer
Zvreiter Teil 34t
verdammen werden. Ich glaube es nicht. Denn
erstens, das Gemälde ist so vortrefflich gemalt, daß
man schon deshalb den Beklagten freisprechen müßte.
Zweitens ist der Horaz Vernet ein Genie, und dem
Genie sind Dinge erlaubt, die den gewöhnlichen ^
Sündern verboten sind. Und endlich, wer an der
Spitze von einigen 100000 Soldaten anmarschiert
kömmt, dem wird ebenfalls viel verziehen, selbst
wenn er zufälligerweise kein Genie wäre.
LX.
Paris, 1. Juni 1843.
Der Kampf gegen die Universität, der von kleri- ,
kaier Seite noch immer fortgesetzt wird, sowie auch
die entschiedene Gegenwehr, wobei sich besonders
Michelet und Quinet hervortaten, beschäftigt noch
immer das große Publikum. Vielleicht wird dieses
Interesse bald wieder verdrängt von irgendeiner neuen ^
Tagesfrage ; aber der Zwist selbst wird so bald nicht
geschlichtet sein, denn er wurzelt in einem Zwie-
spalt, der Jahrhunderte alt ist, und vielleicht als der
letzte Grund aller Umwälzungen im französischen
Staatsleben betrachtet werden dürfte. Es handelt
sich hier weder um Jesuiten noch um Freiheit des v-/
Unterrichts; beides sind nur Losungsworte, sie sind
keineswegs der Ausdruck dessen, was die krieg-
führenden Parteien denken und wollen. Etwas ganz
anderes, als man zu gestehen wagt, wo nicht gar
das Gegenteil der innern Überzeugung, wird auf bei-
den Seiten ausgesprochen. Man schlägt manchmal
auf den Sack und meint den Esel, heißt das alt-
deutsche Sprichwort. Wir hegen eine zu gute Mei-
Hz
Lutezia
J
nung von dem Verstände der Universitätsprofessoren,
als daß wir annehmen dürften, sie polemisierten im
vollsten Ernste gegen den toten Ritter Ignaz von
Loyola und seine Grabesgenossen. Wir schenken
hingegen dem Liberalismus der Gegner zu wenig
Glauben, als daß wir ihre radikalen Grundsätze in
betreff der Lehrfreiheit, ihre eifrige Anpreisung der
Freiheit des Unterrichts, für bare Münze nehmen
möchten. Das öffentliche Feldgeschrei ist hier im
Widerspruch mit dem geheimen Gedanken. Gelehrte
List und fromme Lüge. Die wahre Bedeutung dieser
Zwiste ist nichts anderes als die uralte Opposition
zwischen Philosophie und Religion, zwischen Ver-
nunfterkenntnis und Offenbarungsglauben, eine Op-
position, die, von den Männern der Wissenschaft
geleitet, sowohl im Adel wie in der Bürgerschaft
beständig gärte, und in den neunziger Jahren den
Sieg erfocht. Ja bei einigen überlebenden Akteurs
der französischen Staatstragödie, bei Politikern von
tiefster Erinnerung, erlauschte ich nicht selten das
Bekenntnis, daß die ganze französische Revolution
zuletzt doch nur durch den Haß gegen die Kirche
entstanden sei, und daß man den Thron zertrüm-
merte, weil er den Altar schützte. Die konstitu-
tionelle Monarchie hätte sich, ihrer Meinung nach,
schon unter Ludwig XVI. festsetzen können; aber
man fürchtete, daß der strenggläubige König der
neuen Verfassung nicht treu bleiben könne aus from-
men Gewissensskrupeln, man fürchtete, daß ihm seine
religiösen Überzeugungen höher gelten würden, als
seine irdischen Interessen — und Ludwig XVI. ward
das Opfer dieser Furcht, dieses Argwohns, dieses Ver-
dachtes! II etait suspect; das war in jener Schreckens*
zeit ein Verbrechen, worauf die Todesstrafe stand.
Zweiter Teil
343
Obgleich Napoleon die Kirche in Frankreich wie* \^
derherstellte und begünstigte, so galt doch sein eiser*
ner Willenstolz für eine hinlängliche Bürgschaft, daß
die Geistlichkeit unter seiner Regierung sich nicht
allzusehr überheben oder gar zur Herrschaft empor-
schwingen würde: er hielt sie ebensosehr im Zaum
wie uns andre, und seine Grenadiere, welche mit
blankem Gewehr neben der Prozession einhermar-
schierten, schienen weniger die Ehrengarde als viel*
mehr die Gefangenschaftseskorte der Religion zu sein.
Der gewaltige Imperator wollte allein regieren, wollte
auch mit dem Himmel seine Gewalt nicht teilen, das
wußte jeder. Im Beginn der Restauration wurden
schon die Gesichter länger, und die Männer der
Wissenschaft fühlten wieder ein geheimes Grauen.
Aber Ludwig XVIII. war ein Mann ohne religiösesv-^
Bewußtsein, ein Witzling, der sehr dick war, schlechte
lateinische Verse machte, und gute Leberpasteten aß;
das beruhigte das Publikum. Man wußte, daß er
Krone und Haupt nicht gefährden werde, um den
Himmel zu gewinnen, und je weniger man ihn als
Mensch achtete, desto größeres Vertrauen flößte er
ein als König von Frankreich: seine Frivolität war
eine Garantie, diese schützte ihn selbst vor dem Ver-
dacht, den schwarzen Erbfeind zu begünstigen, und
wäre er am Leben geblieben, so hätten die Fran-
zosen keine neue Revolution gemacht. Diese mach-
ten sie unter der Regierung Karls X., eines Königs, .
der persönlich die höchste Achtung verdiente, und */
von dem man im voraus überzeugt war, daß er,
dem Heile seiner Seele alle Erdengüter opfernd, mit
ritterlichem Mute bis zum letzten Atemzuge für die
Kirche kämpfen werde, gegen Satan und die revo-
lutionären Heiden. Man stürzte ihn vom Thron,
344
Lutc;
eben weil man ihn für einen edlen, gewissenhaften
ehrlichen Mann hielt. Ja, er war es, ebenso wie
Ludwig XVI., aber 1830 wäre der bloße Verdacht
ebenfalls hinreichend gewesen, um Karl X. dem
Untergang zu widmen. Dieser Verdacht ist auch
der wahre Grund, weshalb sein Enkel in Frankreich
keine Zukunft hat: man weiß, daß ihn die Geistlich-
keit erzogen, und das Volk nannte ihn immer le petit
jesuite.
Es ist ein wahres Glück für die Juliusdynastie,
daß sie durch Zufall und Zeitumstände diesem tot*
liehen Verdachte entgangen ist. Der Vater Ludwig
Philipps war wenigstens kein Frömmler; das gestehen
selbst seine ärgsten Verleumder. Er gestattete dem
J Sohne die freie Ausbildung seines Geistes, und dieser
hat mit der Ammenmilch die Philosophie des acht-
zehnten Jahrhunderts eingesogen. Auch lautet der
Refrain aller (egitimistischen Klagen, daß der jetzige
König nicht gottesfurchtig genug sei, daß er immer
ein liberaler Freigeist gewesen, und daß er sogar
seine Kinder in Unglauben heranwachsen lasse. In
der Tat, seine Söhne sind ganz die Söhne des neuen
Frankreichs, in dessen öffentlichen Kollegien sie ihren
Unterricht genossen. Der verstorbene Herzog von
Orleans war der Stolz der jungen Generation, die mit
ihm in die Schule gegangen und wahrhaftig viel gelernt
hatte. Der Umstand, daß die Mutter des Kronprinzen
von Frankreich eine Protestantin, ist von unabseh-
barer Wichtigkeit. Der Verdacht der Bigotterie, der
der altern Dynastie so fatal geworden, wird die Or-
leans nicht treffen.
/ Der Kampf gegen die Kirche wird nichtsdesto-
* weniger seine große politische Bedeutung behalten.
Wie gewaltig auch die Macht des Klerus in der
ZVeiter Teil
345
letzten Zeit emporblühte, wie bedeutend auch seine
Stellung in der Gesellschaft, wie sehr er auch ge*
deiht, so sind doch die Gegner immer gerüstet ihm
die Stirne zu bieten, und wenn bei nächtlichem
Überfall der Liberalismus sein »Bursche heraus!«
ruft, kommen gleich an allen Fenstern die Lichter
zum Vorschein, und jung und alt rennt heran mit
allen möglichen Schlägern, wo nicht gar mit den
Piken des Jakobinismus. Der Klerus will, wie er es
immer wollte, in Frankreich zur Oberherrschaft ge-
langen, und wir sind unparteiisch genug, um seine
geheimen und öffentlichen Bestrebungen nicht den
kleinen Trieben des Ehrgeizes, sondern den uneigen*
nützigsten Besorgnissen für das Seelenheil des Volkes
zuzuschreiben. Die Erziehung der Jugend ist ein
Mittel, wodurch der heilige Zweck am klügsten be-
fördert wird, auch ist auf diesem Wege schon das
Unglaublichste geschehen, und der Klerus mußte
notwendigerweise mit den Befugnissen der Univer-
sität in Kollision geraten. Um die Oberaufsicht des
vom Staat organisierten liberalen Unterrichts zu ver-
nichten, suchte man die revolutionären Antipathien
gegen Privilegien jeder Art ins Interesse zu ziehen,
und die Männer, welche, gelangten sie zur Herr*
schaff, nicht einmal die Freiheit des Denkens er-
lauben würden, schwärmen jetzt mit begeisterten
Phrasen für Lehrfreiheit, und klagen über Geistes-
monopol. Der Kampf mit der Universität war also
kein zufälliges Scharmützel, und mußte früh oder
spät ausbrechen; der Widerstand war ebenfalls ein
Akt der Notwendigkeit, und obgleich wider Willen
und Lust, mußte dennoch die Universität den Fehde-
handschuh aufnehmen. Aber selbst den Gemäßigt-
sten stieg bald das kochende Blut der Leidenschaft
-i±6 Lutezia
zu Häupten, und es war Michelet, der weiche, mond-
scheinsanfte Michelet, welcher plötzlich wild wurde
und im öffentlichen Auditorium des College de
France die Worte ausrief: »Um Euch fortzujagen,
haben wir eine Dynastie gestürzt, und ist es nötig,
so werden wir noch sechs Dynastien umstürzen, um
Euch fortzujagen!« — Daß eben Menschen wie Mi-
chelet und sein wahlverwandter Freund Edgar Qyinet
als die heftigsten Kämpen aufgetreten gegen die Kleri-
sei, ist eine merkwürdige Erscheinung, die ich mir
nie träumen ließ, als ich zuerst die Schriften dieser
Männer las, Schriften, die auf jeder Seite Zeugnis
geben von tiefster Sympathie für das Christentum.
Ich erinnere mich einer rührenden Stelle der fran-
zösischen Geschichte von Michelet, wo der Ver-
fasser von der Liebesangst spricht, die ihn ergreife,
wenn er den Verfall der Kirche zu besprechen habe:
es sei ihm dann zumute, wie damals, als er seine
alte Mutter pflegte, die auf ihrem Krankenbette sich
durchgelegen hatte, so daß er nur mit aller ersinn-
lichen Schonung ihren wunden Leib zu berühren
wagte. Es zeugt gewiß nicht von jener Klugheit,
die man sonst als Jesuitismus bezeichnet hat, daß
man Leute wie Michelet und Quinet zum zornigsten
Widerstand aufstachelte. Der Ernst möchte uns
schier verlassen, indem wir diesen Mißgriff hervor-
heben, zumal in bezug auf Michelet. Dieser Mi-
chelet ist ein geborner Spiritualist, niemand hegt einen
tiefern Abscheu vor der Aufklärung des 18. Jahr-
hunderts, vor dem Materialismus, vor der Frivolität,
vor jenen Voltairianern, deren Name noch immer
Legion ist, und mit denen er sich jetzt dennoch ver-
bündete. Er hat sogar zur Logik seine Zuflucht
nehmen müssen! Hartes Schicksal für einen Mann,
Zweiter Tefl
347
der sich nur in den Fabelwäldern der Romantik
heimisch fühlt, der sich am liebsten auf mystisch
blauen Gefühlswogen schaukelt, und sich ungern mit
Gedanken abgibt, die nicht symbolisch vermummt!
Über seine Sucht der Symbolik, über sein bestän-
diges Hinweisen auf das Symbolische, habe ich im
Quartier Latin zuweilen sehr anmutig scherzen hören,
und Michelet heißt dort Monsieur Symbole. Die
Vorherrschaft der Phantasie und des Gemütes übt'
aber einen gewaltigen Reiz auf die studierende Jugend,
und ich habe mehrmals vergebens versucht, bei
Monsieur Symbole im College de France zu hospi-
tieren; ich fand den Hörsaal immer überfüllt von
Studenten, die mit Begeisterung sich um den Ge-
feierten drängten. Seine Wahrheitsliebe und strenge
Redlichkeit ist vielleicht ebenfalls der Grund, warum
man ihn so ehrt und liebt. Als Schriftsteller be-
hauptet Michelet den ersten Rang. Seine Sprache
ist die holdseligste, die man sich denken kann, und
alle Edelsteine der Poesie glänzen in seiner Dar-
stellung. Soll ich einen Tadel aussprechen, so möchte
ich zunächst den Mangel an Dialektik und Ordnung
bedauern: wir begegnen hier einer bis zur Fratze
gesteigerten Abenteuerlichkeit, einem berauschten
Übermaß, wo das Erhabene überschlägt ins Skurrile
und das Sinnige ins Läppische. Ist er ein großer
Historiker? Verdient er neben Thiers, Mignet, Guizot
und Thierry, diesen ewigen Sternen, genannt zu wer-
den? Ja, er verdient es, obgleich er die Geschichte
in einer ganz andern Weise schreibt. Soll der Histo-
riker, nachdem er geforscht und gedacht, uns die
Vorfahren und ihr Treiben, die Tat der Zeit zur
Anschauung bringen; soll er durch die Zaubergewalt
des Wortes die tote Vergangenheit aus dem Grabe
\s
348 Lutczia
beschwören, daß sie lebendig vor unsre Seele tritt —
ist dieses die Aufgabe, so können wir versichern, daß
Michelet sie vollständig löst. Mein großer Lehrer, der
selige Hegel, sagte mir einst: »Wenn man die Träume
aufgeschrieben hätte, welche die Menschen während
einer bestimmten Periode geträumt haben, so würde
einem aus der Lektüre dieser gesammelten Träume
ein ganz richtiges Bild vom Geiste jener Periode auf*
steigen.« Michelets »Französische Geschichte« ist
eine solche Kollektion von Träumen, ein solches
Traumbuch: das ganze träumende Mittelalter schaut
daraus hervor mit seinen tiefen leidenden Augen,
mit dem gespenstigen Lächeln, und wir erschrecken
fast ob der grellen Wahrheit der Farbe und Gestalt.
In der Tat, für die Schilderung jener somnambulen
Zeit paßte eben ein somnambuler Geschichtschreibcr,
wie Michelet.
In derselben Weise wie gegen Michelet, hat gegen
v Quinet sowohl die klerikale Partei als auch die Re-
gierung ein höchst unkluges Verfahren eingeschlagen.
Daß erstere, die Männer der Liebe und des Friedens,
sich in ihrem frommen Eifer weder klug noch sanft-
mütig zeigen würden, setzt mich nicht in Verwun-
derung. Aber eine Regierung, an deren Spitze ein
Mann der Wissenschaft, hätte sich doch milder und
vernünftiger benehmen können. Ist der Geist Guizots
ermüdet von den Tageskämpfen? Oder hätten wir
uns in ihm geeirrt, als wir ihn für den Kämpen
hielten, der die Eroberungen des menschlichen Geistes
gegen Lug und Klerisei am standhaftesten verteidigen
würde? Als er, nach dem Sturz von Thiers, ans
Ruder kam, schwärmten für ihn alle Schulmeister
Germanias, und wir machten Chorus mit dem auf-
geklärten Gelehrtenstand. Diese Hosianna-Tage sind
Zweiter Teil ?j.g
vorüber, und es ergreift uns eine Verzagnis, ein
Zweifel, ein Mißmut, der nicht auszusprechen weiß,
was er nur dunkel empfindet und ahndet, und der
sich endlich in ein grämliches Stillschweigen versenkt.
Da wir wirklich nicht recht wissen was wir sagen »-*'
sollen, da wir an dem alten Meister irre geworden,
so dürfte es wohl am ratsamsten sein, von andern
Dingen zu schwatzen als von der Tagespolitik im
gelangweilten, schläfrigen und gähnenden Frankreich.
— Nur über das Verfahren gegen Edgar Quinet ^
wollen wir noch unsre unmaßgebliche Rüge aus»
sprechen. Wie den Michelet, hätte man auch den
Edgar Quinet nicht so schnöde reizen dürfen, daßw
auch dieser jetzt, ganz seinem innersten Naturell zu*
wider, getrieben ward, das Christkind mitsamt dem
Bade auszuschütten und in die Reihen jener Kohorten
zu treten, welche die äußerste Linke der revolutio-
nären Armada bilden. Spiritualisten sind alles fähig,
wenn man sie rasend macht, und sie können alsdann
sogar in den nüchtern vernünftigsten Rationalismus
überschnappen. Wer weiß, ob nicht Michelet und
Quinet am Ende die krassesten Jakobiner werden,
die tollsten Vernunftanbeter, fanatische Nachfrevler
von Robespierre und Marat.
Michelet und Quinet sind nicht bloß gute Kame-
raden, getreue Waffenbrüder, sondern auch wahl-
verwandte Geistesgenossen. Dieselben Sympathien,
dieselben Antipathien. Nur ist das Gemüt des einen
weicher, ich möchte sagen indischer; der andere hat
hingegen in seinem Wesen etwas Derbes, etwas
Gotisches. Michelet mahnt mich an die großblumig
starkgewürzten Riesengedichte des Mahabharata;
Quinet erinnert vielmehr an die ebenso ungeheuer-
lichen, aber schrofferen und felsenhafteren Lieder der
-tcQ Lutezia
Edda. Quinet ist eine nordische Natur, man kann
J sagen eine deutsche, sie hat ganz den deutschen Cha-
rakter, im guten wie im üblen Sinne; Deutschlands
Odem weht in allen seinen Schriften. Wenn ich den
»Ahasver« oder andre Quinetsche Poesien lese, wird
mir ganz heimatlich zumute, ich glaube die vater-
ländischen Nachtigallen zu vernehmen, ich rieche den
Duft der Gelbveiglein, wohlbekannte Glockentöne
summen mir ums Haupt, auch die wohlbekannten
Schellenkappen höre ich klingeln: deutschen Tiefsinn,
deutschen Denkerschmerz, deutsche Gemütlichkeit,
deutsche Maikäfer, mitunter sogar ein bißchen deutsche
Langeweile finde ich in den Schriften unseres Edgar
Qujnet. Ja, er ist der unsrige, er ist ein Deutscher,
eine gute deutsche Haut, obgleich er sich in jüngster
Zeit als ein wütender Germanenfresser gebärdete.
Die rauhe, etwas täppische Weise, womit er in der
»Revue des deux Mondesc gegen uns loszog, war
nichts weniger als französisch, und eben an dem
tüchtigen Faustschlag und der echten Grobheit er*
kannten wir den Landsmann. Edgar ist ganz ein
Deutscher, nicht bloß dem Geiste, sondern auch der
äußern Erscheinung nach, und wer ihm auf den
Straßen von Paris begegnet, hält ihn gewiß für irgend-
einen Halleschen Theologen, der eben durchs Examen
gefallen, und um sich zu erholen nach Frankreich
gedämmert. Eine kräftige, vierschrötige, ungekämmte
Gestalt. Ein liebes, ehrliches, wehmütiges Gesicht.
Grauer, schlottriger Oberrock, den Jung-Stilling ge-
näht zu haben scheint. Stiefel, die vielleicht einst
Jakob Böhm besohlte.
Quinet hat lange Zeit jenseits des Rheines gelebt,
namentlich in Heidelberg, wo er studierte und sich
täglich in Creuzers »Symbolik« berauschte. Er durch-
Zweiter Teil
35»
wanderte ganz Deutschland zu Fuß, besah alle unsere
gotischen Ruinen und schmollierte dort mit den aus*
gezeichnetsten Gespenstern. Im Teutoburger Walde,
wo Hermann den Varus schlug, hat er westfälischen
Schinken mit Pumpernickel gegessen; auf dem Sonnen*
stein gab er seine Karte ab. Ob er auch zu Mölln
Eulenspiegels Grab besuchte, kann ich nicht be-
haupten. Was ich aber ganz bestimmt weiß, das ist :
es gibt jetzt in der ganzen Welt keine drei Dichter,
die so viel Phantasie, Ideenreichtum und Genialität
besitzen wie Edgar Quinet.
LXI.
Paris, 21. Juni 1843.
Alle Jahre besuche ich regelmäßig die feierliche
Sitzung in der Rotunde des Palais Mazarin, wo man
sich stundenlang vorher einfinden muß um Platz zu
finden, unter der Elite der Geistesaristokratie, wozu
glücklicherweise die schönsten Damen gehören. Nach
langem Warten kommen endlich durch eine Seitentür
die Herren Akademiker, die Mehrzahl aus Leuten
bestehend, die sehr alt oder wenigstens nicht sehr
gesund sind; Schönheit darf hier nicht gesucht wer-
den. Sie setzen sich auf ihre langen, harten Holz-
bänke; man spricht zwar von den Fauteuils der
Akademie, aber diese existieren nicht in der Wirk*
lichkeit und sind nur eine Fiktion. Die Sitzung
beginnt mit einer langen, langweiligen Rede über die
Jahresarbeiten und die eingegangenen Preisschriften,
die der temporäre Präsident zu halten pflegt. Hier-
auf erhebt sich der Sekretär, der perpetuelle, dessen
Amt ein ewiges ist, wie das Königtum. Die Sekre-
■te2 Lutezia
täre der Akademie und Ludwig Philipp sind Per*
sonen, die nicht durch Minister* oder Kammerlaune
abgesetzt werden können. Leider ist Ludwig Philipp
schon hochbejahrt, und wir wissen noch nicht, ob
sein Nachfolger uns mit gleichem Talent die schöne
Friedensruhe erhalten wird. Aber Mignet ist noch
jung, oder, was noch besser, er ist der Typus der
Jugendlichkeit selbst, er bleibt verschont von der
Hand der Zeit, die uns andern die Haare weiß färbt,
wo nicht gar ausrauft, und die Stirne so häßlich
fältelt: der schöne Mignet trägt noch seine gold-
lockichte Frisur wie vor zwölf Jahren, und sein
Antlitz ist noch immer blühend wie das der Olym-
pier. Sobald der Perpetuelle auf die Rednerbühnc
getreten, nimmt er seine Lorgnette und beäugelt das
Publikum.
»Er zählt die Häupter seiner Lieben,
Und sieh, es fehlt kein teures Haupt.«
Hierauf betrachtet er auch die um ihn her sitzenden
Kollegen, und wenn ich boshaft wäre, würde ich
seinen Blick ganz eigen kommentieren. Er kommt
mir in solchen Momenten immer vor wie ein Hirt,
der seine Herde mustert. Sie gehören ihm ja alle,
ihm, dem Perpetuellen , der sie alle überleben und
sie früh oder spät in seinen Precis historiques se-
zieren und einbalsamieren wird. Er scheint eines
jeden Gesundheitszustand zu prüfen, um sich zu der
künftigen Rede vorbereiten zu können. Der alte
Ballanche sieht sehr krank aus, und Mignet schüttelt
den Kopf. Da jener arme Mann gar kein Leben
gelebt und auf dieser Erde gar nichts anderes getan
hat, als daß er zu den Füßen von Madame Reca-
mier saß und Bücher schrieb, die niemand liest und
Zweiter Teil
353
jeder lobt, so wird Mignet wirklich seine Not haben,
ihm in seinem Precis historique eine menschliche
Seite abzugewinnen, und ihn genießbar zu machen.
In der heurigen Sitzung war der verstorbene Daunou
der Gegenstand, den Mignet behandelte. Zu meiner
Schande gestehe ich, daß letzterer mir unbegreiflich
wenig bekannt war, daß ich nur mit Mühe einige
seiner Lebensmomente in meinem Gedächtnisse
wiederfand. Auch bei anderen, besonders bei der
jüngeren Generation, begegnete ich einer großen Un-
wissenheit in bezug auf Daunou. Und dennoch
hatte dieser Mann während einem halben Jahrhundert
an dem großen Rad gedreht, und dennoch hatte er
unter der Republik und dem Kaisertume die wich-
tigsten Amter bekleidet, und dennoch war er bis an
sein Lebensende ein tadelloser Verfechter der Mensch-
heitsrechte, ein unbeugsamer Kämpe gegen Geistes-
knechtschaft, einer jener hohen Organisatoren der
Freiheit, die gut sprachen, aber noch besser han-
delten, und das schöne Wort in die heilsame Tat
umschufen. Warum aber ist er trotz aller seiner
Verdienste, trotz seiner rastlosen politischen und
literarischen Tätigkeit dennoch nicht berühmt ge-
worden? Warum glüht in unsrer Erinnerung sein
Name nicht so farbig wie die Namen so mancher
seiner Kollegen, die eine minder bedeutende Rolle
gespielt? Was fehlte ihm um zur Berühmtheit zu
gelangen? Ich will es mit einem Worte sagen: die
Leidenschaft. Nur durch irgendeine Manifestation
der Leidenschaft werden die Menschen auf dieser
Erde berühmt. Hier genügt eine einzige Handlung,
ein einziges Wort, aber sie müssen das leidenschaft-
liche Gepräge tragen. Ja, sogar die zufällige Be-
gegnung mit großen Ereignissen der Leidenschaft
IX, zj
^
354
Lutcria
gewährt unsterblichen Nachruhm. Der selige Daunou
war aber ein stiller Mönch, der den klösterlichen
Frieden im Gemöte trug, während alle Stürme der
Revolution um ihn her raseten, der sein Tagwerk
vollbrachte ruhig und furchtlos, unter Robespierre
wie unter Napoleon, und der ebenso bescheiden
starb, wie er bescheiden lebte. Ich will nicht sagen,
daß seine Seele nicht glühte, aber es war eine Glut
ohne Flamme, ohne Geprassel, ohne Spektakel.
Trotz dem scheinlosen Leben des Mannes wußte
Mignet doch Interesse für diesen stillen Helden zu
erregen, und da dieser das höchste Lob verdiente,
konnte es ihm auch in reichem Maße gezollt werden.
Aber wäre auch Daunou keineswegs ein so rühmens-
werter Mensch gewesen, hätte er gar zu jenen
charakterlosen Fröschen gehört, deren so mancher
im Sumpf <Marais> des Konventes saß und schweig*
sam fortlebte, während die Bessern sich um den
Kopf sprachen, ja er hätte sogar ein Lump sein
können, so würde ihn dennoch der Weihrauchkessel
des offiziellen Lobes sattsam eingequalmt haben. Ob-
gleich Mignet seine Reden Precis historiques nennt,
J so sind sie doch noch immer die alten Eloges, und
es sind noch dieselben Komplimente aus der Zeit
Ludwigs XIV., nur daß sie jetzt nicht mehr in ge-
puderten Allongeperücken stecken, sondern sehr
modern frisiert sind. Und der jetzige Secretaire
perpetuel der Akademie ist einer der größten Friseure
unsrer Zeit, und besitzt den rechten Schick für dieses
edle Gewerbe. Selbst wenn an einem Menschen
kein einzigs gutes Haar ist, weiß er ihm doch einige
Löckchen des Lobes anzukräuseln und den Kahl-
kopf unter dem Toupet der Phrase zu verbergen.
^ Wie glücklich sind doch diese französischen Aka-
Zweiter Teil -irr
demiker! Da sitzen sie im süßesten Seelenfrieden
auf ihren sichern Bänken, und sie können ruhig
sterben, denn sie wissen, wie bedenklich auch ihre
Handlungen gewesen, so wird sie doch der gute
Mignet nach ihrem Tode rühmen und preisen. Unter
den Palmen seines Wortes, die ewig grün wie die
seiner Uniform, eingelullt von dem Geplätscher der
oratorischen Antithesen, lagern sie hier in der Aka-
demie wie in einer kühlen Oase. Die Karawane
der Menschheit aber schreitet ihnen zuweilen vor-
über, ohne daß sie es merkten, oder etwas anders
vernahmen als das Geklingel der Kamele.
Anhang.
Kommunismus, Philosophie und Klerisei.
I.
Paris, 15. Juni 1843.
Hätte ich zur Zeit des Kaisers Nero in Rom pri-
vatisiert und etwa für die Oberpostamtszeitung von
Böotien oder für die unoffizielle Staatszeitung von
Abdera die Korrespondenz besorgt, so wurden meine
Kollegen nicht selten darüber gescherzt haben, daß
ich z. B. von den Staatsintrigen der Kaiserin-Mutter
gar nichts zu berichten wisse, daß ich nicht einmal
von den glänzenden Diners rede, womit der judäische
König Agrippa das diplomatische Korps zu Rom
jeden Samstag regaliere, und daß ich hingegen be-
J ständig von jenen Galiläern spräche, von jenem ob-
skuren Häuflein, das, meistens aus Sklaven und alten
Weibern bestehend, in Kämpfen und Visionen sein
blödsinniges Leben verträume und sogar von den
Juden desavouiert werde. Meine wohlunterrichteten
Kollegen hätten gewiß ganz besonders ironisch über
mich gelächelt, wenn ich vielleicht von dem Hoffeste
des Cäsars, wobei Se. Majestät Höchstselbst die
Guitarre spielte, nichts Wichtigeres zu berichten
wußte, als daß einige jener Galiläer mit Pech be-
strichen und angezündet wurden, und solchergestalt
die Gärten des goldenen Palastes erleuchteten. Es
war in der Tat eine sehr bedeutsame Illumination,
und es war ein grausamer, echt römischer Witz, daß
die sogenannten Obskuranten als Lichter dienen mußten
bei der Feier der antiken Lebenslust. Aber dieser
Witz ist zuschanden geworden, jene Menschenfackeln
Anhang 357
streuten Funken umher, wodurch die alte Römerwelt
mit all ihrer morschen Herrlichkeit in Flammen auf»
ging: die Zahl jenes obskuren Häufleins ward Legion,
im Kampfe mit ihr mußten die Legionen Cäsars die
Waffen strecken, und das ganze Reich, die Herr-
schaft zu Wasser und zu Lande, gehört jetzt den
Galiläern.
Es ist durchaus nicht meine Absicht, hier in homi-
letische Betrachtungen überzugehen, ich habe nur
durch ein Beispiel zeigen wollen, in welcher sieg-
reichen Weise eine spätere Zukunft jene Vorneigung
rechtfertigen dürfte, womit ich in meinen Berichten
sehr oft von einer kleinen Gemeinde gesprochen, die,
der Ecclesia pressa des ersten Jahrhunderts sehr ähn-
lich, in der Gegenwart verachtet und verfolgt wird,
und doch eine Propaganda auf den Beinen hat, deren
Glaubenseifer und düsterer Zerstörungswille ebenfalls
an galiläische Anfänge erinnert. Ich spreche wieder ^/
von den Kommunisten, der einzigen Partei in Frank-
reich, die eine entschlossene Beachtung verdient. Ich
würde für die Trümmer des Saint-Simonismus, dessen
Bekenner, unter seltsamen Aushängeschildern, noch
immer am Leben sind, sowie auch für die Fouri£-
risten, die noch frisch und rührig wirken, dieselbe
Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen; aber diese
ehrenwerten Männer bewegt doch nur das Wort, die
soziale Frage als Frage, der überlieferte Begriff, und
sie werden nicht getrieben von dämonischer Not-
wendigkeit, sie sind nicht die prädestinierten Knechte,
womit der höchste Weltwille seine ungeheuren Be-
schlüsse durchsetzt. Früh oder spät wird die zer- -^
streute Familie Saint-Simons und der ganze General-
stab der Fourieristen zu dem wachsenden Heere des
Kommunismus übergehen, und, dem rohen Bedürf-
358 Luteria
nisse das gestaltende Wort leihend, gleichsam die
Rolle der Kirchenväter übernehmen.
Eine solche Rolle spielt bereits Pierre Leroux, den
wir vor elf Jahren in der Salle Taitbout als einen der
Bischöfe des Saint-Simonismus kennen lernten. Ein
vortrefflicher Mann, der nur den Fehler hatte, für sei-
nen damaligen Stand viel zu trübsinnig zu sein. Auch
hat ihm Enfantin das sarkastische Lob erteilt: »Das
ist der tugendhafteste Mensch nach den Begriffen
der Vergangenheit«. Seine Tugend hat allerdings
etwas vom alten Sauerteig der Entsagungsperiode,
etwas verschollen Stoisches, das in unsrer Zeit ein
fast befremdlicher Anachronismus ist, und gar, den
heitern Richtungen einer pantheistischen Genußreligion
gegenüber, als eine honorable Lächerlichkeit erschei-
nen mußte. Auch ward es diesem traurigen Vogel
am Ende sehr unbehaglich in dem glänzenden Gitter-
korb, worin so viele Goldfasanen und Adler, aber
noch mehr Sperlinge flatterten, und Pierre Leroux
war der erste, der gegen die Doktrin von der neuen
Sittlichkeit protestierte und sich mit einem fanatischen
Anathema von der fröhlich bunten Genossenschaft
zurückzog. Hierauf unternahm er, in Gemeinschaft
mit Hippolyt Carnot, die neuere »Revue encyclo-
pedique« und die Artikel, die er darin schrieb, so-
wie auch sein Buch »De l'humanite« bilden den
Übergang zu den Doktrinen, die er jetzt, seit einem
Jahre, in der »Revue independante« niederlegte. Wie
es jetzt mit der großen Enzyklopädie aussieht, woran
Leroux und der vortreffliche Reynauid am tätigsten
wirken, darüber kann ich nichts Bestimmtes sagen.
So viel darf ich behaupten, daß dieses Werk eine
würdige Fortsetzung seines Vorgängers ist, jenes
kolossalen Pamphlets in dreißig Quartbänden, worin
Anhang 359
Diderot das Wissen seines Jahrhunderts resümierte.
In einem besondern Abdruck erschienen die Artikel,
welche Leroux in seiner Enzyklopädie gegen den
Cousinschen Eklektizismus oder Eklektismus, wie die
Franzosen das Unding nennen, geschrieben hat.
Cousin ist überhaupt das schwarze Tier, der Sünden*
bock, gegen welchen Pierre Leroux seit undenklicher
Zeit polemisiert, und diese Polemik ist bei ihm zur
Monomanie geworden. In den Dezemberheften der
»Revue independante« erreicht sie ihren rasend ge»
fährlichsten und skandalösesten Gipfel. Cousin wird
hier nicht bloß wegen seiner eigenen Denkweise an-
gegriffen, sondern auch bösartiger Handlungen be*
schuldigt. Diesmal läßt sich die Tugend vom Winde
der Leidenschaft am weitesten fortreißen, und gerät
aufs hohe Meer der Verleumdung. Nein, wir wissen
es aus guter Quelle, daß Cousin zufälligerweise ganz
unschuldig ist an den unverzeihlichen Modifizierungen,
welche die posthume Schrift seines Schülers Jouffroi
erlitten; wir wissen es nämlich nicht aus dem Munde
seiner Anhänger, sondern seiner Gegner, die sich
darüber beklagen, daß Cousin aus ängstlicher Scho-
nung der Universitätsinteressen die Publikation der
Jouffroischen Schrift widerraten und verdrießlich seine
Beihilfe verweigert habe. Sonderbare Wiedergeburt
derselben Erscheinungen, wie wir sie bereits vor
zwanzig Jahren in Berlin erlebt! Diesmal begreifen
wir sie besser, und wenn auch unsre persönlichen
Sympathien nicht für Cousin sind, so wollen wir
doch unparteiisch gestehen, daß ihn die radikale
Partei mit demselben Unrecht und mit derselben Be*
schränktheit verlästerte, die wir uns selbst einst in
bezug auf den großen Hegel zuschulden kommen
ließen. Auch dieser wollte gern, daß seine Philoso»
360 Lutetia
phie im schützenden Schatten der Staatsgewalt ruhig
gedeihe und mit dem Glauben der Kirche in keinen
Kampf geriete, ehe sie hinlänglich ausgewachsen und
stark, — und der Mann, dessen Geist am klarsten
und dessen Doktrin am liberalsten war, sprach sie
dennoch in so trüb scholastischer, verklausulierter
Form aus, daß nicht bloß die religiöse, sondern auch
die politische Partei der Vergangenheit in ihm einen
Verbündeten zu besitzen glaubte. Nur die Einge-
weihten lächelten ob solchem Irrtum, und erst heute
verstehen wir dieses Lächeln; damals waren wir
jung und töricht und ungeduldig, und wir eiferten
gegen Hegel, wie jüngst die äußerste Linke in Frank-
reich gegen Cousin eiferte. Nur daß bei diesem die
äußerste Rechte sich nicht täuschen läßt durch die
Vorsichtsmaßregeln des Ausdrucks; die römisch-
S katholisch-apostolische Klerisei zeigt sich hier weit
scharfsichtiger als die königlich-preußisch-protestan-
tische; sie weiß ganz bestimmt, daß die Philosophie
ihr schlimmster Feind ist, sie weiß, daß dieser Feind
sie aus der Sorbonne verdrängt hat, und um diese
Festung wieder zu erobern, unternahm sie gegen
Cousin einen Vertilgungskrieg, und sie führt ihn mit
jener geweihten Taktik, wo der Zweck die Mittel
y heiligt. So wird Cousin von zwei entgegengesetzten
Seiten angegriffen, und während die ganze Glaubens-
armee mit fliegenden Kreuzfahnen, unter Anführung
des Erzbischofs von Chartres, gegen ihn vorrückt,
stürmen auf ihn los auch die Sansculotten des Ge-
danken, brave Herzen, schwache Köpfe, mit Pierre
Leroux an ihrer Spitze. In diesem Kampfe sind alle
unsre Siegeswünsche für Cousin; denn, wenn auch
die Bevorrechtung der Universität ihre Übelstände
hat, so verhindert sie doch, daß der ganze Unter-
Anhang 361
rieht in die Hände jener Leute fällt, die immer mit
unerbittlicher Grausamkeit die Männer der Wissen»
schaff und des Fortschrittes verfolgten, und solange
Cousin in der Sorbonne wohnt, wird wenigstens dort
nicht wie ehemals der Scheiterhaufen als letztes Ar*
gument, als ultima ratio, in der Tagespolemik ange-
wendet werden. Ja, er wohnt dort als Gonfaloniere
der Gedankenfreiheit, und das Banner derselben weht
über dem sonst so verrufenen Obskurantenneste der
Sorbonne. Was uns für Cousin noch besonders
stimmt, ist die liebreiche Perfidie, womit man die
Beschuldigungen des Pierre Leroux auszubeuten wußte.
Die Arglist hatte sich diesmal hinter die Tugend ver-
steckt, und Cousin wird wegen einer Handlung an-
geklagt, für die, hätte er sie wirklich begangen, ihm
nur Lob, volles orthodoxes Lob von der klerikalen
Partei gespendet werden müßte: Jansenisten ebenso»
wohl wie Jesuiten predigten ja immer den Grund-
satz, daß man um jeden Preis das öffentliche Ärger-
nis zu verhindern suche. Nur das öffentliche Ärgernis
sei die Sünde, und nur diese solle man vermeiden,
sagte gar salbungsvoll der fromme Mann, den Me-
liere kanonisiert hat. Aber nein, Cousin darf sich
keiner so erbaulichen Tat rühmen, wie man sie ihm
zuschreibt; dergleichen liegt vielmehr im Charakter
seiner Gegner, die von jeher, um den Skandal zu
hintertreiben oder schwache Seelen vor Zweifel zu
bewahren, es nicht verschmähten, Bücher zu ver-
stümmeln, oder ganz umzuändern, oder zu vernichten,
oder ganz neue Schriften unter erborgten Namen zu
schmieden, so daß die kostbarsten Denkmale und
Urkunden der Vorzeit teils gänzlich untergegangen,
teils verfälscht sind. Nein, der heilige Eifer des
Bücherkastrierens und gar der fromme Betrug der
*/
y
362 Lutezia
Interpolationen gehört nicht zu den Gewohnheiten
der Philosophen.
Und Victor Cousin ist ein Philosoph, in der gan-
zen deutschen Bedeutung des Wortes. Pierre Leroux
ist es nur im Sinne der Franzosen, die unter Philo-
sophie vielmehr allgemeine Untersuchungen über ge-
sellschaftliche Fragen verstehen. In der Tat, Victor
Cousin ist ein deutscher Philosoph, der sich mehr
mit dem menschlichen Geiste, als mit den Bedürf-
nissen der Menschheit beschäftigt, und durch das
Nachdenken über das große Ego in einen gewissen
Egoismus geraten. Die Liebhaberei für den Ge-
danken an und für sich absorbierte bei ihm alle
Seelenkräfte, aber der Gedanke selbst interessierte
ihn zunächst wegen der schönen Form, und in der
Metaphysik ergötzte ihn am Ende nur die Dialek-
tik: von dem Übersetzer des Plato könnte man, das
banale Wort umkehrend, gewissermaßen behaupten,
er liebe den Plato mehr als die Wahrheit. Hier
J unterscheidet sich Cousin von den deutschen Philo-
sophen: wie den letzteren, ist auch ihm das Denken
letzter Zweck des Denkens, aber zu solcher philo-
sophischer Absichtslosigkeit gesellt sich bei ihm auch
ein gewisser artistischer Indifferentismus. Wie sehr
muß nun dieser Mann einem Pierre Leroux verhaßt
sein, der weit mehr ein Freund der Menschen als
der Gedanken ist, dessen Gedanken alle einen Hinter-
gedanken haben, nämlich das Interesse der Mensch-
heit, und der als geborener Ikonokiast keinen Sinn
hat für künstlerische Freude an der Form! In sol-
cher geistigen Verschiedenheit liegen genug Gründe
des Grolls, und man hätte nicht nötig gehabt, die
Feindschaft des Leroux gegen Cousin aus persön-
lichen Motiven, aus geringfügigen Vorfallenheiten des
Anhang 363
Tageslebens zu erklären. Ein bißchen unschuldige
Privatmalice mag mit unterlaufen; denn die Tugend,
wie erhaben sie auch das Haupt in den Wolken
trägt und nur in Himmelsbetrachtungen verloren
scheint, so bewahrt sie doch im getreusamsten Ge-
dächtnisse jeden kleinen Nadelstich, den man ihr je-
mals versetzt hat.
Nein, der leidenschaftliche Grimm, die Berserker-
wut des Pierre Leroux gegen Victor Cousin, ist ein
Ergebnis der Geistesdifferenz dieser beiden Männer.
Es sind Naturen, die sich notwendigerweise ab-
stoßen. Nur in der Ohnmacht kommen sie einan-
der wieder nahe, und die gleiche Schwäche der
Fundamente verleiht den entgegengesetzten Doktrinen
eine gewisse Ähnlichkeit. Der Eklektizismus von
Cousin ist eine feindrähtige Hängebrücke zwischen
dem schottisch plumpen Empirismus und der deutsch
abstrakten Idealität, eine Brücke, die höchstens dem
leichtfüßigen Bedürfnisse einiger Spaziergänger ge-
nügen mag, aber kläglich einbrechen würde, wollte
die Menschheit mit ihrem schweren Herzensgepäcke
und ihren trampelnden Schlachtrossen darüber hin-
marschieren. Leroux ist ein Pontifex Maximus in
einem höhern, aber noch weit unpraktischem Stile,
er will eine kolossale Brücke bauen, die, aus einem
einzigen Bogen bestehend, auf zwei Pfeilern ruhen
soll, wovon der eine aus dem materialistischen Granit
des vorigen Jahrhunderts, der andere aus dem ge-
träumten Mondschein der Zukunft verfertigt worden,
und diesem zweiten Pfeiler gibt er zur Basis irgend-
einen noch unentdeckten Stern in der Milchstraße.
Sobald dieses Riesenwerk fertig sein wird, wollen
wir darüber referieren. Bis jetzt läßt sich von dem
eigentlichen System des Leroux nichts Bestimmtes
364 Lutezia
sagen, er gibt bis jetzt nur Materialien, zerstreute
y Bausteine. Auch fehlt es ihm durchaus an Methode,
ein Mangel, der den Franzosen eigentümlich ist, mit
wenigen Ausnahmen, worunter besonders Charles
de Remusat genannt werden muß, der in seinen
»Essais de Philosophie« <ein kostbares Meisterbuch!)
die Bedeutung der Methode begriffen und für ihre
Anwendung ein großes Talent offenbart hat. Leroux
ist gewiß ein größerer Produzent im Denken, aber
es fehlt ihm hier, wie gesagt, die Methode. Er hat
v bloß die Ideen, und in dieser Hinsicht ist ihm eine
gewisse Ähnlichkeit mit Joseph Schelling nicht abzu-
sprechen, nur daß alle seine Ideen das befreiende
Heil der Menschheit betreffen, und er, weit entfernt,
die alte Religion mit der Philosophie zu flicken, viel-
mehr die Philosophie mit dem Gewände einer neuen
Religion beschenkt. Unter den deutschen Philo-
sophen ist es Krause, mit dem Leroux die meiste
Verwandtschaft hat. Sein Gott ist ebenfalls nicht
außerweltlich, sondern er ist ein Insasse dieser Welt,
behält aber dennoch eine gewisse Persönlichkeit, die
ihn sehr gut kleidet. An der immortaliti de 1'äme
kaut Leroux beständig, ohne davon satt zu werden;
es ist dies nichts als ein perfektioniertes Wieder-
käuen der altern Perfektibilitätslehre. Weil er sich
gut aufgeführt in diesem Leben, hofft Leroux, daß
er in einer spätem Existenz zu noch größerer Voll-
kommenheit gedeihen werde; Gott stehe alsdann dem
Cousin bei, wenn derselbe nicht unterdessen eben-
falls Fortschritte gemacht hat!
Pierre Leroux mag wohl jetzt fünfzig Jahr alt sein,
wenigstens sieht er darnach aus; vielleicht ist er
jünger. Körperlich ist er nicht von der Natur allzu
verschwenderisch begünstigt worden. Eine untersetzte,
Anhang 365
stämmige, vierschrötige Gestalt, die keineswegs durch
die Traditionen der vornehmen Welt einige Grazie
gewonnen. Leroux ist ein Kind des Volks, war in *-"'
seiner Jugend Buchdrucker, und er trägt noch heute
in seiner äußern Erscheinung die Spuren des Prole-
tariats. Wahrscheinlich mit Absicht hat er den ge-
wöhnlichen Firnis verschmäht, und wenn er irgend-
einer Koketterie fähig ist, so besteht diese vielleicht
in dem hartnäckigen Beharren bei der rohen Ursprüng-
lichkeit. Es gibt Menschen, welche nie Handschuhe
tragen, weil sie kleine weiße Hände haben, woran
man die höhere Rasse erkennt; Pierre Leroux trägt
ebenfalls keine Handschuhe, aber sicherlich aus ganz
andern Gründen. Er ist ein ascetischer Entsagungs-
mensch, dem Luxus und jedem Sinnenreiz abhold,
und die Natur hat ihm die Tugend erleichtert. Wir
wollen aber den Adel seiner Gesinnung, den Eifer,
womit er dem Gedanken alle niederen Interessen
opferte, überhaupt seine hohe Uneigennützigkeit, als
nicht minder verdienstlich anerkennen, und noch
weniger wollen wir den rohen Diamanten deswegen
herabsetzen, weil er keine glänzende Geschliffenheit
besitzt und sogar in trübes Blei gefaßt ist. — Pierre
Leroux ist ein Mann, und mit der Männlichkeit des *
Charakters verbindet er, was selten ist, einen Geist,
der sich zu den höchsten Spekulationen empor-
schwingt, und ein Herz, welches sich versenken kann
in die Abgründe des Volksschmerzes. Er ist nicht «-^
bloß ein denkender, sondern auch ein fühlender Philo-
soph, und sein ganzes Leben und Streben ist der
Verbesserung des moralischen und materiellen Zu-
standes der untern Klassen gewidmet. Er, der ge-
stählte Ringer, der die härtesten Schläge des Schick-
sals ertrüge, ohne zu zwinkern, und der wie Saint-
366 Lutezia
Simon und Fourier zuweilen in der bittersten Not
und Entbehrung darbte, ohne sich sonderlich zu
beklagen: er ist nicht imstande, die Kümmernisse
seiner Mitmenschen ruhig zu ertragen, seine harte
Augenwimper feuchtet sich beim Anblick fremden
Elends, und die Ausbrüche seines Mitleids sind als*
dann stürmisch, rasend, nicht selten ungerecht.
Ich habe mich eben einer indiskreten Hinweisung
auf Armut schuldig gemacht. Aber ich konnte doch
nicht umhin, dergleichen zu erwähnen; diese Armut
ist charakteristisch und zeigt uns, wie der vortreff-
liche Mann die Leiden des Volks nicht bloß mit
dem Verstände erfaßt, sondern auch leiblich mitge-
litten hat, und wie seine Gedanken in der schreck-
lichsten Realität wurzeln. Das gibt seinen Worten
ein pulsierendes Lebensblut und einen Zauber, der
stärker als die Macht des Talentes. — Ja , Pierre
Leroux ist arm, wie Saint-Simon und Fourier es
** waren, und die providencielle Armut dieser großen
Sozialisten war es, wodurch die Welt bereichert
wurde, bereichert mit einem Schatze von Gedanken,
die uns neue Welten des Genusses und des Glückes
eröffnen. In welcher gräßlichen Armut Saint-Simon
seine letzten Jahre verbrachte, ist allgemein bekannt;
während er sich mit der leidenden Menschheit, dem
großen Patienten, beschäftigte und Heilmittel ersann
für dessen achtzehnhundertjähriges Gebreste, erkrankte
er selbst zuweilen vor Misere, und er fristete sein
Dasein nur durch Betteln. Auch Fourier mußte zu
den Almosen der Freunde seine Zuflucht nehmen,
und wie oft sah ich ihn, in seinem grauen, abge-
schabten Rocke, längs den Pfeilern des Palais-Royal
hastig dahinschreiten, die beiden Rocktaschen schwer
belastet, so daß aus der einen der Hals einer Flasche
Anhang 367
und aus der andern ein langes Brot hervorguckten.
Einer meiner Freunde, der ihn mir zuerst zeigte,
machte mich aufmerksam auf die Dürftigkeit des
Mannes, der seine Getränke beim Weinschank und
sein Brot beim Bäcker selber holen mußte. »Wie
kommt es«, frug ich, »daß solche Männer, solche
Wohltäter des Menschengeschlechts, in Frankreich
darben müssen?« »Freilich,« erwiderte mein Freund
sarkastisch lächelnd, »das macht dem gepriesenen
Lande der Intelligenz keine sonderliche Ehre, und
das würde gewiß nicht bei uns in Deutschland pas-
sieren: die Regierung würde bei uns die Leute von
solchen Grundsätzen gleich unter ihre besondere Ob-
hut nehmen und ihnen lebenslänglich freie Kost und
Wohnung geben.«
Ja, Armut ist das Los der großen Menschheits-
helfer, der heilenden Denker in Frankreich, aber
diese Armut ist bei ihnen nicht bloß ein Antrieb
zu tieferer Forschung und ein stärkendes Stahlbad
der Geisteskräfte, sondern sie ist auch eine empfeh-
lende Annonce für ihre Lehre, und in dieser Be-
ziehung gleichfalls von providencieller Bedeutsamkeit.
In Deutschland wird der Mangel an irdischen Gütern
sehr gemütlich entschuldigt, und besonders das Genie
darf bei uns darben und verhungern, ohne eben ver-
achtet zu werden. In England ist man schon minder
tolerant, das Verdienst eines Mannes wird dort nur
nach seinem Einkommen abgeschätzt, und »how much
is he worth?« heißt buchstäblich: »wieviel Geld be-
sitzt er, wieviel verdient er?« Ich habe mit eigenen
Ohren angehört, wie in Florenz ein dicker Eng-
länder ganz ernsthaft einen Franziskanermönch fragte:
wieviel es ihm jährlich einbringe, daß er so barfüßig
und mit einem dicken Strick um den Leib herum-
368 Lutezia
gehe? In Frankreich ist es anders, und wie gewaltig
auch die Gewinnsucht des Industrialismus um sich
greift, so ist doch die Armut bei ausgezeichneten
Personen ein wahrer Ehrentitel, und ich möchte schier
behaupten, daß der Reichtum, einen unehrlichen Ver-
dacht begründend, gewissermaßen mit einem gehei-
men Makel, mit einer levis nota, die sonst vortreff-
lichsten Leute behalte. Das mag wohl daher entstehen,
weil man bei so vielen die unsaubern Quellen kennt,
woraus die großen Reichtümer geflossen. Ein Dichter
sagte: daß der erste König ein glücklicher Soldat
war! — in betreff der Stifter unsrer heutigen Finanz-
dynastien dürfen wir vielleicht das prosaische Wort
aussprechen: daß der erste Bankier ein glücklicher
Spitzbube gewesen. Der Kultus des Reichtums ist
v/ zwar in Frankreich so allgemein wie in andern Län-
dern, aber es ist ein Kultus ohne heiligen Respekt:
die Franzosen tanzen ebenfalls um das goldene Kalb,
aber ihr Tanzen ist zugleich Spott, Persiflage, Selbst-
verhöhnung, eine Art Cancan. Es ist dieses eine
merkwürdige Erscheinung, erklärbar teils aus der
generösen Natur der Franzosen, teils auch aus ihrer
Geschichte. Unter dem alten Regime galt nur die
Geburt, nur die Ahnenzahl gab Ansehen, und die
Ehre war eine Frucht des Stammbaums. Unter der
Republik gelangte die Tugend zur Herrschaft, die
Armut ward eine Würde, und wie vor Angst, so
auch vor Scham, verkroch sich das Geld. Aus
jener Periode stammen die vielen dicken Soustücke,
die ernsthaften Kupfermünzen mit den Symbolen der
Freiheit, sowie auch die Traditionen von pekuniärer
Uneigennützigkeit, die wir noch heutigentages bei den
höchsten Staatsverwaltern Frankreichs antreffen. Zur
Zeit des Kaisertums florierte nur der militärische
Anhang 369
Ruhm, eine neue Ehre ward gestiftet, die der Ehren*
legion, deren Großmeister, der siegreiche Imperator,
mit Verachtung herabschaute auf die rechnende
Krämergilde, auf die Lieferanten, die Schmuggler,
die Stockjobbers, die glücklichen Spitzbuben. Während
der Restauration intrigierte der Reichtum gegen die
Gespenster des alten Regimes, die wieder ans Ruder
gekommen und deren Insolenz täglich wuchs: das
beleidigte, ehrgeizige Geld wurde Dämagoge, lieb-
äugelte herablassend mit den Kurzjacken, und als
die Juliussonne die Gemüter erhitzte, ward der Adel-
könig Karl X. vom Throne herabgeschmissen. Der
Bürgerkönig Ludwig Philipp stieg hinauf, er, der
Repräsentant des Geldes, das jetzt herrscht, aber in
der öffentlichen Meinung zu gleicher Zeit von der
besiegten Partei der Vergangenheit und der getäusch*
ten Partei der Zukunft frondiert wird. Ja, das adel-
tümliche Faubourg Saint-Germain und die proleta-
rischen Faubourgs Saint-Antoine und Saint-Marceau
überbieten sich in der Verhöhnung der geldstolzen
Emporkömmlinge, und wie sich von selbst versteht,
die alten Republikaner mit ihrem Tugendpathos und
die Bonapartisten mit pathetischen Heldentiraden
stimmen ein in diesen herabwürdigenden Ton. Er-
wägt man diese zusammenwirkenden Grolle, so wird
es begreiflich, warum dem Reichen jetzt in der öffent-
lichen Meinung eine fast übertriebene Geringschät-
zung zuteil wird, während jeder nach Reichtum lechzt.
Ich möchte, auf das Thema zurückkommend, wo-
mit ich diesen Artikel begonnen, hier ganz besonders
andeuten, wie es für den Kommunismus ein unbe-
rechenbar günstiger Umstand ist, daß der Feind, den
er bekämpft, bei all seiner Macht dennoch in sich
selber keinen moralischen Halt besitzt. Die heutige
IX, 14
37o
Luttzia
•
Gesellschaft verteidigt sich nur aus platter Notwendig-
keit, ohne Glauben an ihr Recht, ja ohne Selbst-
achtung, ganz wie jene ältere Gesellschaft, deren
morsches Gebälke zusammenstürzte, als der Sohn des
Zimmermanns kam.
II.
Paris, 8. Juli 1843.
In China sind sogar die Kutscher höflich. Wenn
sie in einer engen Strafte mit ihren Fuhrwerken
etwas hart aneinander stoßen und Deichseln und
Räder sich verwickeln, erheben sie keineswegs ein
Schimpfen und Fluchen wie die Kutscher bei uns
zu Lande, sondern sie steigen ruhig von ihrem Sitz
herunter, machen eine Anzahl Knickse und Bück-
linge, sagen sich diverse Schmeicheleien, bemühen
sich hernach, gemeinschaftlich ihre Wagen in das
gehörige Geleise zu bringen, und wenn alles wieder
in Ordnung ist, machen sie nochmals verschiedene
Bücklinge und Knickse, sagen sich ein respektives
Lebewohl und fahren von dannen. Aber nicht bloß
unsre Kutscher, sondern auch unsre Gelehrten
sollten sich hieran ein Beispiel nehmen. Wenn diese
Herren miteinander in Kollision geraten, machen sie
sehr wenig Komplimente, und suchen sich keines-
wegs hilfreich zu verständigen, sondern sie fluchen
und schimpfen alsdann wie die Kutscher des Okzi-
dents. Und dieses klägliche Schauspiel gewähren
uns zumeist Theologen und Philosophen, obgleich
erstere auf das Dogma der Demut und Barmherzig-
keit besonders angewiesen sind, und letztere in der
Schule der Vernunft zunächst Geduld und Gelassen-
Anhang yt\
heit erlernt haben sollten. Die Fehde zwischen der
Universität und den Ultramontanen hat diesen Früh-
ling bereits mit einer Flora von Grobheiten und
Schmähreden bereichert, die selbst auf unsern
deutschen Mistbeeten nicht kostbarer gedeihen könnte.
Das wuchert, das sproßt, das blüht in unerhörter
Pracht. Wir haben weder Lust noch Beruf, hier
zu botanisieren. Der Duft mancher Giftblumen
könnte uns betäubend zu Kopf steigen, und uns
verhindern, mit kühler Unparteilichkeit den Wert
beider Parteien und die politische Bedeutung und
Bedeutsamkeit des Kampfes zu würdigen. Sobald
die Leidenschaften ein bißchen •verduftet sind, wollen
wir solche Würdigung versuchen. So viel können
wir schon heute sagen: das Recht ist auf beiden
Seiten, und die Personen werden getrieben von der
fatalsten Notwendigkeit. Der größte Teil der Katho-
lischen, weise und gemäßigt, verdammt zwar das
unzeitige Schilderheben ihrer Parteigenossen, aber
diese gehorchen dem Befehl ihres Gewissens, ihrem
höchsten Glaubensgesetz, dem compelle intrare, sie
tun ihre Schuldigkeit, und sie verdienen aus die-
sem Grunde unsre Achtung. Wir kennen sie nicht,
wir haben kein Urteil über ihre Person, und wir
sind nicht berechtigt, an ihrer Ehrlichkeit zu zwei-
feln . . .
Diese Leute sind nicht eben meine Lieblinge, aber
aufrichtig gestanden, trotz ihrem düstern, blutrünstigen
Zelotismus sind sie mir lieber als die toleranten
Amphibien des Glaubens und des Wissens, als jene
Kunstgläubigen, die ihre erschlafften Seelen durch
fromme Musik und Heiligenbilder kitzeln lassen, und
gar als jene Religionsdilettanten, die für die Kirche
schwärmen, ohne ihren Dogmen einen strengen Ge-
7j2 Lutczia
horsam zu widmen, die mit den heiligen Symbolen
nur liebäugeln, aber keine ernsthafte Ehe eingehen
wollen, und die man hier catholiques marrons nennt.
Letztere füllen jetzt unsre fashionablen Kirchen, z. B.
Sainte- Madeleine, oder Notre-Dame-de-Lorette,
jene heiligen Boudoirs, wo der süßlichste Rokoko-
geschmack herrscht, ein Weihkessel, der nach Lavendel
duftet, reichgepolsterte Betstühle, rosige Beleuchtung
und schmachtende Gesänge, überall Blumen und
tändelnde Engel, kokette Andacht, die sich fächert
mit Eventails von Boucher und Watteau — Pompa-
dourchristentum.
Ebenso unrecht wre unrichtig ist die Benennung
Jesuiten, womit man hier die Gegner der Universität
zu bezeichnen pflegt. Erstens gibt es gar keine
Jesuiten mehr in dem Sinne, den man mit jenem
Namen verknüpft. Aber wie es oben in der Diplo^
matie Leute gibt, die jedesmal, wenn die Flutzeit
der Revolution eintritt, das gleichzeitige Heranbranden
so vieler brausenden Wellen für das Werk eines
Comite directeur in Paris erklären : so gibt es Tri*
bunen hier unten, die, wenn die Ebbe beginnt, wenn
die revolutionären Springfluten sich wieder verlaufen,
diese Erscheinung den Intrigen der Jesuiten zu-
schreiben, und sich ernsthaft einbilden, es residiere
ein Jesuitengeneral in Rom, welcher durch seine ver-
mummten Schergen die Reaktion der ganzen Welt
leite. Nein, es existiert kein solcher Jesuitengeneral
in Rom, wie auch in Paris kein Comite directeur
existiert; das sind Märchen für große Kinder, hohle
Schreckpopanze, moderner Aberglaube. Oder ist
es eine bloße Kriegslist, daß man die Gegner der
Universität für Jesuiten erklärt? Es gibt in der Tat
hierzulande keinen Namen, der weniger populär
Anhang in?
wäre. Man hat im vorigen Jahrhundert gegen diesen
Orden so gründlich polemisiert, daß noch eine ge=
räume Zeit vergehen dürfte, ehe man ein mildes,
unparteiisches Urteil über ihn fällen wird. Es will
mich bedünken, als habe man die Jesuiten nicht
selten ein bißchen jesuitisch behandelt, und als seien
die Verleumdungen, die sie sich zuschulden kommen
ließen, ihnen manchmal mit zu großen Zinsen zurück-
gezahlt worden. Man könnte auf die Väter der
Gesellschaft Jesu das Wort anwenden, welches
Napoleon über Robespierre aussprach : »Sie sind hin-
gerichtet worden, nicht gerichtet.« Aber der Tag
wird kommen, wo man auch ihnen Gerechtigkeit
widerfahren lassen und ihre Verdienste anerkennen
wird. Schon jetzt müssen wir eingestehen, daß sie
durch ihre Missionsanstalten die Gesittung der Welt,
die Zivilisation unberechenbar gefördert, daß sie ein
heilsames Gegengift gewesen gegen die leben-
verpestenden Miasmen von Port-Royal, daß sogar
ihre vielgescholtene Akkommodationslehre noch das
einzige Mittel war, wodurch die Kirche über die
moderne, freiheitslustige und genußsüchtige Mensch-
heit ihre Oberherrschaft bewahren konnte. »Mangez
un bceuf et soyez chretien«, sagten die Jesuiten zu
dem Beichtkinde, dem in der Karwoche nach einem
Stückchen Rindfleisch gelüstete; aber ihre Nach-
giebigkeit lag nur in der Not des Momentes, und
sie hätten später, sobald ihre Macht befestigt, die
fleischfressenden Völker wieder zu den magersten
Fastenspeisen zurückgelenkt. Laxe Doktrinen für
die empörte Gegenwart, eiserne Ketten für die unter-
jochte Zukunft. Sie waren so klug!
Aber alle Klugheit hilft nichts gegen den Tod. '
Sie liegen längst im Grabe. Es gibt freilich Leute
374 Lutezia
in schwarzen Mänteln und mit Ungeheuern, dreieckig
aufgekrempten Filzhüten, aber das sind keine echten
Jesuiten. Wie manchmal ein zahmes Schaf sich
in ein Wolfsfell des Radikalismus vermummt, aus
Eitelkeit, oder Eigennutz, oder Schabernack, so
steckt im Fuchspelz des Jesuitismus manchmal nur
ein beschränktes Grauchen. «■■ Ja, sie sind tot. Die
Väter der Gesellschaft Jesu haben in den Sakristeien
nur ihre Garderobe zurückgelassen, nicht ihren Geist.
Dieser spukt an andern Orten, und manche Cham-
pions der Universität, die ihn so eifrig exorzieren,
sind vielleicht davon besessen, ohne es zu merken.
Ich sage dieses nicht in bezug auf die Herren
Michelet und Quinet, die ehrlichsten und wahrhaf-
tigsten Seelen, sondern ich habe hier im Auge zu-
nächst den wohlbestallten Minister des öffentlichen
Unterrichts, den Rektor der Universität, den Herrn
Villemain. Seiner Magnifizenz zweideutiges Treiben
berührt mich immer widerwärtig. Ich kann leider
nur dem Esprit und dem Stile dieses Mannes meine
Achtung zollen. Nebenbei gesagt, wir sehen hier, daß
der berühmte Ausspruch von Buffon: »Le style, c'est
l'homme«, grundfalsch ist. Der Stil des Herrn Ville-
main ist schön, edel, wohlgewachsen und reinlich.
— Auch Victor Cousin kann ich nicht ganz ver-
schonen mit dem Vorwurf des Jesuitismus. Der
Himmel weiß, daß ich geneigt bin, Herrn Cousins
Vorzügen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, daß
ich den Glanz seines Geistes gern anerkenne: aber
die Worte, womit er jüngst in der Akademie die
Übersetzung Spinozas ankündigte, zeugen weder von
Mut noch von Wahrheitsliebe. Cousin hat gewiß
die Interessen der Philosophie unendlich gefördert,
indem er den Spinoza dem denkenden Frankreich
Anhang 375
zugänglich machte, aber er hätte zugleich ehrlich
gestehen sollen, daß er dadurch der Kirche keinen
großen Dienst geleistet. Im Gegenteil sagte er, der
Spinoza sei von einem seiner Schüler, einem Z,ög=
ling der Ecole normale, übersetzt worden, um ihn
mit einer Widerlegung zu begleiten, und während
die Priesterpartei die Universität so heftig angreife,
sei es doch eben diese arme, unschuldige, verketzerte
Universität, welche den Spinoza widerlege, den ge-
fährlichen Spinoza, jenen Erbfeind des Glaubens,
der mit einer Feder aus den schwarzen Flügeln
Satans seine deiciden Bücher geschrieben! »Wen
betrügt man hier?« ruft Figaro. Es war in der
Academie des sciences morales et politiques, wo
Cousin in solcher Weise die französische Über-
setzung des Spinoza ankündigte; sie ist außerordent-
lich gelungen, während die gerühmte Widerlegung
so schwach und dürftig ist, daß sie in Deutschland
für ein Werk der Ironie gelten würde.
III.
Paris, 20. Juli 1843.
Jedes Volk hat seinen Nationalfehler, und wir Deut-
schen haben den unsrigen, nämlich jene berühmte
Langsamkeit, wir wissen es sehr gut, wir haben Blei
in den Stiefeln, sogar in den Pantoffeln. Aber was
nützt den Franzosen alle Geschwindigkeit, all ihr
flinkes anstelliges Wesen, wenn sie ebenso schnell
vergessen, was sie getan? Sie haben kein Gedächt-
nis, und das ist ihr größtes Unglück. Die Frucht
jeder Tat und jeder Untat geht hier verloren durch
Vergeßlichkeit. Jeden Tag müssen sie den Kreislauf
-yjd Lutezia
ihrer Geschichte wieder durchlaufen, ihr Leben wieder
von vorne anfangen, ihre Kämpfe aufs neue durch-
kämpfen und morgen hat der Sieger vergessen daß
er gesiegt hatte, und der Überwundene hat ebenso
leichtsinnig seine Niederlage und ihre heilsamen
Lehren vergessen. Wer hat im Julius 1830 die große
Schlacht gewonnen? Wer hat sie verloren? Wenig-
stens in dem großen Hospital, wo, um mich eines
Ausdrucks von Mignet zu bedienen, jede gestürzte
Macht ihre Blessierten untergebracht hat, hätte man
sich dessen erinnern sollen! Diese einzige Be-
merkung erlauben wir uns in Beziehung auf die De-
batten, die in der Pairskammer über den Sekundär-
unterricht stattgefunden, und wo die klerikale Partei
nur scheinbar unterlag. In der Tat triumphierte sie,
und es war schon ein hinlänglicher Triumph, daß
sie als organisierte Partei ans Tageslicht trat. Wir
sind weit entfernt, dieses kühne Auftreten zu tadeln,
und es mißfällt uns weit weniger, als jene schlottrige
Halbheit, welche die Gegner sich zuschulden kommen
ließen. Wie kläglich zeigte sich hier Herr Villemain,
der kleine Rhetor, der windige Bel-Esprit, dieser ab-
gestandene Voltairianer, der sich ein bißchen an den
Kirchenvätern gerieben, um einen gewissen ernst-
haften Anstrich zu gewinnen, und der von einer
Unwissenheit beseelt war, die ans Erhabene grenzte!
Es ist mir unbegreiflich, daß ihm Herr Guizot nicht
auf der Stelle den Laufpaß gegeben, denn diesem
großen Gelehrten mußte jene schülerhafte Verlegen-
heit, jener Mangel an den dürftigsten Vorkenntnissen,
jene wissenschaftliche Nullität, noch weit empfind-
licher mißfallen, als irgendein politischer Fehler! Um
die Schwäche und Inhaltlosigkeit seines Kollegen
einigermaßen zu decken, mußte Guizot mehrmals
Anhang yrn
das Wort ergreifen; aber alles, was er sagte, war
matt, farblos und unerquicklich. Er würde gewiß
bessere Dinge vorgebracht haben, wenn er nicht
Minister der auswärtigen Angelegenheiten, sondern
Minister des Unterrichts gewesen wäre, und für die
besondern Interessen dieses Departements eine Lanze
gebrochen hätte. Ja, er würde sich für die Gegen-
partei noch weit gefährlicher erwiesen haben, wenn
er ganz ohne weltliche Macht, nur mit seiner
geistlichen Macht bewaffnet, wenn er als bloßer
Professor für die Befugnisse der Philosophie in die
Schranken getreten wäre ! In einer solchen günstigem
Lage war Victor Cousin, und ihm gebührt Vorzugs*
weise die Ehre des Tages. Cousin ist nicht, wie
jüngst ziemlich griesgrämig behauptet worden, ein
philosophischer Dilettant, sondern er ist vielmehr ein
großer Philosoph, er ist hier Haussohn der Philo-
sophie, und als diese angegriffen wurde von ihren
unversöhnlichsten Feinden, mußte unser Victor Cousin
seine oratio pro domo halten. Und er sprach gut,
ja vortrefflich, mit Überzeugung. Es ist für uns
immer ein kostbares Schauspiel, wenn die fried-
liebendsten Männer, die durchaus von keiner Streit-
lust beseelt sind, durch die innern Bedingungen ihrer
Existenz, durch die Macht der Ereignisse, durch
ihre Geschichte, ihre Stellung, ihre Natur, kurz
durch eine unabweisliche Fatalität, gezwungen wer-
den, zu kämpfen. Ein solcher Kämpfer, ein solcher
Gladiator der Notwendigkeit war Cousin, als ein
unphilosophischer Minister des Unterrichts die Inter-
essen der Philosophie nicht zu verteidigen vermochte.
Keiner wußte besser als Victor Cousin, daß es sich
hier um keine neue Sache handelte, daß sein Wort
wenig beitragen würde zur Schlichtung des alten
778 Lutezia
Streits, und daß da kein definitiver Sieg zu erwarten
sei. Ein solches Bewußtsein übt immer einen dämpfen-
den Einfluß, und alles Brillantfeuer des Geistes konnte
auch hier die innere Trauer über die Fruchtlosigkeit
aller Anstrengungen keineswegs verbergen. Selbst
bei den Gegnern haben Cousins Reden einen ehren*
den Eindruck hervorgebracht, und die Feindschaft,
die sie ihm widmen, ist ebenfalls eine Anerkennung.
Den Villemain verachten sie, den Cousin aber furch*
ten sie. Sie furchten ihn nicht wegen seiner Ge-
sinnung, nicht wegen seines Charakters, nicht wegen
seiner individuellen Vorzüge oder Fehler, sondern
sie fürchten in ihm die deutsche Philosophie. Du
lieber Himmel! man erzeigt hier unserer deutschen
Philosophie und unserm Cousin allzu große Ehre.
Obgleich letzterer ein geborner Dialektiker ist, ob-
gleich er zugleich für Form die größte Begabnis be-
sitzt, obgleich er bei seiner philosophischen Spezialität
auch noch von großem Kunstsinn unterstützt wird,
so ist er doch noch sehr weit davon entfernt, die
deutsche Philosophie so gründlich tief in ihrem Wesen
zu erfassen, daß er ihre Systeme in einer klaren,
allgemein verständlichen Sprache formulieren könnte,
wie es nötig wäre für Franzosen, die nicht wie wir
die Geduld besitzen, ein abstraktes Idiom zu studieren.
Was sich aber nicht in gutem Französisch sagen
läßt, ist nicht gefährlich für Frankreich. Die Sektion
der Sciences morales et politiques der französischen
Akademie hat bekanntlich eine Darstellung der deut-
schen Philosophie seit Kant zu einer Preisfrage ge-
wählt, und Cousin, der hier als Hauptdirigent zu
betrachten ist, suchte vielleicht fremde Kräfte, wo
seine eignen nicht ausreichten. Aber auch andere
haben die Aufgabe nicht gelöst, und in der jüngsten
Anhang 379
feierlichen Sitzung der Akademie ward uns an-
gekündigt, daß auch dies Jahr keine Preisschrift über
die deutsche Philosophie gekrönt werden könne.
Gefängnisreform und Strafgesetzgebung.
<Paris, Juli 1843.)
Nachdem der Gesetzvorschlag über die Gefängnis«
reform während vier Wochen in der Deputierten-
kammer debattiert worden, ist derselbe endlich mit
sehr unwesentlichen Abänderungen und durch eine
bedeutende Majorität angenommen worden. Damit
wir es gleich von vornherein sagen, nur der Minister
des Innern, der eigentliche Schöpfer jenes Gesetz-
vorschlags, war der einzige, der mit festen Füßen
auf der Höhe der Frage stand, der bestimmt wußte,
was er wollte, und einen Triumph der Überlegenheit
feierte. Dem Rapporteur, Herrn von Tocqueville,
gebührt das Lob, daß er mit Festigkeit seine Ge-
danken durchfocht; er ist ein Mann von Kopf, der
wenig Herz hat und bis zum Gefrierpunkt die Ar-
gumente seiner Logik verfolgt; auch haben seine
Reden einen gewissen frostigen Glanz, wie ge-
schnittenes Eis. Was Herrn Tocqueville jedoch an
Gemüt fehlt, das hat sein Freund, Mr. de Beaumont,
in liebreichster Fülle, und diese beiden Unzertrenn-
lichen, die wir immer gepaart sehen, auf ihren Reisen,
in ihren Publikationen, in der Deputiertenkammer,
ergänzen sich aufs beste. Der eine, der scharfe
Denker, und der andere, der milde Gemütsmensch,
gehören beisammen, wie das Essigfläschchen und
das ölfläschchen. — Aber die Opposition, wie vage,
wie gehaltlos, wie schwach, wie ohnmächtig zeigte
380 Lutezia
sie sich bei dieser Gelegenheit! Sie wußte nicht
was sie wollte, sie mußte das Bedürfnis der Reform
eingestehen, konnte nichts Positives vorschlagen, war
beständig im Widerspruch mit sich selber und oppo*
nierte hier, wie gewöhnlich, aus blöder Gewohnheit
des Oppositionsmetiers. Und dennoch würde sie,
um letzterm zu genügen, leichtes Spiel gehabt haben,
wenn sie sich auf das hohe Pferd der Idee gesetzt
hätte, auf irgendeine generöse Rosinante der Theorien*
weit, statt auf ebener Erde den zufälligen Lücken
und Schwächen des ministeriellen Systems nach*
zukriechen und im Detail zu chikanieren, ohne das
Ganze erschüttern zu können. Nicht einmal unser
unvergleichlicher Don Alphonso de la Martine, der
ingeniöse Junker, zeigte sich hier in seiner idealen
Ritterlichkeit. Und doch war die Gelegenheit günstig,
und er hätte hier die höchsten und wichtigsten
Menschheitsfragen besprechen können, mit olymp*
erschütternden Worten; er konnte hier feuerspeiende
Berge reden und mit einem Ozean von Weltunter*
gangspoesie die Kammer überschwemmen. Aber
nein, der edle Hidalgo war hier ganz entblößt von
seinem schönen Wahnsinn und sprach so vernünftig
wie die nüchternsten seiner Kollegen.
Ja, nur auf dem Felde der Idee hätte die Oppo*
sition, wo nicht sich behaupten, doch wenigstens
glänzen können. Bei solcher Gelegenheit hätte eine
deutsche Opposition ihre gelehrtesten Lorbeeren er*
fochten. Denn die Gefängnisfrage ist ja enthalten in
jener allgemeinen Frage über die Bedeutung der Strafe
überhaupt, und hier treten uns die großen Theorien ent*
gegen, die wir heute nur in flüchtigster Kürze erwäh*
nen wollen, um für die Würdigung des neuen Gefäng*
nisgesetzes einen deutschen Standpunkt zu gewinnen.
Anhang 381
Wir sehen hier zunächst die sogenannte Vergel-
tungstheorie, das alte harte Gesetz der Urzeit, jenes
Jus Talionis, das wir noch bei dem alttestamentalischen
Moses in schauerlichster Naivetät vorfinden: Leben
um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Mit
dem Martyrtode des großen Versöhners fand auch
diese Idee der Sühne ihren Abschluß, und wir können
behaupten, der milde Christus habe dem antiken Ge-
setze auch hier persönlich Genüge getan und das-
selbe auch für die übrige Menschheit aufgehoben.
Sonderbar! während hier die Religion im Fortschritt
erscheint, ist es die Philosophie, welche stationär ge-
blieben, und die Strafrechtstheorie unserer Philosophen
von Kant bis auf Hegel ist trotz aller Verschieden-
heit des Ausdrucks noch immer das alte Jus Talionis.
Selbst unser Hegel wußte nichts Besseres anzugeben,
und er vermochte nur die rohe Anschauungsweise
einigermaßen zu spiritualisieren, ja bis zur Poesie zu
erheben. Bei ihm ist die Strafe das Recht des
Verbrechers; nämlich indem dieser das Verbrechen
begeht, gewinnt er ein unveräußerliches Recht auf
die adäquate Bestrafung; letztere ist gleichsam das
objektive Verbrechen. Das Prinzip der Sühne ist
hier bei Hegel ganz dasselbe wie bei Moses, nur
daß dieser den antiken Begriff der Fatalität in der
Brust trug, Hegel aber immer von dem modernen
Begriff der Freiheit bewegt wird: sein Verbrecher
ist ein freier Mensch, das Verbrechen selbst ist ein
Akt der Freiheit, und es muß ihm dafür sein Recht
geschehen. Hierüber nur ein Wort. Wir sind dem
altsazerdotalen Standpunkt entwachsen, und es wider-
strebt uns zu glauben, daß, wenn der einzelne eine
Untat begangen, die Gesellschaft in Corpore ge-
zwungen sei, dieselbe Untat zu begehen, sie feier-
382 Lutezia
lieh zu wiederholen. Für den modernen Standpunkt,
wie wir ihn bei Hegel finden, ist jedoch unser so-
zialer Zustand noch zu niedrig; denn Hegel setzt
immer eine absolute Freiheit voraus, von der wir
noch sehr entfernt sind und vielleicht noch eine gute
Weile entfernt bleiben werden.
Unsere zweite große Straftheorie ist die der Ab-
schreckung. Diese ist weder religiös, noch philo*
sophisch, sie ist rein absurd. Hier wird einem Men-
schen, der ein Verbrechen beging, Pein angetan,
damit ein dritter dadurch abgeschreckt werde, ein ähn-
liches Verbrechen zu begehen. Es ist das höchste
Unrecht, daß jemand leiden soll zum Heile eines
andern, und diese Theorie mahnte mich immer an
die armen souffre-douleurs, die ehemals mit den
kleinen Prinzen erzogen wurden und jedesmal durch-
gepeitscht wurden, wenn ihr erlauchter Kamerad
irgendeinen Fehler begangen. Diese nüchterne und
frivole Abschreckungstheorie borgt von der sazer-
dotalen Theorie gleichsam ihre Pompes funebres,
auch sie errichtet auf öffentlichem Markt ein Ca-
strum Doloris, um die Zuschauer anzulocken und zu
verblüffen. Der Staat ist hier ein Charlatan, nur
mit dem Unterschied, daß der gewöhnliche Charla-
tan dir versichert, er reiße die Zähne aus ohne
Schmerzen zu verursachen, während jener im Gegen-
teil durch seine schauerlichen Apparate mit weit
größern Schmerzen droht, als vielleicht der arme
Patient wirklich zu ertragen hat. Diese blutige Char-
latanerie hat mich immer angewidert.
Soll ich hier die sogenannte Theorie vom physi-
schen Zwang, die zu meiner Zeit in Göttingen und
in der umliegenden Gegend zum Vorschein gekommen,
als eine besondere Theorie erwähnen? Nein, sie ist
Anhang 383
nichts als der alte Abschreckungssauerteig, neu um-
geknetet. Ich habe mal einen ganzen Winter hin*
durch den Lykurg Hannovers, den traurigen Hofrat
Bauer, darüber schwätzen gehört, in seiner seich*
testen Prosa. Diese Tortur erduldete ich ebenfalls
aus physischem Zwang, denn der Schwätzer war
Examinator meiner Fakultät, und ich wollte damals
Doctor Juris werden.
Die dritte große Straftheorie ist die, wobei die
moralische Verbesserung des Verbrechers in Betracht
kommt. Die wahre Heimat dieser Theorie ist China,
wo alle Autorität von der väterlichen Gewalt ab-
geleitet wird. Jeder Verbrecher ist dort ein unge-
zogenes Kind, das der Vater zu bessern sucht, und
zwar durch den Bambus. Diese patriarchalische, ge-
mütliche Ansicht hat in neuerer Zeit ganz besonders
in Preußen ihre Verehrer gefunden, die sie auch in
die Gesetzgebung einzuführen suchten. Bei solcher
chinesischen Bambustheorie drängt sich uns zunächst
das Bedenken auf, daß alle Verbesserung nichts helfen
dürfte, wenn nicht vorher die Verbesserer gebessert
würden. In China scheint das Staatsoberhaupt der-
gleichen Einrede dunkel zu fühlen, und wenn im
Reiche der Mitte irgendein ungeheures Verbrechen
begangen wird, legt sich der Kaiser, der Himmels-
sohn, selber eine harte Buße auf, wähnend, daß er
selber durch irgendeine Sünde ein solches Landes-
unglück verschuldet haben müsse. Wir würden es
mit großem Vergnügen sehen, wenn unser heimischer
Pietismus auf solche fromme Irrtümer geriete, und
sich zum Heil des Staats weidlich kasteien wollte.
In China gehört es zur Konsequenz der patriarcha-
lischen Ansicht, daß es neben den Bestrafungen auch
gesetzliche Belohnungen gibt, daß man für gute Hand-
784 Lutezta
lungcn irgendeinen Ehrenknopf mit oder ohne Schleife
bekömmt, wie man für schlechte Handlungen die ge-
hörige Tracht Schläge empfängt, so daß, um mich
philosophisch auszudrücken, der Bambus die Beloh-
nung des Lasters und der Orden die Strafe der
Tugend ist. Die Partisane der körperlichen Züchti-
gung haben jüngst in den Rheinprovinzen einen
Widerstand gefunden, der aus einer Empfindungs-
weise hervorgegangen, die nicht sehr original ist und
leider als ein Überbleibsel der französischen Fremd-
herrschaft betrachtet werden dürfte.
Wir haben noch eine vierte große Straftheorie, die
wir kaum noch eine solche nennen können, da der
Begriff »Strafe« hier ganz verschwindet. Man nennt
sie die Präventionstheorie, weil hier die Verhütung
der Verbrechen das leitende Prinzip ist. Die eifrig-
sten Vertreter dieser Ansicht sind zunächst die Ra-
dikalen aller sozialistischen Schulen. Als der Ent-
schiedenste muß hier der Engländer Owen genannt
werden, der kein Recht der Bestrafung anerkennt, so-
lange die Ursache der Verbrechen, die sozialen Übel,
nicht fortgeräumt worden. So denken auch die
Kommunisten, die materialistischen ebensowohl wie
die spiritualistischen, welche letztern ihre Abneigung
gegen das herkömmliche Kriminalrecht, das sie das
alttestamentalische Rachegesetz nennen, durch evan-
gelische Texte beschönigen. Die Fourieristen dürfen
ebenfalls konsequenterweise kein Strafrecht aner-
kennen, da nach ihrer Lehre die Verbrechen nur
durch ausgeartete Leidenschaften entstehen und ihr
Staat sich eben die Aufgabe gestellt hat, durch eine
neue Organisation der menschlichen Leidenschaften
ihre Ausartung zu verhüten. Die Saint^Simonisten
hatten freilich weit höhere Begriffe vop der Unend-
Anhang 385
lichkeit des menschlichen Gemütes, als daß sie sich
auf einen geregelten und numerierten Schematismus
der Leidenschaften, wie wir ihn bei Fourier finden,
eingelassen hätten. Jedoch auch sie hielten das Ver-
brechen nicht bloß für ein Resultat gesellschaftlicher
Mißstände, sondern auch einer fehlerhaften Erziehung,
und von den besser geleiteten, wohlerzogenen Leiden-
schaften erwarteten sie eine vollständige Regeneration,
das Weltreich der Liebe, wo alle Traditionen der
Sünde in Vergessenheit geraten und die Idee eines
Strafrechts als eine Blasphemie erscheinen würde.
Minder schwärmerische und sogar sehr praktische
Naturen haben sich ebenfalls für die Präventions-
theorie entschieden, insofern sie von der Volks-
erziehung die Abnahme der Verbrechen erwarteten.
Sie haben noch ganz besondere staatsökonomische
Vorschläge gemacht, die dahin zielen, den Ver-
brecher vor seinen eigenen bösen Anfechtungen zu
schützen, in derselben Weise wie die Gesellschaft
vor der Untat selbst hinreichend bewahrt wird. Hier
stehen wir auf dem positiven Boden der Präventions-
lehre. Der Staat wird hier gleichsam eine große
Polizeianstalt, im edelsten und würdigsten Sinne, wo
dem bösen Gelüste jeder Antrieb entzogen wird, wo
man nicht durch Ausstellungen von Leckerbissen
und Putzwaren einen armen Schlucker zum Dieb-
stahl und die arme Gefallsucht zur Prostitution reizt,
wo keine diebischen Emporkömmlinge, keine Robert-
Macaires der hohen Finanz, keine Menschenfleisch-
händler, keine glücklichen Halunken ihren unver-
schämten Luxus öffentlich zur Schau geben dürfen,
kurz wo das demoralisierende böse Beispiel unter-
drückt wird. Kommen trotz aller Vorkehrungsmaß-
regeln dennoch Verbrechen zum Vorschein, so sucht
IX, :*
386 Lutczia
man die Verbrecher unschädlich zu machen; und
sie werden entweder eingesperrt oder, wenn sie der
Ruhe der Gesellschaft gar zu gefährlich sind, ein
bißchen hingerichtet. Die Regierung, als Manda-
tarin der Gesellschaft, verhängt hier keine Pein als
Strafe, sondern als Notwehr, und der höhere oder
geringere Grad dieser Pein wird nur von dem
Grade des Bedürfnisses der sozialen Selbstver-
teidigung bestimmt. Nur von diesem Gesichts-
punkte aus, sind wir für die Todesstrafe, oder viel-
mehr für die Tötung großer Bösewichter, welche die
Polizei aus dem Wege schaffen muß, wie sie tolle
Hunde totschlägt.
Wenn man aufmerksam das Expose des motifs
liest, womit der französische Minister des Innern
seinen Gesetzentwurf in betreff der Gefängnisreform
einleitete, so ist es augenscheinlich, wie hier die
zuletzt bezeichnete Ansicht den Grundgedanken
bildet, und wie das sogenannte Repressivprinzip der
Franzosen im Grunde nur die Praxis unserer Prä-
ventivtheorie ist.
Im Prinzip sind also unsere Ansichten ganz über-
einstimmend mit denen der französischen Regierung.
Aber unsere Gefühle sträuben sich gegen die Mittel,
wodurch die gute Absicht erreicht werden soll.
Auch halten wir sie für Frankreich ganz ungeeignet.
In diesem Lande der Soziabilität wäre die Absperrung
in Zellen, die pennsylvanische Methode, eine un-
erhörte Grausamkeit, und das französische Volk ist
zu großmütig, als daß es je um solchen Preis seine
gesellschaftliche Ruhe erkaufen möchte. Ich bin da-
her überzeugt, selbst nachdem die Kammern ein-
gewilligt, kommt das entsetzliche, unmenschliche, ja
unnatürliche Zellulargefängniswesen nicht in Aus-
Anhang 387
führung, und die vielen Millionen, welche die nötigen
Bauten kosten, sind gottlob verlorenes Geld. Diese
Burgverließe des neuen Bürgerrittertums wird das
Volk ebenso unwillig niederreißen, wie es einst die
adelige Bastille zerstörte. So furchtbar und düster
dieselbe von außen gewesen sein mochte, so war
sie doch gewiß nur ein heiteres Kiosk, ein sonniges
Gartenhaus, im Vergleich mit jenen kleinen, schwei-
genden amerikanischen Höllen, die nur ein blöd-
sinniger Pietist ersinnen, und nur ein herzloser Krä-
mer, der für sein Eigentum zittert, billigen konnte.
Der gute fromme Bürger soll hinfüro ruhiger schlafen
können — das will die Regierung mit löblichem
Eifer bewirken. Aber warum sollen sie nicht etwas
weniger schlafen? — Bessere Leute müssen jetzt
wachend die Nächte verbringen. Und dann, haben
sie nicht den lieben Gott, um sie zu schützen, sie,
die Frommen? — Oder zweifeln sie an diesem
Schutz, sie, die Frommen?
Aus den Pyrenäen.
I.
Bareges, 26. Juli 1846.
Seit Menschengedenken gab es kein solches Zu-
strömen nach den Heilquellen von Bareges, wie dieses
Jahr. Das kleine Dorf, das aus etwa sechzig Häu-
sern und einigen Dutzend Notbaracken besteht, kann
die kranke Menge nicht mehr fassen; Spätkömmlinge
fanden kaum ein kümmerliches Obdach für eine
Nacht, und mußten leidend umkehren. Die meisten
Gäste sind französische Militärs, die in Afrika sehr
388 Lutezia
viele Lorbeeren, Lanzenstiche und Rheumatismen
eingeerntet haben. Einige alte Offiziere aus der
Kaiserzeit keuchen hier ebenfalls umher, und suchen
in der Badewanne die glorreichen Erinnerungen zu
vergessen, die sie bei jedem Witterungswechsel so
verdrießlich jucken. Auch ein deutscher Dichter be-
findet sich hier, der manches auszubaden haben mag,
aber bis jetzt keineswegs seines Verstandes verlustig
und noch viel weniger in ein Irrenhaus eingesperrt
worden ist, wie ein Berliner Korrespondent in der
hochlöblichen »Leipziger Allgemeinen Zeitung« be-
richtet hat. Freilich, wir können uns irren, Hein-
rich Heine ist vielleicht verrückter als er selbst weiß;
aber mit Gewißheit dürfen wir versichern, daß man
ihn hier, in dem anarchischen Frankreich, noch
immer auf freien Füßen herumgehen läßt, was ihm
wahrscheinlich zu Berlin, wo die geistige Sanitäts-
polizei strenger gehandhabt wird, nicht gestattet wer-
den möchte. Wie dem auch sei, fromme Gemüter
an der Spree mögen sich trösten, wenn auch nicht
der Geist, so ist doch der Leib des Dichters hin-
länglich belastet von lähmenden Gebresten, und auf
der Reise von Paris hierher ward sein Siechtum so
unleidlich, daß er unfern von Baguere de Bigorre
den Wagen verlassen und sich auf einem Lehnsessel
über das Gebirge tragen lassen mußte. Er hatte
bei dieser erhabenen Fahrt manche erfreuliche Licht-
blicke, nie hat ihn Sonnenglanz und Waldgrün inniger
bezaubert, und die großen Felsenkoppen, wie steinerne
Riesenhäupter, sahen ihn an mit fabelhaftem Mitleid.
Die Hautes Pyrenees sind wunderbar schön. Be-
sonders seelenerquickend ist die Musik der Berg-
wasser, die wie ein volles Orchester in den rauschen-
den Talfluß, den sogenannten Gäve, hinabstürzen.
Anhang 389
Gar lieblich ist dabei das Geklingel der Lämmer-
herden, zumal wenn sie in großer Anzahl wie jauch-
zend von den Bergeshalden heruntergesprungen kom-
men, voran die langwolligen Mutterschafe und dorisch
gehörnten Widder, welche große Glocken an den
Hälsen tragen, und nebenherlaufend der junge Hirt,
der sie nach dem Taldorfe zur Schur führt, und bei
dieser Gelegenheit auch die Liebste besuchen will.
Einige Tage später ist das Geklingel minder heiter,
denn es hat unterdessen gewittert, aschgraue Nebel-
wölken hängen tief herab, und mit seinen geschornen,
fröstelnd nackten Lämmern steigt der junge Hirt
melancholisch wieder hinauf in seine Alpeneinsam-
keit; er ist ganz eingewickelt in seinen braunen, reich-
geflickten Baskesenmantel, und das Scheiden von Ihr
war vielleicht bitter.
Ein solcher Anblick mahnt mich aufs lebhafteste
an das Meisterwerk von Decamps, welches der dies-
jährige Salon besaß, und das von so vielen, ja von
dem kunstverständigsten Franzosen, Theophile Gau-
tier, mit hartem Unrecht getadelt ward. Der Hirt
auf jenem Gemälde, der in seiner zerlumpten Majestät
wie ein wahrer Bettelkönig aussieht, und an seiner
Brust, unter den Fetzen des Mantels, ein armes
Schäfchen vor dem Regenguß zu schützen sucht,
die stumpfsinnig trüben Wetterwolken mit ihren
feuchten Grimassen, der zottighäßliche Schäferhund
— alles ist auf jenem Bilde so naturwahr, so pyre-
näentreu gemalt, so ganz ohne sentimentalen An-
strich und ohne süßliche Veridealisierung, daß einem
hier das Talent des Decamps fast erschreckend, in
seiner naivsten Nacktheit, offenbar wird.
Die Pyrenäen werden jetzt von vielen französischen
Malern mit großem Glück ausgebeutet, besonders
59°
Lutezia
wegen der hiesigen pittoresken Volkstrachten, und
die Leistungen von Leleux, die unser feintreffender
Pfeil-Kollege immer so schön gewürdigt, verdienen
das gespendete Lob; auch bei diesem Maler ist
Wahrheit der Natur, aber ohne ihre Bescheidenheit,
sie tritt schier allzu keck hervor und sie artet aus
in Virtuosität. Die Kleidung der Bergbewohner, der
Bearnaisen, der Basken und der Grenzspanier, ist in
der Tat so eigentümlich und staffeleifähig, wie es
ein junger Enthusiast von der Pinselgilde, der den
banalen Frack verabscheut, nur irgend verlangen
kann; besonders pittoresk ist die Kopfbedeckung der
Weiber, die scharlachrote, bis an die Hüften über
den schwarzen Leibrock herabhängende Kapuze.
Einen überaus köstlichen Anblick gewähren derartig
kostümierte Ziegenhirtinnen, wenn sie, auf hoch«
gesattelten Maultieren sitzend, den altertümlichen
Spinnstock unterm Arm, mit ihren gehörnten
schwarzen Zöglingen über die äußersten Spitzen der
Berge einherreiten, und der abenteuerliche Zug sich
in den reinsten Konturen abzeichnet an dem sonnig-
blauen Himmelsgrund.
Das Gebäude, worin sich die Badeanstalt von
Bareges befindet, bildet einen schauderhaften Kon-
trast mit den umgebenden Naturschönheiten, und
sein mürrisches Äußere entspricht vollkommen den
innern Räumen: unheimlich finstere Zellen, gleich
Grabgewölben, mit gar zu schmalen steinernen Bade-
wannen, einer Art provisorischer Särge, worin man
alle Tage eine Stunde lang sich üben kann im Stille-
liegen mit ausgestreckten Beinen und gekreuzten
Armen, eine nützliche Vorübung für Lebensabitu-
rienten. Das beklagenswerteste Gebrechen zu Ba-
reges ist der Wassermangel; die Heilquellen strömen
Anhang 391
nämlich nicht in hinlänglicher Fülle. Eine traurige
Abhilfe in dieser Beziehung gewähren die sogenannten
Piszinen, ziemlich enge Wasserbehälter, worin sich
ein Dutzend, auch wohl anderthalb Dutzend Men-
schen gleichzeitig baden, in aufrechter Stellung. Hier
gibt es Berührungen, die selten angenehm sind, und
bei dieser Gelegenheit begreift man in ihrem ganzen
Tiefsinn die Worte des toleranten Ungars, der sich
den Schnurrbart strich und zu seinem Kameraden
sagte: »Mir ist ganz gleich was der Mensch ist,
ob er Christ oder Jude, republikanisch oder kaiser-
lich, Türke oder Preuße, wenn nur der Mensch ge-
sund ist.«
II.
Bareges, 7. August 1846.
Über die therapeutische Bedeutung der hiesigen
Bäder wage ich nicht, mich mit Bestimmtheit aus-
zusprechen. Es läßt sich vielleicht überhaupt nichts
Bestimmtes darüber sagen. Man kann das Wasser
einer Quelle chemisch zersetzen und genau angeben,
wieviel Schwefel, Salz oder Butter darin enthalten
ist, aber niemand wird es wagen, selbst in bestimmten
Fällen, die Wirkung dieses Wassers für ein ganz
probates, untrügliches Heilmittel zu erklären; denn
diese Wirkung ist ganz abhängig von der individuellen
Leibesbeschaffenheit des Kranken, und das Bad, das
bei gleichen Krankheitsymptomen dem einen fruchtet,
übt auf den andern nicht den mindesten, wo nicht
gar den schädlichsten Einfluß. In der Weise wie z. B.
der Magnetismus, enthalten auch die Heilquellen eine
Kraft, die hinlänglich konstatiert aber keineswegs
392
Lut«
determiniert ist, deren Grenzen und auch geheimste
Natur den Forschern bis jetzt unbekannt geblieben,
so daß der Arzt dieselben nur versuchsweise, wo
alle andern Mittel fehlschlagen, als Medikament an-
zuwenden pflegt. Wenn der Sohn Äskulaps gar
nicht mehr weiß, was er mit dem Patienten anfangen
soll, dann schickt er uns ins Bad mit einem langen
Konsultationszettel, der nichts anderes ist, als ein
offener Empfehlungsbrief an den Zufall!
Die Lebensmittel sind hier sehr schlecht, aber
desto teurer. Frühstuck und Mittagessen werden
den Gästen in hohen Körben und von ziemlich
klebrigen Mägden aufs Zimmer getragen, ganz wie
in Göttingen. Hätten wir nur hier ebenfalls den
jugendlich-akademischen Appetit, womit wir einst
die gelehrt-trockensten Kalbsbraten Georgia Augustas
zermalmten! Das Leben selbst ist hier so lang-
weilig wie an den blumigen Ufern der Leine.
Doch kann ich nicht umhin, zu erwähnen, daß
wir zwei sehr hübsche Bälle genossen, wo die
Tänzer alle ohne Krücken erschienen. Es fehlte
dabei nicht an einigen Töchtern Albions, die sich
durch Schönheit und linkisches Wesen auszeichneten;
sie tanzten als ritten sie auf Eseln. Unter den Fran-
zösinnen glänzte die Tochter des berühmten Cella-
rius, die, *■ welche Ehre für das kleine Bareges —
hier eigenfüßig die Polka tanzte. Auch mehre junge
Tanznixen der Pariser großen Oper, welche man
Ratten nennt, unter andern die silberfüßige Made-
moiselle Lelhomme, wirbelten hier ihre Entrechats,
und ich dachte bei diesem Anblick wieder lebhaft
an mein liebes Paris, wo ich es vor lauter Tanz
und Musik am Ende nicht mehr aushalten konnte, und
wohin das Herz sich jetzt dennoch wieder zurück-
Anhang 393
sehnt. Wunderbar närrischer Zauber! Vor lauter
Plaisir und Belustigung wird Paris zuletzt so er*
müdend, so erdrückend, so überlästig, alle Freuden
sind dort mit so erschöpfender Anstrengung ver-
bunden, daß man jauchzend froh ist, wenn man dieser
Galeere des Vergnügens einmal entspringen kann —
und kaum ist man einige Monate von dort entfernt,
so kann eine einzige Walzermelodie oder der bloße
Schatten eines Tänzerinnenbeins in unserm Gemüte
das sehnsüchtigste Heimweh nach Paris erwecken!
Das geschieht aber nur den bemoosten Häuptern die-
ses süßen Bagnos, nicht den jungen Burschen unsrer
Landsmannschaft, die nach einem kurzen Semester-
aufenthalt in Paris gar kläglich bejammern, daß es
dort nicht so gemütlich still sei wie jenseits des
Rheins, wo das Zellensystem des einsamen Nach-
denkens eingeführt ist, daß man sich dort nicht
ruhig sammeln könne wie etwa zu Magdeburg oder
Spandau, daß das sittliche Bewußtsein sich dort
verliere im Geräusch der Genußwellen die sich
überstürzen, daß die Zerstreuung dort zu groß sei —
ja, sie ist wirklich zu groß in Paris, denn während wir
uns dort zerstreuen, zerstreut sich auch unser Geld!
Ach, das Geld! Es weiß sich sogar hier in Bareges
zu zerstreuen, so langweilig auch dieses Heilnest.
Es übersteigt alle Begriffe, wie teuer der hiesige Auf-
enthalt; er kostet mehr als das Doppelte, was man
in andern Badeörtern der Pyrenäen ausgibt. Und
welche Habsucht bei diesen Gebirgsbewohnern, die
man als eine Art Naturkinder, als die Reste einer
Unschuldsrasse zu preisen pflegt! Sie huldigen dem
Geld mit einer Inbrunst, die an Fanatismus grenzt,
und das ist ihr eigentlicher Nationalkultus. Aber
ist das Geld jetzt nicht der Gott der ganzen Welt,
394
Lutezia
ein allmächtiger Gott, den selbst der verstockteste
Atheist keine drei Tage lang verleugnen könnte, denn
ohne seine göttliche Hilfe würde ihm der Bäcker
nicht den kleinsten Semmel verabfolgen lassen.
Dieser Tage, bei der großen Hitze, kamen ganze
Schwärme von Engländern nach Bareges ; rotgesunde,
beefsteakgemästete Gesichter, die mit der bleichen
Gemeinde der Badegäste schier beleidigend kontras-
tierten. Der bedeutendste dieser Ankömmlinge ist
ein enorm reiches und (eidlich bekanntes Parlaments-
glied von der torystischen Clique. Dieser Gentle-
man scheint die Franzosen nicht zu lieben, aber hin-
gegen uns Deutsche mit der größten Zuneigung zu
beehren. Er rühmte besonders unsre Redlichkeit
und Treue. Auch wolle er zu Paris, wo er den
Winter zu verbringen gedenke, sich keine französi-
schen Bedienten, sondern nur deutsche anschaffen.
Ich dankte ihm für das Zutrauen, das er uns schenke,
und empfahl ihm einige Landsleute von der histori-
schen Schule.
Zu den hiesigen Badegästen rechnen wir auch,
wie männiglich bekannt ist, den Prinzen von Nemours,
der einige Stunden von hier, zu Lüz, mit seiner Fa-
milie wohnt, aber täglich hierher fährt, um sein Bad
zu nehmen. Als er das erstemal in dieser Absicht
nach Bareges kam, saß er in einer offenen Kalesche,
obgleich das miserabelste Nebelwetter an jenem Tage
herrschte; ich schloß daraus, daß er sehr gesund
sein müsse, und jedenfalls keinen Schnupfen scheue.
Sein erster Besuch galt dem hiesigen Militärhospital,
wo er leutselig mit den kranken Soldaten sprach,
sich nach ihren Blessuren erkundigte, auch nach
ihrer Dienstzeit usw. Eine solche Demonstration, ob-
gleich sie nur ein altes Trompeterstückchen ist, womit
Anhang 395
schon so viele erlauchte Personen ihre Virtuosität be*
urkundet haben, verfehlt doch nie ihre Wirkung, und
als der Fürst bei der Badeanstalt anlangte, wo das neu*
gierige Publikum ihn erwartete, war er bereits ziem*
lieh populär. Nichtsdestoweniger ist der Herzog von
Nemours nicht so beliebt, wie sein verstorbener Bru-
der, dessen Eigenschaften sich mit mehrOffenheit kund*
gaben. Dieser herrliche Mensch, oder besser gesagt
dieses herrliche Menschengedicht, welches Ferdinand
Orleans hieß, war gleichsam in einem populären, all*
gemein faßlichen Stil gedichtet, während der Nemours
in einer für die große Menge minder leicht zugäng*
liehen Kunstform sich zurückzieht. Beide Prinzen
bildeten immer einen merkwürdigen Gegensatz in
ihrer äußern Erscheinung. Die des Orleans war
nonchalant ritterlich; der andere hat vielmehr etwas
von feiner Patrizierart. Ersterer war ganz ein junger
französischer Offizier, übersprudelnd von leichtsin»
nigster Bravour, ganz die Sorte, die gegen Festungs-
mauern und Frauenherzen mit gleicher Lust Sturm
läuft. Es heißt, der Nemours sei ein guter Soldat,
vom kaltblütigsten Mute, aber nicht sehr kriegerisch.
Er wird daher, wenn er zur Regentschaft gelangt,
sich nicht so leicht von der Trompete Bellonas ver-
locken lassen, wie sein Bruder dessen fähig war; was
uns sehr lieb ist, da wir wohl ahnen, welches teure
Land der Kriegsschauplatz sein würde, und welches
naive Volk am Ende die Kriegskosten bezahlen
müßte. Nur eins möchte ich gern wissen, ob näm-
lich der Herzog von Nemours auch so viel Geduld
besitzt wie sein glorreicher Vater, der durch diese
Eigenschaft, die allen seinen französischen Gegnern
fehlt, unermüdlich gesiegt und dem schönen Frank-
reich und der Welt den Frieden erhalten hat.
^g6 Lutezia
III.
Bareges, 20. August 1846.
Der Herzog von Nemours hat auch Geduld.
Daß er diese Kardinaltugend besitzt, bemerkte ich
an der Gelassenheit, womit er jede Verzögerung er-
trägt, wenn sein Bad bereitet wird. Er erinnert
keineswegs an seinen Großoheim und dessen »J'ai
failli attendre!« Der Herzog von Nemours versteht
zu warten und als eine ebenfalls gute Eigenschaft
bemerkte ich an ihm, daß er andere nicht lange
warten läßt. Ich bin sein Nachfolger (nämlich in
der Badewanne) und muß ihm das Lob erteilen, daß
er dieselbe so pünktlich verläßt, wie ein gewöhn-
licher Sterblicher, dem hier seine Stunde bis auf die
Minute zugemessen ist. Er kommt alle Tage hie-
her, gewöhnlich in einem offenen Wagen, selber die
Pferde lenkend, während neben ihm ein verdrießlich
müßiges Kutschergesicht und hinter ihm sein korpu-
lenter deutscher Kammerdiener sitzt. Sehr oft, wenn
das Wetter schön, läuft der Fürst neben dem Wagen
her, die ganze Strecke von Lüz bis Bareges, wie
er denn überhaupt Leibesübungen sehr zu lieben
scheint. Er macht auch mit seiner Gemahlin, die
eine der schönsten Frauen ist, sehr häufige Ausflüge
nach merkwürdigen Gebirgsörtern. So kam er mit
ihr jüngst hieher, um den Pic du Midi zu besteigen,
und während die Fürstin mit ihrer Gesellschaftsdame
in Palankinen den Berg hinaufgetragen ward, eilte
der junge Fürst ihnen voraus, um auf der Koppe
eine Weile einsam und ungestört jene kolossalen
Naturschönheiten zu betrachten, die unsere Seele
so idealisch emporheben aus der niedern Werkel-
tagswelt. Als jedoch der Prinz auf die Spitze des
Anhang 397
Berges gelangte, erblickte er dort steif aufgepflanzt
— drei Gendarmen! Nun gibt es aber wahrlich
nichts auf der Welt, was ernüchternder und ab*
kühlender wirken mag, als das positive Gesetztafel-
gesicht eines Gendarmen und das schauderhafte
Zitronengelb seines Bandeliers. Alle schwärmerischen
Gefühle werden uns da gleichsam in der Brust arre-
tiert, au nom de la loi. Ich mußte wehmütig lachen,
als man mir erzählte, wie damisch verdrießlich der
Nemours ausgesehen, als er bemerkte, welche Sür-
prise der servile Diensteifer des Präfekten ihm auf
dem Gipfel des Pic du Midi bereitet hatte.
Hier in Bareges wird es täglich langweiliger. Das
Unleidliche ist eigentlich nicht der Mangel an ge-
sellschaftlichen Zerstreuungen, sondern vielmehr, daß
man auch die Vorteile der Einsamkeit entbehrt, in*
dem hier beständig ein Schreien und Lärmen, das
kein stilles Hinträumen erlaubt, und uns jeden Augen-
blick aus unsern Gedanken aufschreckt. Ein grelles,
nervenzerreißendes Knallen mit der Peitsche, die
hiesige Nationalmusik, hört man vom frühesten Mor-
gen bis spät in die Nacht. Wenn nun gar das
schlechte Wetter eintritt und die Berge schlaftrunken
ihre Nebelkappen über die Ohren ziehen, dann dehnen
sich hier die Stunden zu ennüyanten Ewigkeiten. Die
leibhaftige Göttin der Langeweile, das Haupt gehüllt
in eine bleierne Kapuze und Klopstocks »Messiade«
in der Hand, wandelt dann durch die Straße von
Bareges, und wen sie angähnt, dem versickert im
Herzen der letzte Tropfen Lebensmut! Es geht so
weit, daß ich aus Verzweiflung die Gesellschaft
unsers Gönners, des englischen Parlamentsgliedes,
nicht mehr zu vermeiden suche. Er zollt noch
immer die gerechteste Anerkennung unsern Haus-
39S Lutezia
tilgenden und sittlichen Vorzügen. Doch will es
mich bedünken, als liebe er uns weniger enthusia-
stisch, seitdem ich in unsern Gesprächen die Äußerung
fallen ließ, daß die Deutschen jetzt ein großes Ge-
lüste empfänden nach dem Besitz einer Marine, daß
wir zu allen Schiffen unserer künftigen Flotte schon
die Namen ersonnen, daß die Patrioten in den Zwangs-
prytaneen, statt der bisherigen Wolle, jetzt nur Linnen
zu Segeltüchern spinnen wollen, und daß die Eichen
im Teutoburger Walde, die seit der Niederlage des
Varus geschlafen, endlich erwacht seien und sich zu
freiwilligen Mastbäumen erboten haben. Dem edlen
Briten mißfiel sehr diese Mitteilung, und er meinte:
wir Deutschen täten besser, wenn wir den Ausbau
des Kölner Doms, des großen Glaubenswerks unsrer
Väter, mit unzersplitterten Kräften betrieben.
Jedesmal wenn ich mit Engländern über meine
Heimat rede, bemerke ich mit tiefster Beschämung,
daß der Haß, den sie gegen die Franzosen hegen,
für dieses Volk weit ehrenvoller ist, als die imper-
tinente Liebe, die sie uns Deutschen angedeihen
lassen, und die wir immer irgendeiner Lakune unsrer
weltlichen Macht oder unsrer Intelligenz verdanken:
sie lieben uns wegen unsrer maritimen Unmacht,
wobei keine Handelskonkurrenz zu besorgen steht;
sie lieben uns wegen unsrer politischen Naivetät,
die sie im Fall eines Krieges mit Frankreich in
alter Weise auszubeuten hoffen. — —
Anhang 399
Musikalische Saison von 1844.
Erster Bericht.
Paris, 25. April 1844.
A tout seigneur tout honneur. Wir beginnen
heute mit Berlioz, dessen erstes Konzert die musi-
kalische Saison eröffnete und gleichsam als Ouver-
türe derselben zu betrachten war. Die mehr oder
minder neuen Stücke, die hier dem Publikum vor-
getragen wurden, fanden den gebührenden Applaus,
und selbst die trägsten Gemüter wurden fortgerissen
von der Gewalt des Genius, der sich in allen
Schöpfungen des großen Meisters bekundet. Hier
ist ein Flügelschlag, der keinen gewöhnlichen Sanges-
vogel verrät, das ist eine kolossale Nachtigall, ein
Sprosser von Adlersgröße, wie es deren in der Ur-
welt gegeben haben soll. Ja, die Berliozische Musik
überhaupt hat für mich etwas Urweltliches, wo
nicht gar Antediluvianisches, und sie mahnt mich
an untergegangene Tiergattungen, an fabelhafte
Königstümer und Sünden, an aufgetürmte Unmöglich-
keiten: an Babylon, an die hängenden Gärten der
Semiramis, an Ninive, an die Wunderwerke von
Mizraim, wie wir dergleichen erblicken auf den Ge-
mälden des Engländers Martin. In der Tat, wenn
wir uns nach einer Analogie in der Malerkunst um-
sehen, so finden wir die wahlverwandteste Ähnlich-
keit zwischen Berlioz und dem tollen Briten: der-
selbe Sinn für das Ungeheuerliche, für das Riesen-
hafte, für materielle Unermeßlichkeit. Bei dem einen
die grellen Schatten- und Lichteffekte, bei dem andern
kreischende Instrumentierung; bei dem einen wenig
Melodie, bei dem andern wenig Farbe, bei beiden
4oo
Luteria
wenig Schönheit und gar kein Gemüt. Ihre Werke
sind weder antik noch romantisch, sie erinnern weder
an Griechenland noch an das katholische Mittel-»
alter, sondern sie mahnen weit höher hinauf an die
assyrisch -babylonisch -ägyptische Architekturperiode
und an die massenhafte Passion, die sich darin aus*
sprach.
Welch ein ordentlicher moderner Mensch ist da-
gegen unser Felix Mendelssohn-Bartholdy, der hoch-
gefeierte Landsmann, den wir heute zunächst wegen
der Symphonie erwähnen, die im Konzertsaale des
Conservatoires von ihm gegeben worden. Dem
tätigen Eifer seiner hiesigen Freunde und Gönner
verdanken wir diesen Genuß. Obgleich diese Sym-
phonie Mendelssohns im Conservatoire sehr frostig
aufgenommen wurde, verdient sie dennoch die An-
erkennung aller wahrhaft Kunstverständigen. Sie ist
von echter Schönheit, und gehört zu Mendelssohns
besten Arbeiten. Wie aber kommt es, daß dem so
verdienten und hochbegabten Künstler, seit der Auf-
führung des »Paulus«, den man dem hiesigen Publi-
kum auferlegte, dennoch kein Lorbeerkranz auf fran-
zösischem Boden hervorblühen will? Wie kommt
es, daß hier alle Bemühungen scheitern, und daß
das letzte Verzweiflungsmittel des Odeontheaters,
die Aufführung der Chöre zur »Antigone«, eben-
falls nur ein klägliches Resultat hervorbrachte?
Mendelssohn bietet uns immer Gelegenheit, über die
höchsten Probleme der Ästhetik nachzudenken.
Namentlich werden wir bei ihm immer an die große
Frage erinnert: was ist der Unterschied zwischen
Kunst und Lüge? Wir bewundern bei diesem Meister
zumeist sein großes Talent für Form, für Stilistik,
seine Begabnis sich das Außerordentlichste anzu-
Anhang 401
eignen, seine reizend schöne Faktur, sein feines
Eidechsenohr, seine zarten Fühlhörner und seine
ernsthafte, ich möchte fast sagen passionierte In-
differenz. Suchen wir in einer Schwesterkunst nach
einer analogen Erscheinung, so finden wir sie dies-
mal in der Dichtkunst, und sie heißt Ludwig Tieck.
Auch dieser Meister wußte immer das Vorzüglichste
zu reproduzieren, sei es schreibend, oder vorlesend,
er verstand sogar das Naive zu machen, und er
hat doch nie etwas geschaffen was die Menge be-
zwang und lebendig blieb in ihrem Herzen. Dem
begabteren Mendelssohn würde es schon eher ge-
lingen, etwas ewig Bleibendes zu schaffen, aber nicht
auf dem Boden, wo zunächst Wahrheit und Leiden-
schaft verlangt wird, nämlich auf der Bühne; auch
Ludwig Tieck, trotz seinem hitzigsten Gelüste, konnte
es nie zu einer dramatischen Leistung bringen.
Außer der Mendelssohnschen Symphonie hörten
wir im Conservatoire mit großem Interesse eine
Symphonie des seligen Mozart, und eine nicht minder
talentvolle Komposition von Händel. Sie wurden
mit großem Beifall aufgenommen.
Unser vortrefflicher Landsmann Ferdinand Hiller
genießt unter den wahrhaft Kunstverständigen ein
zu großes Ansehen, als daß wir nicht, so groß auch
die Namen sind, die wir eben genannt, den seinigen
hier unter den Komponisten erwähnen dürften, deren
Arbeiten im Conservatoire die verdiente Aner-
kennung fanden. Hiller ist mehr ein denkender als
ein fühlender Musiker, und man wirft ihm noch
obendrein eine zu große Gelehrsamkeit vor. Geist
und Wissenschaft mögen wohl manchmal in den
Kompositionen dieses Doktrinärs etwas kühlend
wirken, jedenfalls aber sind sie immer anmutig,
IX. 26
402
Lutezia
reizend und schön. Von schiefmäuliger Exzentrizi-
tät ist hier keine Spur, Hiller besitzt eine artistische
Wahlverwandtschaft mit seinem Landsmann Wolf-
gang Goethe. Auch Hiller ward geboren zu Frank-
furt, wo ich, bei meiner letzten Durchreise, sein
väterliches Haus sah; es ist genannt »Zum grünen
Frosch«, und das Abbild eines Frosches ist über
der Haustüre zu sehen. Hillers Kompositionen er-
innern aber nie an solch unmusikalische Bestie, son-
dern nur an Nachtigallen, Lerchen und sonstiges
Frühlingsgevögel.
An konzertgebenden Pianisten hat es auch dieses
Jahr nicht gefehlt. Namentlich die Iden des Märzen
waren in dieser Beziehung sehr bedenkliche Tage.
Das alles klimpert drauf los und will gehört sein, und
sei es auch nur zum Schein, um jenseits der Barriere
von Paris sich als große Zelebrität gebärden zu
dürfen. Den erbettelten oder erschlichenen Fetzen
Feuilletonlob wissen die Kunstjünger, zumal in
Deutschland, gehörig auszubeuten, und in den dor-
tigen Reklamen heißt es dann, das berühmte Genie,
der große Rudolf W. sei angekommen, der Neben-
buhler von Liszt und Thalberg, der Klavierheros,
der in Paris so großes Aufsehen erregt habe und
sogar von dem Kritiker Jules Janin gelobt worden,
Hosianna! Wer nun eine solche arme Fliege zu-
fällig in Paris gesehen hat, und überhaupt weiß, wie
wenig hier von noch weit bedeutendem Personnagen
Notiz genommen wird, findet die Leichtgläubigkeit
des Publikums sehr ergötzlich, und die plumpe Un-
verschämtheit der Virtuosen sehr ekelhaft. Das
Gebrechen aber liegt tiefer, nämlich in dem Zustand
unsrer Tagespresse, und dieser ist wieder nur ein
Ergebnis fatalerer Zustände. Ich muß immer darauf
Anhang 403
zurückkommen, daß es nur drei Pianisten gibt, die
eine ernste Beachtung verdienen, nämlich: Chopin,
der holdselige Tondichter, der aber leider auch diesen
Winter sehr krank und wenig sichtbar war; dann
Thalberg, der musikalische Gentleman, der am Ende
gar nicht nötig hätte, Klavier zu spielen, um überall
als eine schöne Erscheinung begrüßt zu werden,
und der sein Talent auch wirklich nur als eine Apa*
nage zu betrachten scheint; und dann unser Liszt,
der trotz aller Verkehrtheiten und verletzenden Ecken
dennoch unser teurer Liszt bleibt, und in diesem
Augenblick wieder die schöne Welt von Paris in
Aufregung gesetzt. Ja, er ist hier, der große Agi-
tator, unser Franz Liszt, der irrende Ritter aller
möglichen Orden, <mit Ausnahme der französischen
Ehrenlegion, die Ludwig Philipp keinem Virtuosen
geben will); er ist hier, der hohenzollenvhechingensche
Hofrat, der Doktor der Philosophie und Wunderdoktor
der Musik, der wieder auferstandene Rattenfänger von
Hameln, der neue Faust, dem immer ein Pudel in
der Gestalt Bellonis folgt, der geadelte und dennoch
edle Franz Liszt! Er ist hier, der moderne Amphion,
der mit den Tönen seines Saitenspiels beim Kölner
Dombau die Steine in Bewegung setzte, daß sie sich
zusammenfügten, wie einst die Mauern von Theben
Er ist hier, der moderne Homer, den Deutschland,
Ungarn und Frankreich, die drei größten Länder,
als Landeskind reklamieren, während der Sänger der
»Ilias« nur von sieben kleinen Provinzialstädten in
Anspruch genommen ward ! Er ist hier, der Attila,
die Geißel Gottes aller Erardschen Pianos, die schon
bei der Nachricht seines Kommens erzitterten und
die nun wieder unter seiner Hand zucken, bluten
und wimmern, daß die Tierquälergesellschaft sich
404 Lutezia
ihrer annehmen sollte! Er ist hier, das tolle, schöne,
häßliche, rätselhafte, fatale und mitunter sehr kin-
dische Kind seiner Zeit, der gigantische Zwerg, der
rasende Roland mit dem ungarischen Ehrensäbel,
der geniale Hans Narr, dessen Wahnsinn uns selber
den Sinn verwirrt, und dem wir in jedem Fall den
loyalen Dienst erweisen, daß wir die große Furore,
die er hier erregt, zur öffentlichen Kunde bringen.
Wir konstatieren unumwunden die Tatsache des Un-
geheuern Succes; wie wir diese Tatsache nach
unserm Privatbedünken ausdeuten und ob wir über-
haupt unsern Privatbeifall dem gefeierten Virtuosen
zollen oder versagen, mag demselben gewiß gleich-
gültig sein, da unsre Stimme nur die eines einzelnen
und unsre Autorität in der Tonkunst nicht von
sonderlicher Bedeutung ist.
Wenn ich früherhin von dem Schwindel hörte,
der in Deutschland und namentlich in Berlin aus-
brach, als sich Liszt dort zeigte, zuckte ich mit-
leidig die Achsel und dachte: das stille sabbatliche
Deutschland will die Gelegenheit nicht versäumen,
um sich ein bißchen erlaubte Bewegung zu machen,
es will die schlaftrunkenen Glieder ein wenig rütteln,
und meine Abderiten an der Spree kitzeln sich gern
in einen gegebenen Enthusiasmus hinein, und einer
deklamiert dem andern nach: »Amor, Beherrscher
der Menschen und der Götter!« Es ist ihnen, dacht'
ich, bei dem Spektakel um den Spektakel selbst zu
tun, um den Spektakel an sich, gleichviel wie dessen
Veranlassung heiße, Georg Herwegh, Franz Liszt
oder Fanny Elßler; wird Herwegh verboten, so
hält man sich an Liszt, der unverfänglich und un-
kompromittierend. So dachte ich, so erklärte ich
mir die Lisztomanie, und ich nahm sie für ein Merk-
Anhang ^Oj
mal des politisch unfreien Zustandes jenseits des
Rheines. Aber ich habe mich doch geirrt, und das
merkte ich vorige Woche im italienischen Opern^
haus, wo Liszt sein erstes Konzert gab und zwar
vor einer Versammlung, die man wohl die Blüte der
hiesigen Gesellschaft nennen konnte. Jedenfalls
waren es wachende Pariser, Menschen, die mit den
höchsten Erscheinungen der Gegenwart vertraut, die
mehr oder minder lange mitgelebt hatten das große
Drama der Zeit, darunter so viele Invaliden aller
Kunstgenüsse, die müdesten Männer der Tat, Frauen
die ebenfalls sehr müde, indem sie den ganzen
Winter hindurch die Polka getanzt, eine Unzahl
beschäftigter und blasierter Gemüter — das war
wahrlich kein deutsch-sentimentales, berlinisch an*
empfindelndes Publikum, vor welchem Liszt spielte,
ganz allein, oder vielmehr nur begleitet von seinem
Genius. Und dennoch, wie gewaltig, wie er-
schütternd wirkte schon seine bloße Erscheinung!
Wie ungestüm war der Beifall, der ihm entgegen-
klatschte! Auch Buketts wurden ihm zu Füßen
geworfen! Es war ein erhabener Anblick, wie der
Triumphator mit Seelenruhe die Blumensträuße auf
sich regnen ließ, und endlich, graziöse lächelnd, eine
rote Kamelia, die er aus einem solchen Bukett hervor*
zug, an seine Brust steckte. Und dieses tat er in
Gegenwart einiger jungen Soldaten, die eben aus
Afrika gekommen, wo sie keine Blumen, sondern
bleierne Kugeln auf sich regnen sahen und ihre
Brust mit den roten Kamelias des eignen Helden-
bluts geziert ward, ohne daß man hier oder dort da-
von besonders Notiz nahm. Sonderbar! dachte ich,
diese Pariser, die den Napoleon gesehen, der eine
Schlacht nach der andern liefern mußte, um ihre Auf-
406 Lutezia
mcrksamkeit zu fesseln, diese jubeln jetzt unserm Franz
Liszt! Und welcher Jubel! Eine wahre Verrückt-
heit, wie sie unerhört in den Annalen der Furore!
Was ist aber der Grund dieser Erscheinung? Die
Lösung der Frage gehört vielleicht eher in die Patho-
logie als in die Ästhetik. Ein Arzt, dessen Spezia-
lität weibliche Krankheiten sind, und den ich über
den Zauber befragte, den unser Liszt auf sein Publi-
kum ausübt, lächelte äußerst sonderbar und sprach
dabei allerlei von Magnetismus, Galvanismus, Elektri-
zität, von der Kontagion in einem schwülen, mit
unzähligen Wachskerzen und einigen hundert par-
furmierten und schwitzenden Menschen angefüllten
Saale, von Histrionalepilepsis , von dem Phänomen
des Kitzeins, von musikalischen Kanthariden und
andern skabrosen Dingen, welche, glaub ich, Bezug
haben auf die Mysterien der bona dea. Vielleicht
aber liegt die Lösung der Frage nicht so abenteuer-
lich tief, sondern auf einer sehr prosaischen Ober-
fläche. Es will mich manchmal bedünken, die ganze
Hexerei ließe sich dadurch erklären, daß niemand
auf dieser Welt seine Sukzesse, oder vielmehr die
mise en scene derselben so gut zu organisieren
weiß, wie unser Franz Liszt. In dieser Kunst ist
er ein Genie, ein Philadelphia, ein Bosco, ja ein
Meyerbeer. Die vornehmsten Personen dienen ihm
als Comperes, und seine Mietenthusiasten sind
musterhaft dressiert. Knallende Champagnerflaschen
und der Ruf von verschwenderischer Freigebigkeit,
ausposaunt durch die glaubwürdigsten Journale, lockt
Rekruten in jeder Stadt. Nichtsdestoweniger mag
es der Fall sein, daß unser Franz Liszt wirklich
von Natur sehr spendabel und frei wäre von Geld-
geiz, einem schäbigen Laster, das so vielen Vir-
Anhang 407
tuosen anklebt, namentlich den Italienern, und das
wir sogar bei dem flötensüßen Rubini finden, von
dessen Filz eine in jeder Beziehung sehr spaßhafte
Anekdote erzählt wird. Der berühmte Sänger hatte
nämlich in Verbindung mit Franz Liszt eine Kunst-
reise auf gemeinschaftliche Kosten unternommen,
und der Profit der Konzerte, die man in verschie-
denen Städten geben wollte, sollte geteilt werden.
Der große Pianist, der überall den Generalintendanten
seiner Berühmtheit, den schon erwähnten Signor
Belloni, mit sich herumführt, übertrug demselben bei
dieser Gelegenheit alles Geschäftliche. Als der
Signor Belloni aber nach beendigter Geschäftsführung
seine Rechnung eingab, bemerkte Rubini mit Ent-
setzen, daß unter den gemeinsamen Ausgaben auch
eine bedeutende Summe für Lorbeerkränze, Blumen-
buketts, Lobgedichte und sonstige Ovationskosten
angesetzt war. Der naive Sänger hatte sich ein-
gebildet, daß man ihm seiner schönen Stimme wegen
solche Beifallszeichen zugeschmissen, er geriet jetzt
in großen Zorn, und wollte durchaus nicht die Bu-
ketts bezahlen, worin sich vielleicht die kostbarsten
Kamelias befanden. War ich ein Musiker, dieser
Zwist böte mir das beste Sujet einer komischen Oper.
Aber ach! laßt uns die Huldigungen, welche die
berühmten Virtuosen einernten, nicht allzugenau
untersuchen. Ist doch der Tag ihrer eitlen Berühmt-
heit sehr kurz, und die Stunde schlägt bald, wo der
Titane der Tonkunst vielleicht zu einem Stadtmusi-
kus von sehr untergesetzter Statur zusammen-
schrumpft, der in seinem Kaffeehause den Stamm-
gästen erzählt und auf seine Ehre versichert, wie
man ihm einst Blumenbuketts mit den schönsten
Kamelias zugeschleudert, und wie sogar einmal zwei
^.o8 Lutezia
ungarische Gräfinnen, um sein Schnupftuch zu er-
haschen, sich selbst zur Erde geschmissen und blutig
gerauft haben! Die Eintagsreputation der Virtuo-
sen verdünstet und verhallt, öde, spurlos, wie der
Wind eines Kameles in der Wüste.
Der Übergang vom Löwen zum Kaninchen ist
etwas schroff. Dennoch darf ich hier jene zahmeren
Klavierspieler nicht unbeachtet lassen, die in der
diesjährigen Saison sich ausgezeichnet. Wir können
nicht alle große Propheten sein, und es muß auch
kleine Propheten geben, wovon zwölf auf ein Dutzend
gehen. Als den Größten unter den Kleinen nennen
wir hier Theodor Döhler. Sein Spiel ist nett, hübsch,
artig, empfindsam, und er hat eine ganz eigentüm-
liche Manier, mit der wagerecht ausgestreckten Hand
bloß durch die gebogenen Fingerspitzen die Tasten
anzuschlagen. Nach Döhler verdient Halle unter
den kleinen Propheten eine besondere Erwähnung;
er ist ein Habakuk von ebenso bescheidenem wie
wahrem Verdienst. Ich kann nicht umhin, hier auch
des Herrn Schad zu erwähnen, der unter den Klavier-
spielern vielleicht denselben Rang einnimmt, den wir
dem Jonas unter den Propheten einräumen; möge
ihn nie ein Walfisch verschlucken !
Als gewissenhafter Berichterstatter, der nicht bloß
von neuen Opern und Konzerten, sondern auch von
allen andern Katastrophen der musikalischen Welt
zu berichten hat, muß ich auch von den vielen Ver-
heiratungen reden, die darin zum Ausbruch gekom-
men, oder auszubrechen drohen. Ich rede von wirk-
lichen, lebenslänglichen, höchst anständigen Heiraten,
nicht von dem wilden Ehedilettantismus, der des
Maires mit der dreifarbigen Schärpe und des Segens
der Kirche entbehrt. Chacun sucht jetzt seine Cha-
Anhang 409
cune. Die Herrn Künstler tänzeln einher auf Freiers*
fußen und trällern Hymenäen. Die Violine ver-
schwägert sich mit der Flöte; die Hornmusik wird
nicht ausbleiben. Einer der drei berühmtesten Pia*
nisten vermählte sich unlängst mit der Tochter des
in jeder Hinsicht größten Bassisten der italienischen
Oper; die Dame ist schön, anmutig und geistreich.
Vor einigen Tagen erfuhren wir, daß noch ein an*
derer ausgezeichneter Pianist aus Warschau in den
heiligen Ehestand trete, daß auch er sich hinaus-
wage auf jenes hohe Meer, für welches noch kein
Kompaß erfunden worden. Immerhin, kühner Segler,
stoß ab vom Lande, und möge kein Sturm dein Ru*
der brechen! Jetzt heißt es sogar, daß der größte
Violinist, den Breslau nach Paris geschickt, sich hier
verheiratet, daß auch dieser Fiedelkundige seines
ruhigen Junggcsellentums überdrüssig geworden, und
das furchtbare, unbekannte Jenseits versuchen wolle.
Wir leben in einer heldenmütigen Periode. Dieser
Tage verlobte sich ein ebenfalls berühmter Virtuos.
Er hat wie Theseus eine schöne Ariadne gefunden,
die ihn durch das Labyrinth dieses Lebens leiten
wird; an einem Garnknäuel fehlt es ihr nicht, denn
sie ist eine Nähterin.
Die Violinisten sind in Amerika, und wir erhiel-
ten die ergötzlichsten Nachrichten über die Triumph-
züge von Ole Bull, dem Lafayette des Puffs, dem
Reklamenheld beider Welten. Der Entrepreneur seiner
Sukzesse ließ ihn zu Philadelphia arretieren, um ihn
zu zwingen, die in Rechnung gestellten Ovations-
kosten zu berichtigen. Der Gefeierte zahlte, und
man kann jetzt nicht mehr sagen, daß der blonde
Normanne, der geniale Geiger, seinen Ruhm jeman-
dem schuldig sei. Hier in Paris hörten wir unter-
xio Lutezia
dessen den Sivori; Porzia würde sagen: da ihn der
liebe Gott für einen Mann ausgibt, so will ich ihn
dafür nehmen. Ein andermal überwinde ich viel-
leicht mein Mißbehagen, um über dieses geigende
Brechpulver zu referieren. Alexander Batta hat auch
dieses Jahr ein schönes Konzert gegeben; er weint
noch immer auf dem großen Violoncello seine kleinen
Kindertränen. Bei dieser Gelegenheit könnte ich
auch Herrn Semmelman loben; er hat es nötig.
Ernst war hier. Der wollte aber aus Laune kein
Konzert geben; er gefällt sich darin, bloß bei Freun-
den zu spielen. Dieser Künstler wird hier geliebt
und geachtet. Er verdient es. Er ist der wahre
Nachfolger Paganinis, er erbte die bezaubernde Geige,
womit der Genueser die Steine, ja sogar die Klötze
zu rühren wußte. Paganini, der uns mit leisem
Bogenstrich jetzt zu den sonnigsten Höhen führte,
jetzt in grauenvolle Tiefen blicken ließ, besaß freilich
eine weit dämonischere Kraft; aber seine Schatten und
Lichter waren mitunter zu grell, die Kontraste zu
schneidend, und seine grandiosesten Naturlaute muß-
ten oft als künstlerische Mißgriffe betrachtet werden.
Ernst ist harmonischer, und die weichen Tinten sind
bei ihm vorherrschend. Dennoch hat er eine Vor-
liebe für das Phantastische, auch für das Barocke,
wo nicht gar für das Skurrile, und viele seiner Kom-
positionen erinnern mich immer an die Märchen-
komödien des Gozzi, an die abenteuerlichsten Masken-
spiele, an »venezianischen Karnevale. Das Musik-
stück, das unter diesem Namen bekannt ist, und
unverschämterweise von Sivori gekapert ward, ist
ein allerliebstes Capriccio von Ernst. Dieser Lieb-
haber des Phantastischen kann, wenn er will, auch
rein poetisch sein, und ich habe jüngst eine Noc-
Anhang 411
turne von ihm gehört, die wie aufgelöst war in
Schönheit. Man glaubte sich entrückt in eine ita-
lienische Mondnacht, mit stillen Zypressenalleen,
schimmernd weißen Statuen und träumerisch plät-
schernden Springbrunnen. Ernst hat, wie bekannt
ist, in Hannover seine Entlassung genommen, und
ist nicht mehr königlich hannoverscher Konzert-
meister. Das war auch kein passender Platz für
ihn. Er wäre weit eher geeignet, am Hofe irgend-
einer Feenkönigin, wie z. B. der Frau Morgane, die
Kammermusik zu leiten; hier fände er ein Audi-
torium, das ihn am besten verstünde, und darunter
manche hohe Herrschaften, die ebenso kunstsinnig
wie fabelhaft, z. B. den König Artus, Dietrich von
Bern, Ogier den Dänen u. a. Und welche Damen
würden ihm hier applaudieren! Die blonden Han-
noveranerinnen mögen gewiß hübsch sein, aber sie
sind doch nur Heidschnucken in Vergleichung mit
einer Fee Melior, mit der Dame Abonde, mit der
Königin Genoveva, der schönen Melusine und andern
berühmten Frauenspersonen, die sich am Hofe der
Königin Morgane in Avalun aufhalten. An diesem
Hofe <an keinem andern) hoffen wir einst dem vor-
trefflichen Künstler zu begegnen, denn auch uns hat
man dort eine vorteilhafte Anstellung versprochen.
Zweiter Bericht.
Paris, 1. Mai 1844^
Die Academie royale de Musique, die sogenannte
große Oper, befindet sich bekanntlich in der Rue
Lepelletier, ungefähr in der Mitte, der Restauration
von Paolo Broggi gerade gegenüber. Broggi ist der
4>2
Lutezia
Name eines Italieners, der einst der Koch von Ros*
sini war. Als letzterer voriges Jahr nach Paris kam,
besuchte er auch die Trattoria seines ehemaligen
Dieners, und nachdem er dort gespeist, blieb er vor
der Türe lange Zeit stehen, in tiefem Nachdenken
das große Operngebäude betrachtend. Eine Träne
trat in sein Auge, und als jemand ihn frug, weshalb
er so wehmütig bewegt erscheine, gab der große
Maestro zur Antwort: Paolo habe ihm sein Leib*
gericht, Ravioli mit Parmesankäse, zubereitet wie ehe*
mals, aber er sei nicht imstande gewesen, die Hälfte
der Portion zu verzehren, und auch diese drücke
ihn jetzt; er, der ehemals den Magen eines Straußes
besessen, könne heutzutage kaum so viel vertragen
wie eine verliebte Turteltaube.
Wir lassen dahingestellt sein, inwieweit der alte
Spottvogel seinen indiskreten Frager mystifiziert hat,
und begnügen uns heute, jedem Musikfreunde zu
raten, bei Broggi eine Portion Ravioli zu essen, und
nachher ebenfalls einen Augenblick vor der Türe
der Restauration verweilend das Haus der großen
Oper zu betrachten. Es zeichnet sich nicht aus
durch brillanten Luxus, es hat vielmehr das Äußere
eines sehr anständigen Pferdestalles, und das Dach
ist platt. Auf diesem Dach stehen acht große Sta-
tuen, welche Musen vorstellen. Eine neunte fehlt,
und ach! das ist eben die Muse der Musik. Über
die Abwesenheit dieser sehr achtungswerten Muse
sind die sonderbarsten Auslegungen im Schwange.
Prosaische Leute sagen, ein Sturmwind habe sie vom
Dache heruntergeworfen. Poetischere Gemüter be*
haupten dagegen, die arme Polyhymnia habe sich
selbst hinabgestürzt, in einem Anfall von Verzweif*
lung über das miserable Singen von Monsieur Du*
Anhang 413
prez. Das ist immer möglich; die zerbrochene
Glasstimme von Duprez ist so mißtönend geworden,
daß es kein Mensch, viel weniger eine Muse, aus*
halten kann, dergleichen anzuhören. Wenn das noch
länger dauert, werden auch die andern Töchter der
Mnemosyne sich vom Dach stürzen, und es wird bald
gefährlich sein, des Abends über die Rue Lepelletier
zu gehen. Von der schlechten Musik, die hier in
der großen Oper seit einiger Zeit grassiert, will ich
gar nicht reden. Donizetti ist in diesem Augenblick
noch der beste, der Achilles. Man kann sich also
leicht eine Vorstellung machen von den geringern
Heroen. Wie ich höre, hat auch jener Achilles sich
in sein Zelt zurückgezogen; er boudiert, Gott weiß
warum! und er ließ der Direktion melden, daß er
die versprochenen fünfundzwanzig Opern nicht liefern
werde, da er gesonnen sei, sich auszuruhen. Wel-
che Prahlerei! Wenn eine Windmühle dergleichen
sagte, würden wir nicht weniger lachen. Entweder
hat sie Wind und dreht sich, oder sie hat keinen
Wind und steht still. Hr. Donizetti hat aber hier
einen rührigen Vetter, Signor Accursi, der bestän-
dig für ihn Wind macht.
Der jüngste Kunstgenuß, den uns die Academic
de Musique gegeben, ist »DerLazzarone« vonHalevy.
Dieses Werk hat ein trauriges Schicksal gehabt; es
fiel durch mit Pauken und Trompeten. Über den
Wert enthalte ich mich jeder Äußerung; ich kon-
statiere bloß sein schreckliches Ende.
Jedesmal wenn in der Academie de Musique oder
bei den Buffos eine Oper durchfällt oder sonst ein
ausgezeichnetes Fiasko gemacht wird, bemerkt man
dort eine unheimliche hagere Figur mit blassem Ge-
sicht und kohlschwarzen Haaren, eine Art mann-
4H
Lutcria
licher Ahnfrau, deren Erscheinung immer ein musika-
lisches Unglück bedeutet. Die Italiener, sobald sie
derselben ansichtig, strecken hastig den Zeige- und
Mittelfinger aus und sagen, das sei der Jettatore.
Die leichtsinnigen Franzosen aber, die nicht einmal
einen Aberglauben haben, zucken bloß die Achsel
und nennen jene Gestalt Monsieur Spontini. Es ist
in der Tat unser ehemaliger Generaldirektor der
berliner großen Oper, der Komponist der »Vestalinc
und des »Ferdinand Cortez«, zweier Prachtwerke,
die noch lange fortblühen werden im Gedächtnisse
der Menschen, die man noch lange bewundern wird,
während der Verfasser selbst alle Bewunderung ein-
gebüßt und nur noch ein welkes Gespenst ist, das
neidisch umherspukt und sich ärgert über das Leben
der Lebendigen. Er kann sich nicht darüber trösten,
daß er längst tot ist und sein Herrscherstab über-
gegangen in die Hände Meyerbeers. Dieser, be-
hauptet der Verstorbene, habe ihn verdrängt aus
seinem Berlin, das er immer so sehr geliebt; und wer
aus Mitleid für ehemalige Größe die Geduld hat,
ihn anzuhören, kann haarklein erfahren, wie er schon
unzählige Aktenstücke gesammelt, um die Meyer-
beerschen Verschwörungsintrigen zu enthüllen.
Die fixe Idee des armen Mannes ist und bleibt
Meyerbeer, und man erzählt die ergötzlichsten Ge-
schichten, wie die Animosität sich immer durch eine
zu große Beimischung von Eitelkeit unschädlich er-
weist. Klagt irgendein Schriftsteller über Meyerbeer,
daß dieser z. B. die Gedichte die er ihm schon seit
Jahren zugeschickt, noch immer nicht komponiert
habe, dann ergreift Spontini hastig die Hand des
verletzten Poeten, und ruft: »J'ai votre affaire, ich
weiß das Mittel, wie Sie sich an Meyerbeer rächen
Anhang 415
können, es ist ein untrügliches Mittel, und es be-
steht darin, daß Sie über mich einen großen Artikel
schreiben, und je höher Sie meine Verdienste -wür-
digen, desto mehr ärgert sich Meyerbeer.« Ein
andermal ist ein französischer Minister ungehalten
über den Verfasser der »Hugenotten«, der trotz der
Urbanität, womit man ihn hier behandelt hat, den-
noch in Berlin eine servile Hofcharge übernommen,
und unser Spontini springt freudig an den Minister
hinan und ruft: »J'ai votre affaire, Sie können den
Undankbaren aufs härteste bestrafen, Sie können ihm
einen Dolchstich versetzen, und zwar indem Sie
mich zum Großoffizier der Ehrenlegion ernennen.«
Jüngst findet Spontini den armen Leon Pillet, den
unglücklichen Direktor der großen Oper, in der
wütendsten Aufregung gegen Meyerbeer, der ihm
durch Mr. Gouin anzeigen ließ, daß er wegen des
schlechten Singpersonals den »Propheten« noch nicht
geben wolle. Wie funkelten da die Augen des
Italieners! »J'ai votre affaire«, rief er entzückt, »ich
will Ihnen einen göttlichen Rat geben, wie Sie den
Ehrgeizling zu Tode demütigen: lassen Sie mich in
Lebensgröße meißeln, setzen Sie meine Statue ins
Foyer der Oper, und dieser Marmorblock wird dem
Meyerbeer wie ein Alp das Herz zerdrücken.« Der
Gemütszustand Spontinis beginnt nachgerade seine
Angehörigen, namentlich die Familie des reichen
Pianofabrikanten Erard, womit er durch seine Gattin
verschwägert, in große Besorgnisse zu versetzen.
Jüngst fand ihn jemand in den obern Sälen des
Louvre, wo die ägyptischen Antiquitäten aufge-
stellt. Der Ritter Spontini stand wie eine Bildsäule
mit verschlungenen Armen fast eine Stunde lang
vor einer großen Mumie, deren prächtige Goldlarve
a\6 Lutezia
einen König ankündigt, der kein geringerer sein soll,
als jener Amenophes, unter dessen Regierung die
Kinder Israel das Land Ägypten verlassen haben.
Aber Spontini brach am Ende sein Schweigen, und
sprach folgendermaßen zu seiner erlauchten Mit»
mumie: »Unseliger Pharao! du bist an meinem Un-
glück schuld. Ließest du die Kinder Israel nicht
aus dem Lande Ägypten fortziehen, oder hättest du
sie sämtlich im Nil ersäufen lassen, so wäre ich
nicht durch Meyerbeer und Mendelssohn aus Berlin
verdrängt worden, und ich dirigierte dort noch immer
die große Oper und die Hofkonzerte. Unseliger
Pharao, schwacher Krokodilenkönig, durch deine
halben Maßregeln geschah es, daß ich jetzt ein zu-
grunde gerichteter Mann bin — und Moses und
Halevy und Mendelssohn und Meyerbeer haben ge-
siegt!« Solche Reden hält der unglückliche Mann,
und wir können ihm unser Mitleid nicht ver-
sagen.
Was Meyerbeer betrifft, so wird, wie oben an-
gedeutet, sein »Prophet« noch lange Zeit ausbleiben.
Er selbst aber wird nicht, wie die Zeitungen jüngst
meldeten, für immer in Berlin seinen Aufenthalt
nehmen. Er wird wie bisher abwechselnd die eine
Hälfte des Jahres hier in Paris und die andere in
Berlin zubringen, wozu er sich förmlich verpflichtet
hat. Seine Lage erinnert so ziemlich an Proserpina,
nur daß der arme Maestro hier wie dort seine Hölle
und seine Höllenqual findet. Wir erwarten ihn noch
diesen Sommer hier, in der schönen Unterwelt, wo
schon einige Schock musikalischer Teufel und Teufe-
linnen seiner harren, um ihm die Ohren voll zu heulen.
Von morgens bis abends muß er Sänger und Sänge-
rinnen anhören, die hier debütieren wollen, und in
Anhang 417
seinen Freistunden beschäftigen ihn die Albums reU
sender Engländerinnen.
An Debütanten war diesen Winter in der großen
Oper kein Mangel. Ein deutscher Landsmann de*
bütierte als Marcel in den »Hugenotten«. Er war
vielleicht in Deutschland nur ein Grobian mit einer
brummigen Bierstimme, und glaubte deshalb in Paris
als Bassist auftreten zu können. Der Kerl schrie
wie ein Waldesel. Auch eine Dame, die ich im
Verdacht habe, eine Deutsche zu sein, produzierte
sich auf den Brettern der Rue Lepelletier. Sie soll
außerordentlich tugendhaft sein, und singt sehr falsch.
Man behauptet, nicht bloß der Gesang, sondern alles
an ihr, die Haare, zwei Drittel ihrer Zähne, die
Hüften, der Hinterteil, alles sei falsch, nur ihr Atem
sei echt; die frivolen Franzosen werden dadurch ge-
zwungen sein, sich ehrfurchtsvoll entfernt von ihr
zu halten. Unsre Primadonna, Madame Stolz, wird
sich nicht länger behaupten können; der Boden ist
unterminiert, und obgleich, ihr als Weib alle Ge-
schlechtslist zu Gebote steht, wird sie doch am
Ende von dem großen Giacomo Machiavelli über-
wunden, der die Viardot-Garcia an ihrer Stelle
engagiert sehen möchte, um die Hauptrolle in seinem
»Propheten« zu singen. Madame Stolz sieht ihr
Schicksal voraus, sie ahnt, daß selbst die Affenliebe,
die ihr der Direktor der Oper widmet, ihr nichts
helfen kann, wenn der große Meister der Tonkunst
seine Künste spielen läßt; und sie hat beschlossen,
freiwillig Paris zu verlassen, nie wieder zurück*
zukehren und in fremden Landen ihr Leben zu be-
schließen. »Ingrata patria«, sagte sie jüngst, »ne ossa
quidem mea habebis.« In der Tat, seit einiger Zeit
besteht sie wirklich nur noch aus Haut und Knochen.
IX, z7
418 Lutezia
Bei den Italienern, in der Opera buflfa, gab es
vorigen Winter ebenso brillante Fiaskos wie in der
großen Oper. Auch über die Sänger wurde dort
viel geklagt, mit dem Unterschied, daß die Italiener
manchmal nicht singen wollten und die armen fran-
zösischen Sangeshelden nicht singen konnten. Nur
das kostbare Nachtigallenpaar, Signor Mario und
Signora Grisi, waren immer pünktlich auf ihrem
Posten in der Salle Ventadour, und trillerten uns
dort den blühendsten Frühling vor, während draußen
Schnee und Wind, und Fortepianokonzerte, und
Deputiertenkammerdebatten, und Polkawahnsinn. Ja,
das sind holdselige Nachtigallen, und die italienische
Oper ist der ewig blühende singende Wald, wohin
ich oft flüchte, wenn winterlicher Trübsinn mich um-
nebelt, oder der Lebensfrost unerträglich wird. Dort,
im süßen Winkel einer etwas verdeckten Loge, wird
man wieder angenehm erwärmt, und man verblutet
wenigstens nicht in der Kälte. Der melodische
Zauber verwandelt dort in Poesie, was eben noch
täppische Wirklichkeit war, der Schmerz verliert
sich in Blumenarabesken, und bald lacht wieder das
Herz. Welche Wonne, wenn Mario singt, und in
den Augen der Grisi die Töne des geliebten Sprossers
sich gleichsam abspiegeln wie ein sichtbares Echo!
Welche Lust, wenn die Grisi singt und in ihrer
Stimme der zärtliche Blick und das beglückte Lächeln
des Mario melodisch widerhallt! Es ist ein lieb-
liches Paar, und der persische Dichter, der die Nach-
tigall die Rose unter den Vögeln und die Rose
wieder die Nachtigall unter den Blumen genannt hat,
würde hier erst recht in ein Imbroglio geraten, denn
jene beiden, Mario und Grisi, sind nicht bloß durch
Gesang, sondern auch durch Schönheit ausgezeichnet.
Anhang 419
Ungern, trotz jenem reizenden Paar, vermissen
wir hier bei den Buffos Pauline Viardot, oder, wie
wir sie lieber nennen, die Garcia. Sie ist nicht er-
setzt, und niemand kann sie ersetzen. Diese ist
keine Nachtigall, die bloß ein Gattungstalent hat
und das Frühlingsgenre vortrefflich schluchzt und
trillert; — sie ist auch keine Rose, denn sie ist häß-
lich, aber von einer Art Häßlichkeit, die edel, ich
möchte fast sagen schön ist, und die den großen
Löwenmaler Lacroix manchmal bis zur Begeisterung
entzückte! In der Tat, die Garcia mahnt weniger
an die zivilisierte Schönheit und zahme Grazie
unsrer europäischen Heimat, als vielmehr an die
schauerliche Pracht einer exotischen Wildnis, und
in manchen Momenten ihres passionierten Vortrags,
zumal wenn sie den großen Mund mit den blendend
weißen Zähnen überweit öffnet, und so grausam
süß und anmutig fletschend lächelt: dann wird einem
zumute, als müßten jetzt auch die ungeheuerlichsten
Vegetationen und Tiergattungen Hindostans oder
Afrikas zum Vorschein kommen; — man meint,
jetzt müßten auch Riesenpalmen, umrankt von tausend-
blumigen Lianen, emporschießen; — und man würde
sich nicht wundern, wenn plötzlich ein Leoparde,
oder eine Giraffe, oder sogar ein Rudel Elefanten-
kälber über die Szene liefen. Wir hören mit großem
Vergnügen, daß diese Sängerin wieder auf dem
Wege nach Paris ist.
Während die Academie de Musique aufs jammer-
vollste darniederlag, und die Italiener sich ebenfalls
betrübsam hinschleppten, erhob sich die dritte lyrische
Szene, die Opera comique, zu ihrer fröhlichsten Höhe.
Hier überflügelte ein Erfolg den andern, und die
Kasse hatte immer einen guten Klang. Ja, es wurde
42°
Lutezia
noch mehr Geld als Lorbeeren eingeerntet, was ge-
wiß für die Direktion kein Unglück gewesen. Die
Texte der neuen Opern, die sie gab, waren immer
von Scribe, dem Manne, der einst das große Wort
aussprach: »Das Gold ist eine Chimäre!« und der
dennoch dieser Chimäre beständig nachläuft. Er ist
der Mann des Geldes, des klingenden Realismus,
der sich nie versteigt in die Romantik einer unfrucht-
baren Wolkenwelt, und sich festklammert an der
irdischen Wirklichkeit der Vernunftheirat, des in*
dustriellen Bürgertums und der Tantieme. Einen
ungeheuren Beifall findet Scribes neue Oper, »Die
Sirene«, wozu Auber die Musik geschrieben. Autor
und Komponist passen ganz füreinander: sie haben
den raffiniertesten Sinn für das Interessante, sie
wissen uns angenehm zu unterhalten, sie ent-
zücken und blenden uns sogar durch die glänzenden
Facetten ihres Esprits, sie besitzen ein gewisses
Filigrantalent der Verknüpfung allerliebster Kleinig-
keiten, und man vergißt bei ihnen, daß es eine
Poesie gibt. Sie sind eine Art Kunstloretten, welche
alle Gespenstergeschichten der Vergangenheit aus
unsrer Erinnerung fortlächeln, und mit ihrem ko*
ketten Getändel wie mit Pfauenfächern die sum-
senden Zukunftgedanken, die unsichtbaren Mücken,
von uns abwedeln. Zu dieser harmlos buhleri-
schen Gattung gehört auch Adam, der mit sei-
nem »Cagliostro« ebenfalls in der Opera comique
sehr leichtfertige Lorbeeren eingeerntet. Adam ist
eine liebenswürdige erfreuliche Erscheinung, und
ein Talent, welches noch großer Entwicklung fähig
ist. Eine rühmliche Erwähnung verdient auch
Thomas, dessen Operette »Mina« viel Glück ge-
macht.
Anhang j.21
Alle diese Triumphe übertraf jedoch die Vogue des
»Deserteurs«, einer alten Oper von Monsigny, welche
die Opera comique aus den Kartons der Vergessen«
heit hervorzog. Hier ist echt französische Musik,
die heiterste Grazie, eine harmlose Süße, eine Frische
wie der Duft von Waldblumen, Naturwahrheit, so«
gar Poesie. Ja, letztere fehlt nicht, aber es ist eine
Poesie ohne Schauer der Unendlichkeit, ohne ge«
heimnisvollen Zauber, ohne Wehmut, ohne Ironie,
ohne Morbidezza, ich möchte fast sagen, eine ele-
gant bäurische Poesie der Gesundheit. Die Oper
von Monsigny mahnte mich unmittelbar an seinen
Zeitgenossen, den Maler Greuze: ich sah hier wie
leibhaftig die ländlichen Szenen, die dieser gemalt,
und ich glaubte gleichsam die Musikstücke zu ver-
nehmen, die dazu gehörten. Bei der Anhörung
jener Oper ward es mir ganz deutlich, wie die bil-
denden und die rezitierenden Künste derselben Periode
immer einen und denselben Geist atmen, und ihre
Meisterwerke die intimste Wahlverwandtschaft beur-
kunden.
Ich kann diesen Bericht nicht schließen, ohne zu
bemerken, daß die musikalische Saison noch nicht
zu Ende ist und dieses Jahr gegen alle Gewohnheit
bis in den Mai fortklingt. Die bedeutendsten Bälle
und Konzerte werden in diesem Augenblick gegeben,
und die Polka wetteifert noch mit dem Piano. Ohren
und Füße sind müde, aber können sich doch noch
nicht zur Ruhe begeben. Der Lenz, der sich dies-
mal so früh eingestellt, macht Fiasko, man bemerkt
kaum das grüne Laub und die Sonnenlichter. Die
Arzte, vielleicht ganz besonders die Irrenärzte,
werden bald viel Beschäftigung gewinnen. In diesem
bunten Taumel, in dieser Genußwut, in diesem
A22 Lutczia
singenden, springenden Strudel lauert Tod und
Wahnsinn. Die Hämmer der Pianoforte wirken
fürchterlich auf unsre Nerven, und die große Dreh-
krankheit, die Polka, gibt uns den Gnadenstoß.
Spätere Notiz.
Den vorstehenden Mitteilungen füge ich aus
melancholischer Grille die folgenden Blätter hinzu,
die dem Sommer 1847 angehören, und meine letzte
musikalische Berichterstattung bilden. Für mich hat
alle Musik seitdem aufgehört, und ich ahnte nicht,
als ich das Leidensbild Donizettis krayonnierte,
daß eine ähnliche und weit schmerzlichere Heim-
suchung mir nahete. Die kurze Kunstnotiz laute
wie folgt:
Seit Gustav Adolf, glorreichen Andenkens, hat
keine schwedische Reputation so viel Lärm in der
Welt gemacht, wie Jenny Lind. Die Nachrichten,
die uns darüber aus England zukommen, grenzen
ans Unglaubliche. In den Zeitungen klingen nur
Posaunenstöße, Fanfaren des Triumphes; wir hören
nur Pindarsche Lobgesänge. Ein Freund erzählte
mir von einer englischen Stadt, wo alle Glocken
geläutet wurden, als die schwedische Nachtigall dort
ihren Einzug hielt; der dortige Bischof feierte dieses
Ereignis durch eine merkwürdige Predigt. In seinem
anglikanischen Episkopalkostüme, welches derLeichen-
bittertracht eines Chefs des Pompes funebres nicht
unähnlich, bestieg er die Kanzel der Hauptkirche,
und begrüßte die Neuangekommene als einen Hei-
land in Weibskleidern, als eine Frau Erlöserin, die
vom Himmel herabgestiegen, um unsre Seelen durch
Anhang 423
ihren Gesang von der Sünde zu befreien, während
die andern Cantatricen ebenso viele Teufelinnen
seien, die uns hineintrillern in den Rachen des
Satanas. Die Italienerinnen Grisi und Persiani
müssen vor Neid und Ärger jetzt gelb werden wie
Kanarienvögel, während unsre Jenny, die schwedische
Nachtigall, von einem Triumph zum andern flattert.
Ich sage unsre Jenny, denn im Grunde repräsentiert
die schwedische Nachtigall nicht exklusive das kleine
Schweden, sondern sie repräsentiert die ganze ger-
manische Stammesgenossenschaft, die der Cimbern
ebensosehr wie die der Teutonen, sie ist auch eine
Deutsche, ebensogut wie ihre naturwüchsigen und
pflanzenschläfrigen Schwestern an der Elbe und am
Neckar, sie gehört Deutschland, wie, der Versiche-
rung des Franz Hörn gemäß, auch Shakspeare uns
angehört, und wie gleicherweise Spinoza, seinem
innersten Wesen nach, nur ein Deutscher sein kann
— und mit Stolz nennen wir Jenny Lind die Unsre!
Juble, Uckermark, auch du hast teil an diesem Ruhme !
Springe, Maßmann, deine vaterländisch freudigsten
Sprünge, denn unsre Jenny spricht kein römisches
Rotwelsch, sondern gotisch, skandinavisch, das deut-
scheste Deutsch, und du kannst sie als Landmännin
begrüßen; nur mußt du dich waschen, ehe du ihr
deine deutsche Hand reichst. Ja, Jenny Lind ist eine
Deutsche, schon der Name Lind mahnt an Linden,
die grünen Muhmen der deutschen Eichen, sie hat
keine schwarzen Haare wie die welschen Primadonnen,
in ihren blauen Augen schwimmt nordisches Gemüt
und Mondschein, und in ihrer Kehle tönt die reinste
Jungfräulichkeit! Das ist es. »Maidenhood is in her
voice« — das sagten alle old spinsters von London,
alle prüden Ladies und frommen Gentlemen sprachen
4H
Lutezia
es augenverdrehend nach, die noch lebende mauvaise
queue von Richardson stimmte ein, und ganz Groß-
britannien feierte in Jenny Lind das singende Magd-
tum, die gesungene Jungferschaft. Wir wollen es ge-
stehen, dieses ist der Schlüssel der unbegreiflichen,
rätselhaft großen Begeisterung, die Jenny in England
gefunden und, unter uns gesagt, auch gut auszubeuten
weiß. Sie singe nur, hieß es, um das weltliche
Singen recht bald wieder aufgeben zu können, und ver-
sehen mit der nötigen Aussteuersumme einen jungen
protestantischen Geistlichen, den Pastor Swenske, zu
heiraten, der unterdessen ihrer harre daheim in seinem
idyllischen Pfarrhaus hinter Upsala, links um die
Ecke. Seitdem freilich will verlauten, als ob der
junge Pastor Swenske nur ein Mythos und der wirk-
liche Verlobte der hohen Jungfrau ein alter abge-
standener Komödiant der Stockholmer Bühne sei —
aber das ist gewiß Verleumdung. Der Keuschheits-
sinn dieser Prima Donna immaculata offenbart sich
am schönsten in ihrem Abscheu vor Paris, dem
modernen Sodom, den sie bei jeder Gelegenheit aus-
spricht, zur höchsten Erbauung aller Dames patro-
nesses der Sittlichkeit jenseits des Kanals. Jenny
hat aufs bestimmteste gelobt, nie auf den Laster-
brettern der Rue Lepelletier ihre singende Jungfer-
schaft dem französischen Publiko preiszugeben; sie
hat alle Anträge, welche ihr Herr Leon Pillet durch
seine Kunstruffiani machen ließ, streng abgelehnt.
»Diese rauhe Tugend macht mich stutzen« — würde
der aJte Paulet sagen. Ist etwa die Volkssage ge-
gründet, daß die heutige Nachtigall in frühern Jahren
schon einmal in Paris gewesen und im hiesigen sünd-
haften Conservatoire Musikunterricht genossen habe,
wie andre Singvögel, welche seitdem sehr lockere Zei-
Anhang 425
sige geworden sind? Oder fürchtet Jenny jene frivole
Pariser Kritik, die bei einer Sängerin nicht die Sitten,
sondern nur die Stimme kritisiert, und Mangel an
Schule für das größte Laster hält? Dem sei wie
ihm wolle, unsre Jenny kommt nicht hierher und
wird die Franzosen nicht aus ihrem Sündenpfuhl
heraussingen. Sie bleiben verfallen der ewigen Ver-
dammnis.
Hier in der Pariser musikalischen Welt ist alles
beim alten; in der Academie royale de Musique ist
noch immer grauer, feuchtkalter Winter, während
draußen Maisonne und Veilchenduft. Im Vestibül
steht noch immer wehmütig trauernd die Bildsäule
des götdichen Rossini; er schweigt. Es macht Herrn
Leon Pillet Ehre, daß er diesem wahren Genius
schon bei Lebzeiten eine Statue gesetzt. Nichts ist
possierlicher, als die Grimasse zu sehen, womit Scheel-
sucht und Neid sie betrachten. Wenn Signor Spontini
dort vorbeigeht, stößt er sich jedesmal an diesem Steine.
Da ist unser großer Maestro Meyerbeer viel klüger,
und wenn er des Abends in die Oper ging, wußte
er jenem Marmor des Anstoßes immer vorsichtig
auszuweichen, er suchte sogar den Anblick desselben
zu vermeiden; in derselben Weise pflegen die Juden
zu Rom, selbst auf ihren eiligsten Geschäftsgängen,
immer einen großen Umweg zu machen, um nicht
jenem fatalen Triumphbogen des Titus vorbeizu-
kommen, der zum Gedächtnis des Untergangs von
Jerusalem errichtet worden. Über Donizettis Zustand
werden die Berichte täglich trauriger. Während seine
Melodien freudegaukelnd die Welt erheitern, wäh-
rend man ihn überall singt und trillert, sitzt er selbst,
ein entsetzliches Bild des Blödsinns, in einem Kranken-
hause bei Paris. Nur für seine Toilette hatte er
426 Lutczia
vor einiger Zeit noch ein kindisches Bewußtsein be-
wahrt, und man mußte ihn täglich sorgfältig anziehen,
in vollständiger Gala, der Frack geschmückt mit
allen seinen Orden; so saß er bewegungslos, den
Hut in der Hand, vom frühesten Morgen bis zum
späten Abend. Aber das hat auch aufgehört, er
erkennt niemand mehr; das ist Menschenschicksal.
Kleinere Schriften
aus den Jahren 1840 bis 1844
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung.
Paris, 4. Februar <i84o).
Die Opposition in ihrer beschränkten Weise be-
hauptet noch immer: die Ernennung Guizots als
Gesandter in London sei dem Könige ganz genehm,
und er habe sich nur scheinbar zum Rückruf Seba-
stianis, seines alten Konspirationsvertrauten, zwingen
lassen. In Wahrheit aber ist diese Ernennung ganz
gegen den allerhöchsten Willen des Königs durch-
gesetzt worden, sein Unmut gegen Guizot bricht
ohne Rücksicht hervor, und er wird demselben gewiß
auf seinem neuen Posten allerlei geheimen Schaber-
nack spielen. — Für Guizots politische Bedeutung
ist dieser Eintritt in die diplomatische Karriere sehr
wichtig. Entweder er verfängt sich zu London in
unsichtbaren Netzen und wird lächerlich durch ein
sichtbares Zappeln, oder er gibt Proben von staats-
männischen Talenten und erreicht auch in dieser
Beziehung das Ansehen Thiers'. Herr Guizot ver-
dient vielleicht jetzt seinen diplomatischen Sporn und
wird bei seiner Rückkehr von London um so ritter-
licher mit Thiers und Louis Philipp in die Schranken
treten können. Zwischen diesen drei Männern wird
späterhin der Kampf um die wirkliche Präsidenten-
herrschaft des Konseils ausgestritten werden müssen.
Bis jetzt usurpiert der König noch immer diese Stelle
und verwaltet sie durch Kommis, welche sich ver-
antwortliche Minister nennen. In meinem nächsten
Briefe werde ich hierauf zurückkommen. — Die Heu-
rat des Herzogs von Nemours beschäftigt noch immer
den Hof und die Stadt (alter Stil!), zumeist aber
den Hof, diesen großen Polypen, der mit tausend
Rüsseln am Budget sich festsaugt, unbekümmert um
430
Kleincrc Schriften
Cormenin, welcher schon im Dunkeln sein Messer
wetzt. Dieser Pamphletist, der es der königlichen
Familie nicht verzeihen kann, daß er ihr nichts zu
verdanken hat, erregt im Schöße derselben weit
größere Schmerzen, als er vielleicht selber ahnt. Der
König will die Pension des Herzogs von Nemours
nicht mehr zahlen und zwar aus dem einfachen
Grunde, weil er sie nicht mehr zahlen kann. Die
Zivilliste ist schrecklich verschuldet; wie mir gestern
ein Bankier versichert, vielleicht über zwanzig Mil-
lionen verschuldet. Der König hat wenig Geld, und
es ist für ihn ein doppeltes Mißgeschick, daß das
große Publikum das Gegenteil glaubt und über seine
große Geldgier murrt, während die haute finance bei
welcher er borgen möchte, das betrübte Geheimnis
sehr gut kennt. Dieser Geldverlegenheit verdankt
Rothschild die größten Aufmerksamkeiten bei Hofe;
einige hundert Jahre früher hätte ihm der König von
Frankreich ganz einfach die Zähne ausreißen lassen,
um ihn zu einer Anleihe zu bewegen. Aber die
naiven Sitten des Mittelalters sind untergegangen im
Strom der Revolution, und Herr Rothschild, Baron
und Ritter des Isabellenordens, kann jetzt ruhig in
den Tuilerien umherspazieren und dem geldbedräng-
ten Könige die Zähne zeigen, ohne auch nur einen
Stummel zu riskieren. — Der König hat kein Geld,
und sein Kredit ist in diesem Augenblick nicht glän-
zend. Er beabsichtigt eine Anleihe zu negozieren
und wird darauf hingewiesen, als Garantie die Güter
seiner Schwester zu verpfänden. Mademoiselle Ade-
laide, trotz ihrer großen Zärtlichkeit für den teuren
Bruder, will sich noch nicht diesem Opfer fügen. —
Die Schulden des Königs sind übrigens von der
ehrenhaftesten Art; sie entspringen zumeist aus sei-
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung 431
ner Leidenschaft für Bauten und Kunstwerke. Das
ist seine fürstliche Eigenschaft und erinnert an den
großen Ahnherrn, der ihm Versailles hinterlassen hat,
um sich ebenfalls daran zu ruinieren. Man hat
keinen Begriff davon, welche Summen die historische
Galerie bereits verschlungen hat. — Unter diesen
Umständen findet der König bei der Heurat des
Herzogs von Nemours eine willkommene Gelegen*
heit, um für denselben eine Dotation zu verlangen
und die 20000 Francs, die er dem Prinzen monat-
lich gibt, nicht mehr zu zahlen. Der König wird
seinem erlauchten Sohne jetzt nur noch Obdach und
Atzung liefern und ihn für das übrige auf seine
Dotation verweisen. Der Herzog ist keineswegs,
wie man vermeinen sollte, mit diesen väterlichen
Beschlüssen sehr unzufrieden, er findet sie vielmehr
ganz vernünftig; denn der Herzog von Nemours ist
sehr sparsam, sehr haushälterisch. Das ist eine Eigen-
schaft, die er schon im voraus von seinem könig-
lichen Vater geerbt hat, und dieser überläßt ihm den
vollen Genuß derselben. — Da ein Prinz, welcher
sich verheuratet, auch ein Haus machen muß, so
klopfen schon eine Menge Bittsteller an dessen Pfor-
ten <figürlicher Ausdruck, da ja ein noch unerbautes
Haus auch noch keine Pforten hat!), und da ver-
langt der eine die Stelle eines Administrators, der
andre die eines Kassierers, ein dritter die eines Biblio-
thekars. Die zwei ersten Plätze sind bereits besetzt,
und sobald die Kammer dem Prinzen das verlangte
Geld bewilligt, wird der Kassierer es in Empfang
nehmen und der Administrator es ausgeben. — Ich
habe heute noch keine Zeitungen gelesen und weiß
nicht, wie weit die Dotationsverhandlungen gediehen
sind. Aber so viel weiß ich, daß der König die
432
Kleinere Schriften
Geldangelegenheiten seiner Kinder immer mit hero-
ischer Unermüdlichkeit betreiben wird. Die Minister
setzt diese väterliche Liebe in große Verlegenheit;
nur der Marschall Soult unterstützt sie mit unbe-
dingtem Eifer. Die Hartnäckigkeit des Königs in
Geldsachen versteht auch niemand besser zu wür-
digen als jener greise Held, der einst öffentlich er-
klärte, daß er jeden Sou seines Traitements bis zu
seinem letzten Blutstropfen verteidigen werde. — Die
Heurat des Herzogs von Nemours veranlaßte vor
etwa acht Tagen eine außerordentliche Rezeption
bei Hofe, wo die Vertrauten ihre mehr oder minder
wohlgemeinten Glückwünsche in üblicher Weise dar-
brachten. Es befanden sich dort über sechzig Damen,
die meisten überreif und alt, ein aschgrau welker
Blumenflor, woraus kaum zwei bis drei jugendliche
Gesichter hervorlächelten. Unter diesen war eine
blonde Schöne, die an dem Herzen Sr. königl. Ho-
heit des Herzogs von Orleans vor dessen Heurat
sehr stark gerüttelt hatte und später das Herz des
Nemours ebenfalls in Bewegung setzte, aber bei dieser
Gelegenheit ihre eigne Ruhe verlor, die Bedauerns-
würdige! Auf ihrem Gesichte, das mich immer an
die blühenden und heiteren Frauenbilder ihres Lands-
mannes Rubens erinnerte, lag diesmal eine wehmütige
Blässe. - Auch ihre Lippen, die sie beständig mit dem
artigen Zünglein befeuchtete, entbehrten das frische
Kolorit, das sonst wie reife Kirschen auf genäschige
Königskinder wirkte. Wer in ihren Augen lesen
konnte, fand darin weit schlimmere Philippika, als
jemals der bitterste Volkstribun gegen Fürsten und
Fürstenlaune ausgesprochen. — Vorige Woche ver-
ließ uns Heinrich Laube, welcher mit seiner Gattin,
einer sehr gebildeten und geistreichen Dame, diesen
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung ^
Sommer hierher kam, den größten Teil der franzö-
sischen Provinzen bereiste, auch einen kurzen Ab*
Stecher nach Afrika unternommen hatte und seit
einigen Monaten wieder nach Paris zurückgekehrt
war. Hier beschäftigte er sich vorzüglich mit histo-
rischen Untersuchungen, wozu ihm die Archive ihre
bedeutenden Materialien eröffneten. Der ausgezeichnet
kritische Sinn des Mannes und sein offenes Auge
für alle Erscheinungen des wirklichen Lebens, Stu-
dium und Anschauung, werden gewiß ein kostbares
Buch zutage fördern. Von Laubes deutscher Lite-
raturgeschichte sind erst zwei Bände hier angekom-
men, und ein Gesamturteil über diese Arbeit ist noch
nicht zulässig. Wenn die Ausführung den Anfängen
und der ganzen Anlage entspricht, so erhält das
Publikum hier ein Werk, das bis jetzt in unserer
Literatur fehlte und einem großen Bedürfnisse abhilft.
Bouterweks deutsche Literaturgeschichte ist veraltet
und reicht nicht bis auf die neueste Periode, deren
erste Erscheinungen nur polemisch angedeutet wur-
den; und doch wäre dieses Buch als das einzige zu
nennen, wo eine gründliche, tatsächliche Belehrung
für das große Publikum geliefert wird. Andere Ver-
suche umfassen nicht das Ganze der Literatur, oder
sind nur ein Konvolut räsonierender Artikel, litera-
rischer Rhapsodien, trockner Notizen, oder verfallen
gar ins Gebiet der Chrestomathie. Rosenkranz, der
geistreichste und tiefsinnigste Literaturhistoriker un-
serer Zeit, hat zwar über deutsche Literatur Vor-
treffliches geschrieben, aber nicht im Zusammenhang
aller Epochen; er widmete dem Mittelalter ein eigenes
Werk, und von der spätem deutschen Schriftwelt
hat er in seinem größeren Literaturbuche nur den
poetischen Teil und auch diesen nur in allzukurzen
ix, »»
a-iä Kleinere Schriften
Umrissen behandelt. Laubes Werk wird daher ein
Buch sein, wie eben die große Menge dessen be-
darf, nämlich eine ausführliche Darlegung des ganzen
deutschen Literaturbestands, von den ältesten Zeiten
bis auf heutigen Tag, belehrend wie ein Handbuch
durch Treue und Gründlichkeit und unterhaltend wie
ein Kunstwerk durch harmonischen Reiz der schönen
Rede. Talent und Charakter haben sich hier ver-
einigt, und ihre Verbindung liefert das erfreulichste
Resultat. Laube ist nämlich nicht bloß ausgezeichnet
durch ästhetische Begabnisse, durch Macht der Dar-
stellung, durch Phantasie und Scharfsinn, sondern
auch durch die Biederkeit, die Ehrlichkeit, die Lauter-
keit seines ganzen Wesens: seine Zunge ist der ge-
wissenhafte Dolmetsch seines redlich deutschen Her-
zens. — Daß die Wahrheit auch geistreich sein
könne, davon gibt uns Laube einen erquickenden
Beweis. Und ach! wir bedurften eines solchen Trostes
in einer Zeit, wo die geistreiche Lüge sich ausspreizt
in ihrem brillantesten Dünkel.
Paris, 20. November (1840).
Die Dienstbarkeit liegt in der Natur des Menschen.
Laßt uns nicht darüber rechten, welche Gattung des
Dienens die edlere sei: der Germane, welcher einer
Person diente, ist ebenso achtenswert wie der Römer,
welcher dem Boden diente, und die Untertanstreue
des einen, ebenso wie die Vaterlandsliebe des andren
steht nicht niedriger als der Dienst, welchen man
einer übersinnlichen Idee widmet, z. B. der Gottes-
dienst der Hebräer. Sogar unsre radikalsten Eman-
zipatoren können sich nicht von der angeborenen
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung 43c
Dienstbarkeit losmachen, sie dienen der Begier des
abzuschüttelnden Joches, der entfesselten Ungeduld,
und Robespierre rief einst: »Ich bin ein Knecht der
Freiheit!« — Heutzutage gibt es in der Gesinde»
stube der Freiheit wenig treue Knechte, aber desto
mehr glänzende Dienerschaft: Heiducken von aus»
gezeichnet körperlicher Größe, kleine naseweise
Jockeien, windige Läufer, grobselige Kutscher, Leib-
jäger usw. Diese Leute dünken sich zu gut oder
sind vielleicht zu schlecht, um einer Person dienen
zu können, und sie vermieten sich bei einer Idee
aus Müßiggang, für Taglohn, wo nicht gar, um bei
Gelegenheit zu stehlen oder für ein gutes Trinkgeld
die Hausinteressen zu verraten. Wüßte ich nicht,
daß die herrschende Idee unserer Tage — und ich
will sie bei ihrem Namen nennen: die Demokratie —
im Boden Frankreichs tiefer wurzelt als jede andre
Herrschaft, so würde ich ihre Zukunft sehr gefährdet
glauben; denn ich erblicke in ihrer Nähe gar zwei»
deutige Gesichter, ich sehe, wie eine Menge Lakaien
des alten Regimes sich in ihre Livree vermummen,
und unter dem Tressenhut ihres Haushofmeisters
bemerke ich die Tonsur. — Daß die Idee der Demo»
kratie in Frankreich herrschend ist, unterliegt keinem
Zweifel. Der ungeheure Absatz, den die demokra»
tischen Broschüren finden, ist der sicherste Beweis.
Täglich werden dergleichen von der Regierung kon»
fisziert. Die wichtigsten in der letzten Zeit waren
die Broschüren von Louis Blanc und Lamennais.
Von ersterem habe ich bereits in diesen Blättern
gesprochen: es ist das gescheuteste Köpfchen seiner
Kirtei und das bravste Herz. Über des Abbe
Lamennais glänzendes Talent brauche ich nicht erst
zu berichten. Ich zweifle nicht, daß er es ehrlich
436 Kleinere Schriften
meint, nämlich mit der katholischen Religion, die er
mit der Demokratie verbünden will: denn er glaubt,
daß letzterer die Weltherrschaft anheimfalle. Die
römische Kurie hat den großen Priester nicht ver-
standen; die Härte, womit sie seinen wohlgemeinten
Eifer ablehnte, ist jedenfalls tadeis wert. Armer
Lamennais! Ich begreife seinen Kummer ob der
Schonungslosigkeit, womit die Seinigen ihn behandelt,
ihn, den Kämpfer des Glaubens, der zum Heil des
Glaubens sein eignes Heil aufs Spiel setzte, mit
der Ketzerei fraternisierte und sich der ewigen Ver-
dammnis preisgab! Daß er, der römisch-katholische
Lamennais, sich am Ende von Rom lossagen mußte,
war gewiß der größte Schmerz seines Lebens, und
er muß daran verbluten. Wenn nicht gar ob dieser
heroischen Selbstaufopfrung die Kraft der Reue ihn
später erfaßt! Schon jetzt kann er des Nachts nicht
mehr schlafen: er sieht lauter kleine Teufel mit Licht-
chen, die um sein Lager herumtänzeln und hüpfen;
er sieht, wie die Bettgardinen Feuer fangen und die
Höllengluten über ihn zusammenschlagen; zitternd
und zähneklappernd verkriecht er sich unter der
Decke, bis der Spuk vorüber ist; hernach weint er
bitterlich. Sein Verstand kann ihn nicht schützen
vor den Schrecknissen seines eingewurzelten Kind-
heitsglaubens; so erzählen seine Freunde. Die Feinde,
wie immer geschieht, geben der Stärke seines Geistes
ein besseres Zeugnis. Vor einigen Tagen konfis-
zierte man »l'Evangile du Peuplec, ebenfalls eine
demokratische Broschüre, worin die radikalste Frei-
heits- und Gleichheitslehre aus der Bibel deduziert
und der göttliche Bergprediger als ein Montagnard
von 1793 dargestellt wird. Der Verfasser, namens
Esquiros, ist ein guter Mensch von etwas weiblicher
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung a-tj
Natur, schwärmerisch sanft wie eine Predigerstochter
im Mondschein, dabei aber auch beseelt von werktätiger
Frömmigkeit gleich einer barmherzigen Schwester.
Diese praktische Gemütlichkeit offenbart er aufs
liebenswürdigste in einer anderen Schrift, die er
jüngst herausgab, betitelt »Les vierges folles«. Unter
dem Namen »törichte Jungfrauen« bespricht er eine
Klasse Weibsbilder, die zwar hinlänglich töricht, aber
von zweifelhafter Jungfräulichkeit sind; ein delikates,
jedoch sehr wichtiges Thema, das früher oder später
in Frankreich mit Entschiedenheit diskutiert werden
muß. — Die »Revue democratique«, die ebenfalls
vor einigen Tagen konfisziert worden, gehört zu den
wildesten Produkten des Radikalismus und gewährt
eine Lektüre, wobei jedem, der einen Kopf hat, die
Haare zu Berge steigen. Sie ist zunächst gegen das
Eigentum gerichtet und bespricht im grellsten Tone
die letzten Konsequenzen der herrschenden Idee.
Hier sehen wir nicht die geputzten Kammerdiener
dieser Idee, sondern die Stallknechte, in schäbiger
Lederjacke, mit Striegel und Heubündeln und riechend
nach Mist. Besonders unheimlich ward mir, als
ich sah, daß auch hier der religiöse Fanatismus mit
dem politischen Brüderschaft trank. In besagter
»Revue democratique« fand ich — denken Sie sich!
»— die extravagantesten Auslegungen der Apokalypse.
Der Titel dieses Aufsatzes lautet: »Le cataclysme,
prochain accomplissement des Proph&ies de Jean
l'Evangeliste, apötre du Peuple par Jesus.« Als Probe
des Unsinns zitiere ich Ihnen folgende Stellen und
zwar im französischen Original; denn das Merk-
würdigste ist eben, daß solche Dinge jetzt auf fran-
zösich geschrieben werden — in deutscher Sprache
klingt dergleichen nicht so befremdlich. Hören Sie:
aj% Kleinere Schriften
In den Kapiteln VIII— XVI der Apokalypse findet
der Verfasser: »Septieme sceau, ou revolution fran»
caise. Les sept periodes de cette revolution ou les
sept anges avec les sept coupes ampres et les sept
trompettes. Les annees 1789, 92, 95, 99 et 1804
sont les sept premieres coupes, versees au son des
cinq> premieres trompettes. En 92, tombe du ciel
l'etoile absinte, Rope-apsinthos ou Robespierre; en
1804 vole l'aigle de la guerre«. In den Kapiteln IX
bis XVI findet der Verfasser: »Armes imperiales
francaises, commandees par Apoleon, l'extermina-
teur, ou Napoleon. Coalition des rois contre la
France. Bataille des nations dans les plaines d'Ar*
magdon ou l'Allemagne. La sixieme coupe ou trom*
pette est le signal des malheurs de 1812 a 1814«.
Lachen Sie nicht über die heutigen Jakobiner; ihre
Tollheit ist weit entsetzlicher wie die ihrer Väter,
auch furchtbarer. Wenn der Pere Duchene auch
noch so bougrement patriotique zürnte, war sein Zorn
doch noch lange nicht so gefährlich wie jene Mischung
von irdischem und himmlischem Wahnsinn, von Sans-
culottismus und Apokalypse, den die »Revue demo-
cratiquec bietet. Mich graut vor der Möglichkeit
eines Umsturzes der Dinge in Frankreich. In einem
heutigen comite du salut public wurden Männer
sitzen, die weit schrecklicher als Robespierre, als
der bittere Rope-apsinthos. Dieser war doch
am Ende nur ein weltlicher Zungendrescher, ein
Advokat. Aber denkt euch einen Torquemada, be*
kleidet mit der dreifarbigen Schärpe und dem Feder-
hut eines Repräsentant du peuple! — »Ich will euch
zeigen, was ein Priester istc, sagte einst der Abbe
de Lamennais, und ich kann diese Worte nimmer-
mehr vergessen. Sie sind wichtiger als alles, was
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung 439
gestern in der Pairskammer gesprochen ward, wo
nicht gar als die Rede des Herrn Guizot. Wie sehr
über letztere alle Gemüter in Aufruhr sind, wird
Ihnen die Tagespresse zur Genüge berichten. Ich
enthalte mich überhaupt aller Besprechung der
Kammerdebatten, die Ihrer eignen Beurteilung ge-
druckt vorliegen. Wie ich vorausgesagt, sie be-
gannen mit der Untersuchung, ob Frankreich von
England beleidigt worden. Herr Guizot sagt: Nein.
Ich möchte ihn fragen: Wie viel Ohrfeigen gehören
denn zu einer Injurie? Die Debatten über die Adresse
werden in der Deputiertenkammer bis zur äußersten
Heftigkeit steigen. Die nationale Partei, welche an
die Stelle der gestürzten parlamentarischen Partei
auftaucht, wird eine furchtbare Antrittsrede halten. —
Thomas Reynolds.
Paris, im November <i84i>.
»Waverley« von Walter Scott ist männiglich be-
kannt, und während dieser Roman die rohe Menge
durch stoffartiges Interesse unterhält, entzückt er
den gebildetem Leser durch die Behandlung, durch
eine Form, welche an Einfachheit unvergleichbar
ist und dennoch den größten Reichtum von Entfal-
tungen darbietet. An diese unübertreffliche, ergie-
bige Form erinnerte uns das Buch, das unserer heu-
tigen Besprechung vorliegt und von den hier lebenden
Landsleuten des Verfassers so verschiedenartig be-
urteilt wird. Es ist voriges Jahr zugleich in London
bei Longman und hier in Paris in der englischen
Buchhandlung der Rue neuve St. Augustin erschienen
44Q
Kleinere Schriften
und führt den Titel : »The life of Thomas Reynolds,
Esq., by his son Thomas Reynolds«. Sonderbar !
die oberwähnte Form, welche Scott dem feinsten
Kalkül seines künstlerischen Talents verdankte, findet
sich auch in diesem Buche, aber als ein Produkt
der Natur, als ein ganz unmittelbares Ergebnis des
Stoffes. Letzterer ist hier, ganz wie in dem Scott»
sehen Roman , eine verunglückte Empörung, und
wie bei dem Schilderheben der schottischen Hoch-
fänder sehen wir auch hier in dem irischen Auf*
stand einen etwas schwachmütigen Helden, der fast
passiv von den Ereignissen hin und her geschleudert
wird; nur daß der große Dichter seinem Waverley
durch die liebenswürdigsten Ausschmückungen die
Sympathie der Lesewelt aufs reichlichste zuwandte,
was leider der Biograph des Thomas Reynolds für
diesen nicht tun konnte, eben weil er keinen Roman,
sondern eine wahre Geschichte schrieb. Ja, er be-
schrieb das Leben seines Helden mit einer so uner-
quicksamen Wahrheitsliebe, er berichtete die pein-
lichsten Tatsachen in einer so grellen Nacktheit,
daß den Leser dabei manchmal eine fast schauer-
liche Mißstimmung anwandelt. Es ist der Sohn,
welcher hier das treue Bild seines Vaters zeichnet,
aber selbst die unschönen Züge desselben so sehr
liebt, daß er sie durch keine erlogene Zutat ideali-
sieren und somit dem ganzen Porträt seine teure
Ähnlichkeit rauben will. Er besitzt eine so hohe
Meinung von dem Charakter seines Vaters, daß
er es verschmäht selbst die unrühmlichsten Hand-
lungen einigermaßen zu verblümen; diese sind für
ihn nur betrübsame Konsequenzen einer falschen
Position, nicht des Willens. Es herrscht ein schreck-
licher Stolz in diesem Buche, nichts soll verheim-
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung. 441
licht, nichts soll bemäntelt werden ; aber die Umstände,
die seinen Vater in die verhängnisvollste Lage hin*
eintrieben, die Motive seines Tuns und Lassens,
die Verleumdungen des Parteigrolls will der Sohn
beleuchten; und nach solcher Beleuchtung kann man
in der Tat nicht mehr ein hartes Verdammnisurteil
fällen über den Mann, welcher der revolutionären
Sippschaft in Irland gegenüber eine gar gehässige
Rolle spielte, aber jedenfalls, wir müssen es gestehen,
seinem Vaterland einen großen Dienst leistete : denn
die Häupter der Verschwörung hatten nichts Ge-
ringeres im Sinne, als mit Hilfe einer französischen
Invasion Irland ganz loszureißen von dem großbritan-
nischen Staatsverbande, der zwar damals, in den
neunziger Jahren, wie noch jetzt, sehr drückend und
jammervoll auf dem irländischen Volk lastete, ihm
aber einst die unberechenbarsten Vorteile bieten wird,
sobald die kleinen mittelalterlichen Zwiste geschlichtet
und Irland, Schottland und England auch geistig zu
einem organischen Ganzen verschmolzen sein wer-
den. Ohne solche Verschmelzung würden die Ir-
länder eine sehr klägliche Rolle spielen in dem
nächsten europäischen Völkerturnier; denn in allen
Ländern, nach dem Beispiel Frankreichs, suchen die
nachbarlichen und sprachverwandten Stämme sich
zu vereinigen. Es bilden sich große kompakte
Staatenmassen, und wenn einst diese kolossalen Käm-
pen miteinander in die Schranken treten, streitend
um die Welthegemonie, dann wird der beste Patriot
in Dublin keinen Augenblick daran zweifeln, daß
Thomas Reynolds seinem Lande einen großen Dienst
leistete, als er die Plane der Verschwörung, die
Irland von England trennen wollten, verriet und
mit seinem Zeugnis gegen sie auftrat. Zu dieser
442
Kleinere Schriften
Stunde aber ist solche tolerante Beurteilung noch
unmöglich in dem grünen Erin, wo die zwei feind-
lichen Parteien, die protestantisch britische und die
katholisch nationale , noch immer so grimmig und
trotzig sich gegenüberstehen wie in den neunziger
Jahren, ja wie seit Wilhelm von Oranien, der den
sogenannten Orange -Men seinen Namen hinter-
ließ und von den Gegnern noch heute unerbittlich
gehaßt wird; während erstere bei ihren Festmahlen
dem Andenken König Wilhelms die freudigsten
Toaste bringen, trinken letztere auf die Gesundheit
der stätigen Stute, durch welche König Wilhelm den
Hals brach.
Müssen wir aber auf die Zukunft verweisen, um
das, was Thomas Reynolds tat, notdürftig zu be-
schönigen, müssen wir, um sein Tun zu entschul-
digen, unsere wärmsten Gefühle zurückdrängen, so
können wir doch schon jetzt und mit freiem Herzen
den schlimmsten Anklagen widersprechen, und wir
sind davon überzeugt, daß die Motive seiner Tat
keineswegs so häßlich waren wie seine Feinde
glaubten, daß er zwar die Verschwörung aufdeckte,
keineswegs aber an den Personen der Verschwörer
einen Verrat übte, am allerwenigsten an der Person
des vortrefflichen Lord Edward Fitzgerald, wie Tho-
mas Moore in der Biographie desselben unredlicher-
weise behauptete. Der Sohn hat bis zur Augen-
scheinlichkeit bewiesen, daß kein Geldvorteil seinen
Vater veranlaßt haben konnte, die Partei der Regie-
rung zu ergreifen, die im Gegenteil wenig für ihn
tat und ihn für die Verluste nur kärglich entschä-
digte. In dieser Beziehung schirmt ihn auch das
Zeugnis der vornehmsten Staatsmänner Englands,
namentlich des Earl of Chichester, des Marquis
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung 443
Cambden und des Lord Castlereagh, welche damals
an der Spitze der irischen Regierung standen. Diese
rühmen ihn wegen seiner Uneigennützigkeit, erklären
sein Betragen für ehrenwert, versichern ihn ihrer
Hochachtung — und wie wenig ich auch diese
britischen Tories liebe, so zweifle ich doch nicht an
ihrem Wort, denn ich weiß, sie sind viel zu hoch*
mutig, als daß sie für einen bezahlten Verräter
öffentlich lügen würden. Sie verachten alle Men-
schen, und doppelt verachten sie diejenigen, denen
sie Geld gegeben, und gegen solche sind sie noch
wortkarger. Aber nicht bloß die Höchstgestellten,
sondern auch viele Landsleute geringeren Ranges
sprachen Thomas Reynolds unbedingt frei von der
Beschuldigung, als habe Gewinnsucht ihn geleitet.
Die Kaufmannsgilde von Dublin erließ an ihn eine
Adresse, welche voll ehrender Anerkennung und
mit den Schmähungen seiner Feinde einen fast ko-
mischen Gegensatz bildet.
Wie Reynolds der Sohn durch die genauesten
Details und die sinnreichsten Schlußfolgen bis zur
Evidenz bewiesen, daß sein Vater nicht aus Eigen-
nutz die Verschwörung verriet, so beweist er eben-
falls bis zur Evidenz, daß er keineswegs an der
Person der Verschwörer irgendeinen argen Verrat
übte, und daß er, weit entfernt die Gefangennahme
des Lord Fitzgerald veranlaßt zu haben, im Gegen-
teil für die Rettung desselben die größte Sorge an
den Tag legte und ihn auch mit Geld aufs redlichste
unterstützte. Die Lebensbeschreibung Fitzgeralds,
die wir der buntfarbigen Feder des Thomas Moore
verdanken, scheint mehr Dichtung als Wahrheit zu
enthalten, und mit Recht muß der Poet den Un-
willen eines Sohnes ertragen, der die Verunglimpfung
v Kleinere Schriften
seines Vaters mit den schärfsten Stachelreden züch-
tigt. Thomas Little <wie man Thomas Moore ob
seiner winzigen Gestalt zu nennen pflegt) bekommt
hier sehr nachdrücklich die Rute, und es ist nicht
zu verwundern, daß das Männchen, das auf die
ganze Londoner Presse den größten Einfluß übt,
alle seine Mittel in Bewegung setzte, um das Rey-
noldssche Werk in der öffentlichen Meinung herab-
zuwürdigen. Sein Held Fitzgerald wird zwar hier
von allem romantischen Nimbus entkleidet, aber er
erscheint deshalb nicht minder heroisch, besonders
bei seiner Gefangennahme, und ich will die darauf
bezügliche Stelle hier mitteilen.
»Die folgende Erzählung von der Gefangennahme
des Lord Edward Fitzgerald erhielt mein Vater von
dem Hrn. Sirr und dem Hrn. Swann; ersterer
ist noch am Leben und kann berichtigen wo ich
etwa irre. Es war am 18. Mai, als Hr. Edward
Cooke, damaliger Unterstaatssekretär, den Hrn.
Charles Sirr, Bürgermeister <town-mayor>, einen
wackern, tätigen und verständigen Beamten, zu sich
rufen ließ und ihm den Auftrag gab, den andern
Tag zwischen 5 und 6 Uhr abends nach dem Hause
eines gewissen Nicolas Murphy zu gehen, welcher
Feder* und Bauholzhändler in Thomasstreet; dort
fände er den Lord Edward Fitzgerald, den er arre-
tieren solle laut dem Verhaftbefehl, den er ihm ein-
händigte. Hr. Sirr traf schon denselben Abend
hierzu die notwendigen Anstalten und den nächsten
Morgen besprach er sich über seinen Auftrag mit
dem Hrn. Swann und einem gewissen Hrn. Ryan,
zwei Magistratspersonen, denen er das höchste Ver-
trauen schenkte und deren Mithülfe er in Anspruch
nahm. Hr. Ryan war damals Herausgeber einer
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung 445
Zeitung, worin einige sehr schmähsüchtige Ausfälle
gegen Lord Edward abgedruckt worden, welche
letztern mit großem Haß gegen Hrn. Ryan erfüllten.
Hr. Sirr besorgte 9 Mann von der Londonderry-
Miliz, sämtlich wohluniformiert. Hr. Stirling, jetzt
Konsul zu Genua, und Dr. Bankhead, beide Offiziere
jenes Regiments, begleiteten sie, ebenfalls in Uniform.
Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß Lord Ed-
ward erst in der Nacht am 18. Mai nach dem Hause
des Murphy ging, und der Staatssekretär, noch ehe
er hinging, von seiner Absicht dorthin zu gehen
so sicher unterrichtet war, daß er schon des Nach*
mittags dem Hrn. Sirr die Instruktion und den Ver-
haftsbefehl geben konnte, also acht bis zehn Stunden
vor Lord Edwards Ankunft.
Die HH. Sirr, Swann und Ryan nebst ihren
Genossen begaben sich in zwei Mietkutschen nach
dem Hause des Murphy; Hr. Sirr sorgte auch da-
für, daß eine starke Kompagnie Militär, gleichzeitig
aus der Kaserne abmarschierend, unmittelbar nach
der Ankunft der Kutschen vor dem Hause des
Murphy anlangen konnte, um ihn und seine Leute
gegen den Pöbel zu schützen, der sich in jenem
Viertel von Dublin sehr leicht zu einem bedeutenden
Auflauf versammelt. Sobald er ankam, wußte Hr.
Sirr seine neun Mann so aufzustellen, daß sie alle
Eingänge besetzten, sowohl Seiten- als Hintertüren.
Während er diese Vorrichtung traf, eilten Hr.
Swann und Hr. Ryan die Treppe hinauf, da im
Erdgeschoß nur Komptoirstuben und Warenlager be-
findlich. Im ersten Gemach sahen sie niemand, aber
den Speisesaal schien man eben verlassen zu haben,
da sich auf der Tafel noch Überbleibsel von Dessert
und Weinen befanden. Sie erreichten hastig das
a,a6 Kleinere Schriften
zweite Gemach, ohne jedoch irgendeines Menschen
ansichtig zu werden; sie öffneten dort die Tür eines
Schlafzimmers, welche weder verschlossen noch ver-
riegelt war: in diesem Zimmer endlich stand Murphy
am Fenster der Straße zu, ein Papier in der Hand
haltend, welches er eben zu lesen schien, und auf
dem Bett lag Lord Edward Fitzgerald halb ent-
kleidet. Auf einem Stuhle neben dem Bette lag ein
Kästchen mit Taschenpistolen; Hr. Swann eilte gleich
darauf zu und, sich zwischen den Stuhl und das Bett
drängend, rief er: ,Lord Edward Fitzgerald, Ihr seid
mein Gefangener, denn wir kommen mit starkem Ge-
leit und jeder Widerstand ist nutzlos !' Lord Edward
sprang empor, und mit einem zweischneidigen Dolch,
welchen er irgend neben sich verborgen gehalten,
stach er nach der Brust des Hrn. Swann; dieser
wollte mit der Hand den Stich abwehren und sie
ward durchstochen am Knöchel des Zeigefingers
dergestalt, daß die Hand im buchstäblichen Sinn einen
Augenblick an seiner Brust festgeheftet blieb. Der
Dolch drang nämlich in eine Seite seiner Brust und
die Rippen hindurch kam er hinten am Schulterblatt
wieder zum Vorschein. Hr. Ryan stürzte jetzt herbei,
feuerte ein Pistol auf Lord Edward ab, und schoß
fehl. Lord Edward, welcher ihn kannte, rief: ,Ryan,
du Elender!' <,Ryan, you villain!') und indem er
den Dolch, dessen Griff er noch immer in Händen
hielt, aus Hrn. Swanns Brust herausriß, stach er
damit Hrn. Ryan in die Herzgrube und, die Waffe
wieder zurückziehend, schlitzte er ihm mit der Schneide
den Bauch auf bis am Nabel. Die HH. Swann
und Ryan hatten beide Lord Edward um den Leib
gefaßt, und da derselbe noch unverwundet, suchte
er durch die Türe zu entkommen, wo Hr. Ryan
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung 447
ihn endlich losließ, indem er mit den heraushängen*
den Gedärmen zu Boden stürzte, aber Hr. Swann
hielt ihn noch fest. Im Vorzimmer neben der Tür
war eine Leiter, welche nach dem Söller führte und
einen Ausgang nach dem Dache bot. Diese Vor*
kehrung war getroffen, um im Fall der Not die
Flucht zu fördern, und auf diesem Wege wollte
I>ord Edward entfliehen; jedoch Hr. Swann, wel-
cher sich mit seinem ganzen Gewicht an ihm fest-
hing, hinderte ihn die Leiter zu ersteigen, und um
sich von dieser Last zu befreien, erhub er eben
seinen Arm und wollte ihn mit dem Dolche, den
er noch in Händen, aufs neue durchstoßen. Alles
dies ereignete sich in weniger als einer Minute.
Mittlerweile aber war das Militär aus der Kaserne
angelangt, und nachdem Hr. Sirr dasselbe gehörig
postiert, eilte er ins Haus und die Treppe hinauf,
wo er schießen hörte, und mit einem Pistol in der Hand
erreichte er das Zimmer eben in dem Augenblick,
wo Lord Edward seinen Arm erhoben, um Hrn.
Swann den Gnadenstoß zu geben; er schoß also
ohne sich lange zu bedenken und traf Lord Ed-
ward am Arm, nahe bei der Schulter. Der Arm
sank ihm machtlos, und Lord Edward war ge-
fangen.
Es bietet sich hier die ganz natürliche Frage:
was tat unterdessen Murphy, der Hauswirt, ein
Mann in der Blüte seines Alters und seiner Kraft,
und dessen Schutz sich Lord Edward anvertraut
hatte? Er blieb ein schweigender Zuschauer des
ganzen Auftritts, obgleich jedem einleuchten muß,
daß er durch die geringste Hülfleistung seinen Gast
von Hrn. Swann befreien und seine Flucht über
das Dach ganz leicht bewirken konnte. Das Fenster,
ja$ Kleinere Schriften
wo Murphy stand, ging nach der Straße, es war
keine 30 Fuß vom Boden entfernt, und die Kutschen
konnten bis 14 Fuß der Mauer des Hauses sich nahen.
Es ist unbegreiflich, daß zwei Mietkutschen mit vier-
zehn Menschen solchermaßen haltend seine Aufmerk-
samkeit nicht erregten. Es ist auch unbegreiflich, daß
in dem Hause, welches solchen Gast beherbergte, Tür
und Tor von oben bis unten unverschlossen und un-
bewacht geblieben und keine Seele sich dort befand
außer dem Eigentümer. Der geringste Wink konnte
die Flucht sichern, ehe Hr. Swann die Treppe er-
stiegen, ebenso die geringste Hülfleistung, nachdem
schon der Angriff stattfand. Vielleicht war alles dies
Zufall. Ich berichte bloß die Begebenheiten, wie sie
meinem Vater erzählt worden von den HH. Sirr und
Swann; erstem sprach er schon den andern Morgen,
den 20., letztern erst nach seiner Genesung. Murphy
ward verhaftet, aber nicht verhört. Nachdem Lord
Edwards Wunde verbunden, ward er sorgfältig fort-
gebracht; aber da die Kugel oben in die Brust
gedrungen und der Brand erfolgte, starb er am 4. Ju-
nius. Hrn. Ryans Wunde ließ keinen Augenblick
seine Erhaltung hoffen; der Tod erfolgte nach einigen
Tagen.«
Wie über Fitzgerald, enthält das vorliegende Buch
auch die interessantesten Mitteilungen über Theo-
bald Wolfe Tone, der in der irischen Verschwörung
gleichfalls eine bedeutende Rolle spielte und ein eben-
so unglückliches Ende nahm. Er war ein edler
Mensch, durchglüht vom Feuer der Freiheitsliebe,
und agierte einige Zeit als bevollmächtigter Gesandte
der Verschworenen bei den französischen Republi-
kanern. Sein Tagebuch, welches sein Sohn heraus-
gegeben, enthält merkwürdige Notizen über seinen
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung 449
Aufenthalt zu Paris während der Sturm* und Drang-
periode der französischen Revolution. Nach Irland
kehrte er zurück mit der Expedition, die das Direkt
torium etwas zu spät dorthin unternahm. Die Er*
Zählung von dieser Expedition, wie sie im vor*
liegenden Buch umständlich zu lesen, ist höchst
bedeutungsvoll und zeigt welchen schwachen Wider-
stand eine Landung in England finden würde, wenn
sie besser organisiert wäre als damals. Man glaubt
der Schauplatz sei China, wenn man liest, wie
einige hundert Franzosen, kommandiert von General
Humbert, mit Übermut das ganze Land durchstreichen
und Tausende von Engländern zu Paaren treiben.
Ich kann der Versuchung nicht widerstehen folgende
Stelle mitzuteilen:
»Als der Marquis v. Cornwallis am 24. August
die Nachricht erhielt von der Landung der Fran-
zosen, gab er dem Generalleutnant Lake Befehl, sich
nach Galway zu begeben, um das Kommando der
sich in Connaught versammelnden Truppen zu über-
nehmen. Dieser General begab sich nun mit den
Truppen, die er zusammenbringen konnte, nach Cast-
lebar, wo er am 26. anlangte und den Generalmajor
Hutchinson fand, der dort am Vorabend eingetroffen.
Die solchermaßen zu Castlebar versammelten Trup-
pen bestanden aus 4000 Mann regulärer Soldaten,
Yeomen und Landmiliz, begleitet von einem starken
Park Artillerie. Der General Humbert <welcher die
Franzosen kommandierte) verließ Ballina den 26. mit
800 Mann und zwei Feldschlangen, aber statt der
gewöhnlichen Heerstraße durch Foxford, wo der
General Taylor mit einem starken Korps stationierte,
schlug er den Bergweg ein bei Barnageehy, wo nur
ein geringer Posten aufgestellt war, und um 7 Uhr
IX, ig
450
Kleinere Schriften
morgens den 27. gelangte er bis auf zwei Meilen in
die Nähe von Castlebar und fand dort vor der Stadt
die königlich englischen Truppen postiert in der vor-
teilhaftesten Position. Alles war vereinigt, was diesen
letztern einen leichten Sieg zu versprechen schien.
Sie waren in großer Anzahl, 3 bis 4000 Mann, wohl-
versorgt mit Artillerie und Munition; sie waren frisch
und wohlerquickt, während der Feind nur aus 800
Mann bestand, nur zwei Feldschlangen besaß und
durch einen mühsamen und höchst beschwerlichen
Bergmarsch von etwa 24 Stunden ganz ermüdet und
abgemattet war. Die königliche Artillerie, vortreff-
lich dirigiert durch Kapitän Shortall, tat im Anfang
den Franzosen sehr viel Schaden und hielt sie einige
Zeit zurück; aber diese, als sie sahen, daß sie nicht
lange widerstehen könnten, wenn sie dem wohlge-
leiteten Kanonenfeuer der Engländer zu viel Fronte
böten, teilten sich in kleine Kolonnen und drangen
mit so ungestümem Mut vorwärts, daß in wenigen
Minuten die königlichen Truppen zurückwichen und,
ergriffen von panischem Schrecken, nach allen Rich-
tungen Reißaus nahmen; in äußerster Verwirrung
flohen sie durch die Stadt und nahmen den Weg
nach Tuam, einem Ort, der 30 Meilen von Castle-
bar entfernt liegt. Aber auch hier, wo sie in der
Nacht anlangten, glaubten sie sich noch nicht hin-
länglich geborgen, sie verweilten nur so lange, als
notwendig war um einige Erfrischungen zu sich zu
nehmen, und setzten ihre schmähliche Flucht fort
nach Athlone, welches 33 Meilen weiter liegt und
wo der Vortrab am Dienstag den 29. um 1 Uhr
anlangte. So groß war ihr Schrecken, daß sie
36 Meilen weit in 27 Stunden gelaufen ! Der Verlust
der königlichen Armee bestand in 53 Toten, 35 Ver-
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung ac\
wundeten und 279 Gefangenen. Sie verlor gleichfalls
zehn Stücke schweren Geschützes und vier Feld*
schlangen. Wieviel die Franzosen verloren, ist nicht
bekannt. Die französischen Truppen zogen ein in
Castlebar, wo sie ungestört bis zum 4. Sept. blieben.«
Da aber die erwarteten Hilfstruppen nicht anlang*
ten und überhaupt die ganze Expedition nach einem
schlechten Plan eingeleitet worden, mußte sie am
Ende erfolglos scheitern. Wolf Tone, welcher bei
dieser Gelegenheit den Engländern in die Hände fiel,
ward vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Strang
verurteilt. Der arme Schelm, er fürchtete den Tod
nicht, auf dem Greveplatz zu Paris hatte er genug
Hinrichtungen mit angesehen, aber er war nur an
Guillotiniertwerden gewöhnt und hegte eine unüber-
windliche Antipathie gegen das hängende Verfahren.
Vergebens bat er, daß man ihn wenigstens erschießen
möge, welche Todesart ihm mit größerem Recht ge-
bühre, da er ein französisches Offizierspatent besäße
und als Kriegsgefangener zu betrachten sei. Nein,
man gab seiner Bitte kein Gehör, und aus Abscheu
vor dem Hängen schnitt sich der Unglückliche im
Gefängnis die Kehle ab.
Von Milde war bei der englischen Regierung keine
Rede zur Zeit der irischen Rebellion. Ich bin kein
Freund der Guillotine und hege eben kein beson-
deres Vorurteil gegen das Hängen, aber ich muß
bekennen, in der ganzen französischen Revolution
sind kaum solche Greuel verübt worden, wie sich
deren das englische Militär in Irland zuschulden
kommen ließ. Obgleich ein Anhänger der Regierung,
hat doch unser Verfasser diese schändliche Soldaten-
wirtschaft mit den treuesten Farben geschildert oder
vielmehr gebrandmarkt. Gott bewahre uns vor sol-
452
Kleinere Schriften
eher Einquartierung, wie sie auf dem Kastell Kilkea
ihren Unfug trieb! Am meisten rührte mich das
Schicksal einer schönen Harfe, welche die Engländer
mit besonderm Grimm in Stucken schlugen, weil ja
die Harfe das Sinnbild Irlands! Auch die blutige
Roheit der Aufruhrer schildert der Verfasser mit Un-
parteilichkeit, und folgende Beschreibung ihrer Kriegs-
weise trägt das Gepräge der abscheulichsten Wahr-
heit.
»Die Art der Heerführung bei den Insurgenten
charakterisierte ganz diese Leute. Sie postierten sich
immer auf Anhöhen, die besonders emporragten, und
das nannten sie ihr Lager. Ein oder zwei Zelte
oder sonstiges Gehäuse diente als Obdach für die
Anführer; die übrigen blieben unter freiem Himmel,
Männer und Weiber nebeneinander ohne Unterschied,
gehüllt in Lumpen oder Bettücher, die meisten ohne
andere Nachtbedeckung als das was sie am Tage
auf dem Leibe trugen. Diese Lebensart ward be-
günstigt von einem ununterbrochen schönen Wetter,
wie es in Irland ganz ungewöhnlich ist. Auch be-
trachteten sie diesen Umstand als eine besondere
Gunst der Vorsehung, und man hatte ihnen den
Glauben beigebracht, es würde kein Tropfen Regen
herabfallen, ehe sie Meister geworden von ganz Ir-
land. In diesen Lagern, wie man sich leicht denken
kann, unter solchen Haufen von rohen, aufruhrsüch-
tigen Menschen herrschte die schrecklichste Wirrnis
und Unfug jeder Art. Wenn ein Mann des Nachts
im gesundesten Schlaf lag, stahl man ihm seine Flinte
oder sonstigen Effekten. Um sich gegen diesen Miß-
stand zu sichern, ward es gebräuchlich, daß man
um zu schlafen sich immer platt auf den Bauch
legte und Hut, Schuhe und dergleichen sich unter
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung je?
der Brust festband. Die Küche war roh über alle
Begriffe: das Vieh wurde niedergeworfen und er*
schlagen, jeder riß dann nach Herzenslust ein Stück
Fleisch davon ab, ohne es zu häuten, und röstete
oder vielmehr brannte es am Lagerfeuer, ganz mit
dem Fetzen Fell, das daran hängen geblieben. Den
Kopf, die Füße und den Überrest des Gerippes ließ
man liegen, und es verfaulte auf demselben Platz,
wo man das Tier getötet. Wenn die Insurgenten
kein Leder hatten, nahmen sie Bücher und bedienten
sich derselben als Sättel, indem sie das Buch in der
Mitte aufgeschlagen auf den Rücken des Pferdes
legten, und Stricke ersetzten Gurt und Steigbügel.
Die großen Foliobände, welche man bei Plünderungen
erbeutete, erschienen zu diesem Gebrauch ganz be-
sonders schätzbar. Da man sehr kärglich mit Mu-
nition versehen war, nahm man die Zuflucht zu
Kieselsteinen oder auch zu Kugeln von gehärtetem
Lehm. Die Anführer vermieden es immer den Feind
in der Nacht anzugreifen, wenn einiger Widerstand
zu erwarten war, und zwar weil ihre Leute nie
ordentlich ihren Befehlen Folge leisteten, sondern
vielmehr dem eignen Ungestüm und den Eingebun-
gen des Momentes gehorchten. In der Schlacht be-
wachten sie sich nämlich wechselseitig, da jeder
fürchtete, daß ihn die andern in Stich lassen möch-
ten im Fall eines Rückzugs, der gewöhnlich sehr schnell
und unversehens stattfand; deshalb schlugen sie sich
nicht gern des Nachts, wo keiner auf den Stand
seiner Genossen genau achthaben konnte und immer
besorgen mußte, daß sie plötzlich, ehe er sich dessen
versehen, Reißaus nähmen <was man make the run
nennt) und ihn alsdann in den Händen derer zurück-
ließen, die nie Pardon gaben; keiner traute dem an-
454
Kleinere Schriften
dem. Es läßt sich behaupten, daß diese Aufruhrer
sich nie eine rohe Handlung oder Unziemlichkeit
gegen Weiber oder Kinder zuschulden kommen ließen;
nur der Brand von Scullabogue und die Behandlung
Mackees und seiner Familie in der Grafschaft Down
macht eine Ausnahme; ausgenommen diese wütende
Metzelei, wo auf Geschlecht und Alter nicht mehr
geachtet wurde, kenne ich kein Beispiel, daß irgendwo
ein Weib von den Rebellen mißhandelt worden wäre.
Ich furchte, wir können ihren Gegnern kein ebenso
rühmliches Zeugnis erteilen.«
Diese Schilderung der Kriegsführung bei den iri-
schen Insurgenten leitete mich auf zwei Bemerkungen,
die ich hier in der Kürze mitteilen will. Zunächst
bemerke ich, daß Bücher bei einem Volksaufstand
sehr brauchbar sein können, nämlich als Pferdesättel,
woran unsere revolutionären Tatmänner gewiß noch
nicht dachten, denn sie würden sonst auf alles Bücher*
schreiben nicht so ungehalten sein. Und dann be-
merke ich, daß Paddy in einem Kampf mit John
Bull immer den kürzern ziehen und dieser seine Herr-
schaft über Irland nicht so leicht einbüßen wird. Ist
etwa der Irländer minder tapfer als der Engländer?
Nein, vielleicht hat er sogar noch mehr persönlichen
Mut. Aber bei jenem ist das Gefühl des Individu-
alismus so vorherrschend, daß er, der einzeln so
tapfer, dennoch gar zaghaft und unzuverlässig ist in
jeder Assoziation, wo er seinem Nebenmann ver-
trauen und sich einem Gesamtwillen unterordnen soll.
Solcher Geist des Individualismus ist vielleicht ein
Charakterzug jenes celtischen Stammes, der den Kern
des irischen Volks bildet. Bei den Bewohnern der
Bretagne in Frankreich gewahren wir dieselbe Er-
scheinung, und nicht mit Unrecht hat der geniale
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung ^55
Michelet in seiner französischen Geschichte überall
darauf hingewiesen, wie jener Charakterzug des In«
dividualismus im Leben und Streben der berühmten
Bretonen so bedeutungsvoll hervortritt. Sie zeich*
neten sich aus durch ein fast abenteuerliches Ringen
des individuellen Geistes mit einer konstituierten
Autorität, durch das Geltendmachen der Persönlich-»
keit. Der germanische Stamm ist disziplinierbarer
und ficht und denkt besser in Reih und Glied, aber
er ist auch empfänglicher für Dienstbarkeit als der
celtische Stamm. Die Verschmelzung beider Ele-
mente, des germanischen und des celtischen, wird
immer etwas Vortreffliches zutage fördern, und Eng-
land wie Irland werden nicht bloß politisch, sondern
auch moralisch gewinnen, sobald sie einst ein einiges
organisches Ganze bilden.
Hamburg.
Paris, 20. Mai 0842).
In diesem Augenblick freilich sind die meisten Völ-
ker noch darauf hingewiesen ihr Nationalgefühl aus-
zubilden oder vielmehr auszubeuten, um zur innern
Einheit, zur Zentralisation ihrer Kräfte zu gelangen
und somit auch nach außen den bedrohlichen Nach-
barn gegenüber zu erstarken. Aber das National-
gefühl ist nur Mittel zum Zweck, es wird wieder
erlöschen, sobald dieser erreicht ist, und es hat
keine so große Zukunft wie jenes Bewußtsein des
Weltbürgertums, das von den edelsten Geistern des
18. Jahrhunderts proklamiert worden und früh oder
spät, aber auf immer, auf ewig zur Herrschaft ge-
langen muß. Wie tief dieser Kosmopolitismus in
456 Kleinere Schriften
den Herzen der Franzosen wurzelt, das beurkundete
sich recht sichtbar bei Gelegenheit des Hamburger
Brandes. Die Partei der Menschheit hat da einen
großen Triumph gefeiert. Es übersteigt alle Begriffe,
wie gewaltig das Mitgefühl hier alle Volksklassen
erfaßte, als sie von dem Unglück hörten, das jene
ferne deutsche Stadt betroffen, deren geographische
Lage vielleicht den wenigsten bekannt war. Ja, bei
solchen Anlässen zeigt es sich, daß die Völker dieser
Erde inniger verbunden sind, als man da und dort
ahnen oder wünschen mag, und daß bei aller Ver*
schiedenheit der Interessen dennoch eine glühende
Bruderliebe in Europa auflodern kann, wenn die
rechte Stunde kommt. Hatte aber die Nachricht
von jenem furchtbaren Brande bei den Franzosen,
die gleichzeitig im eignen Hause ein schmerzliches
Schrecknis erlebten, die rührendste Sympathie her»
vorgerufen, so mußte die Teilnahme in noch stär*
kerem Grade stattfinden bei den hier wohnenden
Deutschen, die ihre Freunde und Verwandten in
Hamburg besitzen. Unter den Landsleuten, die sich
bei dieser Gelegenheit durch mildtätigen Eifer aus-
zeichneten, muß Hr. James v. Rothschild ganz be-
sonders genannt werden, wie denn überhaupt der
Name dieses Hauses immer hervortritt, wo ein Werk
der Menschenliebe zu verrichten ist.
Und mein armes Hamburg liegt in Trümmern, und
die Orte, die mir so wohl bekannt, mit welchen alle
Erinnerungen meiner Jugend so innig verwachsen, sie
sind ein rauchender Schutthaufen! Am meisten beklage
ich den Verlust jenes Petriturmes — er war über die
Kleinlichkeit seiner Umgebung so erhaben ! Die Stadt
wird bald wieder aufgebaut sein mit neuen gradlinigen
Häusern und nach der Schnur gezogenen Straßen,
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung 457
aber es wird doch nicht mehr mein altes Hamburg
sein, mein altes, schiefwinklichtes, schlabbriges Ham^
bürg! Der Breitengiebel, wo mein Schuster wohnte
und wo ich Austern aß, bei Unbescheiden — ein
Raub der Flammen! Der »Hamburger Korrespon-
dent« meldet zwar, daß der Dreckwall sich bald wie
ein Phönix aus der Asche erheben werde — aber
ach! es wird doch der alte Dreckwall nicht mehr
sein ! Und das Rathaus — wie oft ergötzte ich mich
an den Kaiserbildern, die, aus Hamburger Rauch-
fleisch gemeißelt, die Fassade zierten! Sind die hoch»
und wohlgepuderten Perücken gerettet, die dort den
Häuptern der Republik ihr majestätisches Ansehen
gaben? Der Himmel bewahre mich in einem Mo-
mente wie der jetzige an diesen alten Perücken ein
weniges zu zupfen. Im Gegenteil, ich möchte bei
dieser Gelegenheit vielmehr bezeugen, daß die Re-
gierung zu Hamburg immer die Regierten übertraf
an gutem Willen für gesellschaftlichen Fortschritt.
Das Volk stand hier immer tiefer als seine Stell-
vertreter, worunter Männer von der bedeutendsten
Bildung und Vernünftigkeit. Aber es steht zu hoffen,
daß der große Brand auch die unteren Intelligenzen
ein bißchen erleuchtet haben wird und die ganze
hamburgische Bevölkerung jetzt einsieht, daß der
Zeitgeist, der ihr im Unglück seine Wohltat ange-
deihen ließ, späterhin nicht mehr durch kleinlichen
Krämersinn beleidigt werden darf. Namentlich die
bürgerliche Gleichstellung der verschiedenen Kon-
fessionen wird gewiß jetzt nicht mehr in Hamburg
vertagt werden können. — Wir wollen das Beste
von der Zukunft erwarten; der Himmel schickt
nicht umsonst die großen Prüfungen.
Ludwig Marcus. Denkworte.
(Geschrieben zu Paris den 22. April 1844.)
Was ist der Grund, warum von den Deutschen,
die nach Frankreich herübergekommen, so viele
in Wahnsinn verfallen? Die meisten hat der Tod aus
der Geistesnacht erlöst; andere sind in Irrenanstalten
gleichsam lebendig begraben; viele auch, denen ein
Funken von Bewußtsein geblieben, suchen ihren Zu*
stand zu verbergen, und gebärden sich halbweg ver*
nünftig, um nicht eingesperrt zu werden. Dies sind
die Pfiffigen; die Dummen können sich nicht lange
verstellen. Die Anzahl derer, die mit mehr oder
minder lichten Momenten an dem finstern Übel leiden,
ist sehr groß, und man möchte fast behaupten, der
Wahnsinn sei die Nationalkrankheit der Deutschen
in Frankreich. Wahrscheinlich bringen wir den Keim
des Gebrestens mit über den Rhein, und auf dem
hitzigen Boden, dem glühenden Asphaltpflaster der
hiesigen Gesellschaft, gedeiht rasch zur blühendsten
Verrücktheit, was in Deutschland lebenslang nur
eine närrische Krüppelpflanze geblieben wäre. Oder
zeugt es schon von einem hohen Grade des Wahn-
witzes, daß man das Vaterland verließ, um in der
Fremde »die harten Treppen« auf und ab zu steigen,
und das noch härtere Brot des Exils mit seinen
Tränen zu feuchten? Man muß jedoch beileibe nicht
glauben, als seien es exzentrische Sturm* und Drang*
naturen, oder gar Freunde des Müßiggangs und der
entfesselten Sinnlichkeit, die sich hier in die Ab*
gründe des Irrsinns verlieren — nein, dieses Unglück
betraf immer vorzugsweise die honorabelsten Gemüter,
die fleißigsten und enthaltsamsten Geschöpfe.
Zu den beklagenswertesten Opfern, die jener Krank*
heit erlagen, gehört auch unser armer Landsmann
Ludwig Marcus 450
Ludwig Marcus. Dieser deutsche Gelehrte, der sich
durch Fülle des Wissens ebenso rühmlich auszeich-
nete, wie durch hohe Sittlichkeit, verdient in dieser
Beziehung, daß wir sein Andenken durch einige
Worte ehren.
Seine Familienverhältnisse und das ganze Detail
seiner Lebensumstände sind uns nie genau bekannt
gewesen. Soviel ich weiß, ist er geboren zu Dessau
im Jahre 1798, von unbemittelten Eltern, die dem
gottesfürchtigen Kultus des Judentums anhingen. Er
kam Anno 1820 nach Berlin, um Medizin zu studieren,
verließ aber bald diese Wissenschaft. Dort zu Berlin
sah ich ihn zuerst, und zwar im Kollegium von
Hegel, wo er oft neben mir saß und die Worte des
Meisters gehörig nachschrieb. Er war damals zwei-
undzwanzig Jahre alt, doch seine äußere Erscheinung
war nichts weniger als jugendlich. Ein kleiner
schmächtiger Leib, wie der eines Jungen von acht
Jahren, und im Antlitz eine Greisenhaftigkeit, die
wir gewöhnlich mit einem verbogenen Rückgrat ge-
paart finden. Eine solche Mißförmlichkeit aber war
nicht an ihm zu bemerken, und eben über diesen
Mangel wunderte man sich. Diejenigen, welche den
verstorbenen Moses Mendelssohn persönlich ge-
kannt, bemerkten mit Erstaunen die Ähnlichkeit,
welche die Gesichtszüge des Marcus mit denen
jenes berühmten Weltweisen darboten, der sonder-
barerweise ebenfalls aus Dessau gebürtig war. Hät-
ten sich die Chronologie und die Tugend nicht
allzubestimmt für den ehrwürdigen Moses verbürgt,
so könnten wir auf einen frivolen Gedanken ge-
raten.
Aber dem Geiste nach war Marcus wirklich ein
ganz naher Verwandter jenes großen Reformators
a(>o Kleinere Schriften
der deutschen Juden, und in seiner Seele wohnte
ebenfalls die größte Uneigennützigkeit, der duldende
Stillmut, der bescheidene Rechtsinn, lächelnde Ver-
achtung des Schlechten, und eine unbeugsame, eiserne
Liebe für die unterdrückten Glaubensgenossen. Das
Schicksal derselben war, wie bei jenem Moses, auch
bei Marcus der schmerzlich glühende Mittelpunkt
aller seiner Gedanken, das Herz seines Lebens.
Schon damals in Berlin war Marcus ein Polyhistor,
er stöberte in allen Bereichen des Wissens, er ver-
schlang ganze Bibliotheken, er verwühlte sich in
allen Sprachschätzen des Altertums und der Neuzeit,
und die Geographie, im generellsten wie im parti-
kularsten Sinne, war am Ende sein Lieblingsstudium
geworden: es gab auf diesem Erdball kein Faktum,
keine Ruine, kein Idiom, keine Narrheit, keine Blume,
die er nicht kannte — aber von allen seinen Geistes-
exkursionen kam er immer gleichsam nach Hause
zurück zu der Leidensgeschichte Israels, zu der
Schädelstätte Jerusalems und zu dem kleinen Väter-
dialekt Palästinas, um dessentwillen er vielleicht die
semitischen Sprachen mit größerer Vorliebe als die
andern betrieb. Dieser Zug war wohl der hervor-
stechend wichtigste im Charakter des Ludwig Marcus,
und er gibt ihm seine Bedeutung und sein Verdienst;
denn nicht bloß das Tun, nicht bloß die Tatsache
der hinterlassenen Leistung, gibt uns ein Recht auf
ehrende Anerkennung nach dem Tode, sondern auch
das Streben selbst, und gar besonders das unglück-
liche Streben, das gescheiterte, fruchtlose, aber groß-
mütige Wollen.
Andere werden vielleicht das erstaunliche Wissen,
das der Verstorbene in seinem Gedächtnis aufge-
stapelt hatte, ganz besonders rühmen und preisen;
Ludwig Marcus 461
für uns hat dasselbe keinen sonderlichen Wert. Wir
konnten überhaupt diesem Wissen, ehrlich gestanden,
niemals Geschmack abgewinnen. Alles was Marcus
wußte, wußte er nicht lebendig organisch, sondern
als tote Geschichtlichkeit, die ganze Natur versteinerte
sich ihm, und er kannte im Grunde nur Fossilien
und Mumien. Dazu gesellte sich eine Ohnmacht
der künstlerischen Gestaltung, und wenn er etwas
schrieb, war es ein Mitleid anzusehen wie er sich
vergebens abmühte, für das Darzustellende die not*
dürftigste Form zu finden. Ungenießbar, unverdau-
lich, abstrus waren daher die Artikel und gar die
Bücher, die er geschrieben.
Außer einigen linguistischen, astronomischen und
botanischen Schriften hat Marcus eine Geschichte
der Vandalen in Afrika, und in Verbindung mit dem
Professor Duisberg eine nordafrikanische Geographie
herausgegeben. Er hinterläßt in Manuskript ein un-
geheuer großes Werk über Abyssinien, welches seine
eigentliche Lebensarbeit zu sein scheint, da er sich
schon zu Berlin mit Abyssinien beschäftigt hatte.
Nach diesem Lande zogen ihn wohl zunächst die
Untersuchungen über die Falaschas, einen jüdischen
Stamm, der lange in den abyssinischen Gebirgen
seine Unabhängigkeit bewahrt hat. Ja, obgleich sein
Wissen sich über alle Weltgegenden verbreitete, so
wußte Marcus doch am besten Bescheid hinter den
Mondgebirgen Äthiopiens, an den verborgenen Quellen
des Nils, und seine größte Freude war, den Bruce
oder gar den Hasselquist auf Irrtümern zu ertappen.
Ich machte ihn einst glücklich, als ich ihn bat, mir
aus arabischen und talmudischen Schriften alles zu
kompilieren, was auf die Königin von Saba Bezug
hat. Dieser Arbeit, die sich vielleicht noch unter
a6z Kleinere Schriften
meinen Papieren befindet, verdanke ich es, daß ich
noch zu heutiger Stunde weiß, weshalb die Könige
von Abyssinien sich rühmen, aus dem Stamme David
entsprossen zu sein: sie leiten diese Abstammung
von dem Besuch her, den ihre Altermutter, die be-
sagte Königin von Saba, dem weisen Salomon zu
Jerusalem abgestattet. Wie ich aus besagter Kom-
pilation ersah, ist diese Dame gewiß ebenso schön
gewesen, wie die Helena von Sparta. Jedenfalls hat
sie ein ähnliches Schicksal nach dem Tode, da es
verliebte Rabbinen gibt, die sie durch kabbalistische
Zauberkunst aus dem Grabe zu beschwören wissen;
nur sind sie manchmal übel dran mit der beschwo-
renen Schönen, die den großen Fehler hat, daß sie,
wo sie sich einmal hingesetzt, gar zu lange sitzen
bleibt. Man kann sie nicht los werden.
Ich habe bereits angedeutet, daß irgendein Interesse
der jüdischen Geschichte immer letzter Grund und
Antrieb war bei den gelehrten Arbeiten des seligen
Marcus: inwieweit dergleichen auch bei seinen abys-
sinischen Studien der Fall war, und wie auch diese
ihn ganz frühzeitig in Anspruch genommen, ergibt
sich unabweisbar aus einem Artikel, den er schon
damals zu Berlin in der »Zeitschrift für Kultur und
Wissenschaft des Judentums« abdrucken ließ. Er
behandelte nämlich die Beschneidung bei den Abys-
sinierinnen. Wie herzlich lachte der verstorbene
Gans, als er mir in jenem Aufsatze die Stelle zeigte,
wo der Verfasser den Wunsch aussprach, es möchte
jemand diesen Gegenstand bearbeiten, der demselben
besser gewachsen sei.
Die äußere Erscheinung des kleinen Mannes, die
nicht selten zum Lachen reizte, verhinderte ihn je-
doch keineswegs, zu den ehrenwertesten Mitgliedern
Ludwig Marcus 463
jener Gesellschaft zu zählen, welche die oben er»
wähnte Zeitschrift herausgab, und eben unter dem
Namen »Verein für Kultur und Wissenschaft des
Judentums« eine hochfliegend große, aber unausführ«
bare Idee verfolgte. Geistbegabte und tiefherzige
Männer versuchten hier die Rettung einer längst
verlornen Sache, und es gelang ihnen höchstens, auf
den Walstätten der Vergangenheit die Gebeine der
altem Kämpfer aufzufinden. Die ganze Ausbeute
jenes Vereins besteht in einigen historischen Arbeiten,
in Geschichtsforschungen, worunter namentlich die
Abhandlungen des Dr. Zunz über die spanischen
Juden im Mittelalter zu den Merkwürdigkeiten der
höhern Kritik gezählt werden müssen.
Wie dürfte ich von jenem Vereine reden, ohne
dieses vortrefflichen Zunz zu erwähnen, der in einer
schwankenden Übergangsperiode immer die uner-
schütterlichste Unwandelbarkeit offenbarte, und trotz
seinem Scharfsinn, seiner Skepsis, seiner Gelehrsam-
keit, dennoch treu blieb dem selbstgegebenen Worte,
der großmütigen Grille seiner Seele. Mann der Rede
und der Tat, hat er geschaffen und gewirkt, wo
andere träumten und mutlos hinsanken.
Ich kann nicht umhin, auch hier meinen lieben
Bendavid zu erwähnen, der mit Geist und Charakter*
stärke eine großartig urbane Bildung vereinigte, und
obgleich schon hochbejahrt, an den jugendlichsten
Irrgedanken des Vereins teilnahm. Er war ein
Weiser nach antikem Zuschnitt, umflossen vom
Sonnenlicht griechischer Heiterkeit, ein Standbild der
wahrsten Tugend, und pflichtgehärtet wie der Marmor
des kategorischen Imperativs seines Meisters Immanuel
Kant. Bendavid war Zeit seines Lebens der eifrigste
Anhänger der Kantischen Philosophie, für diese litt
4,64 Kleinere Schriften
er in seiner Jugend die größten Verfolgungen, und
dennoch wollte er sich nie trennen von der alten
Gemeinde des mosaischen Bekenntnisses, er wollte
nie die äußere Glaubenskokarde ändern. Schon der
Schein einer solchen Verleugnung erfüllte ihn mit
Widerwillen und Ekel. Lazarus Bendavid war, wie
gesagt, ein eingefleischter Kantianer, und ich habe
damit auch die Schranken seines Geistes angedeutet.
Wenn wir von Hegelscher Philosophie sprachen,
schüttelte er sein kahles Haupt und sagte, das sei
Aberglaube. Er schrieb ziemlich gut, sprach aber
viel besser. Für die Zeitschrift des Vereins lieferte
er einen merkwürdigen Aufsatz über den Messias*
glauben bei den Juden, worin er mit kritischem
Scharfsinn zu beweisen suchte, daß der Glaube an
einen Messias durchaus nicht zu den Fundamental-
artikeln der jüdischen Religion gehöre, und nur als
zufälliges Beiwerk zu betrachten sei.
Das tätigste Mitglied des Vereins, die eigentliche
Seele desselben, war M. Moser, der vor einigen
Jahren starb, aber schon im jugendlichsten Alter
nicht bloß die gründlichsten Kenntnisse besaß, son-
dern auch durchglüht war von dem großen Mitleid
für die Menschheit, von der Sehnsucht, das Wissen
zu verwirklichen in heilsamer Tat. Er war uner-
müdlich in philanthropischen Bestrebungen, er war
sehr praktisch, und hat in scheinloser Stille an allen
Liebeswerken gearbeitet. Das große Publikum hat
von seinem Tun und Schaffen nichts erfahren, er
focht und blutete inkognito, sein Name ist ganz un-
bekannt geblieben, und steht nicht eingezeichnet in dem
Adreßkalender der Selbstaufopferung. Unsere Zeit
ist nicht so ärmlich wie man glaubt; sie hat erstaun-
lich viele solcher anonymen Märtyrer hervorgebracht.
Ludwig Marcus 465
Der Nekrolog des verstorbenen Marcus leitete
mich unwillkürlich zu dem Nekrolog des Vereins,
zu dessen ehrenwertesten Mitgliedern er gehörte, und
als dessen Präsident der schon erwähnte, jetzt eben-
falls verstorbene Eduard Gans sich geltend machte.
Dieser hochbegabte Mann kann am wenigsten in
bezug auf bescheidene Selbstaufopferung, auf ano-
nymes Märtyrertum gerühmt werden. Ja, wenn auch
seine Seele sich rasch und weit erschloß für alle
Heilsfragen der Menschheit, so ließ er doch selbst
im Rausche der Begeisterung niemals die Personal-
interessen außer acht. Eine witzige Dame, zu wel-
cher Gans oft des Abends zum Tee kam, machte
die richtige Bemerkung, daß er während der eifrig-
sten Diskussion und trotz seiner großen Zerstreut-
heit dennoch, nach dem Teller der Butterbröte hin-
langend, immer diejenigen Butterbröte ergreife, welche
nicht mit gewöhnlichem Käse, sondern mit frischem
Lachs bedeckt waren.
Die Verdienste des verstorbenen Gans um deutsche
Wissenschaft sind allgemein bekannt. Er war einer
der rührigsten Apostel der Hegeischen Philosophie,
und in der Rechtsgelahrtheit kämpfte er zermalmend
gegen jene Lakaien des altrömischen Rechts, welche
ohne Ahnung von dem Geiste, der in der alten
Gesetzgebung einst lebte, nur damit beschäftigt sind,
die hinterlassene Garderobe derselben auszustauben,
von Motten zu säubern, oder gar zu modernem
Gebrauche zurechtzuflicken. Gans fuchtelte sol-
chen Servilismus selbst in seiner elegantesten Livree.
Wie wimmert unter seinen Fußtritten die arme Seele
des Herrn von Savigny! Mehr noch durch Wort
als durch Schrift förderte Gans die Entwickelung
des deutschen Freiheitssinnes, er entfesselte die ge*
IX, ]o
4,66 Kleinere Schriften
bundensten Gedanken und riß der Lüge die Larve
ab. Er war ein beweglicher Feuergeist, dessen Witz*
funken vortrefflich zündeten, oder wenigstens herrlich
leuchteten. Aber den trübsinnigen Ausspruch des
Dichters <im zweiten Teile des »Faust«):
»Alt ist das Wort, doch bleibet hoch und wahr der
Sinn,
Daß Scham und Schönheit nie zusammen, Hand in
Hand,
Den Weg verfolgen über der Erde grünen Pfad.
Tief eingewurzelt wohnt in beiden alter Haß,
Daß, wo sie immer auch des Weges sich
Begegnen, jede der Gegnerin den Rücken kehrt«. «—
dieses fatale Wort müssen wir auch auf das Ver-
hältnis der Genialität zur Tugend anwenden, diese
beiden leben ebenfalls in beständigem Hader, und
kehren sich manchmal verdrießlich den Rücken. Mit
Bekümmernis muß ich hier erwähnen, daß Gans, in
bezug auf den erwähnten Verein für Kultur und
Wissenschaft des Judentums, nichts weniger als tugend-
haft handelte, und sich die unverzeihlichste Felonie
zuschulden kommen ließ. Sein Abfall war um so
widerwärtiger, da er die Rolle eines Agitators ge-
spielt, und bestimmte Präsidialpflichten übernommen
hatte. Es ist hergebrachte Pflicht, daß der Kapitän
immer der letzte sei, der das Schiff verläßt, wenn
dasselbe scheitert — Gans aber rettete sich selbst
zuerst. Wahrlich in moralischer Beziehung hat der
kleine Marcus den großen Gans überragt, und er
könnte hier ebenfalls beklagen, daß Gans seiner Auf-
gabe nicht besser gewachsen war.
Wir haben die Teilnahme des Marcus an dem
Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums
Ludwig Marcus 467
als einen Umstand bezeichnet, der uns wichtiger und
denkwürdiger erschien, als all sein stupendes Wissen
und seine sämtlichen gelehrten Arbeiten. Ihm selber
mag ebenfalls die Zeit, wo er den Bestrebungen und
Illusionen jenes Vereins sich hingab, als die sonnigste
Blütenstunde seines kümmerlichen Lebens erschienen
sein. Deshalb mußte hier jenes Vereins ganz be-
sonders Erwähnung geschehen, und eine nähere Er-
örterung seines Gedankens wäre wohl nicht über-
flüssig. Aber der Raum und die Zeit und ihre Hüter
gestatten in diesen Blättern keine solche ausgeführte
Darstellung, da letztere nicht bloß die religiösen und
bürgerlichen Verhältnisse der Juden, sondern auch
die aller deistischen Sekten auf diesem Erdball um-
fassen müßte. Nur so viel will ich hier aussprechen,
daß der esoterische Zweck jenes Vereins nichts an-
deres war, als eine Vermittelung des historischen
Judentums mit der modernen Wissenschaft, von wel-
cher man annahm, daß sie im Laufe der Zeit zur
Weltherrschaft gelangen würde. Unter ähnlichen
Umständen, zur Zeit des Philo, als die griechische
Philosophie allen alten Dogmen den Krieg erklärte,
ward in Alexandrien ähnliches versucht, mit mehr
oder minderem Mißgeschick. Von schismatischer
Aufklärerei war hier nicht die Rede, und noch we-
niger von jener Emanzipation, die in unseren Tagen
manchmal so ekelhaft geistlos durchgeträtscht wird,
daß man das Interesse dafür verlieren könnte. Na-
mentlich haben es die israelitischen Freunde dieser
Frage verstanden, sie in eine wässerig graue Wolke
von Langweiligkeit zu hüllen, die ihr schädlicher ist,
als das blödsinnige Gift der Gegner. Da gibt es
gemütliche Pharisäer, die noch besonders damit prah-
len, daß sie kein Talent zum Schreiben besitzen und
468 Kleinere Schriften.
dem Apollo zum Trotz für Jehova die Feder er-
griffen haben. Mögen die deutschen Regierungen
doch recht bald ein ästhetisches Erbarmen mit dem
Publikum haben, und jenen Salbadereien ein Ende
machen durch Beschleunigung der Emanzipation, die
doch früh oder spät bewilligt werden muß.
Ja, die Emanzipation wird früh oder spät bewilligt
werden müssen, aus Gerechtigkeitsgefühl, aus Klug-
heit, aus Notwendigkeit. Die Antipathie gegen die
Juden hat bei den obern Klassen keine religiöse Wur-
zel mehr, und bei den untern Klassen transformiert
sie sich täglich mehr und mehr in den sozialen Groll
gegen die überwuchernde Macht des Kapitals, gegen
die Ausbeutung der Armen durch die Reichen. Der
Judenhaß hat jetzt einen andern Namen, sogar beim
Pöbel. Was aber die Regierungen betrifft, so sind
sie endlich zur hochweisen Ansicht gelangt, daß der
Staat ein organischer Körper ist, und daß derselbe
nicht zu einer vollkommenen Gesundheit gelangen
kann, solange ein einziges seiner Glieder, und sei
es auch nur der kleine Zeh, an einem Gebreste leidet.
Ja, der Staat mag noch so keck sein Haupt tragen
und mit breiter Brust allen Stürmen trotzen, das
Herz in der Brust und sogar das stolze Haupt wird
dennoch den Schmerz mitempfinden müssen, wenn
der kleine Zeh an den Hühneraugen leidet — - die
Judenbeschränkungen sind solche Hühneraugen an
den deutschen Staatsfüßen.
Und bedächten gar die Regierungen, wie entsetz-
lich der Grundpfeiler aller positiven Religionen, die
Idee des Deismus selbst, von neuen Doktrinen be-
droht ist, wie die Fehde zwischen dem Wissen und
dem Glauben überhaupt nicht mehr ein zahmes Schar-
mützel, sondern bald eine wilde Todesschlacht sein
Ludwig Marcus j.ÖQ
wird — bedächten die Regierungen diese verhüllten
Nöten, sie müßten froh sein, daß es noch Juden auf
der Welt gibt, daß die Schweizergarde des Deismus,
wie der Dichter sie genannt hat, noch auf den Beinen
steht, daß es noch ein Volk Gottes gibt. Statt sie
von ihrem Glauben durch gesetzliche Beschränkungen
abtrünnig zu machen, sollte man sie noch durch
Prämien darin zu stärken suchen, man sollte ihnen
auf Staatskosten ihre Synagogen bauen, damit sie
nur hineingehen, und das Volk draußen sich ein*
bilden mag, es werde in der Welt noch etwas ge-
glaubt. Hütet Euch, die Taufe unter den Juden zu
befördern. Das ist eitel Wasser, und trocknet leicht.
Befördert vielmehr die Beschneidung, das ist der
Glauben eingeschnitten ins Fleisch; in den Geist
läßt er sich nicht mehr einschneiden. Befördert die
Zeremonie der Denkriemen, womit der Glaube fest»
gebunden wird auf den Arm; der Staat sollte den
Juden gratis das Leder dazu liefern, sowie auch das
Mehl zu Matzekuchen, woran das gläubige Israel
schon drei Jahrtausende knuspert. Fördert, beschleu-
nigt die Emanzipation, damit sie nicht zu spät komme
und überhaupt noch Juden in der Welt antrifft, die
den Glauben ihrer Väter dem Heil ihrer Kinder vor-
ziehen. Es gibt ein Sprichwort: »Während der Weise
sich besinnt, besinnt sich auch der Narr.«
Die vorstehenden Betrachtungen knüpfen sich natür-
lich an die Person, die ich hier zu besprechen hatte,
und die, wie ich schon bemerkt, weniger durch in-
dividuelle Bedeutung, als vielmehr durch historische
und moralische Bezüge, unser Interesse in Anspruch
nimmt. Ich kann auch aus eigener Anschauung nur
Geringfügiges berichten über das äußere Leben unseres
Marcus, den ich zu Berlin bald aus den Augen ver-
47©
Kleinere Schriften
lor. Wie ich hörte, war er nach Frankreich ge-
wandert, da er, trotz seines außerordentlichen Wissens
und seiner hohen Sittlichkeit, dennoch in den Über-
bleibseln mittelalterlicher Gesetze ein Hindernis der
Beförderung im Vaterlande fand. Seine Eltern waren
gestorben, und aus Großmut hatte er zum Besten
seiner hilfsbedürftigem Geschwister auf die Ver-
lassenschaft verzichtet. Etwa fünfzehn Jahre ver-
gingen, und ich hatte lange nichts mehr gehört, weder
von Ludwig Marcus noch von der Königin von
Saba, weder von Hasselquist noch von den beschnit-
tenen Abyssinierinnen, da trat mir eines Tages der
kleine Mann hier zu Paris wieder entgegen, und er
erzählte mir, daß er unterdessen Professor in Dijon
gewesen, jetzt aber einer ministeriellen Unbill wegen
die Professur aufgegeben habe, und hier bleiben
wolle, um die Hilfsquellen der Bibliothek für sein
großes Werk zu benutzen. Wie ich von andern
hörte, war ein bißchen Eigensinn im Spiel, und das
Ministerium hatte ihm sogar vorgeschlagen, wie in
Frankreich gebräuchlich, seine Stelle durch einen
wohlfeiler besoldeten Suppleanten zu besetzen und
ihm selber den größten Teil seines Gehalts zu über-
lassen. Dagegen sträubte sich die große Seele des
Kleinen, er wollte nicht fremde Arbeit ausbeuten,
und er ließ seinem Nachfolger die ganze Besoldung.
Seine Uneigennützigkeit ist hier um so merkwürdiger,
da er damals blutarm in rührender Dürftigkeit sein
Leben fristete. Es ging ihm sogar sehr schlecht,
und ohne die Engelhilfe einer schönen Frau wäre
er gewiß im darbenden Elende verkommen. Ja, es
war eine sehr schöne und große Dame von Paris,
eine der glänzendsten Erscheinungen des hiesigen
Weltlebens, die, als sie von dem wunderlichen Kauz
Ludwig Marcus 471
hörte, in die Dunkelheit seines kümmerlichen Lebens
hinabstieg und mit anmutiger Zartsinnigkeit ihn da-
hin zu bringen wußte, einen bedeutenden Jahrgehalt
von ihr anzunehmen. Ich glaube, seinen Stolz zähmte
hier ganz besonders die Aussicht, daß seine Gön-
nerin, die Gattin des reichsten Bankiers dieses Erd-
balls, späterhin sein großes Werk auf ihre Kosten
drucken lassen werde. Einer Dame, dachte er, die
wegen ihres Geistes und ihrer Bildung so viel ge-
rühmt wird, müsse doch sehr viel daran gelegen
sein, daß endlich eine gründliche Geschichte von
Abyssinien geschrieben werde, und er fand es ganz
natürlich, daß sie dem Autor durch einen Jahrgehalt
seine große Mühe und Arbeit zu vergüten suchte.
Die Zeit, während welcher ich den guten Marcus
nicht gesehen, etwa fünfzehn Jahre, hatte auf sein
Äußeres nicht verschönernd gewirkt. Seine Er-
scheinung, die früher ans Possierliche streifte, war
jetzt eine entschiedene Karikatur geworden, aber
eine angenehme, liebliche, ich möchte fast sagen
erquickende Karikatur. Ein spaßhaft wehmütiges An-
sehen gab ihm sein von Leiden durchfurchtes Greisen-
gesicht, worin die kleinen pechschwarzen Äuglein
vergnüglich lebhaft glänzten, und gar sein abenteuer-
licher fabelhafter Haarwuchs! Die Haare nämlich,
welche früher pechschwarz und anliegend gewesen,
waren jetzt ergraut, und umgaben in krauser auf-
gesträubter Fülle das schon außerdem unverhältnis-
mäßig große Haupt. Er glich so ziemlich jenen
breitköpfigen Figuren mit dünnem Leibchen und
kurzen Beinchen, die wir auf den Glasscheiben eines
chinesischen Schattenspiels sehen. Besonders wenn
mir die zwerghafte Gestalt in Gesellschaft seines
Kollaborators, des ungeheuer großen und stattlichen
472
Kleinere Schriften
Professors Duisberg, auf den Boulevards begegnete,
jauchzte mir der Humor in der Brust. Einem meiner
Bekannten, der mich frug wer der Kleine wäre, sagte
ich es sei der König von Abyssinien, und dieser
Name ist ihm bis an sein Ende geblieben. Hast
du mir deshalb gezürnt, teurer guter Marcus? Für
deine schöne Seele hätte der Schöpfer wirklich eine
bessere Enveloppe erschaffen können. Der liebe
Gott ist aber zu sehr beschäftigt; manchmal, wenn
er eben im Begriff ist, der edlen Perle eine prächtig
ziselierte Goldfassung zu verleihen, wird er plötz-
lich gestört, und er wickelt das Juwel geschwind in
das erste beste Stück Fließpapier oder Läppchen ■—
anders kann ich mir die Sache nicht erklären.
Ungefähr fünf Jahre lebte Marcus im weisesten
Seelenfrieden zu Paris; es ging ihm gut, ja sogar
einer seiner Lieblingswünsche war in Erfüllung ge-
gangen: er besaß eine kleine Wohnung mit eignen
Möbeln, und zwar in der Nähe der Bibliothek! Ein
Verwandter, ein Schwestersohn, besucht ihn hier
eines Abends, und kann sich nicht genug darüber
wundern, daß der Oheim sich plötzlich auf die Erde
setzt und mit wilder trotziger Stimme die Scheuß*
lichsten Gassenlieder zu singen beginnt. Er, der
nie gesungen, und in Wort und Ton immer die
Keuschheit selbst war! Aber die Sache ward
noch grauenhaft befremdlicher, als der Oheim zor-
nig emporsprang, das Fenster aufstieß und erst seine
Uhr zur Straße hinabschmiß, dann seine Manuskripte,
Tintenfaß, Federn, seine Geldbörse. Als der Neffe
sah, daß der Oheim das Geld zum Fenster hinaus-
warf, konnte er nicht länger an seinem Wahnsinn
zweifeln. Der Unglückliche ward in die Heilanstalt
des Dr. Pinnel zu Chaillot gebracht, wo er nach
Ludwig Marcus 473
vierzehn Tagen unter schauderhaften Leiden den
Geist aufgab. Er starb am 15. Julius, und ward am
17. auf dem Kirchhof Montmartre begraben. Ich
habe leider seinen Tod zu spät erfahren, als daß
ich ihm die letzte Ehre erweisen konnte. Indem
ich heute diese Blätter seinem Andenken widme,
wollte ich das Versäumte nachholen und gleichsam
im Geiste an seinem Leichenbegängnis teilnehmen.
Jetzt aber öffnet mir noch einmal den Sarg, da-
mit ich nach altem Brauch den Toten um Verzeih-
ung bitte für den Fall daß ich ihn etwa im Leben
beleidigt — Wie ruhig der kleine Marcus jetzt aus-
sieht! Er scheint darüber zu lächeln, daß ich seine
gelehrten Arbeiten nicht besser gewürdigt habe. Da-
ran mag ihm wenig gelegen sein, denn hier bin ich
ja doch kein so kompetenter Richter wie etwa sein
Freund S. Munk, der Orientalist, der mit einer um-
fassenden Biographie des Verstorbenen und mit der
Herausgabe seiner hinterlassenen Werke beschäftigt
sein soll.
Spätere Note.
<Im März 1854.)
Da ich mich immer einer guten Gesinnung und
eines ebenso guten Stiles beflissen, so genieße ich
die Genugtuung, daß ich es wagen darf, unter dem
anspruchvollen Namen »Denkworte« die vorstehen-
den Blätter hier mitzuteilen, obgleich sie anonym
für das Tagesbedürfnis der »Augsburger Allgemeinen
Zeitung« bereits vor zehn Jahren geschrieben worden.
Seit jener Zeit hat sich vieles in Deutschland ver-
ändert, und auch die Frage von der bürgerlichen
ajä Kleinere Schriften
Gleichstellung der Bekenner des mosaischen Glau-
bens, die gelegentlich in obigen Blättern besprochen
ward, hat seitdem sonderbare Schicksale erlitten. Im
Frühling des Jahres 1848 schien sie auf immer er*
ledigt, aber wie mit so vielen andern Errungen-
schaften aus jener Blütezeit deutscher Hoffnung, mag
es jetzt in unsrer Heimat auch mit besagter Frage
sehr rückgängig aussehen, und an manchen Orten
soll sie sich wieder, wie man mir sagt, im schmach-
vollsten statu quo befinden. Die Juden dürften end-
lich zur Einsicht gelangen, daß sie erst dann wahr-
haft emanzipiert werden können, wenn auch die
Emanzipation der Christen vollständig erkämpft und
sichergestellt worden. Ihre Sache ist identisch mit
der des deutschen Volks, und sie dürfen nicht als
Juden begehren, was ihnen als Deutschen längst ge-
bührte.
Ich habe in obigen Blättern angedeutet, daß sich
der Gelehrte S. Munk mit einer Herausgabe der
hinterlassenen Schriften des seligen Marcus beschäf-
tigen werde. Leider ist dieses jetzt unmöglich, da
jener große Orientalist an einem Qbel leidet, das
ihm nicht erlaubt, sich einer solchen Arbeit zu unter-
ziehen; er ist nämlich seit zwei Jahren gänzlich er-
blindet. Ich vernahm erst kürzlich dieses betrübsame
Ereignis, und erinnere mich jetzt, daß der vortreff-
liche Mann trotz bedenklicher Symptome sein lei-
dendes Gesicht nie schonen wollte. Als ich das
letztemal die Ehre hatte ihn auf der königlichen
Bibliothek zu sehen, saß er vergraben in einem Wust
von arabischen Manuskripten, und es war schmerz-
lich anzusehen, wie er seine kranken blassen Augen
mit der Entzifferung des phantastisch geschnörkelten
Abracadabra anstrengte. Er war Kustos in besagter
Ludwig Marcus 475
Bibliothek, und er ist jetzt nicht mehr imstande, die*
ses kleine Amt zu verwalten. Hauptsächlich mit
dem Ertrag seiner literarischen Arbeiten bestritt er
den Unterhalt einer zahlreichen Familie. Blindheit
ist wohl die härteste Heimsuchung, die einen deut-
sehen Gelehrten treffen kann. Sie trifft diesmal die
bravste Seele, die gefunden werden mag; Munk ist
uneigennützig bis zum Hochmut, und bei all seinem
reichen Wissen von einer rührenden Bescheidenheit.
Er trägt gewiß sein Schicksal mit stoischer Fassung
und religiöser Ergebung in den Willen des Herrn.
Aber warum muß der Gerechte so viel leiden auf
Erden? Warum muß Talent und Ehrlichkeit zugrunde
gehen, während der schwadronierende Hanswurst,
der gewiß seine Augen niemals durch arabische Ma-
nuskripte trüben mochte, sich räkelt auf den Pfühlen
des Glücks und fast stinkt vor Wohlbehagen? Das
Buch Hiob löst nicht diese böse Frage. Im Gegen-
teil, dieses Buch ist das Hohelied der Skepsis, und
es zischen und pfeifen darin die entsetzlichen Schlan-
gen ihr ewiges: Warum? Wie kommt es, daß bei
der [Rückkehr aus Babylon die fromme Tempel-
archivkommission, deren Präsident Esra war, jenes
Buch in den Kanon der heiligen Schriften aufge-
nommen? Ich habe mir oft diese Frage gestellt.
Nach meinem Vermuten taten solches jene gott-
erleuchteten Männer nicht aus Unverstand, sondern
weil sie in ihrer hohen Weisheit wohl wußten, daß
der Zweifel in der menschlichen Natur tief begrün-
det und berechtigt ist, und daß man ihn also nicht
täppisch ganz unterdrücken, sondern nur heilen muß.
Sie verfuhren bei dieser Kur ganz homöopathisch,
durch das Gleiche auf das Gleiche wirkend, aber
sie gaben keine homöopathisch kleine Dosis, sie
4.76 Kleinere Schriften
steigerten vielmehr dieselbe aufs ungeheuerste, und
eine solche überstarke Dosis von Zweifel ist das
Buch Hiob; dieses Gift durfte nicht fehlen in der
Bibel, in der großen Hausapotheke der Mensch*
heit. Ja, wie der Mensch, wenn er leidet, sich aus*
weinen muß, so muß er sich auch auszweifeln, wenn
er sich grausam gekränkt fühlt in seinen Ansprüchen
auf Lebensglück; und wie durch das heftigste Wei*
nen, so entsteht auch durch den höchsten Grad des
Zweifels, den die Deutschen so richtig die Ver*
zweiflung nennen, die Krisis der moralischen Hei-
lung. — Aber wohl demjenigen, der gesund ist und
keiner Medizin bedarf!
Briefe über Deutschland.
Erster Brief.
. . Sie, mein Herr, haben unlängst in der »Revue
des deux mondes«, bei Gelegenheit einer Kritik gegen
Ihre Frankfurter Landsmännin Bettina Arnim, mit
einer Begeisterung auf die Verfasserin der »Corinna«
hingewiesen, die gewiß aus wahrhaften Gefühlen her*
vorging; denn Sie haben zeigen wollen, wie sehr
sie die heutigen Schriftstellerinnen, namentlich die
Meres d'Eglise und die Meres des compagnons über*
ragt. Ich teile in dieser Beziehung nicht Ihre Mei-
nungen, die ich hier nicht widerlegen will, und die
ich überall achten werde, wo sie nicht dazu bei-
tragen können, in Frankreich irrige Ansichten über
Deutschland, seine Zustände und ihre Repräsentanten,
zu verbreiten. Nur in dieser Absicht trat ich be-
reits vor zwölf Jahren dem Buche der Frau von Stael
»De l'Allemagne« in einem eignen Buche entgegen,
welches denselben Titel führte. An dieses Buch
knüpfe ich eine Reihe von Briefen, deren erster
Ihnen gewidmet sein soll.
Ja, das Weib ist ein gefährliches Wesen. Ich
weiß ein Lied davon zu singen. Auch andre machen
diese bittere Erfahrung, und noch gestern erzählte
mir ein Freund in dieser Beziehung eine furchtbare
Geschichte. Er hatte in der Kirche Saint-Mery einen
jungen deutschen Maler gesprochen, der geheimnis-
voll zu ihm sagte: »Sie haben Madame la Comtesse
de *• in einem deutschen Artikel angegriffen. Sie
478 Kleinere Schriften
hat es erfahren, und Sie sind ein Mann des Todes,
wenn es wieder geschieht. Elle a quatre hommes,
qui ne demandent pas mieux que d'obeir ä ses ordres.«
Ist das nicht schrecklich? Klingt das nicht wie ein
Schauder- und Nachtstück von Anna Radcliffe?
Ist diese Frau nicht eine Art Tour de Nesle? Sie
braucht nur zu nicken, und vier Spadassins stürzen
auf dich zu und machen dir den Garaus, wenn auch
nicht physisch, doch gewiß moralisch. Wie kommt
aber diese Dame zu einer solchen düstern Gewalt?
Ist sie so schön, so reich, so vornehm, so tugend-
haft, so talentvoll, daß sie einen so unbedingten Ein-
fluß auf ihre Seiden ausübt, und diese ihr blindlings
gehorchen? Nein, diese Gaben der Natur und des
Glücks besitzt sie nicht in allzu hohem Grade. Ich
will nicht sagen, daß sie häßlich sei; kein Weib
ist häßlich. Aber ich kann mit Fug behaupten,
wenn die schöne Helena so ausgesehen hätte wie
jene Dame, so wäre der ganze trojanische Krieg
nicht entstanden, die Burg des Priamus wäre nicht
verbrannt worden, und Homer hätte nimmermehr be-
sungen den Zorn des Peliden Achilles. Auch so
vornehm ist sie nicht, und das Ei, woraus sie her-
vorgekrochen, hatte weder ein Gott gezeugt, noch
eine Königstochter ausgebrütet; auch in bezug auf
die Geburt kann sie nicht mit der Helena verglichen
werden; sie ist einem bürgerlichen Kaufmannshause
zu Frankfurt entsprungen. Auch ihre Schätze sind
nicht so groß wie die, welche die Königin von Sparta
mitbrachte, als Paris, welcher die Zither so schön
spielte <das Piano war damals noch nicht erfunden),
sie von dort entführte; im Gegenteil, die Fournisseurs
der Dame seufzen, sie soll ihr letztes Ratelier noch
schuldig sein. Nur in bezug auf die Tugend mag
Briefe über Deutschland ±jg
sie der berühmten Madam Menelaus gleichgestellt
werden.
Ja, die Weiber sind gefährlich; aber ich muß
doch die Bemerkung machen, daß die schönen lange
nicht so gefährlich sind wie die häßlichen. Denn
jene sind gewohnt, daß man ihnen die Kour mache,
letztere aber machen jedem Manne die Kour und
gewinnen dadurch einen mächtigen Anhang. Nament-
lich ist dies in der Literatur der Fall. Ich muß
hier zugleich erwähnen, daß die französischen Schrift-
stellerinnen, die jetzt am meisten hervorragen, alle
sehr hübsch sind. Da ist George Sand, der Autor
des Essai sur le developpement du dogme catho-
lique, Delphine Girardin, Madame Merlin, Louise
Collet — - lauter Damen, die alle Witzeleien über
die Grazienlosigkeit der bas bleux zuschanden
machen, und denen wir, wenn wir ihre Schriften
des Abends im Bette lesen, gern persönlich die Be-
weise unseres Respekts darbringen möchten. Wie
schön ist George Sand und wie wenig gefähr-
lich, selbst für jene bösen Katzen, die mit der einen
Pfote sie gestreichelt und mit der andern sie ge-
kratzt, selbst für die Hunde, die sie am wütendsten
anbellen; hoch und milde schaut sie auf diese herab,
wie der Mond. Auch die Fürstin Belgiojoso, diese
Schönheit, die nach Wahrheit lechzt, kann man un-
gestraft verletzen; es steht jedem frei, eine Madonna
von Rafael mit Kot zu bewerfen, sie wird sich nicht
wehren. Madame Merlin, die nicht bloß von ihren
Feinden, sondern sogar von ihren Freunden immer
gut spricht, kann man ebenfalls ohne Gefahr belei-
digen; gewohnt an Huldigungen, ist die .Sprache der
Roheit ihr fast fremd, und sie sieht dich an ver-
wundert. Die schöne Muse Delphine, wenn du sie
a$q Kleinere Schriften
beleidigst, ergreift ihre Leier, und ihr Zorn ergießt
sich in einem glänzenden Strom von Alexandrinern.
Sagst du etwas Mißfälliges über Madame Collet, so
ergreift sie ein Küchenmesser und will es dir in den
Leib stoßen. Das ist auch nicht gefährlich. Aber
beleidige nicht die Comtesse **! Du bist ein Kind
des Todes. Vier Vermummte stürzen auf dich ein
— vier souteneurs litteraircs — Das ist die Tour
de Nesle — du wirst erstochen, erwürgt, ersäuft —
den andern Morgen findet man deine Leiche in den
Entrefilets der Presse.
Ich kehre zurück zu Frau von Stael, welche nicht
schön war, und dem großen Kaiser Napoleon sehr
viel Böses zufugte. Sie beschränkte sich nicht dar-
auf, Bücher gegen ihn zu schreiben, sondern sie
suchte ihn auch durch nichtliterarische Mittel zu
befehden, sie war einige Zeit die Seele diplomati-
scher Intrigen, welche der Koalition gegen Napoleon
vorangingen: auch sie wußte ihrem Feinde einige
Spadassins auf den Hals zu jagen, welche freilich
keine Valets waren, wie die Champions der er-
wähnten Dame, sondern Könige. Napoleon unter-
lag, und Frau von Stael zog siegreich ein in Paris
mit ihrem Buche »De l'Allemagne« und einigen hun-
derttausend Deutschen, die sie gleichsam als eine
lebendige Illustration ihres Buches mitbrachte. . . .
Seit der Zeit sind die Franzosen Christen geworden,
und Romantiker, und Burggrafen. Das ginge mich
am Ende nichts an, und ein Volk hat wohl das
Recht, so langweilig und lauwarm zu werden, wie
ihm beliebt, umsomehr, da es bisher das geistreichste
und heldenmütigste war, das jemals auf dieser Erde
geschanzt und gekämpft hatte. Aber ich bin doch
bei jener Umwandlung etwas interessiert, denn als
Briefe über Deutschland 481
die Franzosen dem Satan und seiner Herrlichkeit
entsagten, haben sie auch die Rheinprovinzen abge*
treten, und ich ward bei dieser Gelegenheit ein
Preuße. Ja, so schrecklich das Wort klingt, ich bin
es, ich bin ein Preuße, durch das Recht der Er*
oberung. Nur mit Not, als es nicht länger auszu*
halten war, gelang es mir, meinen Bann zu brechen,
und seitdem lebe ich als Prussien libere hier in Paris,
wo es gleich nach meiner Ankunft eine meiner wich*
tigsten Beschäftigungen war, dem herrschenden Buche
der Frau von Stael den Krieg zu machen.
- Ich tat dieses in einer Reihe Artikel, welche ich
bald darauf als vollständiges Buch unter dem Titel
»De l'Allemagne« herausgab. Es fällt mir nicht ein,
durch diese Titelwahl, mit dem Buche der berühmten
Frau in eine literarische Rivalität treten zu wollen.
Ich bin einer der größten Bewunderer ihrer geistigen
Fähigkeiten, sie hat Genie, aber leider hat dieses
Genie ein Geschlecht, und zwar ein weibliches. Es
war meine Pflicht als Mann, jenem brillanten Kankan
zu widersprechen, der um so gefährlicher wirkte, da
sie in ihren deutschen Mitteilungen eine Masse von
Dingen vorbrachte, die in Frankreich unbekannt, und
durch den Reiz der Neuheit die Geister bezauberte.
Ich ließ mich auf die einzelnen Irrtümer und Fäl-
schungen nicht ein, und beschränkte mich, zunächst
den Franzosen zu zeigen, was eigentlich jene roman-
tische Schule bedeutete, die Frau von Stael so sehr
rühmte und feierte. Ich zeigte, daß sie nur aus einem
Haufen Würmern bestand, die der heilige Fischer
zu Rom sehr gut zu benutzen weiß, um damit Seelen
zu ködern. Seitdem sind auch vielen Franzosen in
dieser Beziehung die Augen aufgegangen, und sogar
sehr christliche Gemüter haben eingesehen, wie sehr
IX, M
482 Kleinere Schriften
ich Recht hatte, ihnen in einem deutschen Spiegel
die Umtriebe zu zeigen, die auch in Frankreich um-
herschlichen, und jetzt kühner als je das geschorene
Haupt erheben.
Dann wollte ich auch über die deutsche Philo*
sophie eine wahre Auskunft geben, und ich glaube,
ich hab es getan. Ich hab unumwunden das Schul-
geheimnis ausgeplaudert, das nur den Schülern der
ersten Klasse bekannt war, und hierzulande stutzte
man nicht wenig über diese Offenbarung. Ich er-
innere mich, wie Pierre Leroux mir begegnete und
mir offen gestand, daß auch er immer geglaubt habe,
die deutsche Philosophie sei ein gewisser mystischer
Nebel, und die deutschen Philosophen seien eine
Art frommer Seher, die nur Gottesfurcht atmeten.
Ich habe freilich den Franzosen keine ausführliche
Darstellung unserer verschiedenen Systeme geben
können — auch liebte ich sie zu sehr, als daß ich
sie dadurch langweilen wollte — aber ich habe ihnen
den letzten Gedanken verraten, der allen diesen
Systemen zugrunde liegt, und der eben das Gegenteil
ist von allem, was wir bisher Gottesfurcht nannten.
Die Philosophie hat in Deutschland gegen das Christen-
tum denselben Krieg geführt, den sie einst in der
griechischen Welt gegen die ältere Mythologie ge-
führt hat, und sie erfocht hier wieder den Sieg. In
der Theorie ist die heutige Religion ebenso aufs
Haupt geschlagen, sie ist in der Idee getötet, und
lebt nur noch ein mechanisches Leben, wie eine
Fliege, der man den Kopf abgeschnitten, und die es
gar nicht zu merken scheint, und noch immer wohl-
gemut umherfliegt. Wie viel Jahrhunderte die große
Fliege, der Katholizismus, noch im Bauche hat (um
wie Cousin zu reden), weiß ich nicht, aber es ist
Briefe über Deutschland 483
von ihm gar nicht mehr die Rede. Es handelt sich
weit mehr von unserem armen Protestantismus, der,
um seine Existenz zu fristen, alle möglichen Kon-
zessionen gemacht, und dennoch sterben muß: es
half ihm nichts, daß er seinen Gott von allem An»
thropomorphismus reinigte, daß er ihm durch Ader-
lässe alles sinnliche Blut auspumpte, daß er ihn
gleichsam filtrierte zu einem reinen Geiste, der aus
lauter Liebe, Gerechtigkeit, Weisheit und Tugend
besteht — alles half nichts, und ein deutscher Por-
phyrius, genannt Feuerbach <auf französisch fleuve
de flamme) moquiert sich nicht wenig über diese
Attribute des »Gott-Reiner-Geist«, dessen Liebe
kein besonderes Lob verdiene, da er ja keine mensch-
liche Galle habe; dem die Gerechtigkeit ebenfalls
nicht viel koste, da er keinen Magen habe, der ge-
füttert werden muß per fas et nefas; dem auch die
Weisheit nicht hoch anzurechnen sei, da er durch
keinen Schnupfen gehindert werde im Nachdenken;
dem es überhaupt schwer fallen würde, nicht tugend-
haft zu sein, da er ohne Leib ist! Ja, nicht bloß
die protestantischen Rationalisten, sondern sogar die
Deisten sind in Deutschland geschlagen, indem die
Philosophie eben gegen den Begriff »Gott« alle ihre
Katapulte richtete, wie ich eben in meinem Buche
»De l'Allemagne« gezeigt habe.
Man hat mir von mancher Seite gezürnt, daß ich
den Vorhang fortriß von dem deutschen Himmel und
jedem zeigte, daß alle Gottheiten des alten Glau-
bens daraus verschwunden, und daß dort nur eine
alte Jungfer sitzt mit bleiernen Händen und traurigem
Herzen: die Notwendigkeit. — Ach! ich habe nur
früher gemeldet, was doch später jeder erfahren
mußte, und was damals so befremdlich klang, wird
484 Kleinere Schriften
jetzt auf allen Dächern gepredigt jenseits des Rheines.
Und in welchem fanatischen Tone manchmal werden
die antireligiösen Predigten abgehalten! Wir haben
jetzt Mönche des Atheismus, die Herrn von Voltaire
lebendig braten würden, weil er ein verstockter Deist
sei. Ich muß gestehen, diese Musik gefällt mir
nicht, aber sie erschreckt mich auch nicht, denn ich
habe hinter dem Maestro gestanden, als er sie kom~
ponierte, freilich in sehr undeutlichen und verschnör-
kelten Zeichen, damit nicht jeder sie entziffre — ich
sah manchmal, wie er sich ängstlich umschaute, aus
Furcht, man verstände ihn. Er liebte mich sehr,
denn er war sicher, daß ich ihn nicht verriet; ich
hielt ihn damals sogar für servil. Als ich einst un-
mutig war über das Wort: »Alles, was ist, ist ver-
nünftig«, lächelte er sonderbar und bemerkte: »Es
könnte auch heißen: Alles, was vernünftig ist, muß
sein.« Er sah sich hastig um, beruhigte sich aber
bald, denn nur Heinrich Beer hatte das Wort ge-
hört. Später erst verstand ich solche Redensarten.
So verstand ich auch erst spät, warum er in der
Philosophie der Geschichte bebehauptet hatte: das
Christentum sei schon deshalb ein Fortschritt, weil
es einen Gott lehre, der gestorben, während die
heidnischen Götter von keinem Tode etwas wußten.
Welch ein Fortschritt ist es also, wenn der Gott
gar nicht existiert hat! ....
Mit dem Umsturz der alten Glaubensdoktrinen
ist auch die ältere Moral entwurzelt. Die Deutschen
werden doch noch lange an letztere halten. Es
geht ihnen wie gewissen Damen, die bis zum vier-
zigsten Jahre tugendhaft waren, und es nachher
nicht mehr der Mühe wert hielten, das schöne Laster
zu üben, wenn auch ihre Grundsätze laxer gewor-
Briefe über Deutschland 485
den. Die Vernichtung des Glaubens an den Himmel
hat nicht bloß eine moralische, sondern auch eine
politische Wichtigkeit: die Massen tragen nicht mehr
mit christlicher Geduld ihr irdisches Elend, und
lechzen nach Glückseligkeit auf Erden. Der Kom-
munismus ist eine natürliche Folge dieser veränderten
Weltanschauung, und er verbreitet sich über ganz
Deutschland. Es ist eine ebenso natürliche Er-
scheinung, daß die Proletarier in ihrem Ankampf
gegen das Bestehende die fortgeschrittensten Geister,
die Philosophen der großen Schule, als Führer be-
sitzen; diese gehen über von der Doktrin zur Tat,
dem letzten Zweck alles Denkens, und formulieren
das Programm. Wie lautet es? Ich hab es längst
geträumt und ausgesprochen in den Worten: »Wir
wollen keine Sanskülotten sein, keine frugale Bürger,
keine wohlfeile Präsidenten; wir stiften eine Demo-
kratie gleichherrlicher, gleichheiliger, gleichbeseligter
Götter. Ihr verlangt einfache Trachten, enthaltsame
Sitten und ungewürzte Genüsse; wir hingegen verlangen
Nektar und Ambrosia, Purpurmäntel, kostbare Wohl-
gerüche, Wollust und Pracht, lachenden Nymphen-
tanz, Musik und Komödien, c Diese Worte stehen
in meinem Buche »De l'Allemagnec, wo ich bestimmt
vorausgesagt habe, daß die politische Revolution der
Deutschen aus jener Philosophie hervorgehen wird,
deren Systeme man so oft als eitel Scholastik ver-
schrien. Ich hatte leicht prophezeien! Ich hatte ja ge-
sehen, wie die Drachenzähne gesät wurden, aus wel-
chen heute die geharnischten Männer emporwachsen,
die mit ihrem Waffengetümmel die Welt erfüllen,
aber auch leider sich untereinander würgen werden!
Seitdem das mehrerwähnte Buch erschienen, habe
ich für das Publikum nichts über Deutschland ver-
486 Kleinere Schriften
öffentlicht. Wenn ich heute mein langes Stillschwei-
gen breche, so geschieht es weniger, um die Be-
dürfnisse des eignen Herzens zu befriedigen, als
vielmehr um den dringenden Wünschen meiner
Freunde zu genügen. Diese sind manchmal weit
mehr, als ich, indigniert über die brillante Unwissen-
heit, die in bezug auf deutsche Geistergeschichte hier-
zulande herrscht, eine Unwissenheit, die von unseren
Feinden mit großem Erfolg ausgebeutet wird. Ich
sage: von unseren Feinden, und verstehe darunter
nicht jene armseligen Geschöpfe, die von Zeitungs-
bureau zu Zeitungsbureau hausieren gehen, und
rohe, absurde Verleumdungen feilbieten, und einige
sogenannte Patrioten als Allümeurs mit sich schlep-
pen: diese Leute können auf die Länge nicht scha-
den, sie sind zu dumm, und sie werden es noch
dahin bringen, daß die Franzosen am Ende in Zweifel
ziehen, ob wir Deutschen wirklich das Pulver er-
funden haben. Nein, unsere wahrhaft gefährlichen
Feinde sind jene Familiären der europäischen Aristo-
kratie, die unter allerlei Vermummungen, sogar in
Weiberröcken, uns überall nachschleichen, um im
Dunkeln unseren guten Leumund zu meucheln. Die
Männer der Freiheit, die in der Heimat dem Kerker,
der geheimen Hinrichtung oder jenen kleinen Ver-
haftsbefehlen, welche das Reisen so unsicher und
unbequem machen, glücklich entronnen sind, sollen
hier in Frankreich keine Ruhe finden, und die man
leiblich nicht mißhandeln konnte, sollen wenigstens
ihren Namen tagtäglich beschimpft und gekreuzigt
sehen
Anmerkungen
Lutezia.
Allgemeines.
Von Heines Plan, seine Artikel aus der »Allgemeinen
Zeitung« in den ersten vierziger Jahren zu sammeln
und seinen Werken einzuverleiben, ist zuerst in seinem
Brief an Campe vom 18. — Z2. März 1852 die Rede: die
Zusätze der Redaktion auszumerzen und das zu strei-
chen, was wegen veränderter Zeitumstände gegenstands-
los geworden war, schien ihm dabei die in erster Linie
zu lösende Aufgabe. Zugleich bat er, da er selbst
kein vollständiges Verzeichnis seiner Artikel mehr be-
saß, am 26. März Cotta, ein solches aus dem Verlags-
archiv zusammenzustellen und ihm die betreffenden
Nummern der Zeitung zuzusenden. Während der Re-
vision der Blätter konnte er am 7. Juni Campe melden,
daß er fühle, wie sich ein Buch in seinem Geiste for-
miere, das Blüte und Frucht seiner Pariser Erfahrungen
und Erlebnisse darstellen und, wenn nicht als Ge-
schichtsbuch, doch gewiß als eine Chrestomathie guter
publizistischer Prosa sich in der deutschen Literatur
erhalten werde. Am 12. August erklärte er es zwar
für eine höllische Arbeit, nach den glücklicherweise
wiedergefundenen Brouillons den stark entstellten Text
zu säubern, umzuarbeiten und durch einen besonnenen
Guß ein harmonisches Ganzes hervorzubringen, fing
aber bereits an, genauere Unterhandlungen über Druck-
legung und Honorierung des Werkes zu eröffnen. Die
weiteren Verhandlungen mit Campe führten aber bald
zu einer Vertagung der ursprünglich für die allernächste
Zeit geplanten Herausgabe: ja Heine erklärte am
12. September von dem ganzen Plane nichts mehr hören
zu wollen. Erst im Frühjahr 1854 trat man der An-
gelegenheit wieder näher: zwischen April und Juni
ging das Manuskript stückweise nach Hamburg ab, im
Juli begann der Druck. In seinen Briefen an Campe
aus dem Frühjahr und Sommer dieses Jahres spricht
400 Anmerkungen
sich Heine wiederholt über Tendenz und Wert seines
Buches aus: er hofft (j. März), daß das Werk der
Bildung des Stils für populäre Themata sehr förderlich
sein werde, nennt es <i5. April) ein Geschichtsbuch,
das den heutigen Tag ansprechen und in der Zukunft
fortleben werde, und findet <z6. Juni), daß das Ganze
sich wie ein Roman lese, während es doch ein histo-
risches Aktenstück sei und sein prägnantester Stil sich
darin kundgebe. Am zi. August ging das Zueignungs-
schreiben an den Fürsten Pückler als Schlußstein der
Arbeit an Campe ab.
Erster Druck: Vermischte Schriften von Heinrich Heine.
Zweiter Band: Lutezia, Erster Teil. Dritter Band:
Lutezia, Zweiter Teil. Hamburg, Hoffmann und Campe,
1854. Diese Ausgabe liegt unserem Text zugrunde;
verglichen wurden die Artikel in der »Allgemeinen
Zeitung« 1840: Nr. 66. 108. iz8 Beil. 129. 144 Beil.
149 Beil. 154. 158 Beil. 17z Beil. 191 Beil. 214 Beil.
u. Hauptbl. 218 Beil. 219 Beil. 247. 272. 28z. z86Beil.
u. Hauptbl. 309. 315. 317 Beil. 3Z6. — Jahrgang 1841:
Nr. 13 Beil. 20 Beil. 53 Beil. 97. 119 Beil. 126. 145 Beil.
148. 352 Beil. 360 Beil. — Jahrgang 1842: Nr. 3.
18 Beil. 44 Beil. 129 Beil. 167 Beil. 178 Beil. 198. 200.
205. 211. 293 Beil. 347. — Jahrgang 1843: Nr. 5 Beil.
85 Beil. u. Hauptbl. 134 Beil. 196 Beil. — Jahrgang
1844: Nr. 129 Beil. 138 Beil. — Jahrgang 1846: Nr. 217
Beil. Z43 Beil. — Jahrgang 1847: Nr. 140. Außer
dem »Zueignungsbrief« und fast sämtlichen »Späteren
Notizen« fehlen in der »Allgemeinen Zeitung« die
Abschnitte I, VI, XI, XXV, XXX, LIV, LVIII,
LXI und die Abschnitte über »Kommunismus, Philo-
sophie und Klerisei« und »Gefängnisreform und Straf-
gesetzgebung« im Anhang. Der erste Teil des An-
hangs erschien zuerst unter der Überschrift »Kampf
und Kämpfer« in der »Zeitung für die elegante Welt«
1843, Nr. Z9, die auch einen Teil von Nr. LXI bringt.
Anmerkungen 491
— Heines regelmäßige Chiffre in der »Allgemeinen
Zeitung« ist 0 oder & ; nur Abschnitt II ist mit 2|-
gezeichnet. — Einzelne Artikel der »Allgemeinen
Zeitung« tragen eigene Überschriften; so IV: »Die
Extreme in Frankreich«. V: »George Sands Co-
sima«. VIII: »Thiers und die Franzosen«. IX: »Die
Juden und die Presse in Paris«. XXXI: »Die
Befestigung von Paris vom Standpunkt der Franzosen«.
XXXIII: »Musikalische Saison in Paris«. XXXV:
»Mignet, Cousin, Guizot«. XXXVII: »Volks» und
Kunstleben in Paris«. XXXVIII: »Der Obelisk von
Luxor. Guizot und Thiers«. XLII: »Der Karneval
in Paris«. XLIII: »Rossini und Felix Mendels-
sohn«. XLIV: »Destutt de Tracy«. XLV: »Die
Wahlen«. LIII: »Jahresrückblick«. ~ LVII: »In-
dustrie und Kunst«. LX: »Michelet und Edgar
Quinet«.
Lesarten.
Bei der Bearbeitung der Artikel aus der »Allgemeinen
Zeitung« für die »Vermischten Schriften« sind folgende
wichtigeren längeren und kürzeren Stellen gestrichen
worden :
Seite 23, j Thiers ist kein Ehrgeiziger, ebensowenig
wie Victor Hugo; Monsieur de Lamartine hingegen ist
ein Ehrgeiziger, sowohl in politischer wie in poetischer
Beziehung.
Seite 27^ Das bedeutendste Organ der Republikaner
ist die Revue du Progres. Louis Blanc, der Redakteur
en chef, ist unstreitig der ausgezeichnetste Kopf seiner
Partei. Von Statur ist er sehr klein, sieht fast aus wie
ein Schuljunge, kleine rote Bäckchen, fast gar kein Bart ;
aber mit dem Geiste überragt er alle seine Parteigenossen,
und sein Blick dringt tief in die Abgründe, wo die
sozialen Fragen nisten und lauern. Er ist ein Mann,
XQ2 Anmerkungen
der eine große Zukunft hat, denn er begreift die Ver-
gangenheit. Er ist, wie gesagt, der ausgezeichnetste
Kopf seiner Partei, und ich habe mich nicht sehr ver-
wundert, als ich diese Woche von der Dissidenz er-
fuhr, die zwischen ihm und seinen republikanischen Mit-
redaktoren ausgebrochen. Louis Blanc hatte nämlich,
bei Gelegenheit des Vautrin von Balzac, unumwunden
erklärt, daß die Theaterzensur notwendig sei. Empört
durch solchen greuelhaften Ausspruch, solche anti-
jakobinische Ketzerei, haben sich Felix Piat und August
Luchet von der Redaktion der Revue du Progres los-
gesagt. Beide sind nicht bloß Männer von ehrenvollem
Charakter, sondern auch Schriftsteller von großem Ta-
lent; vor einigen Jahren schrieben sie gemeinsam ein
Drama, welches von der Theaterzensur unterdrückt
wurde.
Seite 28 14 Der aufgeklärte Bankier, der mir dieses
sagte, ist weder der große Baron v. Rothschild, noch
der kleine Hr. Königswärter; kaum bedürfte es noch
dieser besondern Bemerkung, da ersterer, wie jeder weiß,
so viel Geld hat, daß seine beiden Taschen davon voll
sind, während der andere zu wenig Geist hat, als daß
er irgend zu erklären wüßte, warum er zwanzigmal des
Tags abwechselnd Royalist und Republikaner ist.
Seite 30 27 Seine Gegner flüstern sich dergleichen ins
Ohr. Hingegen seine Freunde bemerken an ihm eine
täglich zunehmende Milde. Der Mann lebt im Gefühl
seiner ernsthaften Pflichten, seiner Verantwortlichkeit
gegen Mitwelt und Nachwelt, und er wird dem Tumult
der Tagesleidenschaften immer die kluge Ruhe des
Staatsmanns entgegensetzen.
Seite 34 y und die Vorstellung ward nicht unterbrochen
durch jene Tumulte, die bei der Aufführung der Stücke
von Victor Hugo stattzufinden pflegen.
Anmerkungen aq?
Seite 3422 Die Beifallsbezeugungen, die dennoch
häufig und hinlänglich geräuschvoll stattfanden, waren
um so ehrenwerter. Während des fünften Akts hörte
man einige Meucheltöne, und doch enthielt dieser Akt
weit mehr dramatische und poetische Schönheiten als
die vorhergehenden, worin das Bestreben, alles Anstößige
zu vermeiden, fast in eine unerfreuliche Zagnis aus-
artete.
Über den Wert des Stücks überhaupt will ich mir
hier kein Urteil gestatten. Genug, der Verfasser ist
George Sand und das gedruckte Werk wird in einigen
Tagen der Kritik von ganz Europa überliefert werden.
Das ist ein Vorteil, den die großen Reputationen ge-
nießen: sie werden von einer Jury gerichtet, welche sich
nicht irre machen läßt von einigen literarischen Eunuchen,
die aus dem Winkel eines Parterres oder eines Journals
ihre pfeifenden Stimmchen vernehmen lassen.
Seite 51 2 Ihr irrt euch: in der Person des auf
St. Helena Geschiedenen wurde nicht Frankreich miß-
handelt, sondern die Menschheit, wie auch die Leichen-
feier, die jetzt stattfinden wird, keineswegs als eine
Niederlage der auswärtigen Mächte zu betrachten ist,
sondern als ein Sieg der Menschheit. Dem Lebenden
galt der Kampf, nicht dem Toten, und daß man diesen
den Franzosen nicht schon längst ausgeliefert hat, das ist
nicht die Schuld der europäischen Potentaten, sondern
einer kleinen Koterie großbritannischer Fuchsjäger und
Stallknechte, die unterdessen den Hals gebrochen oder
sich die Kehle abgeschnitten haben, wie z. B. der edle
Londonderry, oder auch sonst zugrunde gingen durch
die Macht der Zeit und des Portweins. Wir haben
bereits vor vielen Jahren in Deutschland dem großen
Kaiser den schuldigen Tribut der Verehrung gezollt,
und jetzt haben wir wohl das Recht, die Exaltation
der heutigen Huldigungen mit etwas Gemütsruhe zu
betrachten. Aufrichtig gestanden, die Franzosen ge-
aqa Anmerkungen
bärden sich bei dieser Gelegenheit wie die Kinder,
denen man ihr Spielzeug genommen hat und wieder
zurückgibt: sobald sie es in Händen haben, werden sie
es lachend zerschlagen und mit Füßen treten, und ich
sehe schon voraus, wieviel schlechte Witze gerissen
werden, wenn die große Prozession anlangt mit den
Reliquien von St. Helena. Jetzt schwärmen sie, die
gutmütig leichtsinnigen Franzosen. Sie sind mit den
Lebenden so unzufrieden, daß sie Gott weiß was von
dem Toten erwarten. Ihr irrt euch. Ihr werdet einen
sehr stillen Mann an ihm finden.
Seite 52,9 Zwischen dem Univers und der Qyoti-
dienne, welche sich von ersterem durch einen^ etwas
chevaleresken Charakter unterscheidet, hat sich in betreff
der Damaszener Vorgänge eine Polemik entsponnen, die
sehr wunderlicher, fast ergötzlicher Art ist: die Qyoti-
dienne, ein Organ der reinen Legitimisten, der An-
hänger der älteren Linie, steht in natürlicher Fehde mit
jenem Teil des Klerus, welcher sich der jüngeren Linie
der Bourbons, der herrschenden Dynastie, anschließt.
Seite 54,6 Ein wiedereingesetzter Bonaparte würde
in rührender Dankbarkeit verharren; die matte Kreatur
würde ihren starken Schöpfer um so preisender ver-
ehren, je bedürftiger sie seiner Nachstütze beständig
bliebe. Dazu kommt, daß es leichter ist in Frankreich
ein Bonapartistenregiment als eine Republik zu stiften ;
gegen ersteres würde weder die Bourgeoisie noch die
Armee so großen Widerstand leisten, wie gegen die
Republik. Der Bourgeoisie liegt nur an einem sichern
Schutzvogt des Eigentums. Und gar die Armee —
in dem Schrei Vive l'Empereur! liegen so viele fun-
kelnde Epaulette, so viele Herzogsuniformen, so viele
Kontributionen, kurz der glänzendste Köder der Raub-
sucht und Eitelkeit.
Anmerkungen 495
Seite 78,7 Sowohl die Redaktion als das Eigentum
des > Commerce« ist vor 14 Tagen in andere Hände
übergegangen. Diese Nachricht ist an sich freilich
nicht sehr wichtig, aber wir wollen daran allerlei Be-
merkungen knüpfen. Zunächst bemerke ich, daß diese
renovierten Blätter dieser Tage einen Ausfall gegen
meine Korrespondenz in der »Allgemeinen Zeitung«
enthielten, der ebenso ungeschickt wie albern war. Der
Verdächtigung, worauf es abgesehen, bin ich mit auf-
schlagenem Visier im »Constitutionnel« entgegengetreten.
Eine andere Bemerkung, die aber allgemeiner Art,
drängt sich uns entgegen bei der Frage: welche Farbe
wird das »Commerce« jetzt annehmen? Man hat mir
nämlich geantwortet: »Dieses Blatt wird sich weder
für das dermalige Königtum, noch für die republika-
nische Partei aussprechen, und vorderhand wird es
wohl bonapartistisch werden.« In dieser scheinbar aus-
weichenden, unbestimmten Antwort ertappen wir ein
Geständnis, das uns über das ganze politische Treiben
der Franzosen viel Belehrung und Aufschluß gewährt.
Nämlich: in dieser Zeit der Schwankungen, wo niemand
weiß was ihm die nächste Zukunft entgegenführt; wo
viele, mit der Gegenwart unzufrieden, dennoch nicht
wagen mit den Tagesherrschern bestimmt zu brechen;
wo die meisten eine Stellung in der Opposition ein-
nehmen wollen, die nicht auf immer verpflichtend und
ebensowenig kompromittierend ist, sondern ihnen erlaubt,
ohne sonderlich herbe Retraktionen, je nachdem das
Kriegsglück entscheidet, ins Lager der siegenden Re-
publik oder des unüberwindlichen Königtums überzu-
gehen — in dieser Zeit ist der Bonapartismus eine be-
queme Übergangspartei. Aus diesem Grunde erkläre
ich es mir, weshalb jeder, der nicht genau weiß was
er will, oder was er darf, oder was er kann, sich um
die imperialistische Standarte versammelt. Hier braucht
man keiner Idee den Eid der Treue zu schwören,
und der Meineid wird hier keine Sünde gegen den hei-
j.q6 Anmerkungen
ligen Geist. Das Gewissen, die bessere Ehre, erlaubt
hier auch späterhin jeden Abfall und Fahnenwechsel. —
Und in der Tat das napoleonische Kaisertum war
selber nichts anderes als neutraler Boden für Menschen
von den heterogensten Gesinnungen, es war eine nütz»
liehe Brücke für Leute, die sich aus dem Strom der
Revolution darauf retteten und 20 Jahre lang darauf
hin und her liefen, unentschlossen ob sie sich auf das
rechte oder auf das linke Ufer der Zeitmeinungen be-
geben sollten. Das napoleonische Kaisertum war kaum
etwas anderes als ein abenteuerliches Interregnum, ohne
geistige Notabilitäten, und all seine ideelle Blüte resü-
miert sich in einem einzigen Manne, der am Ende
selber nichts ist als eine glänzende Tatsache, deren
Bedeutung wenigstens bis jetzt noch halb ein Geheimnis
ist. Dieses materielle Zwischenreich war ganz den da-
maligen Bedürfnissen angemessen. Wie leicht konnten
die französischen Sansculotten in die gallonierten Pracht-
hosen des Empire hineinspringen! Mit welcher Leich-
tigkeit hingen sie später die befiederten Hüte und gold-
nen Jacken des Ruhmes wieder an den Nagel und
griffen wieder zur roten Mütze und zu den Rechten
der Menschheit! Und die ausgehungerten Emigranten,
die adelstolzen Royalisten, sie brauchten ihrem ange-
bornen Höflingssinn keineswegs zu entsagen, als sie
dem Napoleon I. statt Ludwig XVI. dienten, und als
sie, dem erstem wieder den Rücken kehrend, dem legi-
timen Herrscher, Ludwig XVIII. huldigten!
Trotzdem, daß der Bonapartismus tiefe Sympathien im
Volke findet und auch die große Zahl der Ehrgeizigen,
die sich nicht für eine Idee entscheiden wollen, in sich
aufnimmt, trotzdem glaube ich nicht, daß er sobald
den Sieg davontragen möchte; käme er aber zur Herr-
schaft, so dürfte auch diese nicht von langer Dauer
sein, und sie würde, ganz wie die frühere napoleo-
nische Regierung, nur eine kurze Vermittlungsperiode
bilden. — Unterdessen aber versammeln sich alle mög-
Anmerkungen 4,97
liehen Raubvögel um den toten Adler, und die Ein»
sichtigen unter den Franzosen werden nicht wenig da*
durch geängstigt. Die Majorität in der Kammer hat
vielleicht doch nicht so ganz unrecht gehabt, als sie
die zweite Begräbnismillion verweigerte und hiedurch
die auflodernde Eroberungssucht etwas dämpfte. Die
Kammer besitzt den Instinkt der nationalen Selbsterhal-
tung, und sie hatte vielleicht eine dunkle Ahnung, daß
dieser Bonapartismus ohne Bonaparte, diese Kriegslust
ohne den größten Feldherrn, das französische Volk sei-
nem Untergang entgegenführt.
»Und wer sagt Ihnen, daß wir dessen nicht ganz
bewußt waren, als wir über die zwei Millionen der
Leichenfeier votierten ?c Diese Worte entschlüpften
gestern einem meiner Freunde, einem Deputierten, mit
welchem ich, die Galerien des Palais-Royal durchwan-
delnd, über jenes Votum sprach. Wichtiges und er-
freuliches Geständnis! um so mehr, als es aus dem
Mund eines Mannes kommt, der nicht zu den blöden
Zitterseelen gehört: vielleicht sogar ist bei diesem Ge-
genstand sein Name von einiger Bedeutung wegen der
glorreichen Erinnerungen, die sich daran knüpfen —
es ist der Sohn jenes tugendhaften Kriegers, der im
Heilausschuß saß und den Sieg organisierte — es ist
Hippolyt Carnot. Heilausschuß! comite du salut public!
Das Wort klingt noch weit erschütternder, als der
Name Napoleon Bonaparte. Dieser ist doch nur ein
zahmer Gott des Olymps im Vergleich mit jener wilden
Titanenversammlung.
Seite 79 5 Dieses Zirkular beginnt mit den Worten:
C'est tres probablement une b^neVole supposition ou
im souhait amical jete ä loisir dans le camp des nou-
vellistes de Paris, que l'annonce que je viens de lire
dans la Gazette d'Etat de Berlin, et dans les Deb.its
du 16. courant, que l'administration de l'acad^mie royale
de musique a arr£te de remettre en scene la Vestale!
IX, ,i
aq8 Anmerkungen
ce dont aucuns desirs ni soucis ne m'ont un seul in-
stant occupe apres mon dernier depart de Paris! Als
ob jemand in der Staatszeitung oder in den Debats
aus freiem Antrieb von Hrn. Sp. spräche, und als ob
er nicht selbst die ganze Welt mit Briefen tribulierte,
um an seine Oper zu erinnern.
Seite 108 ,3 Was mich betrifft, ich glaube nicht an
Krieg, und wie Sie wissen, zweifelte ich nie am Fort-
bestand des Friedens. Aber es ist immer wichtig zu
erfahren, mit welchen Gesinnungen das Volk einen
Ausbruch der Feindseligkeiten begrüßen würde. Und
in dieser Beziehung bemerke ich bei der großen Masse
einen bewunderungswürdigen Scharfsinn. Die Franzosen
täuschen sich nicht über die Gefahren, die ihnen sowohl
von innen als von außen entgegendrohen. Da sie aber
genau ihren Zustand kennen und genau wissen, was sie
wollen, werden sie mit der größten Schnelligkeit ver-
fahren. Ich bin überzeugt, sie entledigen sich zuerst
jener vergangenheitlichen Partei, die, eine unversöhnliche
Feindin des neuen Frankreichs, weder durch Großmut,
noch durch Vernunft entwaffnet werden konnte, und
bei der geringsten Hoffnung einer fremden Invasion
die alten Ränke spielen läßt, und, wie man behauptet,
wieder die Chouans in der Vendee zum Bürgerkriege
aufreizt. Reisende versichern mir, daß dort schon
einige Scharmützel vorgefallen, aber diese unreifen Ver-
suche bald unterdrückt wurden. Wichtig war es mir
zu ermitteln, wie man hierzuland über den König
denkt, und mit Freude bemerkte ich, daß man ihm das
treueste Mitgefühl für sein Volk zutraut, und auch nicht
der leiseste Verdacht antinationaler Sympathien auf ihm
lastet. Man weiß zwar, daß er den Frieden liebt — <und
welcher ehrliche Mann liebte ihn nicht?) — aber man
weiß auch, daß er den Krieg nicht bis zur Feigheit
fürchtet. In der Tat, Ludwig Philipp ist ein Held, aber
in der Weise jenes Odysseus, der sich nicht gern schlug,
Anmerkungen aqq
wenn er mit der Diplomatie der Rede sich durchhelfen
konnte, der aber ebenso tapfer focht, wie irgend ein
Ajax oder Achilles, wenn er mit Worten nicht mehr
auslangte und notgezwungen zum Schwert oder Bogen
greifen mußte. Die Meinung geht sogar dahin, daß er
im schlimmsten Falle zu einer sehr terroristischen
Gegenwehr seine Zuflucht nehmen werde. —
Seite 112 4 Jetzt hat sich auch in dieser Beziehung
manches geändert. Lamennais selber ist ein Bretonc
und seine Lehre ist vielleicht mit ein Erzeugnis des
Bodens. Die Geistlichkeit mußte sich versöhnen mit
der neuen Gedankendynastie, als sie die Hoffnung
aufgab, die Dynastie der alten Gedanken wiederher-
zustellen. Laßt uns ihnen nicht Unrecht tun: um die
Menschen zu beglücken, muß man sie lenken können,
und die Mittel zu diesem ernsten Zweck erlangt man
nur durch Verbündung mit den herrschenden Gewalten.
Die Lehre Lamennais' ist aber nicht bloß für Frank-
reich, sondern für ganz Europa von der furchtbarsten
Bedeutung, besonders im Fall eines Krieges gegen die
Quadrupelallianz würde sie eine Rolle spielen. Ich
habe Sie längst darauf aufmerksam gemacht, daß das
französische Ministerium mit jener Partei allerlei im
Sinne führt, und sie nicht bloß schont, sondern ihr auch
mitunter schmeichelt. Was man auch sage, Hr. Thiers
ist ein großer Staatsmann, und bei seiner religiösen In-
differenz mag es ihm leicht einfallen, auch die Religion,
die Heilsbotschaft des Friedens, als Zerstörungsmittel
zu benutzen. Überhaupt dürften im Fall eines Kriegs
allerlei Erscheinungen emportauchen, wovon man jetzt
noch keine Ahnung hat, und schauerlich ist der gegen-
wärtige Moment, wo von den kleinsten Mißgriffen der
Friede der Welt abhängig ist.
Seite ii27 Wer hat diesen Dämon geweckt? Ich
glaube die Selbstsucht der Engländer ist ebenso schuldig
coo Anmerkungen
wie der Leichtsinn der Franzosen. In der Tat, einer
der bedeutendsten Staatsmänner versicherte mich vor
etwa sechs Wochen, der schlaue Brunnow habe da-
durch die Engländer geködert, daß er ihnen in der
Perspektive den Untergang der französischen Marine
zeigte als ein natürliches Resultat der eintretenden Ver-
wickelungen und Kollisionen. Und sonderbar! in der
ganzen Normandie, wie ich Ihnen bereits aus Granville
schrieb, und auch in der Bretagne, fand ich, wie eine
Volkssage, überall die Meinung verbreitet, als habe
England sich mit den russischen Interessen verbündet,
aus perfider Eifersucht wegen der blühenden Entwicke-
lung der französischen Marine. Was die feinste diplo-
matische Nase gerochen, durchschaut das Volk mit
seiner wunderbaren Klarsicht.
Seite 114,2 Die Niederlage der Bonapartisten ist für
die Republikaner vielleicht ein ebenso großer Gewinn,
wie sie ein Mißgeschick für die Anhänger der Ozea-
nischen Dynastie; zwischen letztern und der Republik
gibt es jetzt keine Übergangspartei mehr, und beide
werden um so heftiger zusammenstoßen. Die Legiti-
misten freuen sich ungemein über die Bonapartistischen
Mißgeschicke, denn Napoleon ist ihnen noch weit
verhaßter als die Republik und Ludwig Philipp; auch
meinen sie, Heinrich V. sei jetzt der einzige Präten-
dent. Der Prinz Ludwig Bonaparte ist in der Tat für
immer verloren, nicht durch den Narrenstreich von
Boulogne, sondern durch den größeren Narrenstreich
den er beging, als er den Hrn. Berryer, den schlauen
Sachverwalter der Karlisten, zu seinem Verteidiger er-
wählte! — Hier in Paris herrscht in diesem Augenblick
eine griesgrämlich brütende Stimmung. Viele Truppen
ziehen durch die Stadt, mit trübem Trommelschlag,
und in den Lüften spielt der Telegraph mit beäng-
stigender Hast. Der Prozeß des Prinzen Ludwig wird
in wenigen Tagen geendigt sein und beschäftigt keines-
Anmerkungen 501
wegs die Neugier der Menge. Der arme Prinz macht
Fiasko, während Madame Lafarge seit ihrer Verurtei-
lung noch leidenschaftlicher als früher besprochen wird.
Seite 121,2 Wir haben in diesen Blättern unsere Vor-
liebe für Thiers immer freimütig ausgesprochen und
unsere Abneigung gegen Guizot nie verhehlt; nur den
Privatcharakter Guizots haben wir unbedingt gewürdigt
und gern zollten wir dem Menschen unsere Achtung,
während unsere Rüge den Staatsmann bloßstellte. Werden
wir gegen letztern die höchste Unparteilichkeit aus-
üben können? Wir wollen es ehrlich versuchen. In
diesem Augenblick ist es unsere größte Pflicht.
Seite 12530 Ich kann dieses Porträt nicht genug
loben; es erschien vor einiger Zeit bei Rittner, dem
deutschen Kunsthändler auf dem Boulevard-Montmartre,
bei welchem jetzt eine Menge schöner Sachen heraus-
kommen, z. B. die Fischer von Ludwig Robert. Als
Hr. Rittner mich jüngst dieses Meisterstück des Grab-
stichels, das fast ganz vollendet ist, mit freundlicher
Güte sehen ließ, und auf die Porträte von Thiers die
Rede kam, bemerkte er, daß seine Kunden in der Pro-
vinz und im Auslande von dem Porträt des Hrn. Thiers
15 Exemplare verlangen, während ihnen von jedem Por-
trät der übrigen großen Männer ein einziges Exemplar
genügt.
Seite 1343 Wie alle bedeutenden Menschen suchte
er gern seine besondern Bedürfnisse mit dem Gemein-
wohl seiner Zeitgenossen in Einklang zu bringen, und
so steigerte sich in ihm die Überzeugung, daß der Krieg
nicht bloß für ihn, sondern für die ganze Menschheit
ein Unglück sei, und alle seine Kämpfe zur Erhaltung
des Friedens, die Gefahren, worein sie ihn verstricken,
die Kränkungen, denen er dadurch ausgesetzt, betrachtet
er als» ein Martyrtum. Vielleicht hat er recht, viel-
rQ2 Anmerkungen
leicht leidet er für uns alle — verleumdet wenigstens
nicht seine Tränen! — Es war ein trauriges Faktum,
das den trübseligsten Interpretationen begegnet.
Seite 134 14 Der Sieg, den gestern das Ministerium
in den Bureaux der Kammer davongetragen, ist nicht
so wichtig, wie man nach dem Triumphgeschrei seiner
Blätter schließen dürfte. Die Wahl des Präsidenten
und der Vizepräsidenten zeugt zwar von einiger Lau-
heit, ist aber in der Hauptsache von keiner Bedeutung.
Die französischen Deputierten sind eben solche Fran-
zosen wie die übrigen, und werden ebenso wie diese
durch Ereignisse in leidenschaftliche Bewegung gesetzt.
Lassen Sie nur einmal eine Nachricht anlangen, die
das Nationalgefühl verletzt — und der Moderantismus
der Moderantesten wird spurlos verschwinden. Die
Leute, auf welche das Ministerium rechnet, gehören
meistens zu jenem Marais, dessen charakteristische Tu-
gend darin besteht, daß er die Regierung unterstützt,
solange sie nicht mit bedeutender Stärke angegriffen
wird. Heute ist der Marais gegen Thiers, morgen ist
er für ihn — doch wir wollen mit unserm Urteil den
Ereignissen nicht vorgreifen.
Seite 136,7 Ich habe Lamartines erwähnt, des großen
Poeten; dieser Mann hat auch im Gebiete der Politik
viel Zukunft. Ich liebe ihn nicht, aber volle Unpar-
teilichkeit wollen wir ihm widerfahren lassen, wenn
nächstens in der Kammer über die orientalischen An-
gelegenheiten seine edle Stimme sich erheben wird.
Seite 14028 Die Feinde der Revolution würdigen ihn
in dieser Beziehung weit besser als unsre Radikalen;
jene haben wohl eingesehen, daß, während er das Re-
giment der Mittelklassen gegen den Ansturm der Pro-
letarier schützt, er dennoch durch seine Unterrichts-
reformen die untern Klassen vorbereitete, im* Laufe
Anmerkungen 503
der Zeit, in allmählicher Entwicklung ohne gewaltsame
Plötzlichkeit, an jenem Regiment einen ersprießlichen
und segensreichen Anteil zu nehmen.
Seite 160 16 Wir sind gesonnen jedem Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen und von Hrn. Thiers nicht Dinge
zu verlangen, die nicht in seinem Wesen liegen und
mit seiner Geschichte unvereinbar sind. Wir haben
seinen Patriotismus gerühmt, wir wollen auch seine Ge-
nialität anerkennen. Sonderbar genug ist es, daß diese
heterogenen Vorzüge in diesem Manne vereinigt sind.
Ja, er ist nicht bloß ein patriotischer Franzose, sondern
auch ein Mensch von Genie, und manchmal wenn er
zu diesem Bewußtsein gelangt, vergißt er sein beschränkt
örtliches Nationalgefühl, es ergreift ihn die Ahnung
eines sozusagen zeitlichen Weltbürgertums, und in einem
solchen Momente sprach er einst die merkwürdigen
Worte: »Ich liebe mein Jahrhundert, denn dieses ist
ein Vaterland, das ich in der Zeit besitze. t
Seite 161,6 Wir wollen sehen was für ihn geschieht
und ob man ihm die volle Erblichkeit seines Pascha«
liks auswirkt und sichert. Aber auch im Falle diese
Erblichkeit für Mehemed Ali eine Wahrheit wird, ist
seine Macht ganz zugrunde gerichtet und er wird nimmer-
mehr der Macht des Sultans das Gleichgewicht halten
können, wie früher, wo vielleicht eben durch das Gleich-
gewicht der beiden Gegner die Ruhe der türkischen
Provinzen erhalten wurde. Die Statthalter derselben
verharrten bei dem schwachen Großherrn, weil sie sich
vor dem übermächtigen Vasallen fürchteten; oder auch
sie warteten auf den Ausgang des großen Zweikampfs,
unentschlossen zum Abfall wie zum Übertritt, im Zaum
gehalten durch den Respekt, womit sie schon dem ein-
stigen Sieger huldigten. Die Gegenwart gehorchte ge-
wissermaßen einer Autorität der Zukunft. Jetzt ist auch
dieses Bindungsmittel zerstört, jeder weiß, daß der Pascha
J04 Anmerkungen
nimmermehr zur Alleinherrschaft gelangt, jeder weiß
auch, daß die gepriesene Oberhoheit des Sultans nur
eine glänzende Scheinmacht ist, eine morgenländische
Ferman-Hyperbel, eine okzidentalische Protokolltäu-
schung, und Stück vor Stück wird jetzt das ganze
Türkenreich auseinanderfallen, wie einst das ältere Ka-
lifat. — Wird aber unter diesen Umständen die Ruhe
im Orient dergestalt begründet werden können, daß die
Konflikte nicht bis zu uns fortwirken? Ich fürchte, die
vielbelobte Pazifikation, wodurch der Pascha geschwächt
und der Sultan nicht gestärkt worden, gibt eben das
Signal zu der allgemeinen Auflösung des osmanischen
Reiches und zu dem Beginn des großen Erbfolgestreits!
Seite 17028 Auch spielte er in dem Konzert der
Gazette musicale des Hrn. Schlesinger, der ihn mit
Lorbeerkränzen aufs liberalste belohnt. Die France
musicale preist ihn ebenfalls und mit gleicher Unpartei-
lichkeit: diese Zeitschrift hegt einen blinden Groll gegen
Liszt, und um indirekt diesen Löwen zu stacheln, lobt
sie das kleine Kaninchen. Von welcher Bedeutung ist
aber der wirkliche Wert des berühmten Döhler? Die
einen sagen, er sei der letzte unter den Pianisten des
zweiten Rangs; andere behaupten, unter den Pianisten
des dritten Ranges sei er der erste!
Seite 17421 Jedenfalls war Mlle. Löwe sehr schlecht
beraten in der Wahl der Stücke, die sie vortrug. Und
dann, sonderbar! es waltet ein unglücklicher Stern über
den Debüts in den Schlesingerschen Konzerten. Mancher
junge Künstler weiß ein trübes Lied davon zu singen.
Am traurigsten erging es dem armen Ignaz Moscheies,
der vor einem Jahr aus London herüberkam nach Paris,
um seinen Ruhm, der durch merkantilische Ausbeutung
sehr welk geworden, ein bißchen aufzufrischen. Er
spielte in einem Schlesingerschen Konzerte, und fiel
durch, jammervoll.
Anmerkungen 505
Seite 1753 Wohlunterrichtete Personen versichern
mich, Meyerbeer sei ganz unschuldig an der verzöger-
ten Aufführung seiner neuen Oper, und die Autorität
seines Namens werde zuweilen ausgebeutet, um fremde
Interessen zu fördern: er habe der Direktion der Aca-
demie royale de Musique sein vollendetes Werk zur
Verfügung angeboten, ohne in betreff der ersten Sän-
gerin irgend eine wählige Bedingnis zu stellen.
Obgleich, wie ich oben bemerkt habe, die inner-
lichste Tugend des deutschen Gesanges, seine süße
Heimlichkeit, den Franzosen noch immer verborgen
bleibt, so läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß
die deutsche Musik bei dem französischen Volk sehr
in Aufnahme, wo nicht gar zu Herrschaft kommt.
Es ist dies die Sehnsucht Undinens nach einer Seele.
Wird das schöne Kind durch den Gewinnst dieser Seele
glücklicher sein? Darüber möchten wir nicht urteilen;
wir wollten hier nur eine Tatsache aufzeichnen, die
vielleicht einen Aufschluß gibt über die außerordent-
liche Popularität des großen Meisters, der den »Robert
le Diable« und die » Hugenotten € geschaffen und dessen
dritte Oper, der »Prophet«, mit einer fieberhaften Unge-
duld, mit einem Herzklopfen erwartet wird, wovon man
keinen Begriff hat. Man lächle nicht, wenn ich be-
haupte, auch in der Musik — nicht bloß in der Lite-
ratur — liege etwas, was die Nationen vermittelt.
Durch ihre Universalsprache ist die Musik mehr als jede
andere Kunst geeignet, sich ein Weltpublikum zu bilden.
Jüngst sagte mir ein Franzose: durch die Meyerbeer-
schen Opern sei er in die Goethesche Poesie einge-
weiht worden, jene hätten ihm die Pforten der Goethe-
schen Dichtung erschlossen. Es liegt ein tiefer Sinn
in diesem Ausspruch, und er bringt mich auf den Ge-
danken, daß der deutschen Musik überhaupt hier in
Frankreich die Sendung beschieden sein mag, als eine
präludierende Ouvertüre das Verständnis unserer deut-
schen Literatur zu befördern.
jo6 Anmerkungen
Seite i829 Es herrscht wirklich etwas Deutsches in
seinem Wesen, aber Deutsches von der besten Art:
er ist grundgelehrt, grundehrlich, allgemein menschlich,
universell. — Wir Deutschen, die wir stolz auf Guizot
sein würden, wenn er wirklich unser Landsmann wäre,
wir sollten ihm als französischem Minister wenigstens
Gerechtigkeit widerfahren lassen, wo seine persönliche
Würde in Frage steht. In dieser Beziehung kann ich
mich nicht genug wundern, wie ehrenhafte Leute in
Deutschland auf den Gedanken gerieten, als habe die
deutsche Presse von der Intervention eines solchen
Mannes etwas zu befürchten. Ich weiß nicht, welche
Bewandtnis es hat mit den Beklagnissen der »Oberdeut-
schen Zeitung«; aber ich weiß, daß nur Irrtum oder
böswillige Auslegung im Spiele sein kann, wenn man
einen Guizot für den Instigator von Beschränkungen
hält, womit ein deutsches Blatt von seiner örtlichen
Zensurbehörde bedroht worden sei. Einen solchen
Vorwurf las ich in der gestern hier angekommenen
i«3ten Nummer der »Allg. Zeitung«. Ich habe nicht die
Ehre dem Hrn. Guizot persönlich nahe zu stehen, sonst
würde ich gewiß jenem unwürdigen Vorwurf mit be-
stimmteren Angaben widersprechen können. So viel
kann ich jedoch behaupten: mehr als irgend jemand in
Frankreich, hegt Hr. Guizot die größten Sympathien
für die Unabhängigkeit des deutschen Schrifttums und
die freie Entwicklung des deutschen Geistes, und in
diesem Bewußtsein glaubt er sich unserer intelligenten
Anerkennung so sicher, daß er jüngst einem meiner
Landsleute das naive Kompliment machte: »Ein Deut-
scher wird mich nimmermehr für reaktionär halten.«
Seite 1895 Wer dieses längst begriffen hat, ist Lud-
wig Philipp, und deshalb begründete er seine Macht
nicht auf die idealen Gefühle der Ehrfurcht, sondern
auf reelle Bedürfnisse und nackte Notwendigkeit. Die
Franzosen können ihn nicht entbehren und an seine
Anmerkungen 507
Erhaltung ist die ihrige geknüpft. Derselbe Spießbürger,
der es nicht der Mühe wert hält, die Ehre des Königs
gegen Verleumdungen zu verteidigen, ja, der selber bei
Braten und Wein auf den König losschmäht, er würde
dennoch, beim ersten Trommelruf, mit Säbel und Flinte
herbeieilen, um Ludwig Philipp zu schützen, ihn den
Bürgen seiner eigenen politischen Wohlfahrt und seiner
gefährdeten Eigentumsinteressen. Wir können nicht
umhin bei dieser Gelegenheit zu erwähnen, daß ein legi»
timistisches Journal, »La France«, uns sehr bitterblütig
angegriffen, weil wir uns in der »Allgem. Zeitung« eine
Verteidigung des Königs zuschulden kommen ließen.
Auf jenen Angriff wollen wir nur flüchtig entgegnen,
daß wir von aller Teilnahme an den innern Partei-
kämpfen Frankreichs sehr entfernt sind. Bei unseren
Mitteilungen in diesen Blättern bezwecken wir zunächst
das eigentliche Verständnis der Dinge und Menschen,
der Begebenheiten und Verhältnisse, und wir dürfen uns
dabei der größten Unparteilichkeit rühmen — solange
keine vaterländischen Interessen ins Spiel kommen und
auf unsere Stimmung ihren Einfluß üben. Wer könnte
sich von Einwirkungen solcher Art ganz frei halten?
So mag freilich unsere Sympathie für französische Staats-
männer, und auch für Ludwig Philipp, manchmal da-
durch gesteigert werden, daß wir ihnen heilsame Ge-
sinnungen für Frankreich zutrauen. Ich fürchte, ich
werde noch oft verleitet werden, günstig von einem
lürsten zu sprechen, der uns vor den Schrecknissen
des Kriegs bewahrt hat, und dem wir es verdanken,
in friedlicher Muße das Bündnis zwischen Frankreich
und Deutschland begründen zu können. Diese Allianz
ist jedenfalls natürlicher als die englische oder gar die
russische, von welchen beiden Extremen man hier all-
mählich zurücklenkt. Ein geheimes Grauen hat doch
die Franzosen jedesmal angewandelt, wenn es galt sich
Rußland zu nähern; sie hegen eine gewaltige Scheu vor
den Umarmungen jener Bären des Nordens, die sie
*C»8 Anmerkungen
auf den moskowitischen Eisfeldern in Person kennen
gelernt. Mit England wollen sie sich jetzt ebensowenig
einlassen, nachdem sie jüngst wieder ein Pröbchen al-
bionischer Perfidie genossen. Und dann mißtrauen sie
der Dauer des dortigen Regiments und sie glauben das-
selbe seinem Untergang viel näher als wirklich der Fall.
Die sinkende Richtung des britischen Staates täuscht
sie. Aber fallen wird er dennoch, dieser schiefe Turm!
Die einheimischen Maulwürfe lockern unablässig sein
Fundament und am Ende kommen die Bären des Nor-
dens und schütteln daran mit ungestümen Tatzen. Ein
Franzose könnte im stillen wünschen: möge der schiefe
Turm endlich niederstürzen und die siegenden Bären
unter seinen Trümmern begraben!
Seite zoik» Dieses Werk, wie mir sein Buchhändler
versichert, der den größten Teil davon in Händen hatte,
ist in der jüngsten Zeit sehr fortgeschritten. Sein Buch-
händler ist Hr. Dubochet, einer der edelsten und wahr-
haftigsten Männer die ich kenne: die Böswilligkeit wird
mir daher einräumen müssen, daß ich nicht aus un-
lauterer Quelle berichte. Andere glaubwürdige Per-
sonen, die in Thiers' Nähe leben, haben mir versichert,
daß er Tag und Nacht mit seinem Buche beschäftigt
sei. Ihn selbst habe ich seit seiner Rückkehr aus Deutsch-
land nicht gesehen, aber ich höre ebenfalls mit Freude,
daß er durch seinen dortigen Aufenthalt nicht bloß
seine historiographischen Zwecke erreicht, sondern auch
eine bessere Einsicht in die deutschen Zustände ge-
wonnen habe, als er während seines Ministeriums be-
urkundete. Mit großer Vorliebe und entschiedenem
Respekt spricht er vom deutschen Volke, und die An-
sicht, die er von unserem Vaterlande mitgebracht, wird
gewiß gedeihlich wirken, gleichviel ob er wieder ans
Staatsruder gelangt oder nur den Griffel der Geschichte
in der Hand behält.
Anmerkungen 509
Seite 2o634 Von Seite der Plebejer, die neben den
altbackenen Patriziern in der Pairskammer sitzen, ist
ebensowenig Milde zu erwarten; mit wenigen Ausnahmen
suchen sie beständig ihren revolutionären Ursprung zu
verleugnen, und mit Entschiedenheit verdammen sie ihr
eigenes Blut. Oder offenbart sich eine gewisse ange-
borne Dienstbarkeit bei diesen neuen Leuten, sobald
sie ihr großes Tribunatziel erreicht, nämlich sich als
Pairs neben ihren ehemaligen Herren niedergesetzt haben ?
Die alte Unterwürfigkeit ergreift wieder ihre Seelen,
unter dem Hermelin kommt ein Stück Livree zum
Vorschein, und bei jeder Frage gehorchen sie unwill-
kürlich den gnädigen Herrschaftsinteressen des Hauses.
— Die Verurteilung des Dupoty wird der Pairie-In-
stitution unsäglichen Schaden zufügen. -• Die Pairie
ist jetzt bei dem Volk ebenso verhaßt wie diskreditiert.
Die letzte Fournee enthält zwar Namen, wogegen sich
wenig einwenden ließe; aber die Suppe wird dadurch
weder fetter noch schmackhafter. Die Liste ist bereits
in allen Zeitungen durchgeträtscht worden, und ich
enthalte mich der besondern Besprechung. Nur in Be-
ziehung auf Hrn. Beugnot will ich hier beiläufig be-
merken, daß dieser neue Pair unsre deutsche Sprache und
überhaupt deutsche Weise sehr gut kennen muß, denn
er ist bis zum Jünglingsalter in Deutschland erzogen
worden, nämlich zu Düsseldorf, wo er den öffentlichen
Unterricht des Gymnasiums genoß und sich bereits
durch Fleiß und wackere Gesinnung auszeichnete. Es
hat für mich immer etwas Tröstliches und Beruhigendes,
wenn ich unter den Mitgliedern der französischen
Staatsgewalt etwelche Personen sehe, von denen ich
überzeugt bin, daß sie der deutschen Sprache kundig
sind und Deutschland nicht nur von Hörensagen ken-
nen. — Vielen Unmut erregt die Promotion des Hrn.
de Murat und des Hrn. de Chavigny, ralliierter Legi-
timisten; letzterer war Sekretär des Hrn. v. Polignac.
— Es heißt allgemein, auch Hr. Benoit Fould werde
cio Anmerkungen
zum Pair de France erhoben, und es ist mehr als
wahrscheinlich, daß wir dieses ergötzlich betrübsame
Schauspiel in kurzem erleben. Das fehlt noch jener
armen Pairie, um zum Gespötte der Welt zu werden.
Es fehlt überhaupt noch dieser eklatante Sieg des nüch»
fernsten und härtesten Geldmaterialismus! Hebt James
Rothschild so hoch ihr wollt — er ist ein Mensch
und hat ein menschliches Herz. Aber dieser Hr. Benoit
Fould! Der »National« sagt heute: der Bankier Fould
sei der einzige gewesen, der in der Eröffnungssitzung
dem Generalprokurator Hebert die Hand gedrückt;
Mr. Fould <fügt er bei) ressemble beaucoup ä un
discours d'accusateur public.
Seite Z33,, Deshalb ist es so weltwichtig, daß sich
uns der Charakter der neuen Kammer sobald als mög»
lieh offenbare und daß wir erfahren, ob sich Guizot
am Steuer des Staatsschiffes erhalten wird. Ist es
nämlich nicht der Fall und gewinnt die Opposition die
Oberhand, so werden die Agitatoren ganz gemächlich
eine günstige Konjunktur abwarten, die im Laufe der
Session notwendig eintreten muß, und wir haben für
einige Zeit Ruhe. Das wird freilich eine sehr beäng-
stigend schwüle widerwärtige Ruhe sein, unerträglicher
als die Unruhe. Hält sich aber Guizot und können
sich die Männer der Bewegung nicht länger mit der
Hoffnung schmeicheln diesen Granitblock, womit sich
die Ordnung barrikadiert hat, endlich hinweggeräumt zu
sehen, so dürfte wohl die grimmige Ungeduld sie zu
den verzweiflungsvollsten Versuchen anhetzen. Die
Tage des Julius sind heiß und gefährlich; aber jedes
Schilderheben in der gewaltsamen Weise dürfte jetzt
kläglicher als je verunglücken. Denn Guizot, im eisernen
Selbstbewußtsein seines Wollens, wird unerschütterlich
seinem System treu bleiben bis zu dessen letzten Kon-
sequenzen. Ja er ist der Mann eines Systems, welches
das Resultat seiner politischen Forschungen ist, und
Anmerkungen z\\
seine Kraft und Größe besteht eben darin, daß er
keinen Finger breit davon abweicht. Unerschrocken
und uneigennützig wie der Gedanke, wird er die Tu-
multuanten besiegen, die nicht wissen was sie wollen,
die sich selbst nicht klar sind oder gar im Trüben zu
fischen gedenken. — Nur Einen Gegner hat Guizot
am ernsthaftesten zu fürchten: dieser Gegner ist nämlich
jener spätere Guizot, jener Guizot des Kommunismus,
der noch nicht hervorgetreten ist, aber gewiß einst gewaltig
hervortritt und ebenfalls unerschrocken und uneigennützig
sein wird wie der Gedanke; denn wie jener sich mit dem
System des Bourgeoisieregiments, so wird dieser sich mit
dem System der Proletarierherrschaft identifiziert haben
und der Konsequenz die Konsequenz entgegensetzen.
Seite 2367 Heute ist man schon etwas ruhiger ge-
stimmt als gestern. Die Konservativen haben sich vom
ersten Schreck erholt und die Opposition sieht ein,
daß sie nur an Hoffnungen gewonnen, der Sieg aber
noch im weiten Felde steht. Das Ministerium kann
sich noch immer halten, obgleich mit einer sehr ge-
ringen, beängstigend notdürftigen Majorität. Anfangs
des nächsten Monats, bei der Präsidentenwahl, wird
sich hierüber das Bestimmte ausweisen. Daß diesmal
so viele entschiedene Legitimisten zu Deputierten ge-
wählt worden, ist vielleicht ein Vorteil der Regierung.
Die Radikalen werden durch diese neuen Verbündeten
moralisch gelähmt, und das Ministerium erstarkt in der
öffentlichen Meinung, wenn es, um jene legitimistische
Opposition zu bekämpfen, notwendigerweise aus dem
alten Arsenal der Revolution seine Waffen nehmen
muß. Aber die Flamme ist wieder angefacht, angefacht
in Paris, dem Mittelpunkt der Zivilisation, dem Feuerherd
der die Funken über die Welt verbreitet. Heute noch
freuen sich die Pariser ihrer Tat, vielleicht aber morgen
erschrecken sie darüber und dem Übermut folgt das
Verzagen auf dem Fuße.
ci2 Anmerkungen
Seite 240,9 Ja, das Königtum feierte einen großen
Triumph und zwar auf derselben Place de la Concorde,
wo es einst seine schmählichste Niederlage erlitten.
Seite 242,« Aber die gütigen Götter haben anders
beschlossen. Sie wollten daß der künftige König von
Frankreich mit reiner Liebe an seinem Volke hängen
könne und auch nicht die Landsleute seiner Mutter zu
hassen brauche: es war weder die Hand eines Fran-
zosen noch eines Deutschen, die das Blut seines Vaters
vergossen. Ein milder Trost liegt in diesem Gedanken.
Seite 247,2 Vor einigen Wochen sah ich einen alten
Mann über die Boulevards gehen, dessen sorglose Phy-
siognomie mir auffiel. »Wissen Sie wer das ist?« —
sprach zu mir mein Begleiter — »das ist Monsieur de
Polignac <?>, derselbe, der am Tode so vieler Tausende
von Parisern Schuld ist und auch mir einen Vater und
einen Bruder gekostet! Vor zwölf Jahren hätte ihn das
Volk in der ersten Wut gern zerrissen, aber jetzt kann
er hier ruhig auf dem Boulevard herumgehen.«
Seite 252,, Dies aber ist keine Kleinigkeit, und es
gehört dazu eine Anschauung, die man nur jenseits des
Kanals, auf dem Schauplatz selbst, gewinnen kann.
Was ich heute beiläufig mitteile, ist nichts als flüchtige
Andeutung, notdürftiges Auffassen von Tischreden und
Teegesprächen, die ich zu Boulogne unwillkürlich an-
hören mußte, die aber vielleicht nicht gänzlich ohne
Wert waren, da jeder Engländer mit der Politik seines
Landes vertraut ist und in einem Wust von langweiligen
Details immer einige mehr oder minder bedeutsame
Dinge zu Markt bringt. Ich bediente mich eben des
Ausdrucks »die Politik seines Landes«; diese ist bei
Engländern nichts anderes als eine Masse von Ansichten
über die materiellen Interessen Englands und ein rich-
tiges Abwägen der ausländischen Zustände in wieweit
Anmerkungen 513
sie für Englands Wohl und Handel schädlich oder
heilsam sein können. Es ist merkwürdig wie sie alle,
vom Premierminister bis zum geringsten Flickschneider,
hierüber die genauesten Notizen im Kopf tragen und
bei jedem Tagesereignis gleich herausfinden was England
dabei zu gewinnen oder zu verlieren hat, welcher
Nutzen oder welcher Schaden für das liebe England
daraus entstehen kann. Hier ist der Instinkt ihres
Egoismus wahrhaft bewunderungswürdig. Sie unterscheid
den sich hierdurch sehr auffallend von den Franzosen,
die selten übereinstimmen in ihren Ansichten über die
materiellen Interessen ihres Landes, im Reiche der Tat-
sachen eine brillante Unwissenheit verraten und immer
nur mit Ideen beschäftigt sind und nur über Ideen dis-
kutieren. Französische Politiker, die eine englische
Positivität mit französischem Idealismus vereinigen, sind
sehr selten. Guizot ragt in dieser Beziehung am glor*
reichsten hervor. Die Engländer, die ich über Guizot
reden hörte, verrieten keineswegs eine so große Sym-
pathie für ihn, wie man gewöhnlich glaubt, im Gegenteil
sie waren sehr unmutig gestimmt, sie führten bittere
Klagen; sie behaupteten jeder andere Minister würde
ihnen weniger Respekt, aber weit mehr materielle Vor*
teile angedeihen lassen, und nur über seine Größe als
Staatsmann sprachen sie mit unparteiischer Verehrung.
Sie rühmten seine consistency und verglichen ihn ge*
wohnlich mit Sir Robert Peel, den aber Guizot nach
meiner Ansicht himmelhoch überflügelt, eben weil ihm
nicht bloß alles tatsächliche Wissen zu Gebot steht,
sondern weil er auch Ideen im Haupt trägt — Ideen,
wovon der Engländer keine Ahnung hat. Ja, er hat
von dergleichen keine Ahnung, und das ist das Un-
glück Englands; denn nur Ideen können hier retten,
wie in allen verzweiflungsschweren Fällen. Wie jäm-
merlich mußte Peel in einer merkwürdigen Rede
beim Schluß des Parlaments seine Unmacht einge-
stehen !
ix, n
c\a Anmerkungen
Seite 2Ö26 ist Deutschland trotz seiner Zerstücke-
lung die gewaltigste Macht der Welt, und diese Macht
ist im wunderbarsten Wachstum. Ja Deutschland wird
täglich stärker, der Nationalsinn verleiht ihm eine innere
Einheit die unverwüstlich, und es ist gewiß ein Sym-
ptom unserer steigenden Volksbedeutung, daß die Eng-
länder, die einst nur den Fürsten Subsidien gezahlt,
jetzt auch den deutschen Tribunen, die mit der Feder
den Rhein verteidigen, ihre Druckkosten ersetzen.
Seite 264,, Ia' nur der Himmel weiß es, nicht wir,
die wir, in der Ungeduld des langweiligsten Schmerzes,
die Urheber desselben vergebens erraten wollen und
blind umhertappend nicht selten die unschuldigsten Lei-
densgenossen verletzen. Wir haben immer Recht in
Betreff der Tatsache, nämlich daß Giftmischerei statt-
gefunden und daß wir daran erkrankten; aber was die
Personen betrifft auf die unser Verdacht fällt, so ist
Irrtum an allen Ecken, und es ist manchmal heilsam
sich darüber auszusprechen. Es ist manchmal sogar
Pflicht, und in dieser Beziehung habe ich über den
Schluß meines letzten Briefes eine erläuternde Bemer-
kung nachzuschicken. Ich habe nämlich in jenen Schluß-
worten keineswegs die Ehrlichkeit der Gesinnung, die
Wahrhaftigkeit und Ehrenfestigkeit irgend eines deut-
schen Tribunen, der unsern Rhein verteidigt, zu ver-
unglimpfen gesucht : sondern ich habe nur auf die Aus-
bildung eines Systems hindeuten wollen, das jenseits
des Kanals seit dem Beginn der französischen Revolu-
tion gegen Frankreich angewendet worden; jenes System
ist eine Tatsache die historisch bewiesen ist. Ich hatte
nur jene britische Bereitwilligkeit im Auge, die, wenn
sie auch nicht selbst schießt, doch wenigstens die
Bomben liefert wie zu Barcelona. Ich glaube mich
zu dieser Bemerkung verpflichtet; der Zwiespalt zwi-
schen den sogenannten Nationalen und den Rationalen
wird täglich klaffender, und letztere müssen eben ihre
Anmerkungen 515
Vernünftigkeit dadurch beurkunden, daß sie den Groll
gegen die Idee nicht die Diener derselben entgelten
lassen. Wie die Römer, wenn sie eine Stadt mit Sturm
einnehmen wollten, vorher die Götter aufforderten das
Weichbild der bedrohten Stadt zu verlassen, aus Furcht
daß sie im Tumult irgend eine Gottheit beschädigen
möchten, so wollen wir, die wir Krieg führen mit Gott-
heiten, mit Ideen, uns im Gegenteil dafür hüten daß
wir nicht die Diener derselben, die Menschen, im Kampf-
gewühl verletzen!
Seite z84,6 Der »Prophet« von Meyerbeer wird noch
immer erwartet, und zwar mit einer Ungeduld die,
aufs unleidlichste gesteigert, am Ende in einen fatalen
Unmut überschlagen dürfte. Es bildet sich hier schon
ohnehin eine sonderbare Reaktion gegen Meyerbeer,
dem man in Paris die Huld nicht verzeiht die ihm zu
Berlin gnädigst zuteil wird. Man ist ungerecht genug
ihm manche politische Grämlichkeiten entgelten zu lassen.
Bedürftigen Talenten, die zu ihrem Lebensunterhalt auf
die allerhöchste Gunst angewiesen, verzeiht man weit
eher ihre Dienstbarkeit als dem großen Maestro der
unabhängig mit einem grandiosen, fast genialen Ver-
mögen zur Welt gekommen. In der Tat er hat sich
sehr bedenklichen Mißverständnissen bloßgestellt; wir
werden vielleicht nächstens darauf zurückkommen. Wir
dürfen die Anwesenheit Konradin Kreuzers, des vor-
trefflichen deutschen Meisters, nicht unerwähnt lassen.
Er komponiert eine Oper für die Opera-comique, wozu
Scribe den Text liefert; wir prophezeien ihm das beste
Gelingen. Die Abwesenheit von Berlioz ist fühlbar.
Er wird uns hoffentlich bei seiner Rückkehr viel Schönes
mitbringen; Deutschland wird ihn gewiß inspirieren, wie
auch er jenseits des Rheins die Gemüter begeistert haben
muß. Er ist unstreitig der größte und originellste Musiker
den Frankreich in der letzten Zeit hervorgebracht hat;
er überragt alle seine Kollegen französischer Zunge.
cj6 Anmerkungen
Seite 2938 Wenn nur Rothschild und die Kammer
sich verständigen in Bezug auf die Nordeisenbahn. Der
kleinlichste Parteigeist ist hier sehr tätig Schwierig»
keiten zu säen und den notwendigen Unternehmungs«
eifer zu lähmen. Die Kammer, aufgereizt durch Privat»
chikane jeder Sorte, wird an den vorgeschlagenen
Bedingungen der Rothschildschen Sozietät mäkeln, und
es entstehen alsdann die unleidlichsten Zögerungen und
Zagnisse. Aller Augen sind bei dieser Gelegenheit auf
das Haus Rothschild gerichtet, das die Sozietät, die
sich zur Ausführung jener Eisenbahn gebildet hat,
ebenso solid wie rühmlich repräsentiert. Es ist eine
beachtenswerte Erscheinung daß das Haus Rothschild,
welches früher nur den gouvernementalen Bedürfnissen
seine Tätigkeit und Hülfsquellen zuwandte, sich jetzt
vielmehr an die Spitze großer Nationalunternehmungen
stellt, Industrie und Volkswohlfahrt befördernd durch
seine enormen Kapitalien und seinen unermeßlichen
Kredit. Der größte Teil der Mitglieder dieses Hauses
oder vielmehr dieser Familie ist gegenwärtig in Paris
versammelt; doch die Geheimnisse eines solchen Kon*
gresses sind zu gut bewahrt, als daß wir darüber etwas
berichten könnten. Unter diesen Rothschilden herrscht
eine große Eintracht. Sonderbar, sie heiraten immer
untereinander, und die Verwandtschaftsgrade kreuzen
sich dergestalt, daß der Historiograph einst seine liebe
Not haben wird mit der Entwirrung dieses Knäuels.
Das Haupt oder vielmehr der Kopf der Familie ist
der Baron James, ein merkwürdiger Mann dessen eigen-
tümliche Kapazität sich freilich nur in Finanzverhält-
nissen offenbart, der aber zugleich durch Beobachtungs-
gabe oder Instinkt die Kapazitäten in jeder andern
Sphäre wo nicht zu beurteilen, doch herauszufinden
versteht.
Seite 29629 Apropos Dichtkunst: ich kann nicht
umhin hier flüchtig zu erwähnen daß Monsieur Pon-
Anmerkungen e\j
sard nichts weniger als ein großer Dichter ist. Unver-
stand und Parteigeist haben ihn aufs Schild gehoben
und werden ihn ebenso schnell wieder fallen lassen.
Ich kenne seine vielbesprochene Lucretia nur nach
Auszügen, aber soviel habe ich gleich gemerkt daß
die Franzosen von der Poesie, die in diesem Stücke
enthalten, keine Indigestion bekommen werden. Unter-
dessen bringt jene Tragödie die alten bestäubten Streit-
fragen über das Klassische und Romantische wieder aufs
Tapet, ein Zwist der für den deutschen Zuschauer
nachgerade langweilig wird.
Seite 353 7 In der erwähnten Akademie, jener Sektion
des Institut de France, die am meisten Lebenskraft
äußert und die verjährten Spötteleien gegen Akademiker
ganz zu Schanden macht, wurden jüngst auch neue
Arbeiten über deutsche Philosophie angekündigt, und
hier wird auch nächstens die Preisschrift über Kant
gekrönt werden. Die diesjährige öffentliche Sitzung,
welche vorigen Sonnabend stattfand, war eine jener
schönen Feierlichkeiten die ich nie versäume. Ich traf
es diesmal besonders gut, indem Mignet, der Secr^tairc
perpetuel, über einen verstorbenen Akademiker zu spre-
chen hatte, welcher an der politischen und sozialen
Bewegung Frankreichs großen Anteil genommen, so
daß sich der Geschichtschreiber der Revolution hier
auf seinem eigentümlichen Felde befand und gleichsam
die großen Springbrunnen seines Geistes spielen lassen
konnte.
Seite 354 9 Daß Mignet in seiner Notice historique
für den Lebenslauf dieses scheinlosen Mannes soviel
Interesse zu erregen wußte, zeugt von seiner unüber-
trefflichen Kunst der Darstellung. Ich möchte sagen,
die Sauce war diesmal besser als der Fisch. Keiner
versteht wie Mignet in klaren Übersichten die ver-
wickeltsten Zustände zur Anschauung zu bringen, in
*l8 Anmerkungen
wenigen Grundzügen eine ganze Zeit zu resümieren,
und das charakteristische Wort zu finden für Personen
und Verhältnisse. Die Resultate der mühsamsten For-
schungen und des Nachsinnens werden hier wie gele-
gentliches Füllwerk in kurze Zwischensätze gedrängt;
viel Dialektik, viel Geist, viel Glanz, aber alles echt,
nirgends eitel Schein. Bewunderungswürdige Harmonie
zwischen Inhalt und Form, und man weiß nicht was
man hier von beiden am meisten bewundern soll, die
Gedanken oder den Stil, die Edelsteine oder ihre kost-
bare Fassung. Ja, während alle Arbeiten Mignets
einen Gelehrtenfleiß und Tiefsinn bekunden, die an
Deutschland erinnern, ist dennoch die Darstellung ganz
so nett, so durchsichtig, gedrungen, wohlgeordnet, logisch,
wie man sie nur bei Franzosen finden kann. Im Geiste
Mignets gewahren wir die Eigenschaften beider Nationen.
In seiner persönlichen Erscheinung bemerken wir ein
ähnliches Phänomen. Er ist blond und blauäugig wie
ein Sohn des Nordens, und doch verläugnet er nicht
den südlichen Ursprung in der Grazie und Sicherheit
seiner Bewegung. Er ist einer der schönsten Männer,
und unter uns gesagt, das Publikum, welches jedesmal
im Palais Mazarin die große Aula füllt, wenn ein Vor-
trag von Mignet angekündigt worden, besteht größten-
teils aus mehr oder minder jungen Damen, die sich oft
stundenlang vorher dorthin begeben, um die besten
Plätze zu bekommen, wo man den Secr^taire perpetuel
ebenso gut sehen, wie hören kann. Die Mehrzahl
seiner Kollegen sind Männer, deren Äußeres minder
begünstigt, wo nicht gar sehr unangenehm vernachlässigt
von der Mutter Natur. Ich kann nicht ohne Lachen
an die Äußerung denken, womit eine junge Person, die
letzthin in der Akademie neben mir saß, auf einige
Mitglieder der ehrwürdigen Körperschaft hinwies. Sie
sagte: »Diese Herren müssen sehr gelehrt sein, denn sie
sind sehr häßlich.« Eine solche Schlußfolge mag im
Publikum nicht selten vorkommen und sie ist vielleicht der
Anmerkungen jig
Schlüssel mancher gelehrten Reputation. In derselben
Sitzung, wo Mignet über Daunou sprach, hielt auch
Herr Portalis eine große Rede. Himmel, welcher Red-
ner! Er mahnte mich an Demosthenes. Ich erinnerte
mich nämlich, daß Demosthenes in seiner Jugend, um
seine spröden Sprachwerkzeuge zu überwinden, sich im
Sprechen übte, während er mehrere Kieselsteine im
Munde hielt. Herr Portalis sprach/ als hätte er das
ganze Maul voll Kieselsteine, und weder ich, noch
irgend jemand des Auditoriums konnte von seiner Rede
das Mindeste verstehen.
Seite 395 5 Da diesem designierten Regenten eine
so große Zukunft bevorsteht, und seine Persönlichkeit
auf das Schicksal von ganz Europa Einfluß haben kann,
betrachtete ich ihn mit etwas geschärfter Aufmerksam-
keit, und ich suchte in seiner äußern Erscheinung die
Signatur der innern Gemütsart zu erspähen. Bei diesem
etwas mißtrauischen Geschäfte entwaffnete mich zu-
nächst die stille Grazie welche jene schlankzierliche
Jünglingsgestalt gleichsam umfloß, und dann der schöne
mitleidige Blick, womit das Auge auf den Leidens-
gestalten ruhte, die hier in betrübsamer Menge ver-
sammelt waren. Dieser Blick hatte durchaus nichts
Offizielles, nichts Einstudiertes, es war ein reiner, wahr-
hafter Strahl aus einer edlen, menschenfreundlichen
Seele. Das Mitleid das sich hier Im Auge des Ne-
mours verriet, hatte dabei etwas rührend Bescheidenes,
wie denn überhaupt die Bescheidenheit der auffallend
schönste Zug in seinem Charakter sein soll. Diese
Bescheidenheit fanden wir auch bei seinem Bruder, dem
Herzog von Orleans, der auf dem Schlachtfelde de«
Lebens so bedauerlich früh gefallen.
Seite 39521 Der Nemours sieht vielmehr aus wie
ein Staatsmann, aber wie einer der ein Gewissen hat
und mit der Besonnenheit auch den edelsten Willen
c2o Anmerkungen
verbindet. Soll ich mich durch Beispiele verständlichen,
so wähle ich dieselben am liebsten im Gebiete der
Dichtung, und es will mich bedanken, als habe Goethe
die beiden Fürsten schon so halbwegs geschildert unter
dem Namen Egmont und Oranien, Personen die ihm
nahe stehen, sagen mir, der Prinz von Nemours besitze
sehr viele Kenntnisse und eine klare Übersicht aller
heimischen und ausländischen Zustände; eifrig sei er
bemüht sich bei jedem Sachverständigen zu unterrichten,
er selbst aber zeige sich wenig mitteilend, und man
wisse nicht ob aus Schüchternheit oder Verschlossen-
heit. Als hervorstechende Eigenschaft loben sie an
ihm seine hohe Zuverlässigkeit; er verspreche selten,
mit der größten Zurückhaltung, aber man könne sich
auf sein Wort verlassen wie auf einen Felsen. Er sei
ein guter Soldat, von dem kaltblütigsten Mute, aber
nicht sehr kriegslustig. Er liebe seine Familie leiden-
schaftlich, und der kluge Vater habe wohl gewußt in
wessen Hände er das Heil des Hauses Orleans gelegt.
Welche Bürgschaft aber bietet der Mann für die Inter-
essen Frankreichs und der Menschheit überhaupt? Ich
glaube die beste; jedenfalls, wir wollen es aussprechen,
eine weit bessere als sein seliger Bruder uns geboten
hätte. Er ist weniger populär als dieser es war, und
er darf also weniger wagen, wenn einmal die Errungen-
schaften der Revolution mit den Bedürfnissen der Re-
gierung in Konflikt gerieten. Geliebte Regenten, die
ein blindes Zutrauen genießen, sind der Freiheit mit-
unter sehr gefährlich. Der Nemours weiß daß man
ihn argwöhnisch beaufsichtigt, und er wird sich in acht
nehmen vor jedem verfänglichen Akt.
Seite 39623 Den Bergbewohnern imponiert er durch
die gelenkige Keckheit womit er die steilsten Höhen
erklimmt; bei der Rolandsbresche im Gavarnital zeigt
man die halsbrechenden Felswände wo der Prinz hin-
aufgeklettert. Er ist ein vorzüglicher Jäger, und soll
Anmerkungen 521
jüngst einen Bären in sehr große Gefahr gebracht
haben.
Seite 3978 und ich begreife sehr gut die Äußerung
einer kleinen Französin welche vorigen Winter so sehr
darüber empört war daß man Gendarmen sogar in
Kirchen erblicke, in frommen Gotteshäusern wo man
sich den Empfindungen der Andacht hingeben wolle;
»Dieser Anblick«, sagte sie, »zerstört mir alle Illu-
sion«.
Seite 397 12 Armer Prinz, dachte ich, du irrst dich
sehr, wenn du glaubst daß du jetzt noch einsam und
unbelauscht schwärmen kannst; du bist der Gendarmerie
verfallen, und du wirst einst selbst der Obergendarm
sein müssen, der für den Landfrieden zu sorgen hat.
Armer Prinz!
Seite 39828 Eine Diversion in der hiesigen Lange-
weile gewährten die Klatschgeschichten, die Chronika
der Wahlen, welche auch in unsern Bergen ihr skanda-
löses Echo gefunden. Die Opposition hat in dem De-
partement des Hautes Pyrenees wieder eine Niederlage
erlitten, und das war vorauszusehen bei der politischen
Indifferenz und der grenzenlosen Geldgier die hier herr-
schen. Der Kandidat der Bewegungspartei, der zu
Tarbes durchfiel, soll ein rechtschaffener braver Mann
sein, der wegen seiner Überzeugung und treuen Aus-
dauer gerühmt wird, obgleich auch bei ihm, wie bei so
vielen andern Gesinnungshelden die Oberzeugung eigent-
lich nur ein Stillstand im Denken ist, und die Aus-
dauer dabei nur eine psychische Schwäche. Diese
Leute beharren bei den Grundsätzen, denen sie bereits
so viele Opfer gebracht haben, aus demselben Grunde
warum manche Menschen sich nicht von einer Mai-
tresse losmachen können; sie behalten sie weil ihnen
die Person ja doch schon soviel gekostet hat.
«22 Anmerkungen
Daß Hr. Achilles Fould zu Tarbes gewählt worden
und in der nächsten Deputiertenkammer wieder die
hohen Pyreneen repräsentieren wird, haben die Zeitungen
zur Genüge berichtet. Der Himmel bewahre mich da-
vor daß ich Partikularitäten der Wahl oder der Person
hier mitteile. Der Mann ist nicht besser und nicht
schlechter als hundert andere, die mit ihm auf den grü-
nen Bänken des Palais -Bourbon übereinstimmend die
Majorität bilden werden. Der Auserwählte ist übrigens
konservativ, nicht ministeriell, und er hat von jeher
nicht Guizot, sondern Hrn. Mole* protegiert. Seine Er-
hebung zur Deputation macht mir ein wahrhaftes Ver-
gnügen, aus dem ganz einfachen Grunde weil dadurch
das Prinzip der bürgerlichen Gleichstellung der Israe-
liten in seiner letzten Konsequenz sanktioniert wird.
Es ist freilich, sowohl durch das Gesetz wie durch
die öffentliche Meinung, hier in Frankreich längst der
Grundsatz anerkannt worden daß den Juden, die sich
durch Talent oder Hochsinn auszeichnen, alle Staats-
ämter ohne Ausnahme zugänglich sein müssen. Wie
tolerant dieses auch klingt, so finde ich hier doch noch
den säuerlichen Beigeschmack des verjährten Vorurteils.
Ja, solange die Juden nicht auch ohne Talent und ohne
Hochsinn zu jenen Amtern zugelassen werden, so gut
wie Tausende von Christen die weder denken noch
fühlen sondern nur rechnen können, so lange ist noch
immer das Vorurteil nicht radikal entwurzelt, und es
herrscht noch immer der alte Druck! Die mittelalter-
liche Intoleranz schwindet aber bis auf die letzte Schatten-
spur, sobald die Juden auch ohne sonstiges Verdienst
bloß durch ihr Geld zur Deputation, dem höchsten
Ehrenamte Frankreichs, gelangen können ebenso gut
wie ihre christlichen Brüder, und in dieser Beziehung
ist die Ernennung des Hrn. Achilles Fould ein defi-
nitiver Sieg des Prinzips der bürgerlichen Gleichheit.
Noch zwei andere Bekenner des mosaischen Glau^
bens, deren Namen einen ebenso guten Geldklang hat,
Anmerkungen 523
sind diesen Sommer zu Deputierten gewählt worden.
Inwieweit fördern auch diese das demokratische Gleich-
heitsprinzip? Es sind ebenfalls zwei millionenbesitzende
Bankiers, und in meinen historischen Untersuchungen
über den Nationalreichtum der Juden von Abraham
bis auf heute werde ich auch Gelegenheit finden von
Hrn. BenoTt Fould und Hrn. v. Eichthal zu reden.
Honni soit qui mal y pense. Ich bemerke im voraus
um Mißdeutungen zu entgehen daß das Ergebnis mei-
ner Forschungen über den Nationalreichtum der Juden
für diese sehr rühmlich ist und ihnen zur größten Ehre
gereicht. Israel verdankt nämlich seinen Reichtum einzig
und allein jenem erhabenen Gottesglauben, dem es seit
Jahrtausenden ergeben blieb. Die Juden verehrten ein
höchstes Wesen das unsichtbar im Himmel waltet,
während die Heiden, unfähig einer Erhebung zum Rein-
geistigen, sich allerlei goldene und silberne Götter mach-
ten, die sie auf Erden anbeteten. Hätten diese blinden
Heiden all das Gold und Silber, das sie zu solchem
schnöden Götzendienst vergeudeten, in bares Geld um-
gewandelt und auf Interessen gelegt, so wären sie eben-
falls so reich geworden wie die Juden, die ihr Gold
und Silber vorteilhafter zu placieren wußten, vielleicht
in assyrisch-babylonischen Staatsanleihen, in Nebukad-
nezarschen Obligationen, in ägyptischen Kanalaktien, in
fünfprozentigen Sidoniern, und andern klassischen Pa-
pieren die der Herr gesegnet hat, wie er auch die mo-
dernen zu segnen pflegt.
Seite 401 11 Diese beiden, Mozart und Händel, haben
es endlich dahingebracht die Aufmerksamkeit der Fran-
zosen auf sich zu ziehen, wozu sie freilich viel Zeit
bedurften, da keine Propaganda von Diplomaten, Pie-
tisten und Bankiers für sie tätig war.
Seite 40814 Ein ganz vorzügliches Konzert gab
Hr. Antoine de Kontski, ein junger Pole von ehren-
C2«i Anmerkungen
wertem Talente, der auch schon seine Zelebrität er-
worben. Zu den merkwürdigen Erscheinungen der Saison
gehörten die Debüts des jungen Mathias; Talent hohen
Ranges. Die altern Pharaonen werden täglich mehr
überflügelt und versinken in mutloser Dunkelheit.
Als gewissenhafter Berichterstatter muß ich hier
die Konzerte erwähnen, womit die beiden musikali-
schen Zeitungen, die »Gazette Musicale« des Hr.
M. Schlesinger und die »France Musicale« der HH.
Bscudier ihre Abonnenten erfreuten. Wir hörten hier
besonders hübsche und doch gute Sängerinnen: Me.
Sabatier, Mlle. Lia Duport und Me. Castellan. Da
diese Konzerte gratis gegeben worden, so waren die
Anforderungen des Publikums desto strenger, sie wur-
den aber reichlich befriedigt. Mit Vergnügen melde
ich hier die wichtige Nachricht, daß der siebenjährige
Krieg zwischen den erwähnten zwei musikalischen Zeit-
schriften und ihren Redakteuren Gottlob zu Ende ist.
Die edlen Kämpfer haben sich zum Friedensbündnis
die Hände gereicht, und sind jetzt gute Freunde. Diese
Freundschaft wird dauernd sein, da sie auf wechsel-
seitige Achtung gegründet ist. Das Projekt einer Ver-
schwägerung zwischen beiden hohen Häusern war nur
die müßige Erfindung kleiner Journale. Die Ehe, und
zwar die lebenslängliche Ehe, ist jetzt in der Kunst-
welt das Tagesthema. Thalberg vermählte sich unlängst
mit der Tochter von Lablache, einer ausgezeichnet an-
mutigen und geistreichen Dame. Vor einigen Tagen
erfuhren wir daß auch unser vortrefflicher Eduard Wolf
sich verheirate, daß er sich hinauswage usw.
Seite 41325 Dieses Werk hat ein schreckliches Schick-
sal gehabt. Halevy hat hier sein Waterloo gefunden,
ohne je ein Napoleon gewesen zu sein. Das größere
Mißgeschick ist für ihn bei dieser Gelegenheit der Ab-
fall von Maurice Schlesinger. Letzterer war immer
sein Pylades, und wenn Orestes Halevy auch die ver-
Anmerkungen 525
fehlteste Oper schrieb, und sie noch so kläglich durch*
fiel, so ging doch der Freund immer ruhig für ihn in
den Tod und druckte das Opus. In einer Zeit der
Selbstsucht war ein solches Schauspiel freundschaft-
licher Selbstaufopferung immer sehr erfreulich, sehr er-
quickend. Jetzt aber behauptet Pylades, der Wahnsinn
seines Freundes sei so gestiegen daß er nichts mehr
von ihm verlegen könnte ohne selbst verrückt zu sein.
Seite 4172 Wie ich höre, wird nächsten Winter bei
den Italienern der »Crociato« gegeben, und die Umar-
beitung wozu sich Meyerbeer bereden ließ, dürfte wohl
etwelche neue Teufeleien für ihn hervorrufen. Jeden-
falls aber wird er sich nicht wie im Himmel fühlen,
wenn er jetzt die »Huguenotten« hier aufführen sieht, die
noch immer dazu dienen müssen die Kasse zu füllen,
nach jedem Unfall. Es sind in der Tat nur die »Hu-
guenotten« und »Robert le Diable« die wahrhaft fortleben
im Gemüt des Publikums, und diese Meisterwerke wer-
den noch lange herrschen.
Seite 4zz4 Was ist die Polka? Zur Beantwortung
dieser Zeitfrage hätte ich wenigstens sechs Spalten nötig.
Doch sobald wichtigere Themata mir Muße gönnen,
werde ich darauf zurückkommen.
Auch in der französischen Ausgabe von 1855 finden
sich eine ganze Reihe kleinerer und größerer Zusätze.
Von den dem Druck in der »Allgemeinen Zeitung« zu-
grunde liegenden Handschriften sind nur ein paar er-
halten geblieben, deren Text teilweise erheblich vom
ersten Druck abweicht.
Kleinere Schriften.
Von den »Vier Berichten für die Allgemeine Zeitung«
sind die beiden ersten von der Redaktion unterdrückt
C2Ö Anmerkungen
worden und erst neuerdings gedruckt (Vom Fels zum
Meer, Novemberheft 1884; Deutsche Dichtung, Juniheft
1887). Der Aufsatz über Reynolds findet sich in der
Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom z8. und 29. No-
vember 1841, der über Hamburg ebendort in der Bei-
lage vom 26. Mai 184z.
Der Aufsatz über Ludwig Marcus schließt den ersten
Band der 1854 erschienenen Vermischten Schriften und
war vorher in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom
2. und 3. Mai 1844 erschienen. An seinen Verleger
Campe schreibt Heine am 19. März 1854: »Wenn Sie
diese Denkrede lesen, so lassen Sie sich vorher von
Ihrer Frau ein Kissen geben und lesen Sie das Werk
knieend, denn Sie werden nicht alle Tage Gelegenheit
finden, einen so guten Stil anzubeten. Ich überzeugte
mich mit Freuden, daß fast der ganze zweite Teil an-
betungswürdig ist in stilistischer Beziehung.«
Die fragmentarischen »Briefe über Deutschland« er-
schienen nach dem Tode des Dichters in den Letzten
Gedichten und Gedanken von Heinrich Heine (Ham-
burg 1869).
Kommentar.
Seite 7,6 Das kriegslustige Ministerium Thiers und
das ihm am 29. Oktober 1840 folgende Ministerium
Soult, dessen Seele Guizot war.
Seite io9ff. Vgl. das 19. Kapitel der Urfassung des
Atta Troll.
Seite 10 n So hatte der Kaiser von China während
des Opiumkrieges die Engländer bezeichnet.
Seite ii6 Verhöhnende Nachahmung englischer Aus-
sprache.
Seite 11 «f. Metternich, der seit seinem Rücktritt 1848
auf seiner rheinischen Besitzung lebte.
Seite 1921 Cousin.
Anmerkungen 527
Seite 1928 In Paris wird zum Fasching ein Ochse
mit vergoldeten Hörnern, der mit bunten Bändern ge-
schmückt ist, durch die Straßen geführt.
Seite 21, Ludwigs XVIII. Staatsgrundgesetz vom
4. Juni 1814.
Seite 2130 Dotation: Für den Herzog von Nemours
bei Gelegenheit seiner Heirat.
Seite 2321fr. Nach einem Epigramm Bürgers »Cicero
und Demosthenes«.
Seite 2328 Für die geheimen Fonds der Regierung.
Seite 2Ö30 Zwei Personen in Aristophanes' Rittern.
Seite 30 2 Lamennais.
Seite 337 »Revue des deux mondes«.
Seite 33,9 Mit seinem Drama »Vautrin«, das sofort
verboten wurde.
Seite 3429 Vgl. 2 Könige 19, 28; Hiob 40, 26; Je«
saias 37, 29.
Seite 3522 f. Wo das Abgeordnetenhaus und das
Oberhaus tagten.
Seite 3812 Vgl. Esprit des lois 5, 13.
Seite 43,5 Alambik: Destillierkolben.
Seite 44n Dessauer; vgl. das Gedicht »Der Wan-
zerich« in den »Vermischten Gedichten«.
Seite 484fr. Der Mord eines Kapuzinerpaters in
Aleppo hatte dort eine Judenverfolgung hervorgerufen.
Seite fi4 Kechenäer: Maulaufsperrer.
Seite 51 30 Seide heißt der Sklave Mahomets in
Voltaires Tragödie.
Seite 57,7 Die Vertreter der strengeren und mil-
deren jüdischen Gesetzesauslegung.
Seite 6o4 Baron von Eckstein.
Seite 6ig Statt der beantragten zwei Millionen hatte
die Kammer nur eine Million für die Überführung von
Napoleons Leiche bewilligt.
Seite 62 n So ist Chateaubriand wegen seines »Iti*
nlraire de Paris ä Jerusalem« genannt.
Seite 69 4 In der Schrift De divinatione 2, 24, 51.
528 Anmerkungen
Seite 74?2 Der hier von Heine abgelehnte Artikel
ist tatsächlich von ihm; die Stelle findet sich oben
Seite 521 ff.
Seite 777 Kolb.
Seite 90,0 »Leonore ou les morts vont vite«, Me-
lodrama von den Brüdern Cogniard.
Seite 91 1 Nach dem Tode Ferdinands VII. prote-
stierte Don Carlos gegen die Thronbesteigung seiner
Tochter Isabella II., woraus sich ein langer Krieg
entspann.
Seite 94,6 Durch sie wurde Mehemet Ali erblicher
Herrscher über Ägypten und lebenslänglicher über
Syrien unter der Bedingung sofortiger Zustimmung.
Seite 97 5f. Die Ausdrücke entstammen den engli-
schen Unruhen unter Karl I.
Seite 104,0 Am 5. August landete Louis Napoleon
bei Boulogne, wurde aber bei dem Versuche Unruhen
zu erregen gefangen genommen, verurteilt und in Harn
interniert.
Seite iu,6 So nannte sich und hieß bei den fran-
zösischen Legitimisten der Graf von Chambord.
Seite 11417 Man hatte sie des Giftmordes an ihrem
Gatten beschuldigt.
Seite 1171, Am 20. September hatte die englisch-
österreichisch-türkische Flotte Beirut nach mehrtägigem
Bombardement genommen.
Seite 124,7 Am 15. Oktober hatte Darmes auf den
König geschossen.
Seite 132, Figur aus der Wiener Lokalposse.
Seite 135 j Macbeth 1, 7.
Seite 153,, Die Kammer beschloß Paris mit zwei
großen Linien von Forts zu umgeben.
Seite iöi„ Unruhen in Canada, das sich selbständig
machen wollte.
Seite 161 n Der eigenartige Stil in den Gedichten
König Ludwigs I.
Anmerkungen 520
Seite 165,6 Börsenspekulant: Stern aus Frankfurt,
der »Nasenstern«, der auch im »Rabbi von Bacherach«
und »Ludwig Börne« vorkommt. Vgl. Seite 3020.
Seite 16928 Schindler.
Seite 1854 Titel einer 1814 erschienenen Schrift von
Savigny.
Seite 187,7 Remusat hat Goethes »Clavigo«, »Eg-
mont«, »Jery und Bätely« und »Triumph der Empfind-
samkeit« ins Französische übersetzt.
Seite 187« Das Rheinlied »Sie sollen ihn nicht
haben«.
Seite 1 8 8 2i f. Schlußverse aus Goethes Gedicht
»Mut«, ungenau zitiert.
Seite 19526 Man nimmt auch heute an, daß eine
Leidenschaft für die Prinzessin Charlotte Bonaparte die
Veranlassung zu Roberts Tode gewesen ist.
Seite 206 9 Dupoty war der moralischen Mitschuld
an einem Attentate auf den Herzog von Aumale be-
schuldigt worden.
Seite 212 3 Dieser Autor ist Heine selbst: vgl. seine
»Elementargeister« im dritten Bande des Salons.
Seite 217,4 Bastringuen: gemeine Kneipen.
Seite 21728 Der leichtsinnige Titelheld einer damals
vielaufgeführten Komödie von Antier und LemaTtre.
Seite 22620 Der Tempelhofer Berg, jetzt Kreuzberg.
Seite 238,4 Ungenaues Zitat aus Wallensteins Tod
4, 12.
Seite 239,2 Der Tod des jungen Prinzen hatte merk-
würdige Ähnlichkeit mit dem des Hippolyte in Racines
Tragödie.
Seite 242, Bei Herodot 1, 32.
Seite 2592, Am 8. Mai 1842.
Seite 260 25 Vgl. seine Satiren 71; das Zitat ist
ungenau, der Name heißt Trimalchio.
Seite 263 + Packknechte und Ablader, die zu einer
Bruderschaft verbunden waren.
Seite 278 6ff. Diese Verse sind nicht von Goethe.
ix. M
«O Anmerkungen
Seite 286 y Meyerbeers Stiefmutter.
Seite 289,, Vgl. oben Seite löpjsff
Seite 3026 Ein Jude aus Frankfurt, der auch im
»Rabbi von Bacherach« vorkommt. Vgl. zu Seite 165,6.
Seite 30721 Nach den Schlußworten von Schillers
Gedicht »Shakespeares Schatten«.
Seite 310 28 f. Namen französischer Gefängnisse.
Seite 311 11 Ein von Lessing geprägter Ausdruck
<Emilia Galotti 2, 5; Nathan 2, 5).
Seite 311^ Vgl. im 10. Bande unserer Ausgabe.
Seite 3i826f. Godoy war vielmehr Günstling Könif
Karls IV. und seiner Gemahlin.
Seite 319,} Klindworth.
Seite 31925 Weil.
Seite 32850 Aus der 4. Strophe des Gedichts »Georg
Herwegh« in den Zeitgedichten.
Seite 331 1 Der Fürstin Belgiojoso. Im folgenden ist
Thiers gemeint.
Seite 33521 Oheim: Leo.
Seite 350,5 Qjiinets Aufsatz »Revue fiteraire de
l'Allemagne« steht in der Revue des deux mondes 1843
<«# 477>-
Seite 361 20 Nach Tartuffe 4, 5.
Seite 37121 Lukas «4, 23 in der Fassung der latei-
nischen Bibel.
Seite 37421 In seiner Antrittsrede vor der Pariser
Akademie.
Seite 379,4 Duchatel.
Seite 391,0fr. Vgl. die 5. Strophe im »Lied der Mar-
ketenderin«.
Seite 400,, Die schottische Symphonie <a«moll>.
Seite 40426 Aus einem Chorlied der Antigone des
Sophokles.
Seite 406,7 Kantharidcn: spanische Fliegen.
Seite 4094fr. Thalberg heiratete die Tochter Lablaches.
Im folgenden sind Wolff und Panofka gemeint.
Seite 409:7 Puff: schwindelhafte Reklame.
Anmerkungen «1
Seite 410, Ungenaues Zitat aus dem Kaufmann von
Venedig 1, 2.
Seite 4109 Gemeint ist Seligmann.
Seite 4205 Die Worte finden sich in Scribes und
Delavignes Text zu Meyerbeers Oper »Robert der
Teufel«.
Seite 423,6 Vgl. Hörn, Shakespeares Schauspiele 5,VI.
Seite 42429 Ungenaues Zitat nicht aus Schillers
Maria Stuart, sondern aus Lessings Nathan z, 5.
Seite 433,2 Sie erschien in vier Bänden Stuttgart
1840.
Seite 433,9 Geschichte der neueren Poesie und Be-
redsamkeit <Göttingen 1801 19).
Seite 4333; Geschichte der deutschen Poesie im
Mittelalter (Halle 1830).
Seite 433,4 Handbuch einer allgemeinen Geschichte
der Poesie (Halle 1832—33).
Seite 44330 Sie erschien London 1831.
Seite 456,7 Vgl. oben S. 25921fr.
Seite 466, Faust Vers 8754 (Worte der Phorkyas
im dritten Aufzug).
Seite 4776 Gemeint ist Daniel Stern, der in der
Revue des deux mondes 1844 <2, 265) einen Aufsatz
über Bettina veröffentlicht hatte.
Seite 4780 Tour de Nesle: Ort, wo man auf
einen Liebhaber oder eine Geliebte wartet.
Seite 478,, Seiden: vgl. oben zu Seite 5iJ0.
Inhalt des neunten Bandes
Lutezia. Berichte über Politik, Kunst
und Volksleben «-355
Erster Teil 1 — 218
Zweiter Teil 219 — 355
Anhang 356 — 426
Kommunismus, Philosophie und Klerisei . 356 — 379
Gefängnisreform und Strafgesetzgebung . 379—387
Aus den Pyrenäen 387—398
Musikalische Saison von 1844 . 399—426
Kleinere Schriften aus den Jahren 1840
bis 1844 427-486
Vier Berichte für die Allgemeine Zeitung . 429 — 457
Paris, 4. Februar (1840) 429 — 434
Paris, 20. November (1840) .... 434 — 439
Thomas Reynolds 439 ~ 455
Hamburg 455 ~ 457
Ludwig Marcus. Denkworte 458—476
Briefe über Deutschland 477 — 486
Anmerkungen 487-531
Lutezia 489 — 525
Kleinere Schriften 525—526
Kommentar 526 — 531
Die Herausgabe dieses Bandes besorgte
Albert Leitzmann. Der Druck erfolgte in
der Offizin Breitkopf 'S) Härtel, Leipzig.
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JAN 14 1959
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